{"id":754,"date":"2012-12-27T10:24:50","date_gmt":"2012-12-27T08:24:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=754"},"modified":"2012-12-27T10:24:50","modified_gmt":"2012-12-27T08:24:50","slug":"gestern-heute-morgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=754","title":{"rendered":"Gestern, heute, morgen &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Wenn diese Zeilen ihre Leserinnen und Leser erreichen, sind die Feiertage schon wieder vorbei &#8211; die \u201estillste Zeit im Jahr\u201c, in der die Kassen nie s\u00fc\u00dfer und lauter klingeln. Der Weihnachtsbraten und all die S\u00fc\u00dfigkeiten haben sich vielleicht schon in Bauchspeck verwandelt, und wir sinnieren, wie wir ihn wieder los werden k\u00f6nnen. Beim Schreiben dieser Zeilen bin ich aber noch in Adventsstimmung; in Erwartung, wenn man das Wort angemessen \u00fcbersetzt. St\u00f6rt da nicht die Nachricht, die ich gerade in einer Zeitung lese, dass \u201e\u00dcberern\u00e4hrung weltweit gef\u00e4hrlicher als Hunger\u201c ist (Krone, 16.12., S. 16)?Fettleibigkeit t\u00f6tet seit 2010 mehr Menschen auf der Welt als Nahrungsmangel. Das ist so, obwohl der Hunger und die Hungernden nicht weniger geworden sind. Immer noch verhungern j\u00e4hrlich tausende und abertausende Kinder in der Welt. Der \u00dcberfluss aber  hat den Hunger \u00fcberholt und wird zur Todesursache f\u00fcr jene, die ihn gedankenlos genie\u00dfen. Daran \u00e4ndert auch das Evangelium nichts, das sich katholische Christen just an jenem 3. Adventssonntag vorlesen, an dem ich diesen Text schreibe: Es fragten die Leute Johannes den T\u00e4ufer: \u201eWas sollen wir also tun? Er antwortete ihnen: Wer zwei Gew\u00e4nder hat, der gebe eines davon dem, der keines hat, und wer zu essen hat, der handle ebenso.\u201c (Lukas 3, 11) Was ficht es mich an, dachte wohl der christkatholische B\u00fcrgermeister eines kleinen Kurortes in Ober\u00f6sterreich und wandte sich gegen die Unterbringung von Asylbewerberinnen und -bewerbern in seinem St\u00e4dtchen. \u201eDiese Fl\u00fcchtlinge kommen zu unserem Wohlstand, den wir uns mit hartem Schwei\u00df \u00fcber Jahrzehnte erarbeitet haben\u201c (www.nachrichten.at), war seine Begr\u00fcndung. Da ist eben kein Platz in der Herberge.<br \/>\nMan verbietet eher das Betteln und setzt das durch, als dass man die Armut verbietet und wirkungsvoll etwas gegen sie macht. Nach der oben zitierten Meldung w\u00e4re Reichtum teilen sogar eine gesundheitspolitische Ma\u00dfnahme. Aber wer will die Reichen dazu bringen? Meine Stammleserinnen und -leser wissen um meine Begeisterung f\u00fcr die Weisheiten des Volkes, gesammelt in Sprichw\u00f6rtern, in Sagen und M\u00e4rchen. Im vergangenen Dezember war es gerade 200 Jahre her, dass die Gebr\u00fcder Grimm mit der Herausgabe ihrer Kinder- und Hausm\u00e4rchen begannen. Die hatten sie nicht erfunden. Sie lie\u00dfen sie sich vielmehr erz\u00e4hlen, von einfachen Menschen aus dem Volk, meist \u00e4lteren und weisen. Diese Menschen waren nicht zuletzt deshalb weise, weil sie die M\u00e4rchen verstanden hatten. Denn wenn es auch M\u00e4rchen sind, in denen die Tiere reden, Fr\u00f6sche zu Prinzen werden und die Aschenputtel zu K\u00f6niginnen, es steckt viel Erfahrung in den Geschichten. Sage niemand die Geschichte von H\u00e4nsel und Gretel sei nur erfunden. Es war im September, als eine Fl\u00fcchtlingsfamilie eines von vier Kindern auf einem Bahnhof zur\u00fccklie\u00df, weil sie nicht mehr wussten, wie sie es ern\u00e4hren sollten. Das Kind hatte Gl\u00fcck, weil es keiner Hexe in die H\u00e4nde fiel, sondern Menschen fand, die sich um es k\u00fcmmerten. Das Gl\u00fcck haben nicht alle. Eltern \u00fcberlassen auch heute, an ihrem Elend verzweifelnd, Kinder ihrem Schicksal, setzen sie einfach aus oder verkaufen sie an Verbrecher. Aber es sind nicht immer nur gute Feen oder manchmal auch der Teufel, die Rettung bringen. Man kann sich selber helfen. Das lehren uns die M\u00e4rchen. Es helfen eigene List und Courage, wie z.B. der Gretel und dem H\u00e4nsel. Ein Esel, ein Hund, eine Katze und ein Hahn, dem sicheren Tod geweiht, machen sich auf, um in Bremen Stadtmusikanten zu werden und dort doch etwas Besseres zu finden als den Tod. Sie machen uns aber auch vor, wie man mit R\u00e4ubern fertig wird und ein Haus gewinnt: \u00dcberm\u00e4chtig gro\u00df erscheinen, weil die Kleineren jeweils auf den Schultern der Gr\u00f6\u00dferen stehen. Schlie\u00dflich Erfolg haben, weil ein jedes das f\u00fcr alle einsetzt, was es am besten kann. Zusammenhalten, seine Kr\u00e4fte b\u00fcndeln &#8211; man k\u00f6nnte das auch Solidarit\u00e4t nennen. Grimms M\u00e4rchen sind kaum weniger wert, als alle unsere Theorien, als unsere Klassiker. Man muss sie nur lesen k\u00f6nnen. Sie sind keine Kunde aus einer vergangenen und erdachten Welt. Sie sind genau so Geschichten aus einer zuk\u00fcnftigen, m\u00f6glichen Welt.<\/p>\n<p>geschrieben f\u00fcr Links Januar\/Februar 2013 (16.12.2012)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn diese Zeilen ihre Leserinnen und Leser erreichen, sind die Feiertage schon wieder vorbei &#8211; die \u201estillste Zeit im Jahr\u201c, in der die Kassen nie s\u00fc\u00dfer und lauter klingeln. Der Weihnachtsbraten und all die S\u00fc\u00dfigkeiten haben sich vielleicht schon in Bauchspeck verwandelt, und wir sinnieren, wie wir ihn wieder los werden k\u00f6nnen. 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