{"id":745,"date":"2012-11-17T21:53:14","date_gmt":"2012-11-17T19:53:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=745"},"modified":"2012-11-17T21:59:14","modified_gmt":"2012-11-17T19:59:14","slug":"wer-klopfet-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=745","title":{"rendered":"&#8222;Wer klopfet an &#8230;?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Weihnachten steht vor der T\u00fcr. Wenn man den Superm\u00e4rkten im Lande glaubt, schon seit Ende September. Es ist aber nicht Knecht Ruprecht, der hier klopft. Mir dr\u00e4ngt sich ein Lied ins Ohr, ein Wechselgesang. Er ist Bestandteil eines vor allem in den Alpen gepflegten christlichen Brauchtums. Die Sache hei\u00dft \u201eHerbergssuchen\u201c.<br \/>\nIm Advent geht man mit einem Marienbild durch den Ort und klopft an den T\u00fcren der H\u00e4user. Aus dem Haus heraus wird gesungen, \u201ewer klopfet an?\u201c Die Antwort von drau\u00dfen: \u201eO zwei gar arme Leut!\u201c Und schon kommt es b\u00f6se von drinnen, \u201ewas wollt ihr dann?\u201c  Deshalb wieder von drau\u00dfen: \u201eO gebt uns Herberg heut!\u201c So geht es von Haus zu Haus. Die immer gleiche, flehentlich vorgetragene Bitte. Erfolg stellt sich f\u00fcr das Paar nirgends ein. Ganz klar, denn auf die ungeduldige Frage von drinnen, \u201ewas zahlt ihr mir?\u201c, kommt die Antwort, \u201ekein Geld besitzen wir!\u201c Fazit von drinnen: \u201eEi, die Bettelsprach f\u00fchrt ihr, ich kenn sie schon, geht nur von hier!\u201c<br \/>\nWir wissen, wie es ausging, was im Brauchtum nachgestellt wird. Die von ihren Wehen ereilte Frau gebiert das Kind in einem Stall. Warum das schlie\u00dflich so sein musste, steht in der urspr\u00fcnglichen Quelle allerdings nicht ganz so, wie es die \u00dcberlieferung des Volkes vermeldet. Der Evangelist Lukas hinterl\u00e4sst uns nur die lakonische Nachricht: \u201eIn der Herberge fand sich kein Platz f\u00fcr sie.\u201c (2,7) Solches konnte doch durchaus andere Gr\u00fcnde haben als geldgierige Herbergsv\u00e4ter. Zumal ja Volksz\u00e4hlung war und Menschen aus allen Himmelsrichtungen in ihre Heimatst\u00e4dte unterwegs waren, um sich eintragen zu lassen. Dass beim Volk aber der kaltherzige Vermieter zum S\u00fcndenbock wird, kann auch kein poetischer Zufall sein. Ich bin sicher, da steckt Erfahrung dahinter &#8211; die Erfahrung der einfachen Leute mit den Besitzenden, die Erfahrung der Armen mit den Reichen. Noch einmal der Wechselgesang: \u201eSeht unser Elend an\u201c &#8211; \u201eGeht mich nichts an!\u201c<br \/>\nDiese Erfahrung h\u00e4lt offensichtlich mehreren Tausend Jahren Menschheitsgeschichte stand, und wir sind allemal noch mitten drin in solchen Verh\u00e4ltnissen, die solche Erfahrung bringen. Da hilft kein \u201eC\u201c in den Namen regierender Parteien und da hilft kein Berufen auf christlich-abendl\u00e4ndische Werte.<br \/>\nDas christliche \u201eSollen\u201c, das findet sich im Mitleid mit dem Obdach suchenden Paar und dem Abscheu vor den Mitleidlosen. Es findet sich in der sch\u00f6nen Geschichte, dass das als \u201eErl\u00f6ser\u201c gesehene Neugeborene aus tiefster Armut kommt und den Armen Frieden bringen will. Die Bedingung ist, guten Willens daf\u00fcr zu sein. Genau der fehlt den Reichen.  Das christliche \u201eSein\u201c tritt uns deshalb so brutal wie scheinheilig als \u201echristliche\u201c Politik gegen\u00fcber. Da singt man zwar im Advent, \u201etauet Himmel den Gerechten, Wolken regnet ihn herab\u201c, in Wirklichkeit diffamiert man aber Gerechte als \u201eGutmenschen\u201c, pfeift auf Gerechtigkeit und wartet nur auf den Geldregen des Weihnachtsgesch\u00e4fts. Das soll niemand vermiesen, schon gar nicht Arme und Herberge Suchende. Letztere nennt man heute Asylbewerber, Asylanten, Fl\u00fcchtlinge, Ausl\u00e4nder, Fremde usw. Sie st\u00f6ren! Und man verwehrt ihnen nicht nur das Dach \u00fcber dem Kopf, nein, man rei\u00dft sogar ihre Zelte ein, die sie sich bauen. Wollen sie auf dem kalten Berliner Boden schlafen, um ihr Elend sichtbar zu machen, verbietet man ihnen die Isomatte. Wer eine besitzt, wird festgenommen und behandelt, als w\u00e4re das eine gef\u00e4hrliche Waffe. Da kommen keine Heiligen Drei K\u00f6nige mit Gold, Weihrauch und Myrrhe. Einige Spenden lindern das Elend und die Solidarit\u00e4t einheimischer, meist ebenso Schwacher. Nazis wollen dagegen den Herodes machen und die Asylsuchenden zur neuerlichen Flucht zwingen. \u201eKlopfet an, so wird euch aufgetan\u201c, ist im christlichen Europa l\u00e4ngst verhallt. Daf\u00fcr macht die H\u00e4me vom \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtling\u201c die Runde. Als ob Elend, das ans Leben geht, alle Zukunft verbaut und die Menschenw\u00fcrde zu einem M\u00e4rchen aus fernen Landen degradiert, kein Grund sein d\u00fcrfte, die Heimat aufzugeben und anderswo neue Hoffnung zu sch\u00f6pfen. Wollen wir wirklich Hilfe versagen und gar zur Traufe werden f\u00fcr jene, die aus dem Regen kommen?<br \/>\nDie Krokodilstr\u00e4nen der Kanzlerin am neuen Denkmal sind noch nicht versiegt, da bauen die Innenminister schon die Visamauern auf, genau gegen jene Sinti und Roma, an deren ermordete Vorfahren das Denkmal endlich und viel zu sp\u00e4t erinnern soll. \u201eNicht reinlassen und schnell abschieben\u201c (vgl. nd, 26.10.12, S. 11), ist die Devise. Es sind nur Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge &#8211; Basta! Was ist eigentlich ein Wirtschaftsfl\u00fcchtling genau? Wenn der reichste Franzose, Bernard Arnault, droht, Belgier zu werden, weil er keine Million\u00e4rssteuer zahlen will, so ist der doch auch ein potentieller Wirtschaftsfl\u00fcchtling. Der abwertend-kritische Unterton, der das Wort begleitet, ist bei ihm au\u00dferdem sehr viel eher angemessen, als bei den \u00fcblicherweise damit Benannten.<br \/>\nAkkurat zu dem Zeitpunkt, als in Berlin Zelte der verzweifelt demonstrierenden Asylsuchenden abgerissen und ihre Isomatten konfisziert wurden, baute Deutschland in Indien eine Zeltstadt auf. Sie sah aus, \u201ewie von Au\u00dferirdischen errichtet\u201c, berichtet MDR-Info am 27. Oktober dieses Jahres. Ihr Zweck: Indischen Wissenschaftlern, jungen wie alten und wohl wirklich nur M\u00e4nnern, Deutschland so schmackhaft zu machen, dass sie bereit w\u00e4ren, ihre Heimat f\u00fcr eine bessere Arbeit und ein besseres Leben in Richtung Deutschland zu verlassen. Wirtschaftsfl\u00fcchtlinge? Nein! Nur die Guten ins T\u00f6pfchen &#8211; und die Schlechten l\u00e4sst man ins Meer fallen.<\/p>\n<p>27.10.2012. geschrieben f\u00fcr Disput November 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachten steht vor der T\u00fcr. Wenn man den Superm\u00e4rkten im Lande glaubt, schon seit Ende September. Es ist aber nicht Knecht Ruprecht, der hier klopft. Mir dr\u00e4ngt sich ein Lied ins Ohr, ein Wechselgesang. Er ist Bestandteil eines vor allem in den Alpen gepflegten christlichen Brauchtums. Die Sache hei\u00dft \u201eHerbergssuchen\u201c. 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