{"id":736,"date":"2012-08-28T16:19:22","date_gmt":"2012-08-28T14:19:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=736"},"modified":"2012-08-28T16:19:22","modified_gmt":"2012-08-28T14:19:22","slug":"ich-hab-mein-herz-in-heidelberg-verloren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=736","title":{"rendered":"&#8222;Ich hab&#8216; mein Herz in Heidelberg verloren &#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>So beginnt ein Lied, das meine Gro\u00dfmutter manchmal gesungen hat. Das waren Zeiten, wo man des Herzens blo\u00df symbolisch verlustig gehen konnte, indem man es zwar einem anderen \u201eschenkte\u201c, damit aber nur meinte, sich verliebt zu haben &#8211; \u201ebis \u00fcber beide Ohren\u201c, wie es im Lied hei\u00dft. Das Herz war den Menschen immer besonderes Symbol f\u00fcrs Gem\u00fct. Man verliert es nicht nur und verschenkt es. Es kann brechen. Ja, man kann sogar eines haben oder auch nicht. Das Herz ist gut, weich, weit oder kalt und hart. Unser Sprichwortlager ist \u00fcbervoll mit einschl\u00e4gigen Zuordnungen und Vergleichen. Die anderen Organe k\u00f6nnen da nur bedingt mithalten, wenn einem etwas \u201ean die Nieren geht\u201c oder \u201eeine Laus \u00fcber die Leber l\u00e4uft\u201c und manches \u201eauf den Magens schl\u00e4gt\u201c. Nat\u00fcrlich h\u00f6rte auch zu Zeiten meiner Gro\u00dfmutter das Herz irgendwann zu schlagen auf, selbst wenn es eigentlich noch gesund war, aber zum Beispiel die Impulse vom Gehirn fehlten. Das kann verschiedene Ursachen haben, keine sch\u00f6nen, jedoch unweigerlich zum Mensch-Sein geh\u00f6rige. Zum Leben geh\u00f6rt bekanntlich auch der Tod. Dass er nicht allzu schnell eintritt, daf\u00fcr haben wir die Medizin. Es war ein S\u00fcdafrikaner, der Arzt Christiaan Barnard, der am 3. Dezember 1967 als Erster wagte, den Tod mit dem Leben in besonderer Weise zu verbinden: Er pflanzte dem schwer herzkranken Louis Washkansky das Herz einer f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrigen Frau ein, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Washkansky \u00fcberlebte gerade mal 18 Tage. Erst mit ihm starb auch das Herz der Frau. Der zweite Patient Barnards hielt bereits 19 Monate durch. Die Sache nahm ihren segensreichen Lauf. Wir wissen heute, was die Transplantationsmedizin leisten kann. \u00dcbrigens auch und zum Beispiel in Heidelberg, in G\u00f6ttingen und an vielen anderen Orten in Deutschland. Was mit Herzen geht, geht auch mit Leber, Nieren und Bauchspeicheldr\u00fcse. Ganze Gesichter werden verpflanzt. Die Sache nahm ihren segensreichen Lauf &#8211; ich sagte es schon &#8211; und wurde systematisch ausgebaut, was Organentnahme, Organtransport, Organverteilung und schlie\u00dflich deren Transplantation betraf. Die Sprache reagierte. Es gibt \u201eOrganspender\u201c &#8211; die Assoziation mit \u201eErsatzteilspender\u201c verbiete ich mir &#8211; und es gibt \u201eOrganempf\u00e4nger\u201c &#8211; wie immer m\u00e4nnlich wie weiblich. Zwischen ihnen vermittelt eine \u201eOrganbank\u201c. Das ist laut DUDEN eine \u201eEinrichtung, die der Aufbewahrung und Abgabe der Organe oder Teilen von ihnen\u201c dient. Die Sprache ist verr\u00e4terisch. Da kommt also eine Bank ins Spiel. Eine Bank ist ein \u201eUnternehmen, das Geld- u. Kreditgesch\u00e4fte betreibt u. den Zahlungsverkehr vermittelt\u201c, meint der DUDEN naiv. Wir wissen mehr. Die Bank nimmt ein und verteilt neu. Das klingt brav. Dabei wird aber geschoben und verschoben von einer Tasche in die andere. Geld wird zur Ware und bringt selbst noch Gewinn. Das kann des einen Ruin sein und die Quelle st\u00e4ndig wachsenden Verm\u00f6gens anderer. Und siehe da, nicht anders funktioniert unter Umst\u00e4nden eine Organbank, wie wir k\u00fcrzlich aus G\u00f6ttingen erfuhren. Die Sache mit den Organen nahm offensichtlich nicht nur einen segensreichen medizinischen Lauf, sondern f\u00fcr einige auch einen segensreichen \u00f6konomischen. Das ausgekl\u00fcgelte System der Zuweisung von Organen an die Empf\u00e4nger mit Klassifikationen nach G\u00fcte der Organe und Wartelisten der Patienten nach Dringlichkeit hat in der Realit\u00e4t einen Schwarzmarkt entstehen lassen. Ware, die rar ist, wird wertvoll. Es entstehen Begehrlichkeiten. Preise werden geboten, die nicht mehr jeder und jede bezahlen kann. Man kommt an die Ware jedoch schlecht ran, um sie profitabel verh\u00f6kern zu k\u00f6nnen. Denn der Markt ist ja eigentlich geregelt. Da deklariert man kurzerhand gute Ware als Ramschware, um sie der kontrollierten Verteilung zu entziehen. Spender oder Spenderin sind eben \u00fcber 65 Jahre alt gewesen und krank. Jetzt kann man ihre Organe gewinnbringend unter der Hand verkaufen. Ist das Herz erst Ware, irrt der Volksmund. \u201eDu kannst den Himmel vermessen, berechnen der Erde Gebiet, w\u00e4hrend das Menschenherz sich aller Berechnung entzieht.\u201c Denkste! \u201eIch hab\u2018 ein Herz f\u00fcr schwarze Schafe.\u201c Der ironisch gemeinte facebook-Eintrag von \u201esheepworld\u201c bekommt seine makabre w\u00f6rtliche Bedeutung, und ein Organspender wird nun doch zum eintr\u00e4glichen Ersatzteilspender. Den Kapitalismus in seinem Lauf &#8230;?<\/p>\n<p>Geschrieben f\u00fcr Links (September 2012), 20. 08. 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So beginnt ein Lied, das meine Gro\u00dfmutter manchmal gesungen hat. Das waren Zeiten, wo man des Herzens blo\u00df symbolisch verlustig gehen konnte, indem man es zwar einem anderen \u201eschenkte\u201c, damit aber nur meinte, sich verliebt zu haben &#8211; \u201ebis \u00fcber beide Ohren\u201c, wie es im Lied hei\u00dft. 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