{"id":734,"date":"2012-08-06T17:30:56","date_gmt":"2012-08-06T15:30:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=734"},"modified":"2012-08-06T17:31:56","modified_gmt":"2012-08-06T15:31:56","slug":"lene-voigt-im-reigen-der-deutschen-mindartdichtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=734","title":{"rendered":"Lene Voigt im Reigen der deutschen Mundartdichtung"},"content":{"rendered":"<p>Die Mundarten &#8211; obwohl schon oft totgesagt &#8211; sind nicht tot zu kriegen. Man schaue nur in die B\u00fccherregale der Buchhandlungen von der Gro\u00dfstadt bis ins Dorf. Sie sind voll mit Literatur in regionaler Sprache. Ob das alles Mundart im Sinne der deutschen Dialektologie ist, sei dahingestellt und f\u00fcr heute auch nicht ausf\u00fchrlich reflektiert. Ausdruck regionalen Sprechens sind die B\u00fccher allemal, und auf den CDs daneben ist es oft auch noch originale, kleinr\u00e4umig g\u00fcltige Mundart, die man zu h\u00f6ren bekommt. Es gibt aber Unterschiede bez\u00fcglich der Authentizit\u00e4t des H\u00f6r- und Lesbaren, bez\u00fcglich seiner r\u00e4umlichen G\u00fcltigkeit und nat\u00fcrlich auch bez\u00fcglich der literarischen Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Der Wiener H.C. Artmann, der in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts den Dialekt auf ganz neue Weise f\u00fcr literarisches Schaffen entdeckte, appellierte an seine Zunftgenossinnen und -genossen, \u201enua ka schmoiz\u201c in Geschichten, Gedichten und Liedern umzusetzen.1 Die Gefahr, dem \u201eschmoiz\u201c sozusagen auf den Leim zu gehen, ist gerade bei Mundartdichtung aber auch nicht weit, denn mindestens so viel blutleeres, aber umso schmalzhaltigeres Epigonales entsteht landauf landab. Statt kritisch kommt es mit erhobenem Zeigefinger daher, statt identifikationstr\u00e4chtig  nur sich selbst hechelnd hinterherlaufend. Kunst und Peinlichkeit stehen so in den Anthologien, Mundartzeitschriften oder CD- und B\u00fccherregalen oft eng nebeneinander.2 Wenn \u00fcberhaupt wo der Tod der Mundarten lauert, dann vielleicht hier, wo es als Voraussetzung daf\u00fcr auch ziemlich lebendig zugeht.<\/p>\n<p>Das vorausgeschickt, m\u00f6chte ich jetzt versuchen, einige Kriterien zu entwickeln und anzuwenden, die geeignet erscheinen, Lene Voigt in den Reigen der deutschen  Mundartdichtung, wie mir sch\u00f6n poetisch formuliert wurde, einzuordnen. Beschr\u00e4nken werde ich mich dabei auf das 20. und das Dutzend Jahre des 21. Jahrhunderts. <\/p>\n<p>Geschrieben hat diese Lene Voigt bekanntlich einst an den nazistischen Gauleiter Mutschmann als Reaktion auf das Verbot ihrer Schiften:<\/p>\n<p>\u201eNe Mundart l\u00e4\u00dft sich nicht verbieten,<br \/>\nweil blutsgebunden bis ins Mark,<br \/>\ndr Volksmund selwer wee\u00df zu hieten,<br \/>\nsei V\u00e4tererbe drei und stark &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Mal sehen, was und wie sie selbst dazu beizutragen imstande ist?<\/p>\n<p>Ganz zweifelsohne schreibt Lene Voigt in einer regionalen Sprachvariet\u00e4t, die es, wenn \u00fcberhaupt, nur m\u00fcndlich gibt. Zur Problematik des Verh\u00e4ltnisses von Schreiben und Sprechen bei Lene Voigt wird Herr Prof. Siebenhaar Ausf\u00fchrungen machen. Ich brauche mich nicht weiter darum zu k\u00fcmmern. Jedenfalls h\u00f6re ich mit einem inneren Ohr das Leipziger S\u00e4chsisch, wenn ich die Texte lese, selbst wenn ich dieses aktiv trotz meiner nunmehr 39 Jahre Ans\u00e4ssigkeit im Leipziger Raum noch immer nicht beherrsche. <\/p>\n<p>Ich werde deshalb \u00fcbrigens auf  Lene Voigt immer nur verweisen, sie jedoch nicht zitieren. Beispiele f\u00fcr den im Titel angesprochenen \u201eReigen\u201c werde ich m\u00f6glichst nur  &#8211; kleine Ausbr\u00fcche ausgenommen &#8211; aus meiner Geburtsstadt Wien, in der ich auch sprachlich sozialisiert wurde, bringen. Ein ernst gemeinter Versuch, einen fremden Dialekt zu imitieren, endet n\u00e4mlich meist in der L\u00e4cherlichkeit. Es ist nicht anders, als wenn man sich bem\u00fchte Schillers oder Goethes Balladen vor gro\u00dfem Publikum in Standard zu sprechen und k\u00f6nnte es doch nicht. F\u00fcr ausreichende Beispielhaftigkeit des Wienerischen f\u00fcr den gesamten Reigen verb\u00fcrge ich mich mit meiner umfangreichen Sammlung an Mundarttexten -geschrieben und auf CD gesprochen.<\/p>\n<p>Wichtig ist die Feststellung, dass wir es sowohl in Wien wie in Leipzig mit urbanen Sprachvariet\u00e4ten zu tun haben. Auch hierzu k\u00f6nnte man jetzt lange Ausf\u00fchrungen machen, ob eine solche Variet\u00e4t \u00fcberhaupt noch Mundartcharakter im urspr\u00fcnglichen Sinn der Ortsmundart hat. Dialektologen bezweifeln dies, einschl\u00e4gige Forschungen haben sich als \u201eStadtsprachenforschung\u201c vom Korsett althergebrachter Dialektologie befreit, welchselbe wiederum gerne von \u201est\u00e4dtischen Umgangssprachen\u201c spricht, die als gro\u00dfr\u00e4umiger wirkende Ausgleichssprachen der Umgebungsdialekte angesehen werden. Der Terminus \u201eStadtmundart\u201c nimmt wiederum Bezug auf das Ph\u00e4nomen, dass vor allem im alemannischen und bairischen Sprachraum, aber nicht nur dort, durchaus auch Gro\u00dfst\u00e4dte eigene Mundarten besitzen k\u00f6nnen, und zwar neben einer am gleichen Ort entstandenen Umgangssprache. Die sachlichen und demnach auch terminologischen Feinheiten k\u00f6nnten noch l\u00e4nger weiter getrieben werden. Ich werde mich nicht systematisch darum k\u00fcmmern, halte jedoch f\u00fcr mein Thema das \u201eUrbane\u201c der Variet\u00e4t, der sich Lene Voigt bedient, fest. Es ist bedeutsam f\u00fcr ihre Verortung im Reigen deutscher Mundartdichtung.<\/p>\n<p>Nicht weniger wichtig ist aber ein weiteres Kriterium. Lene Voigts Sprache wird exemplarisch einer ganzen Region, ja unzul\u00e4ssiger Weise sogar einem ganzen Bundesland zugeschrieben: Es gilt gemeinhin als \u201eS\u00e4chsisch\u201c und ist damit allen Geschmacksurteilen zum \u201eS\u00e4chsischen\u201c und \u201eS\u00e4chseln\u201c ausgesetzt. Dass solche, kommen sie von au\u00dfen, nicht gerade schmeichelhaft sind, wissen wir. Dass man sie in Sachsen auch selbst \u00fcbernimmt, ist genau so bekannt, wie die Tatsache, dass man sich zugleich und vehement und st\u00e4ndig dagegen wehrt. Die sprachhistorischen Zusammenh\u00e4nge, die dem zugrunde liegen, lasse ich jetzt ganz uns\u00e4chsisch \u201eau\u00dfen vor\u201c, halte aber fest, dass \u201eS\u00e4chsisch\u201c bei Dialektprestigeuntersuchungen fast immer und seit jeher auf dem letzten Platz landet. Nat\u00fcrlich bekam und bekommt davon auch Lene Voigt einiges ab. <\/p>\n<p>Mit Gewissheit kann man Lene Voigts Sprache in vielerlei Hinsicht wie eine Mundart behandeln, was ihre Einordnung in den \u201eReigen\u201c deutscher Mundartdichter und -dichterinnen einerseits legitimiert und andererseits jene Kriterien liefert, die die Bestimmung von Platz und Bedeutung in diesem Reigen gestattet.<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst die Oralit\u00e4t von Mundart, die bei allen Schreibversuchen als fast banales und dennoch konstitutives Merkmal von Mundartliteratur angesehen werden muss. Die Oralit\u00e4t  beschr\u00e4nkt die \u00fcblicherweise m\u00f6glichen literarischen Genres bzw. Textsorten. Es sind eben die am leichtesten oral tradierbaren und reproduzierbaren Texte: Kurze Reime, nicht zuletzt Kinder- und Ausz\u00e4hlverse, Gedicht und Liedtext, die am h\u00e4ufigsten vertreten sind, sowie Anekdote, Kurzerz\u00e4hlung, Witz und unter Umst\u00e4nden noch dramatische Texte, oft nur in Form kurzer Dialoge. Umfangreiche epische Werke, wie Novelle oder gar Roman, kommen nur als kaum rezipierbare Ausnahmen vor oder dort, wo die regionale Variet\u00e4t \u00fcber die \u00fcbliche Funktion des Dialekts hinaus verwendet wird, z.B. dort, wo Schreibtraditionen vorhanden sind, wie im niederdeutschen Sprachraum, oder wo Dialekt als unersetzbare Alltagssprache wie in der Schweiz oder z.T. ja auch in \u00d6sterreich gilt. <\/p>\n<p>Die enge \u00f6rtliche und die soziale Zuordnung der Dialekte sowie ihre Bindung an allt\u00e4gliche Gespr\u00e4chsdom\u00e4nen und \u2013gegenst\u00e4nde bestimmen die Lebensbereiche, Themen und Gegenst\u00e4nde dialektaler poetischer Bearbeitung.<\/p>\n<p>Diese Beschr\u00e4nkung f\u00fchrt zun\u00e4chst zu einem so genannten \u201eParallelismus\u201c als \u201eNormalform\u201c von Dialektliteratur, d.h. zum allgemeinen Einverst\u00e4ndnis dar\u00fcber, \u201e\u2026 dass der Mundartschriftsteller nicht \u00fcber den Geltungsbereich der Mundart \u2013 in territorialer und sozialer Hinsicht \u2013 hinausgreifen sollte.\u201c3 Solche Mundartliteratur \u2013 und lange Zeit war man der Meinung, dass es eigentlich nur eine solche geben kann \u2013 behandelt haupts\u00e4chlich Heimat als Idylle. Wir finden Heimatbeschreibung, Heimatlob und schlie\u00dflich auch Mundartlob. Der Topos \u201edaham is daham\/drheem is drheem\/dahoam is dahoam\u201c oder \u201eBi \u00fc\u00fcs dehiime\u201c bei der Schweizerin Esther Trummer realisiert sich in literarischer Verarbeitung von Vorfahren, Kindheit, Heranwachsen, Alter, Tod, Liebe, Feste, Feiern, Mentalit\u00e4t, Br\u00e4uchen, Naturbildern, dem Lob von (b\u00e4uerlicher) Arbeit und Althergebrachtem.<\/p>\n<p>An Texten, die dem Prinzip des Parallelismus folgen, ist die Mundartliteratur des deutschen Sprachraumes unendlich reich in allen seinen Regionen. Traditionelles ist lebendig. Die Produktivit\u00e4t ist ungebrochen. Es gibt \u201eKlassiker\u201c und \u201eKlassisches\u201c und immer wieder Neues. Es gibt alteingef\u00fchrte Textsorten und vor allem Liedtextformen wie \u201eGstanzeln\u201c und \u201eSchnadah\u00fcpfel\u201c, \u201eRundgesang\u201c, \u201eWechselgesang\u201c oder \u201eShantys\u201c mit den dazugeh\u00f6rigen typischen Texten. Schon Aufz\u00e4hlungen scheiterten mit Gewissheit an der F\u00fclle.<\/p>\n<p>Was die Oralit\u00e4t betrifft, so ist ihr Lene Voigt, obwohl sie eigentlich nur schreibt und angeblich das Geschriebene gar nicht authentisch m\u00fcndlich hervorbringen konnte, den damit verbundenen Genres weitgehend treu. Die Nachdichtungen der klassischen deutschen Balladen weichen davon eigentlich auch nicht wesentlich ab. Man kann sie    auswendig lernen, wie die Vorlagen. Nur die S\u00e4chsische Odyssee und einige Gedichte nach klassischen Dramen \u00fcberschreiten von der L\u00e4nge her die Grenzen des oral Speicherbaren.<\/p>\n<p>Anders verh\u00e4lt es sich mit dem Parallelismus. Er ist als allgemeines Element unbezweifelbar au\u00dfer in den Nachdichtungen im gesamten Schaffen Lene Voigts vorhanden. Er ist aber im Ergebnis ziemlich anders, als die eben beschriebene Version. Diese gilt f\u00fcr den l\u00e4ndlichen Raum. Lene Voigts Parallelismus reflektiert aber urbanes Leben, urbane Verh\u00e4ltnisse. Solche sind gepr\u00e4gt durch Zusammenleben auf engem Raum, sowohl oft in den Wohnungen selbst, vorrangig jedoch in den Mietsh\u00e4usern und Wohnvierteln. Damit verbunden sind besondere soziale Beziehungen. Es gibt Hauseigent\u00fcmer, Mieter, Untermieter, engere Nachbarn im Haus oder auf der Etage. Hausbewohner identifizieren sich und unterscheiden sich bewusst von anderen. Streit, Ger\u00fcchte, brandneue Neuigkeiten, \u00fcble Nachrede hinter vorgehaltener Hand, das Verruchte in der Gro\u00dfstadt sind \u201egewohnter\u201c Alltag. Die \u201eWeibergespr\u00e4che\u201c4 und viele Gedichte Lene Voigts leben davon. <\/p>\n<p>Einschl\u00e4gige Beispiele aus anderen Gro\u00dfst\u00e4dten sind leicht zu finden. Zwei Beispiele aus Wien von Trude Marzik: <\/p>\n<p>Mei Kuchlfenster geht aufn Hof.<br \/>\nWia d\u2018Aussicht is, kannst dir ja denken:<br \/>\nnur graue M\u00e4uern, ka St\u00fcckel a Gr\u00fcn.<br \/>\nWillst den Himmel segn, mua\u00dft die verrenken.<br \/>\n&#8230;<br \/>\nDer Witwer, der Amtsrat vom Neuner-Haus,<br \/>\nputzt hie und da seine Stiefel. Ma riacht den Kaffee um die Fr\u00fchst\u00fcckszeit,<br \/>\nzu Mittag riacht ma den Zwiefel.<br \/>\n&#8230;5<\/p>\n<p>Das \u201eVerruchte\u201c und der Tratsch klingen bei Marzik z.B. so:<\/p>\n<p>Die Wirtin, a recht a fesche Person,<br \/>\ndie war amal beim Ballett.<br \/>\nHat an Mann und hat Kinder und halt nix davon.<br \/>\nJetzt geht\u2018s mit der Kelln\u2018rin ins Bett.6<\/p>\n<p>Bei Lene Voigt hei\u00dft es \u201eDratsch is Drumpf\u201c und es geht auch um eine vom  Ballett.7<\/p>\n<p>Das Urbane bringt ein anderes Heimatgef\u00fchl. Die Idylle reflektiert dieses normalerweise nicht. Wenn, dann nur in stadttypischer Weise. Das Wiener-Lied mag da eine Ausnahme sein &#8211; \u201eWien, Wien nur Du allein&#8230;\u201c oder \u201eMei Muattal war a Weanarin, drum hob ich Wean so gern&#8230;\u201c wird in Leipzig kaum ein \u00c4quivalent finden. Aber auch in Wien ist das Gro\u00dfst\u00e4dtische f\u00fcr die Literatur in Stadtmundart pr\u00e4gend. So beklagt Josef Weinheber <\/p>\n<p>\u201eWar net Wien, wann net grod aufgroben wurt in der Stodt,<br \/>\ndass die Kiebeln mit Teer st\u00f6rn den Fremdenverkehr&#8230;\u201c8<\/p>\n<p>Lene Voigt schreibt \u00e4hnlich \u00fcber \u201eSo \u00c4nne Buddelei\u201c9<\/p>\n<p>Die Frage, wo Heimat beginnt und wo sie endet, stellt sich in der Gro\u00dfstadt nicht, weil sie sich in der scharfen Diskrepanz zwischen Land und Stadt von selbst beantwortet. Die salzburgische Flachgauer Band \u201eQuerschl\u00e4ger\u201c stellt diese Frage sehr wohl und ganz konkret:<\/p>\n<p>wo is de hoamat gor?<br \/>\nund wos fongt nochard on?<br \/>\ns\u00f6gts ma gach wo is de hoamat gor?<\/p>\n<p>hintan haus?<br \/>\nentan zaun?<br \/>\nnachn dorf und au\u00dferm gau?<br \/>\nwo da boch rinnt oda ondoscht wo?<br \/>\n&#8230;<br \/>\nentan berg?<br \/>\nhintan n pass?<br \/>\nan da grenz va irgendwos?<br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p>Konform mit Lene Voigt gehen allerdings auch die \u201eQuerschl\u00e4ger\u201c, wenn sie die Heimat suchen und finden:<\/p>\n<p>in de liada in da sproch?<br \/>\nim wia und wonn i reah und loch?<br \/>\n&#8230;<\/p>\n<p>Die Sprache selbst, die Art des Weinens und Lachens, das ist Heimat in der Gro\u00dfstadt &#8211; und bei Lene Voigt ganz ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>In den gro\u00dfen St\u00e4dten entstanden mit der Industrialisierung besondere Formen der Arbeitsteilung, die auch eine Spezifik von Berufsgruppen und der sozialen Schichtung hervorbrachten, die im l\u00e4ndlichen Raum, wenn \u00fcberhaupt, erst sp\u00e4t nachvollzogen wurde. Der \u201eMesseonkel\u201c in Leipzig, der regelm\u00e4\u00dfig auftauchende und Quartier nehmende Handelsvertreter sind Beispiele. Die Hierarchie sozialer Schichten wird in der Gro\u00dfstadt deutlicher erlebt, erlitten und oft elit\u00e4r von oben und widerst\u00e4ndig, geh\u00e4ssig auch von unten her \u201egepflegt\u201c. Daf\u00fcr ist Lene Voigts Gedicht \u201eGesellschaft\u201c ein gutes und nicht das einzige Beispiel.10  \u201eDer Mensch is guat, aber die Leit san a Gsindl\u201c, meint der \u00d6sterreicher Nestroy. <\/p>\n<p>Lange war man in der Gro\u00dfstadt auch den Medien n\u00e4her und st\u00e4rker ausgesetzt, nutzte sie intensiver. Kino war von Beginn an allt\u00e4glich.11 Man ist den Institutionen h\u00f6herer Bildung und der Hochkultur nahe. Folgerichtig ergeht sich Lene Voigt \u00fcber \u201eS\u00e4chs\u2018sches Ginsdlrblud\u201c.12 Ebenso begegnet man st\u00e4ndig der Standardsprache. Die Freizeit wird anders verbracht als im l\u00e4ndlichen Raum, die Aufteilung von Arbeit und Freizeit ist anders und mehrheitlich genauer getrennt und geregelt. Der gro\u00dfst\u00e4dtische Verkehr l\u00e4uft anders ab als auf dem Lande und bedient sich anderer Verkehrsmittel. R\u00fccksichtslose Autofahrer oder Radfahrer geh\u00f6ren zum Alltag; Stra\u00dfenbahn, U-Bahn, Bus und Taxi ebenso.13 Jahreslauf mit Brauchtum und Festen spielen keine so ordnende Rolle wie auf den D\u00f6rfern, die Jahreszeiten14 und vielleicht Ostern15 und Weihnachten ausgenommen. Daf\u00fcr gibt es Belege bei Lene Voigt genau so wie bei vielen anderen gro\u00dfst\u00e4dtischen Mundartdichterinnen und -dichtern. Es gibt jedoch noch andere Ereignisse, die pr\u00e4gen und das Jahr einteilen, eben z.B. die Messe in Leipzig.<\/p>\n<p>F\u00fcr Lene Voigts Hauptschaffenszeit gilt das alles wohl noch \u00fcberwiegend. Wenn das heute auch im l\u00e4ndlichen Raum anders geworden ist, so ist es doch dort immer noch und gerade die Mundartliteratur, die dies ignoriert, bedauert oder die Idylle wenigstens in der Erinnerung verkl\u00e4rt. Es bleibt also in hohem Ma\u00dfe beim Unterschied in den Inhalten des l\u00e4ndlichen und urbanen Parallelismus, und wir haben ein inhaltliches Charakteristikum der Literatur Lene Voigts, das sie mit anderen teilt und das sie von wieder anderen trennt. <\/p>\n<p>Wenn &#8211; wie bereits erw\u00e4hnt &#8211; H.C. Artmann gerade f\u00fcr Mundartgedichte \u201enua ka schmoiz\u201c fordert, hei\u00dft das nicht, dass er sie jeglicher Emotionalit\u00e4t entkleiden will. Ganz im Gegenteil: Er macht den Weg frei f\u00fcr unverkitschten Ausdruck derselben, f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, sie klar auszudr\u00fccken. \u201eDialekt ist die Unterw\u00e4sche des Menschen\u201c, lernen wir bei Franz Xaver Kr\u00f6tz. \u201eIm Dialekt sch\u00f6pft die Seele Athem\u201c, sagt uns Goethe. Das hat sehr viel mit Emotion und Gef\u00fchl zu tun. Da ist viel davon und unverf\u00e4lscht bei Lene Voigt zu finden. Am deutlichsten wird es aber in ihrem am Todestag ihres kleinen Sohnes verfassten Gedicht \u201eIm Ginderwaachen\u201c16 Sie selbst sagt dazu: \u201eHier haben wir wieder mal ein, ich m\u00f6chte sagen grauenhaftes Beispiel daf\u00fcr, wie unser tiefster Humor aus tiefstem Schmerz geboren werden mu\u00df, &#8230;\u201c17<\/p>\n<p>\u00c4hnlich geht es &#8211; wenn auch in einer weniger dramatischen, aber gar nicht angenehmen Situation z.B. dem N\u00fcrnberger Fitzgerald Kusz. Auf die Frage, \u201eWarum im Dialekt?\u201c, antwortet er unter anderem mit einem Erlebnis : \u201eIch hatte damals eine Freundin w\u00e4hrend der Studienzeit, es war eine relativ intensive Geschichte, und das ging dann in die Br\u00fcche. Und da hab\u2018 ich mich spontan an die Schreibmaschine gehockt und hab\u2018 einfach meinen Unmut in die Maschine geh\u00e4mmert. Das war so ein Gedicht, das ging an mit: >>su\u00e4 ruutzbritschn su\u00e4 elendich\u00e4, su\u00e4 dreeckbambel su\u00e4 dreckert\u00e4.<<\u201c18 \n\nH.C. Artmann selbst schreibt anr\u00fchrende Liebesgedichte:\n\ngima dei haund\ndas e glaub i hoed a glans woedfogal en da mein - \na nochtegoe ...\n\noder.\n\nkum\nmoch ma d augn zua\ndas uns niemaund sicht ..\n\noder\n\naum eaxtn ist ma r ohne di um fire in da fruah\nwaun de easchten aumschln schrein\n...19\n\nSie stehen neben so \u201efinsteren\u201c Gedichten wie \u201eblauboad 1\u201c \n\ni bin a ringlgschb\u00fc\u00fcbsizza\nund hob scho sim weiwa daschlong\nund eanare gebeina\nuntan schlofzimabon fagrom ... \n\nund es endet so:\n\ni bin a ringlgschb\u00fc\u00fcbsizza\n(und schlof en da nocht nua bei liacht\nw\u00e4u i mi waun s so finzta is\nfua de dodn weiwa fiacht ..)20\n\nArik Brauer singt sehr gef\u00fchlvoll, \u201eLanghoarate kumm zu mir, launghoarate kumm ...\u201c\n\nLene Voigt kennt sehr wohl die Liebe und sie kennt sicher auch die dunklen Seite menschlicher Psyche. F\u00fcr ernsthafte Bearbeitung l\u00e4sst sie aber ihre Sprache ziemlich im Stich. Lene Voigt schreibt \u00fcber die Liebe in Standardsprache; egal ob es wie in den Gedichten \u201eLiedchen in Moll\u201c wie auch in \u201eLiebe macht erfinderisch\u201c21 nicht um ihre eigene Liebe geht oder in \u201eMein Liebster ist ein Vagabund\u201c sogar um die gr\u00f6\u00dfte Liebe ihres Lebens.22  Da hakt doch was im Leipziger S\u00e4chsisch? Erhebt sie sich allerdings ironisch \u00fcber die Liebe23 oder besingt sie gar  die unerf\u00fcllte, leicht l\u00e4cherliche Minne, dann gebraucht sie ihre S\u00e4chsisch.24  Von wehm\u00fctig-m\u00fctterlicher Emotion ergriffen, schreibt sie freilich so wie \u201eIm Ginderwaachen\u201c wieder im Dialekt: \u201eMei Jingster gann loofen\u201c.25 \n\nWas in Mundart immer geht und weidlich genutzt wird, ist \u201edie T\u00fccke des Objekts\u201c. Dazu liefert Lene Voigt z.B. die \u201eSchniersenkel\u201c.26 Als wienerisches Pendant sei genannt \u201eVerflucht\u201c von Peter Tramontana,27 den in acht von zehn F\u00e4llen, wenn er \u00fcber der Abwasch das Wasser aufdreht, der Wasserstrahl, von einem L\u00f6ffel umgeleitet, voll trifft.\n\nKaum in l\u00e4ndlicher Mundartdichtung, sehr wohl aber in der gro\u00dfst\u00e4dtischen findet man \u00dcbersetzungen und Nachdichtungen klassischer Dramen, der klassischen deutschen Balladen oder antiker Epen. Lene Voigt tobt sich hiermit regelrecht aus. In der Menge ist das ein Alleinstellungsmerkmal. Sie liefert keine \u00dcbersetzungen, sondern echte Nachdichtungen. Mag sein, dass das die deutschen Oberlehrer am meisten st\u00f6rt. Der Kern klassischen deutschen Bildungsgutes wird dem Spott ausgeliefert und zu \u201eGacksch\u201c und \u201eGeigel\u201c gemacht. Man kann aber auch positiv urteilen und dies als humorvollen Widerstand von unten gegen elit\u00e4re Bildungsinhalte bezeichnen. Als solchen gibt es das \u00fcberall, freilich nicht in der gro\u00dfen Zahl und - ich wage das Urteil - auch nicht in der Quait\u00e4t. Oft kennt man dabei die Autoren nicht. Es ist der Volksmund, der solches schafft und weitergibt, z.B. \u201eDer Taucher\u201c in Wien: \n\nWer wagt es, Hausmeister oder Partei,\nzu tauchen in den Hauskan\u00e4u?\nMir ist die Uhr in den Abort gefallen,\nh\u00f6rt man des Hausherrn Stimme schallen\n...\nOder \u201eDes S\u00e4ngers Fluch\u201c im deutsch-b\u00f6hmischen Pidgin, das man in Wien \u201eB\u00f6hmakeln\u201c nennt. Es ist auch die Sprache von Spejbel und Hurvinek, wie wir sie hierzulande kennen. \n\nStand sich in Zeiten oildes a wunderscheenes Schlo\u00df,\nstand\u2018s sich auf eine Hiegel, wie sich\u2018s bei Meer so gro\u00df\n...\n\nDass es das auch in Leipzig gibt, darauf verweist uns Lene Voigt mit dem verwandelten \u201eHeir\u00f6slein\u201c in \u201eMally der Familienschreck\u201c, selbiges allerdings in Standarddeutsch (\u201eSah ein Mann ein Bierglas stehn, wohlgef\u00fcllt mit Gohse ...).28 \n\nDie respektlose Alternative zum klassischen Text stellt die miesepetrigen Bildungsb\u00fcrger in die Ecke. Lene Voigt ist Meisterin darin, zwar jenseits aller kanonisierten literarischen Werte, wohl aber auf ihre Art poetisch, verbunden mit einem \u201eironischen\u201c Blick auf die eigene Sprache.\n\nGerade f\u00fcr Sachsen hat sie damit, gemeinsam mit Hans Reimann, eine Tradition begr\u00fcndet. Sie ist gespeist von s\u00e4chsischer Selbstironie und dem \u201eSpa\u00df an der Freude\u201c, weil dabei nichts Ernstzunehmendes oder von den Autoren wirklich ernst Genommenes herauskommt. Im Grunde bleibt jedoch alles nach Lene Voigt epigonal. Lene Voigts Meisterschaft wird kaum noch erreicht  \u2013 egal, ob das \u201eWinnetou\u201c als H\u00f6rbuch (von Dietmar Mues) auf s\u00e4chsisch oder die \u201eWeihnachtsgeschichte\u201c (\u201eerscht von Ludder-Mardien und nu nochema von Walde-Hans\u201c) ist oder der \u201eFaust auf S\u00e4chsisch\u201c von Gunther Schm\u00e4che.  Dennoch schreckten \u201e\u00dcbersetzer\u201c nicht einmal vor \u201eDinner for one\u201c zur\u00fcck. Es wurde \u201eins S\u00e4ggsche ieberdrachen unn mid \u00e4 Vorword vers\u00e4hn von Christian Geschke\u201c und erschien so 2000 in der Edition Nautilus in Hamburg.\n\nAnderswo geht man ernsthafter an die Dinge heran, insbesondere bei der \u00dcbertragung der Bibel oder von Teilen der Bibel. Josef Teuschel z.B. \u00fcbersetzte mit \u201eDa Jesus &#038; seine Hawerer\u201c29 das Neue Testament in den Wiener Dialekt. Mittlerweile ein Klassiker von Rang, wie der Klappentext feststellt, weil Wolfgang Teuschel \u201e... die Worte Jesu und die Berichte der Evangelisten aus der pathetischen Erstarrung des Erhabenen l\u00f6st und in irdischen Worten lebendig werden l\u00e4sst.\u201c Das gilt f\u00fcr viele vergleichbare Versuche; f\u00fcr niederdeutsche ohnehin, aber auch f\u00fcr \u201eDie P\u00e4lzer Biwel\u201c von Walter Sauer30 oder die \u201ePsalmen op K\u00f6lsch\u201c von Ria Wordel.31 Aus gutem Grund hat sich Lene Voigt daran nicht versucht. Ihre Sprache gibt das nicht her. \n\nMit dieser Feststellung kommen wir zu einem letzten, freilich auch gravierenden Problem.\n\nDer Parallelismus kann bewusst gebrochen werden und es kann die Mundart als eigenes Reservoir von Lautlichkeit zur Grundlage poetischen Schaffens gemacht werden. Damit entwickelt sich aber eine neue Art von dialektaler Literatur, der die Unmittelbarkeit des Parallelismus abgeht und die sich allgemein neue formale und inhaltliche literarische Dimensionen erschlie\u00dft. Mundart begibt sich auf den Weg zur Mund-Art. Allerdings unterliegt dies nicht allein der Freiheit der Kunst bzw. der K\u00fcnstler und ihrem Talent, diese zu nutzen, denn es kann nicht unabh\u00e4ngig von sozial verfestigten Dialektbewertungen geschehen. \n\nEs ist schwer bis unm\u00f6glich mit Leipziger Stadtmundart lautlich zu spielen, weil ja ihre haupts\u00e4chliche Abweichung vom Standard in der Lautung besteht. Das verschafft ihr auch die schlechte Bewertung. Man erlebt sie zumindest als Fremder nicht als Sprache mit eigenem Wert und eigener Qualit\u00e4t, so wie andere Dialekte, sondern nur als \u201evermanscht gesprochenes Hochdeutsch\u201c. Spielte man mit ihr, zerst\u00f6rte man den Grundcharakter dieser Sprache. Man verlie\u00dfe sie. Andere Dialekte haben das Problem nicht. Ihr Lautcharakter ist mit ihrer gesamte Eigent\u00fcmlichkeit verbunden, ist ein Teil von ihr und geht beim Spiel nicht verloren. Dies machte sich in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die \u201eKonkrete Poesie\u201c zu Nutze. Der Schweizer Kurt Marti z.B. beschreibt den Entstehungsvorgang seines Gedichtes \u201eRosa Loui\u201c als ein solches Spiel - ausgehend von einem Ortsnamen \u201eRosenlaui\u201c bzw. \u201eRoselaui\u201c, der sich in \u201eRosa\u201c zerteilte und in \u201eLaui\u201c, die Lawine.32 \n\nMundart kann auf der lautlichen Ebene in Vergleich treten zu anderen Sprachen oder Mundarten. Der N\u00fcrnberger G\u00fcnter St\u00f6ssel versucht sich auf  84 Seiten um \u201eThe Best of  N\u00e4rmberch English Spoken\u201c33 Er schreibt Wortfolgen auf Englisch auf, die sich aber erst in N\u00fcrnberger Stadmundart in grammatikalische S\u00e4tze bzw. sinnvolle Aussagen verwandeln. \n\nDay fitter me rouse way an must oxen - clubsters\nDie f\u00fcttern mich heraus wie einen Mastochsen - man glaubt es kaum\n\nZwar kennt Leipzig den Kalauer vom \u201eattention please\u201c des Weihnachtsbaum kaufenden Sachsen in London, derart umfangreiche Transformationen wie bei St\u00f6ssel kann man sich jedoch nur schwerlich vorstellen. Freilich sind sie auch bei St\u00f6ssel manchmal ziemlich an den Haaren herbeigezogen.\n\nInhaltlich brechen mit der \u201eKonkreten Poesie\u201c ebenfalls durchaus regionale Sprachformen aus der Beschr\u00e4nkung des Parallelismus aus, allerdings ohne sich von der Enge der Herkunft ganz emanzipieren zu k\u00f6nnen oder auch nur zu wollen. Im Gegenteil, es wird der Widerspruch zwischen Enge und Welt, die eben auch in der Enge der Heimat Platz fordert, \u00fcber das Sprachliche evident. Sprache wird zu einem eigenen Wert, weil genau und nur mit ihr dieser Bruch m\u00f6glich ist.\n\nKurt Marti schreibt z:B.:\n\nhahnef\u00fce\u00df und ankeballe,\nfr\u00fcehlig trybt scho styf.\nliechti regetropfe falle\n\nUnd reimt darauf?\n\nradioaktiv!\n\nDie Anf\u00e4nge markieren neben den \u201eBerner Troubadour\u201c in der Schweiz in \u00d6sterreich Helmut Qualtinger und Carl Merz mit ihrem \u201eHerr Karl\u201c oder die schon mehrfach zitierten, \u201emed aner schwoazzn dintn\u201c geschriebenen, freilich nur gesprochen ihre volle Wirksamkeit entfaltenden Dialektgedichte von H.C. Artmann.  Im Bereich der Lieder bzw. ihrer Texte sind die Anf\u00e4nge, wenn ich Georg Kreisler au\u00dfer Konkurrenz stelle, bei Arik Brauer oder Ludwig Hirsch. Und jetzt k\u00f6nnte ich noch endlos Namen nennen - aus \u00d6sterreich, aus Bayern, aus Hessen, aus dem niederdeutschen Sprachraum usw. usw. \n\nZwei Sachsen kommen der Sache immerhin nahe. Es sind die Dresdner Kabarettisten Tom Pauls und Uwe Steimle mit Ihren Dialogen zwischen dem Hausmeister \u201eHerrn Zieschong\u201c und \u201eFrau B\u00e4hnert\u201c, die schon bessere Zeiten gesehen hat. Sie geben in \u201eihrer\u201c Sprache ganz selbstverst\u00e4ndlich Zeugnis davon ab, wie sie sich \u2013 Herrn Karl \u00e4hnlich \u2013 so durch die Zeiten gemogelt haben, auf \u201es\u00e4chsisch\u201c aber eben, wobei das S\u00e4chsische nach meinem Gef\u00fchl nicht selten etwas \u00fcbertrieben wird.\n\nEs ist viel dazu geschrieben worden. Ich m\u00f6chte hinzuf\u00fcgen: Hier handelt es sich um  oral verbreitete Literatur, die die Heimat nicht stolz vor sich hertr\u00e4gt und auch nicht ihre Sprache, sich dieser Sprache aber so selbstverst\u00e4ndlich bedient, weil \u00fcberhaupt keine andere zwischen dem Vortragenden bzw. Autor und dem Publikum notwendig oder gar m\u00f6glich ist. Diese Sprache ist unbelastetes, allt\u00e4glich genutztes, in fast allen Dom\u00e4nen und f\u00fcr fast alle Gegenst\u00e4nde verwendbares Ausdrucksmittel. Ihr kann deshalb, regional gesehen, auch Literatursprachlichkeit zukommen. Naiv und in einer unbek\u00fcmmerten Nat\u00fcrlichkeit dichten in ihr, mit ihr sogar die Sprecherinnen und Sprecher selbst. Daf\u00fcr stehen z.B. die Wiener \u201eU-Bahn-Gstanzeln, die in Wien f\u00fcr einen Wettbewerb eingeschickt wurden.34\n\n\u201eDas ,Gstanzl\u2018 ist ein humoristischer Vierzeiler mit Pointe. Es wird in Mundart gesungen, oft sogar aus dem Stegreif. In nur acht Dreivierteltakten muss alles gesagt sein.\u201c35 Ein Beispiel:\n\nz\u2018erscht hot sie gr\u00fcn gw\u00f6\u00f6t\ndaunn issi schwoazz gfoan\nbei der fahrscheinkontrolle\nis sie daunn rot woan\n\nLene Voigt liegt alles solches v\u00f6llig fern. Es war f\u00fcr sie nicht denkbar, weil von ihrer Sprache her nicht m\u00f6glich. Es liegt also auch dem \u201eS\u00e4chsischen\u201c fern, was vielleicht auch den etwas \u00fcbertriebenen und gequ\u00e4lt klingenden Umgang mit der Dresdner Stadtmundart bei Tom Pauls\u2018 und Uwe Steimles Dialogen erkl\u00e4rt. Literarisch war alles au\u00dferdem auf keiner Ebene des Schaffens in Lene Voigts Zeit vorhanden. Man kann es deshalb auch nicht von ihr erwarten. M\u00f6glicherweise w\u00e4re sie aber bei solchen Versuchen an die Grenzen ihrer poetischen Potentiale geraten. \n\nEntscheidend bleibt jedoch das fehlende Prestige ihrer Sprache. Daran kn\u00fcpften die Nazis an, als sie ihr Verbote auferlegten. Sicher unterschied sich Lene Voigt auch in ihrer politischen Einstellung und charakterlich vom bereits erw\u00e4hnten Wiener Josef Weinheber. Der trat bereits 1933 in die damals in \u00d6sterreich noch illegale NSDAP ein  und nahm sich 1945 kurz vor dem Einmarsch der Russen in Wien das Leben. Schrieb er in Wiener Stadtmundart, schrieb er nicht immer Besseres als Lene Voigt. Dennoch galt er den Nazis als \u201ebedeutender Dichter\u201c. Die mit hohem Prestige ausgestattete Wiener Stadtmundart hatte sicher einen Anteil daran. In meinem Wiener Gymnasium wurde Ende der 1950er JahreWeinheber im Deutschunterricht behandelt, und ich habe Mundartgedichte von ihm im Schultheater aufgesagt.\n\nZieht man ein n\u00fcchternes Fazit, ohne sich in geschm\u00e4cklerische Werturteile zu verstricken, so sieht man Lene Voigt gleichberechtigt neben einer Reihe gro\u00dfst\u00e4dtischer Lokaldichterinnen und -dichter. Problematisch wird sie nicht durch mangelndes Talent, zu wenig Respekt vor der gro\u00dfen Kunst oder durch Kalauer, statt Sprachwitz. Problematisch wird sie vielen durch die Sprache, in der sie dichtet, und problematisch wird ihr sicher oft auch selbst diese Sprache. Tapfer verteidigt sie ihr Idiom. \n\nWir alle kennen ihre zornige Feststellung:\n\n,ne jede Mundart darf bestehn,\nblo\u00df unsrer wollnse \u2018n Hals umdrehn.36\n\nInsofern ist ihre Dichtung nicht naiv, sondern wohl reflektiert. Zur gro\u00dfen Kunst kann sie nicht werden. Die Sprache reicht nicht einmal f\u00fcr ein gro\u00dfst\u00e4dtisches Dialekttheater wie es z.B. das Ohnsorg-Theater in Hamburg ist oder die L\u00f6winger- B\u00fchne in Wien war. \n\nLene Voigts Kunst bleibt \u201eKleinkunst\u201c.37 Sie bedient das Kabarett und den Spa\u00df unter Sachsen und bei gutmeinenden Fremden. Das ist doch eine ganze Menge und auch nicht weniger, als viele anderswo zustande bringen. Genau hierin liegt auch ihr Verdienst um Sachsen und insbesondere um Leipzig. Indem sie lokale Mentalit\u00e4t einf\u00e4ngt, diese dabei aber nirgends und niemals denunziert, werden sie und ihre Dichtkunst zu durchaus positiven Identifikationssymbolen. \n\nDaf\u00fcr kann, ja muss man ihr doch dankbar sein!!!  \n\n(Vortrag, gehalten auf dem Kolloquium der Lene-Voigt-Gesellschaft, Leipzig, 16. Juli 2012)\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Mundarten &#8211; obwohl schon oft totgesagt &#8211; sind nicht tot zu kriegen. Man schaue nur in die B\u00fccherregale der Buchhandlungen von der Gro\u00dfstadt bis ins Dorf. Sie sind voll mit Literatur in regionaler Sprache. Ob das alles Mundart im Sinne der deutschen Dialektologie ist, sei dahingestellt und f\u00fcr heute auch nicht ausf\u00fchrlich reflektiert. Ausdruck [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":false,"jetpack_social_options":[]},"categories":[1],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pBNn2-bQ","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/734"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=734"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/734\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":737,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/734\/revisions\/737"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=734"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=734"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=734"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}