{"id":712,"date":"2012-01-20T13:49:01","date_gmt":"2012-01-20T11:49:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=712"},"modified":"2012-01-20T13:49:01","modified_gmt":"2012-01-20T11:49:01","slug":"vom-pumpen-lebt-die-ganze-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=712","title":{"rendered":"&#8222;Vom Pumpen lebt die ganze Welt&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Dies verk\u00fcndete einst Erich M\u00fchsam in seinem Gedicht \u201eErziehung\u201c. Es ist der Rat des Vaters an den Sohn, sich zum eigenen Vorteil mit Pump durch die Welt gegenseitiger Ausbeutung zu schlagen. Wie so oft, steht dem eine andere Erkenntnis gegen\u00fcber: \u201eBorgen bringt Sorgen.\u201c Die gilt jedoch \u00fcblicherweise nur f\u00fcr den Kleinen Mann und die Kleine Frau. \u00dcblicherweise, denn die Zeit um Weihnachten hat ja wohl gezeigt, dass das Borgen auch ganz Gro\u00dfen Sorgen bringen kann &#8211; dem Bundespr\u00e4sidenten gar &#8211; und nicht zu kleine. Obwohl, der hat doch nichts anderes getan, als andere auch. Er hat sich bei mehreren Angeboten das g\u00fcnstigste herausgesucht. Dass es nicht von einer Bank kam, sondern von Freunden, sollte zum Ausgangspunkt des Verh\u00e4ngnisses werden. Vorteilsnahme gew\u00e4hrt, statt Zinsen gezahlt, war der Vorwurf, der den ehemaligen Ministerpr\u00e4sidenten aus dem h\u00f6chsten Amt kippen sollte. In wessen Interesse? Wer wei\u00df? \u201eDie gro\u00dfe Weltpresse, diese ungeheure L\u00fcgenk\u00fcche &#8230; ist abh\u00e4ngig von allen Maklern der Welt, den Spekulanten, den internationalen Banken und von Geheimfonds, die man den Steuereinnahmen entnommen hat.\u201c Das schrieb Henri Barbusse 1920. Wer solcher Presse gar noch frech kommt, wird erledigt. Unbeholfenheit treibt das Hamsterrad. \u201eTrotz der Widrigkeiten des Metiers\u201c, sei die Presse \u201eeine verteufelte Macht\u201c, erkannte Emile Zola schon im 19. Jahrhundert. Wir wissen das, und wir werden es \u00fcber Nacht nicht \u00e4ndern. Ob es mit dem Bundespr\u00e4sidenten den Falschen, den Unschuldigen traf, sei dahingestellt. Viel interessanter ist doch die Sache mit dem Kredit. Was warf man Herrn Wulff eigentlich vor? Er hat sich doch \u201emarktwirtschaftlich\u201c verhalten, der Bundespr\u00e4sident; nicht anders als gleich zu Jahresbeginn die Bundesregierung. Da erreichte uns doch eine unglaubliche Meldung zu einer Neuerung auf den Finanzm\u00e4rkten, die bisher unvorstellbar war: Es gibt \u201eMinuszinsen\u201c. Das hei\u00dft im Klartext, Geldgeber zahlen an Deutschland Geb\u00fchren daf\u00fcr, dass sich Deutschland bei Ihnen Geld leiht. Das h\u00e4tte sich auch ein Erich M\u00fchsam nicht tr\u00e4umen lassen. Die Wortbedeutungen von \u201eGl\u00e4ubiger\u201c und \u201eSchuldner\u201c wechseln ihren Platz. Der bisherige Schuldner wird gegen\u00fcber dem Gl\u00e4ubiger anspruchsberechtigt. M\u00fchsams \u201eGl\u00fcck ist auf Ruhm und Pump gestellt\u201c, wird auf merkw\u00fcrdige Weise wahr. Deutschland kann sein Gl\u00fcck nicht fassen und der Ruhm des soliden Gl\u00e4ubigers w\u00e4chst ins Unermessliche. Das Elend vieler Staaten wird zum Gl\u00fcck Deutschlands. Es ist so, wie wenn Oma den Banken nicht traut und das Geld zun\u00e4chst in ihren Strumpf und unters Kopfkissen tut. Aus Angst, dass es aber auch dort gestohlen werden k\u00f6nnte, geht sie nun doch zur Bank. Allerdings legt sie das Geld nicht an, sondern deponiert es im sicheren Schlie\u00dffach. Daf\u00fcr muss sie nat\u00fcrlich bezahlen. Deutschland, das gro\u00dfe, geb\u00fchrenpflichtige Schlie\u00dffach f\u00fcr das Geld verunsicherter Anleger! Was fr\u00fcher Schulden waren, ist heute eine verm\u00f6gensbildende \u201eSicherungsverwahrung\u201c f\u00fcr Geld. In Deutschland jedenfalls. Solches musste freilich erst herbeigef\u00fchrt werden: vornehmlich durch Lohnverfall, Rentenklau und Sozialabbau im eigenen Land. Das machte es erst zum Exportweltmeister, andere jedoch zu Verschuldungsweltmeistern. Solches muss jetzt abgesichert werden: vornehmlich durch Spardiktate, die man anderen aufzwingt. \u201eBorgen bringt Sorgen\u201c, ereilte pl\u00f6tzlich Staaten und erst recht dort die Kleine Frau und den Kleinen Mann. F\u00fcr sie wurde die Warnung des Polonius in Shakespeares Hamlet Wahrheit: \u201eBorgen stumpft der Wirtschaft Spitze ab.\u201c Die \u201eRating-Agenturen\u201c tragen durch Herabstufung der Kreditw\u00fcrdigkeit das Ihrige bei. K\u00f6nnen und d\u00fcrfen sich die meisten europ\u00e4ischen L\u00e4nder Schulden nicht mehr leisten, was bleibt dann denen \u00fcbrig, die auf dem Geld sitzen, als es in sicheren Lagern f\u00fcr bessere Zeiten aufzuheben? Nat\u00fcrlich kostet das was. Deutschland reitet munter auf dem R\u00fccken der ausnahmsweise seinen Speichel leckenden Finanzhy\u00e4nen durch die Welt, und es hat sich Erich M\u00fchsams bittere Warnung dreist in s\u00fc\u00dfe Wirklichkeit gewendet: \u201eWas andere schufen, nenne dein! Was andere haben, steck dir ein! Greif zu, greif zu! Gott wird\u2018s dir lohnen. Hoch wirst du ob der Menschheit throhnen!\u201c  Und wenn alles in Scherben f\u00e4llt &#8230;?<\/p>\n<p>Geschrieben f\u00fcr &#8222;Links&#8220;, Februar 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dies verk\u00fcndete einst Erich M\u00fchsam in seinem Gedicht \u201eErziehung\u201c. Es ist der Rat des Vaters an den Sohn, sich zum eigenen Vorteil mit Pump durch die Welt gegenseitiger Ausbeutung zu schlagen. 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