{"id":701,"date":"2011-10-10T16:51:40","date_gmt":"2011-10-10T14:51:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=701"},"modified":"2011-10-10T16:57:17","modified_gmt":"2011-10-10T14:57:17","slug":"wortlichkeit-ist-die-kernfeste-der-wirklichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=701","title":{"rendered":"&#8222;W\u00f6rtlichkeit ist die Kernfeste der Wirklichkeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der Ausspruch stammt vom \u00f6sterreichischen Schriftsteller Heimito von Doderer. Im Grunde bedeutet er nichts anderes, als dass man mit Sprache gegen\u00fcber der Wirklichkeit im Wort steht, W\u00f6rter der Wirklichkeit verpflichtet sind. Gehen wir der Sache nach:<br \/>\nSchon in einem kleinen Synonymw\u00f6rterbuch vom Compact Verlag in M\u00fcnchen finde ich z.B. beim Stichwort \u201ereden\u201c 23 angeblich \u201ebedeutungsgleiche W\u00f6rter\u201c und dazu noch die Hinweise auf die Eintragungen unter \u201esprechen\u201c und \u201etratschen\u201c. Bleiben wir allein bei \u201ereden\u201c, so entdecken wir bald, dass die angef\u00fchrten 23 W\u00f6rter zwar tats\u00e4chlich alle etwas gemeinsam haben, n\u00e4mlich jenen Vorgang zu benennen, in dem wir auf irgend eine Weise mit Hilfe von Sprache etwas m\u00fcndlich mitteilen. Zugleich bemerken wir aber, dass dies auf sehr unterschiedliche Art und Weise geschehen kann: \u201evortragen\u201c, \u201evon sich geben\u201c, \u201esich ergehen\u201c, \u201eerz\u00e4hlen\u201c, \u201eplaudern\u201c, \u201eparlieren\u201c. \u201eDeklamieren\u201c kann man auch, das steht jedoch gar nicht da. Daf\u00fcr finden wir \u201epalavern\u201c, \u201esalbadern\u201c, \u201eplappern\u201c, \u201equatschen\u201c, \u201eschw\u00e4tzen\u201c, \u201eschwafeln\u201c usw. Offensichtlich h\u00e4lt die Sprache f\u00fcr sinnloses, nervendes \u00c4u\u00dfern sehr viel mehr Worte parat, als f\u00fcr notwendiges, ernst zu nehmendes oder feierliches. Da steckt wohl Erfahrung der Sprecherinnen und Sprecher dahinter. Konrad Adenauer hat es zugegeben: \u201eWas st\u00f6rt mich mein Geschw\u00e4tz von gestern\u201c, ist einer seiner ber\u00fchmtesten Ausspr\u00fcche. \u201eGeschw\u00e4tz\u201c? Vielleicht f\u00fcr viele die von Politikerinnen und Politikern am meisten gepflegte Weise des Redens?<\/p>\n<p>Es war am 07. M\u00e4rz 1996, ist also schon eine Weile her, da sagte ich im S\u00e4chsischen Landtag in einer Aktuellen Debatte zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Sachsen: \u201eDie steigenden Unternehmergewinne werden &#8230; immer weniger in Arbeitspl\u00e4tze investiert. Es steigen vielmehr die Geldverm\u00f6gen und ihr spekulativer Einsatz &#8230; Wenn heute solide Investmentfonds Renditen zwischen 10 % und 50 % im Jahr versprechen, so ist nicht zu erwarten, dass in nennenswerten Gr\u00f6\u00dfen in Fertigung und Dienstleistung investiert wird, es sei denn, es winken \u00e4hnlich traumhafte Renditen durch Rationalisierungseffekte.\u201c So weit so gut! Die Ursache der heutigen Finanzkrise war eigentlich benannt und erahnt. In allen Dimensionen erkannt war sie noch nicht, weil wir damals irrt\u00fcmlich annahmen, die Investmentfonds seien solide. Geschw\u00e4tz ist es deshalb nicht, am wenigsten von gestern. Deutsche-Bank-Chef Ackermann verlangte vor nicht all zu langer Zeit erst 25 % Rendite f\u00fcr produzierende Betriebe, wenn Geld dort hin flie\u00dfen sollte und nicht auf die Finanzm\u00e4rkte. Das schien selbst Sch\u00e4uble unerreichbar und er erkannte, \u201edass der Finanzmarkt sich nur noch um sich selbst dreht, statt seine Aufgabe zu erf\u00fcllen und eine vern\u00fcnftige, nachhaltig wachsende Wirtschaft zu finanzieren.\u201c (spiegel-online, 22.05.11)<\/p>\n<p>Mittlerweile ist aber nicht nur Sch\u00e4uble in der Wirklichkeit angekommen, sondern auch die Sprache. Was ich 1996 &#8211; also vor 15 Jahren &#8211; noch gar nicht richtig in Worte fassen konnte bzw. mit vielen Worten umschreiben musste, ist heute in einem Wort geronnen: \u201eRealwirtschaft\u201c. Das Wort \u201eRealwirtschaft\u201c gibt es tats\u00e4chlich erst seit kurzem. Das muss doch Gr\u00fcnde haben. Entsteht ein Wort, so braucht man es. Man braucht es, um etwas sprachlich einzugrenzen und von anderem abzugrenzen, was man als \u201eeigen Ding\u201c erkannt hat. Man braucht es, um offensichtliche Ver\u00e4nderung sprachlich zu fixieren. In der 4. Auflage des \u201eDUDEN-Universalw\u00f6rterbuch\u201c von 2001 ist das Wort noch nicht zu finden. In der 7. Auflage von 2011 ist es jedoch verzeichnet. Die Bedeutungsdefinition beschreibt uns die \u201eRealwirtschaft\u201c als jenen Teil der Gesamtwirtschaft, der von Finanzwirtschaft und Finanzm\u00e4rkten zu unterscheiden ist, weil sie sich \u201emit realen Dingen wie Waren und Dienstleistungen befasst.\u201c Das ist eine alte Unterscheidung. Das neue Wort setzt sie uns aber in ein neues Licht.<\/p>\n<p>Ich will mich jetzt nicht all zu weit in die Volkswirtschaftslehre hinein wagen, aber eines ist doch festzustellen: Bis vor nicht allzu langer Zeit ging man noch davon aus, Finanzwirtschaft oder Finanzmarkt w\u00fcrden umlaufendes Geld sammeln und an jene gegen Zinsen weitergeben, die es f\u00fcr Produktion und Dienstleistung brauchen. Das erst vor kurzem \u201eerfundene\u201c Wort \u201eRealwirtschaft\u201c zeigt an, dass sich heute die Finanzm\u00e4rkte von Produktion und Dienstleistung (eben der \u201eRealwirtschaft\u201c) getrennt haben. Sie haben Geld zu einer Ware gemacht, die sich angeblich selbst gewinnbringend vermehrt. In Wirklichkeit entstand ein Jagdrevier, in dem Geld Geld jagt, es so neu verteilt, der Produktion und Dienstleistung jedoch entzieht.<\/p>\n<p>Kurt Biedenkopf warf mir immer vor, von Wirtschaft nichts zu verstehen. Ich sei Germanist und k\u00f6nne \u00fcber Wirtschaft h\u00f6chstens \u201eschw\u00e4tzen\u201c. Gerade als Germanist f\u00e4llt mir aber auf, dass mein angebliches Geschw\u00e4tz von gestern, heute in der Sprache zur W\u00f6rtlichkeit gebracht ist. Die Finanzm\u00e4rkte leisten nichts Wirkliches mehr f\u00fcr die Realwirtschaft. Die Verbindung ist gekappt. Im Wahn, allein aus Geld Geld machen zu k\u00f6nnen, lie\u00dfen die Akteure der Finanzm\u00e4rkte die Realwirtschaft im Stich und ruinieren obendrein sich selbst und uns.<\/p>\n<p>Geschrieben f\u00fcr &#8222;Links&#8220;, November 2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ausspruch stammt vom \u00f6sterreichischen Schriftsteller Heimito von Doderer. Im Grunde bedeutet er nichts anderes, als dass man mit Sprache gegen\u00fcber der Wirklichkeit im Wort steht, W\u00f6rter der Wirklichkeit verpflichtet sind. 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