{"id":693,"date":"2011-09-02T09:53:21","date_gmt":"2011-09-02T07:53:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=693"},"modified":"2011-09-02T09:53:21","modified_gmt":"2011-09-02T07:53:21","slug":"fur-lysis-tanja-laudatio-fur-frau-tanja-grobitzsch-zur-verleihung-des-lysistrata-friedenspreises-leipzig-01-09-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=693","title":{"rendered":"F\u00fcr Lysis-Tanja (Laudatio f\u00fcr Frau Tanja Grobitzsch zur Verleihung des Lysistrata Friedenspreises, Leipzig 01.09.2011)"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt einen Werbespot der Handwerkskammern, in dem wird die Frage gestellt: \u201eWie w\u00fcrde das Leben ohne Handwerk aussehen?\u201c Der kurze Film veranschaulicht dann das Ergebnis. Langsam verschwinden alle Dinge, die f\u00fcr uns meist ganz selbstverst\u00e4ndlich sind. Die Wasserversorgung f\u00e4llt aus, die Leitungen platzen, die H\u00e4user pulverisieren, nichts f\u00e4hrt mehr, nackt sind die Menschen ohne Kleidung und am Ende stehen wir wieder da wie in der Steinzeit. Der Film zeigt die Leistung des Handwerks: \u201eAm Anfang waren Himmel und Erde\u201c sagen die Handwerker auf einem Plakat, \u201eden Rest haben wir gemacht.\u201c <\/p>\n<p>Das sind die gew\u00fcnschten Assoziationen im Rahmen einer Werbekampagne. Ich hatte allerdings noch eine andere Assoziation: Steinzeit!? &#8211; Es war einst ein amerikanischer General, der Vietnam in die Steinzeit zur\u00fcck bomben wollte. Und genau dies fiel mir bei dem Werbespot ein: Die R\u00fccknahme aller Leistungen des Handwerks ergab Bilder wie vom Krieg; alles verschwunden, alles zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Es fiel mir aber noch mehr ein. Zun\u00e4chst fast als Sto\u00dfseufzer, \u201eGott sch\u00fctze das ehrsame Handwerk!\u201c, um dann pl\u00f6tzlich \u00fcber das Attribut \u201eehrsam\u201c weiter zu gr\u00fcbeln. Ist denn alles Handwerk ehrsam. Das in den Handwerkskammern und Z\u00fcnften vereinte wohl doch. Aber es gibt noch anderes. Mir kam das Wort \u201eKriegshandwerk\u201c in den Kopf. Und das wollte mir so gar nicht ehrsam vorkommen, obwohl es oft als solches dargestellt wird. \u00dcblicherweise hole ich mir in einem solchen Fall bei den gro\u00dfen W\u00f6rterb\u00fcchern Rat, doch diese verschwiegen &#8211; wohl versch\u00e4mt &#8211; die Existenz des Wortes. Wer mich nicht im Stich lie\u00df war Google. 51.200 Belege f\u00fcr das Wort wurden in 0,04 Sekunden geliefert &#8211; und an der Spitze gleich eine Definition aus Wikipedia.<\/p>\n<p>\u201eAls Kriegshandwerk bezeichnet man das Wissen \u00fcber praktische Methoden der Kriegf\u00fchrung aus Sicht der Soldaten und K\u00e4mpfenden. Es wurde im Laufe der Geschichte, vor allem mit dem Aufkommen stehender Heere und Berufsarmeen als Lehrberuf verstanden und neuen Rekruten durch \u00e4ltere und erfahrene Soldaten vermittelt. Zum K\u00f6nnen geh\u00f6rten neben Verhaltensweisen in Gefechtssituationen auch Bau, Instandhaltung und Einsatz von Kriegsmaschinen, die Bedienung von Kanonen \/ Gesch\u00fctzen, die Errichtung von Schutzeinrichtungen und vieles mehr.\u201c Usw. usw. &#8230;<\/p>\n<p> Das Schaudern \u00fcberkam mich weniger, wohl aber auch, wegen des Inhalts der Begriffsbestimmung, sehr viel mehr jedoch noch wegen des n\u00fcchtern-sachlichen Tons derselben. Offensichtlich eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit wird hier dargestellt. Das kann man so nicht stehen lassen. Da muss es doch auch ein \u201eFriedenshandwerk\u201c geben, n\u00e4hrte ich Hoffnung in mir. Die W\u00f6rterb\u00fccher lie\u00dfen mich wieder im Stich. Google wiederum nicht. 1.160 Belege in 0,20 Sekunden; f\u00fcnf Mal mehr Zeit f\u00fcr f\u00fcnfzig Mal weniger Belege im Vergleich zum Kriegshandwerk und keine Definition bei Wikipedia darunter.<\/p>\n<p>Sollte da nicht endg\u00fcltig Hoffnungslosigkeit aufkommen \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Menschen zueinander und \u00fcber den Weg der Menschheit durch ihre Geschichte? Am Anfang waren Himmel und Erde. Den Rest mag das ehrsame Handwerk gemacht haben. Das Kriegshandwerk k\u00f6nnte aber allem wieder den Rest geben?<br \/>\nHoffnungslosigkeit &#8211; doch zur\u00fcck in die Steinzeit? H\u00e4tte sein k\u00f6nnen, war aber nicht so. Denn das Ganze spielte sich ab in der Vorbereitung auf den heutigen Tag, auf diese Veranstaltung. Die ehrenvolle Aufgabe, eine laudatio auf die diesj\u00e4hrige Preistr\u00e4gerin des Lysistrata-Friedenspreises halten zu d\u00fcrfen, brachte Hoffnung und Zuversicht.<\/p>\n<p>Es ist eine Frau zu ehren, die nach einer Lehre in der Landwirtschaft, Abitur und einschl\u00e4gigem Studium zun\u00e4chst an der Universit\u00e4t Leipzig t\u00e4tig war und jetzt in der Handwerkskammer Leipzig arbeitet, zust\u00e4ndig f\u00fcr das Pr\u00fcfungswesen. Das ist ihr Beruf; ihre Berufung aber ist das Friedenshandwerk. <\/p>\n<p>Ich spreche von Frau  T a n j a  G r o b i t z s c h, die in diesem Handwerk Meisterin ist. Eine tapfere Frau, denn es braucht oft mehr Mut zum Friedenshandwerk als zum Kriegshandwerk. <\/p>\n<p>Tanja Grobitzsch geh\u00f6rt seit geraumer Zeit zum aktiven Kern des \u201eFriedenszentrum Leipzig e.V.\u201c und \u00fcbernahm vor zwei Jahren dort Verantwortung als stellvertretende Vorsitzende. Das ist schon viel, aber bei weitem noch nicht alles. <\/p>\n<p>\u201eStellt Euch vor, es ist Krieg und keiner geht hin!\u201c: Ein frommer Wunsch, wohl immer \u00f6fter ge\u00e4u\u00dfert, aber doch noch weit entfernt von seiner Verwirklichung &#8211; so weit entfernt von seiner Realisierung wie die Spiegelung dieses Wunsches in dem Satz: \u201eStellt Euch vor, es wird gegen den Krieg protestiert und alle gehen hin.\u201c<\/p>\n<p>Es wird wohl so sein, dass der zweite Satz zuerst Wirklichkeit werden muss, bevor der im ersten Satz ge\u00e4usserte Wunsch zur Tatsache wird. Zu viele gehen noch hin, wenn Krieg ist. Und sie wissen oft nicht wirklich, was sie tun. Deshalb wollen wir, dass immer mehr kommen, wenn gegen Kriege protestiert wird und mit dem Protest auch \u00fcber ihre Ursachen und ihre Verhinderung aufgekl\u00e4rt wird.<\/p>\n<p>Mag sein, Deutschland hat gerade nicht seinen besten Au\u00dfenminister &#8211; welcher war schon gut? &#8211; dass dieser Au\u00dfenminister aber gest\u00fcrzt werden sollte, weil er in der UNO nicht f\u00fcr Krieg gestimmt hat, will ich nicht hinnehmen. Da muss man etwas tun &#8211; etwas tun gegen Kriegstreiber, gegen Kriegsvorbereitung, gegen Krieg als vorgeblich legale Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Da muss man etwas tun f\u00fcr die \u00c4chtung von Krieg, f\u00fcr Gewaltlosigkeit als Grundlage der Politik, f\u00fcr den Frieden.<\/p>\n<p>Tanja Grobitzsch tut &#8211; gegen und f\u00fcr: Sie ist z.B. Mitglied der Gruppe \u201eFriedensweg Leipzig\u201c und der durch sie mitbegr\u00fcndeten, f\u00fcr die politische Aufkl\u00e4rung der Leipziger \u00d6ffentlichkeit sehr wichtigen AG \u201eNEIN zum Kriegsflughafen\u201c.<\/p>\n<p>Ihr Protest ist nicht simpler Protest im bedrohten unmittelbaren Lebensumfeld. Tanja Grobitzsch\u2018s Einsatz und ihre pers\u00f6nlich-ethische Intention ist einer politischen Friedensbewegung verbunden und in diese eingebunden, nicht nur in Sachsen, sondern auch in eine bundesweite und weltweite. Selbstverst\u00e4ndlich ist sie dabei, wenn in Leipzig in 24st\u00fcndigen Flughafenwachen der milit\u00e4rische Transport von Soldaten und R\u00fcstungsmaterial erfasst wird und \u00f6ffentliche Aufkl\u00e4rung geleistet und Protest dagegen organisiert werden muss. Genau so selbstverst\u00e4ndlich ist sie aber auch dabei, wenn die Kampagnen \u201eFriedenswege\u201c in der Colditz-Letzlinger Heide veranstaltet werden, verbunden mit Aktionscamps und Platzbesetzung mit dem Ziel einer \u201eoffenen Heide\u201c, einer \u201efreien Heide\u201c, statt eines Bombodroms. Das ist &#8211; man kann es heute schon so sagen &#8211; erfolgreiches Friedenshandwerk. <\/p>\n<p>Doch ein fertiges St\u00fcck l\u00e4sst die Meisterin nicht ruhen. Teilnahme an den G-8-Protesten in Rostock und Heiligendamm 2007 oder Beteiligung an der versuchten Besetzung des NATO-Hauptquartiers in Br\u00fcssel sind weitere Werkst\u00fccke. Die Folge waren 8 Stunden Gef\u00e4ngnis. Solches ficht eine Tanja Grobitzsch nicht an. Sie demonstrierte in Strassbourg und Kehl gegen den NATO-Gipfel und war dabei bei der Blockade des Tagungsgel\u00e4ndes. Bei den Aktionen des gewaltfreien Widerstandes am Atomlager B\u00fcchel handelte sie sich 10 Stunden Gef\u00e4ngnis ein. Ihr Aktionsradius erstreckt sich also weit \u00fcber Leipzig und unsere Region hinaus. Gibt es europ\u00e4ische antkriegs- und antimilitaristische Initiativen, die f\u00fcr ihre Aktionsgruppen erreichbar sind, ist sie dabei. Sie arbeitet im neugegr\u00fcndeten Netzwerk NEMA gegen Milit\u00e4rstandorte aktiv mit; kl\u00e4rt \u00fcber deren negativen Auswirkungen auf. In diesem Zusammenhang hat sie f\u00fcr den 03.09. 2011, also \u00fcbermorgen, 19:00 Uhr im \u201eWestwerk-Alte Mensa\u201c gemeinsam mit dem Friedenskreis Halle eine Veranstaltung Konzert &#038; Mahnwache des Ensembles \u201eLebenslaute\u201c organisiert. <\/p>\n<p>Heute, am 1. September, ist Antikriegstag &#8211; so streht es jedenfalls im Kalender der GEW. Am 3. September ist \u201eTag des Handwerks\u201c. Was macht Tanja Grobitzsch? Sie macht mit dieser Veranstaltung den 3. September zum \u201eTag des Friedenshandwerks\u201c. Und der heutige Tag ist uns so nicht nur \u201eAntikriegstag\u201c, sondern \u201eWeltfriedenstag\u201c. Wir lernen: Frieden ist mehr als Abwesenheit von Krieg. Frieden ist etwas tun, das besser ist als Krieg. Frieden ist Kultur und deshalb im Gegensatz zu Krieg menschlich.. <\/p>\n<p>Tanja Grobitzsch vermittelt ihre \u00dcberzeugungen, ihr Wissen, ihren Standpunkt in sachlich-hartn\u00e4ckiger Gelassenheit. Das verschafft ihr Geh\u00f6r im pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4ch mit B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern, vermittelt ihr Bedenken. Toleranz verwechselt sie nicht mit Beliebigkeit, um vielleicht gar Auseinandersetzungen auszuweichen. Sie durchschaut f\u00fcr ihr friedenspolitisches Aktionsfeld souver\u00e4n die nationale wie globale imperialistische Politik, die sich \u00d6konomie, R\u00fcstungsindustrie, Kultur, Medien und Bildung f\u00fcr ihre Ziele unterwirft. <\/p>\n<p>Man sagt, \u201eHandwerk hat goldenen Boden\u201c. Das kann stimmen. Das Kriegshandwerk hat diesen mit Gewissheit nicht &#8211; jedenfalls nicht f\u00fcr die meisten, die es ausf\u00fchren und nicht f\u00fcr die, die davon betroffen, sondern h\u00f6chstens f\u00fcr die, die es anordnen. Nein, das Kriegshandwerk gedeiht nur auf vergiftetem, verpestetem Boden. Es ist der Boden der Gewaltverherrlichung, der Fremdenfeindlichkeit, des Rassismus, des Faschismus. Tanja Grobitzsch wei\u00df auch das und deshalb gibt es eine zweite Komponente ihrer politischen Arbeit: Protest und Widerstand gegen Nazis und ihre Aufm\u00e4rsche, besonders in Leipzig, und antifaschistische Gedenkarbeit. In der Handwerkskammer setzt sie sich folgerichtig f\u00fcr die Anerkennung von Abschl\u00fcssen von Migrantinnen und Migranten ein &#8211; sozusagen ein \u201eKollateralnutzen\u201c ihrer Friedensarbeit im Beruf.<\/p>\n<p>\u201eKollateralnutzen\u201c brachte \u00fcbrigens 131 Ergebnisse bei Google in 0,15 Sekunden, ohne eine Begriffsdefinition bei Wikipedia gegen\u00fcber 189.000 Belegen in 0,07 Sekunden zu \u201eKollateralschaden\u201c &#8211; also etwa 1.450 Mal mehr in der halben Zeit und nat\u00fcrlich eine Begriffsdefinition bei Wikipedia, die Kollateralsch\u00e4den eindeutig dem Krieg zuordnet. <\/p>\n<p>Das ist eine Relation, die muss sich nicht nur \u00e4ndern, sondern dringend umkehren. Daran arbeitet Tanja Grobitzsch initiativ, ideenreich, engagiert, erfolgreich, weil sie wei\u00df, dass dies nicht von selbst geht. Folgen wir ihr auf einem Weg, an dessen Ende Schluss ist mit dem \u201eKrieg als Vater aller Dinge\u201c und \u201eFrieden zur Mutter aller Dinge\u201c wird, <\/p>\n<p>und ehren wir sie deshalb heute als eine echte Schwester Lysistratas!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einen Werbespot der Handwerkskammern, in dem wird die Frage gestellt: \u201eWie w\u00fcrde das Leben ohne Handwerk aussehen?\u201c Der kurze Film veranschaulicht dann das Ergebnis. Langsam verschwinden alle Dinge, die f\u00fcr uns meist ganz selbstverst\u00e4ndlich sind. 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