{"id":666,"date":"2011-02-27T16:21:01","date_gmt":"2011-02-27T14:21:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=666"},"modified":"2011-02-27T16:51:34","modified_gmt":"2011-02-27T14:51:34","slug":"in-memoriam-werner-bramke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=666","title":{"rendered":"In memoriam Werner Bramke"},"content":{"rendered":"<p>Werner Bramke, Doktor, Doktor sc., Professor,<br \/>\ngeboren am 8. Juli 1938 in Cottbus,<br \/>\n1956 Abitur, 1956\/57 Praktikumsjahr als Unterstufenlehrer,<br \/>\n1957 bis 1962 Studium der Geschichte und Germanistik an der P\u00e4dagogischen Hochschule Potsdam,<br \/>\n1962 bis 1969 Lehrer f\u00fcr Geschichte, Deutsch, Staatsb\u00fcrgerkunde und Latein,<br \/>\n1969 Promotion mit einer Arbeit \u00fcber Kriegervereine in der Weimarer Republik,<br \/>\n1969 bis 1972 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am \u201eMilit\u00e4rhistorischen Institut Potsdam\u201c,<br \/>\nseit 1972 an der der Leipziger Universit\u00e4t, dazumals Karl-Marx-Universit\u00e4t,<br \/>\n1976 Habilitation bzw. Dr. sc. mit einer Arbeit zu \u201eTraditionsbild und Traditionspflege in der KPD\u201c,<br \/>\n1979 Berufung zum Professor f\u00fcr \u201eNeueste Geschichte und Geschichte der Arbeiterbewegung\u201c an der Karl-Marx-Universit\u00e4t,<br \/>\n1992 bis 2003 Professor f\u00fcr \u201eNeue und Neueste Geschichte\u201c an der Universit\u00e4t Leipzig in der Rechtsstellung eines Professors alten Rechts,<br \/>\n1989 Gastprofessur in Bielefeld, 1992 Gastprofessur in Chapell Hill (USA).<br \/>\nVon 1956 bis 1990 war Werner Bramke Mitglied der SED;<br \/>\n1976\/77 Sekret\u00e4r der Grundorganisation der SED an der Sektion Geschichte der hiesigen Universit\u00e4t und von 1987 bis 1990 Direktor dieser Sektion.<\/p>\n<p>Von 1994 bis 2003 war Werner Bramke Mitglied des S\u00e4chsischen Landtages und dessen PDS-Fraktion sowie Vorsitzender des Ausschusses f\u00fcr Wissenschaften, Hochschulen, Kultur und Medien.<\/p>\n<p>Und nun endg\u00fcltig und unwiderruflich das letzte Datum: Werner Bramke, gestorben am 24. Januar 2011.<\/p>\n<p>Das sind die n\u00fcchternen Daten \u00fcber wichtige Stationen im Leben von Werner Bramke &#8211; beileibe nicht alle. Sie sind an vielen Stellen nachzulesen, in Lexika, in wissenschaftlichen Arbeiten auch das letzte Datum schon &#8211; im Internet. Das ganze Leben, das Werner Bramke gelebt hat, geben sie nur sehr unzul\u00e4nglich wieder: Privates gleich gar nicht. Davon nimmt jeder und jede seinen Teil unwiderbringlich ins Grab mit und davon hinterl\u00e4sst jeder und jede sehr Unterschiedliches bei den Hinterbliebenen. Das m\u00f6gen sich im Andenken an Werner Bramke alle selbst bewahren. Und einer seiner Freunde wird nach mir dazu sprechen.<\/p>\n<p>Ich selbst begegnete ihm sehr bald nach meiner Ankunft an der Karl-Marx-Universit\u00e4t 1973 in gemeinsamer Anstrengung in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern f\u00fcr Deutsch und Geschichte. Wir waren uns einig, dass kritischer Umgang mit dem Lehrstoff die wichtigste Grundlage f\u00fcr dessen nachhaltige Aneignung und f\u00fcr lebenslange Weiterentwicklung im Fach war. In politischen Dingen war mir Werner Bramke wichtiger Gespr\u00e4chspartner, Helfer in kritischen Situationen und Vorbild in so gelassen wie selbstbewusst vorgetragener Sachlichkeit.<\/p>\n<p>Die Nachricht vom Tod Werner Bramkes war eine sehr schmerzliche Nachricht, eine Nachricht, die uns \u00fcberraschte, denn wir w\u00e4hnten ihn alle noch mit weitgehend ungebrochener Schaffenskraft t\u00e4tig. Noch einen Tag nach seinem Tod, der zu diesem Zeitpunkt noch niemandem bekannt war, \u00fcberlegten wir z.B. in kleinem Kreis in der Rosa-Luxemburg-Stiftung bei der Vorbereitung eines Kolloquiums zu Ehren Walter Markovs in dessen Geburtsstadt in Graz, ob man Werner Bramke das Hauptreferat anvertrauen sollte. Werner Bramke war noch eingebunden in mehrere Projekt und hatte sich selbst noch sehr viel vorgenommen. Unter anderem eine Biographie von Walter Markov. Am 17. Februar sollte er bei einer Gedenkveranstaltung der Fraktion DIE LINKE im S\u00e4chsischen Landtag zu Erich Zeigner sprechen. Es wurde nichts mehr daraus. Zwar wussten manche, dass auch bei Werner Bramke das Alter an die T\u00fcre klopfte und ihn k\u00f6rperlich zu schw\u00e4chen begann, aber zum Tod schien es noch ein weiter Weg zu sein. Es kam anders und es kam schnell und es ist nun an uns, Werner Bramke auf seinem endg\u00fcltig letzten Weg zu begleiten und dies zugleich als Versprechen zu nehmen, dass seine Vorhaben weitergedacht und &#8211; wo m\u00f6glich &#8211; auch zu Ende gef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Werner Bramke ist \u00fcber milit\u00e4rgeschichtliche Fragen zu Problemen neuerer und neuester Geschichte gesto\u00dfen. Die Novemberrevolution, die Weimarer Zeit, Faschismus und unterschiedlichster Widerstand dagegen fesselten sein wissenschaftliches Interesse. Es waren einmal die gro\u00dfen \u201eK\u00f6pfe\u201c dieser Zeit, denen er als Historiker sozusagen auf die Schliche ihres Handelns kommen wollte. Es war aber bald auch mehr: Solche Leute handelten nicht einfach aus sich heraus, so originell und einmalig sie gewesen sein m\u00f6gen. Sie waren eingebunden in ihre Herkunftsmilieus, von denen sie gepr\u00e4gt wurden, sie waren eingebunden in soziale Gruppierungen sowie zeitgen\u00f6ssische Denkrichtungen und -str\u00f6mungen. Aus ihnen heraus entwickelten sie ihre eigene Profilierung und Einmaligkeit. Georg Schumann, Friedrich Olbricht, Carl Goerdeler und nicht zuletzt Erich Zeigner gerieten in das Zentrum des Interesses von Werner Bramke.<\/p>\n<p>Werner Bramke lag nichts ferner, als platte Parallelen zu ziehen zwischen historischen Ereignissen und Pers\u00f6nlichkeiten und der Gegenwart. Nichts mochte er weniger als ein triviales Lernen aus der Geschichte, das diese Parallelen voraussetzte. Nichts verabscheute er mehr, als das Einschmuggeln opportuner politischer Urteile in die Geschichtsschreibung. Sehr wohl war er sich aber der Lernpotentiale von Geschichte bewusst, die in produktivem Vergleich, in der Hervorhebung der Einmaligkeit wie der Verallgemeinerung wirksam werden konnten. In diesem Sinne verk\u00f6rperte er stets eine untrennbare Einheit von Wissenschaftler, Lehrer und politischem Menschen bis hin zum Politiker. Als solcher war er nie bereit zu simplem agitatorischem Verrat an der Wissenschaft. Flache Apologie wird man bei ihm nie und nirgends finden. Kompromisse schon.<\/p>\n<p>Werner Bramke suchte immer wieder Antwort auf die Frage, was unter demokratischen Verh\u00e4ltnissen m\u00f6glich sein k\u00f6nnte, wenn es politisch nur gewollt und vern\u00fcnftiger Weise auch zugelassen w\u00fcrde. Mit dem Vorsatz, solchen Entwicklungen zum Durchbruch verhelfen zu wollen, kam Werner Bramke 1994 als Parteiloser in die PDS-Fraktion im S\u00e4chsischen Landtag. Er quittierte 2003 schlie\u00dflich \u00fcber die weitgehende Aussichtslosigkeit, dieses Versuchs, was ihn von einer \u201eKrise der Demokratie\u201c sprechen lie\u00df. Dazwischen lagen jedoch Jahre angestrengter Arbeit und ruheloser Versuche, sich mit seinen Vorstellungen durchzusetzen<\/p>\n<p>Erfolglos war er dabei ganz und gar nicht, auch wenn er schlie\u00dflich resignierte. Seine Beitr\u00e4ge qualifizierten die Arbeit des Parlaments und der Fraktion in vielerlei Hinsicht. Zumindest gelang es ihm hin und wieder Nachdenklichkeit wach zu rufen, wenigstens \u201eschlechtes Gewissen\u201c entstehen zu lassen. Und es sei auch heute noch als sein Verm\u00e4chtnis den Fraktionen der LINKEn auf allen Ebenen und der LINKEn \u00fcberhaupt ins Stammbuch geschrieben, dass stets eine \u201ekaum \u00fcberbr\u00fcckbare Diskrepanz zwischen dem verfolgten Ziel der sozialen Gerechtigkeit und dem Kampf um individuelle Vorteile in der eigenen Partei\u201c drohe (ND, 22.01.2007, S. 5), was sie als Alternative zur herrschenden Politik immer wieder in Frage stelle.<\/p>\n<p>Der \u201eManchester Guardian\u201c schrieb einst, so lese ich bei Werner Bramke, vom \u201eLudergeruch der politischen Rachsucht\u201c, den ein Prozess ausstrahlte, in den man Erich Zeigner mit Falschaussagen hineinzog und der ihm drei Jahre Haft einbrachte. Demokratie erstickt solcher Geruch, lerne ich von Werner Bramke. Sie braucht vielmehr Offenheit, Sachlichkeit, Wahrhaftigkeit in der Auseinandersetzung, vor allem aber Respekt voreinander. Werner Bramke hat all dies im aktuellen politischen Raum wohl praktiziert, aber nicht ausreichend wiedergefunden. Gerade deshalb blieb er bei differenzierten Urteilen.<\/p>\n<p>Besonders litt der renommierte Forscher und Hochschullehrer an der pl\u00f6tzlichen, sachlich nicht zu rechtfertigenden Distanz einiger Fachkollegen, nachdem er f\u00fcr die PDS in den S\u00e4chsischen Landtag eingezogen war. Die hatten wohl Angst um ihre eigene Reputation, wenn sie sich weiter auf Werner Bramke einlie\u00dfen. Ein \u00e4rmliches akademisches Politikum. Hatte doch Werner Bramke sehr viel mehr auf deren Kooperativit\u00e4t und wissenschaftliche Unterst\u00fctzung bei der L\u00f6sung komplizierter politischer Sachverhalte gehofft. Ein solcher komplizierter Sachverhalt lag z.B. der Gedenkst\u00e4ttenpolitik des Freistaates zu Grunde. Faschismus und Stalinismus waren auseinander zu halten, auch wenn pers\u00f6nliche Schicksale vergleichbar sind. Das hatte gerade Werner Bramke in sachlicher wissenschaftlicher Analyse nachgewiesen. \u201eCDU und Staatsregierung gingen jedoch andere Wege\u201c, musste Werner Bramke feststellen. Aus einem zweifellos vorhandenen antitotalit\u00e4ren Konsens heraus bewegten sie sich zur Fragw\u00fcrdigkeit einseitigen Respekts vor den Opfern des Stalinismus, was die Verb\u00e4nde der Opfer des Faschismus vor allem bez\u00fcglich des Gedenkens in Torgau als unertr\u00e4gliche Zumutung empfanden und die Mitarbeit bei der Gestaltung s\u00e4chsischer Gedenkst\u00e4ttenpolitik f\u00fcr lange Zeit aufgeben lie\u00df. Den kompetenten Zeithistoriker und Vorsitzenden des Ausschusses f\u00fcr Wissenschaft, Hochschulen, Kultur und Medien, belastete dies in seinem an der Sache ausgerichteten Gestaltungswillen, aber auch in seiner Absicht zu moderieren besonders.<\/p>\n<p>Im Ausschussvorsitz und als Hochschulpolitiker erarbeitete sich Werner Bramke unbestrittenen und ehrlichen Respekt bei allen Beteiligten an der Konzeption der weiteren  Entwicklung der s\u00e4chsischen Universit\u00e4ten und Hochschulen. Er pl\u00e4dierte und k\u00e4mpfte f\u00fcr die Freiheit und Einheit von Forschung und Lehre, f\u00fcr eine soziale Hochschule der Chancengleichheit, f\u00fcr gleichberechtigte demokratische Mitbestimmung aller Gruppen an der Universit\u00e4t und gegen ein nur fachspezifisch verengtes Studium. Dies sind heute, angesichts neoliberalen Kr\u00e4mertums fast ausschlie\u00dflich unerf\u00fcllte Bl\u00fctentr\u00e4ume. Ohne Werner Bramkes unz\u00e4hlige Gespr\u00e4che mit den verschiedensten Beteiligten w\u00e4re aber damals noch manches schlimmer gekommen und heute vielleicht schon in Vergessenheit geraten.<\/p>\n<p>Waren f\u00fcr den Zeithistoriker Werner Bramke Wissenschaftler und engagierter politischer Mensch im weiten Sinn des \u201ezoon politicon\u201c immer eine Einheit, so pr\u00e4gte ihn dies besonders nachdr\u00fccklich als Hochschullehrer. Erkenntnis dr\u00e4ngte zur Lehre und zum Erkenntnis f\u00f6rdernden Austausch zwischen Lehrendem und Lernenden. Lehre und Gespr\u00e4ch wurden zu Bildungserlebnissen f\u00fcr alle Beteiligten. Werner Bramke realisierte die Einheit von Forschung und Lehre in eindrucksvoller Weise. Er setzte Vertrauen in junge Menschen und sie vertrauten ihm. Immer wieder betonte und belegte er in seinen Arbeiten den Gewinn aus studentischer Forschung und dem Austausch dar\u00fcber. Ein durchaus nicht \u00fcblicher akademischer Brauch, dem in heutiger verschulter Lehre au\u00dferdem noch mehr und mehr die Grundlagen entzogen werden. Der Wunsch der Studierenden, 1990 an Werner Bramke herangetragen, sich der Wahl zum Rektor zu stellen, erkl\u00e4rt sich so. Werner Bramkes Ablehnung zeugt von unambitioniertem Gesp\u00fcr f\u00fcr das politisch Angemessene.<\/p>\n<p>Werner Bramke hatte ein beinahe sakrales Verh\u00e4ltnis zur Wissenschaft. Er ordnete ihr sein Leben unter. Man kann fast sagen in einem \u201eZ\u00f6libat\u201c, das zwar sicher und durch den Sohn nachweislich belegt kein keusches war, aber ansonsten dennoch streng eingehaltenen wurde, das kaum eine andere \u201eLiebe\u201c als die Wissenschaft in Gleichwertigkeit duldete. Das schloss Tragisches ein. Isolation war es freilich nicht. Es war &#8211; sicher ungew\u00f6hnliche &#8211; Konzentration auf eine selbst gestellte Aufgabe. Er hielt sich in solcher Weise manches vom Leibe, stand in solcher Art aber auch mitten Leben und holte das Leben in die Wissenschaft. Wissenschaft war ihm Politik &#8211; man kann es nicht oft genug sagen &#8211;  und er schuf so f\u00fcr sich eine besondere Version der Forderung Leibnizens nach \u201etheoria cum praxi\u201c. Wir wissen, dass Werner Bramke gerade aus diesem Grund in ein weit verzweigtes, mal dichter, mal weniger dicht gesponnenes Netz von Beziehungen zu den unterschiedlichsten Menschen eingebunden war. Und obwohl ich dies wusste, \u00fcberraschte mich dennoch die gro\u00dfe Zahl betroffener Reaktionen auf seinen Tod, die alleine bei mir einlangten. Sie zeugten von einer Tiefe vieler Beziehungen, die alles andere aufkommen lassen, als den Gedanken, dass Werner Bramke im Elfenbeinturm der Wissenschaften gelebt h\u00e4tte. Weder seine manchmal vielleicht als schrullig wahrgenommene Individualit\u00e4t, noch sein so einsames Sterben k\u00f6nnen dieser Feststellung etwas anhaben.<\/p>\n<p>Der Tod Werner Bramkes hat eine gro\u00dfe L\u00fccke gerissen. Und so lange sich noch irgend jemand seiner erinnert, wird diese L\u00fccke vorhanden sein, gesp\u00fcrt werden. Unsere Erinnerung an ihn ist aber zugleich die einzige M\u00f6glichkeit, die Schmerzen der L\u00fccke zu heilen und sie so weit zu schlie\u00dfen, als wir dies alle gemeinsam zustande bringen k\u00f6nnen. Erinnerung l\u00e4sst Werner Bramke weiterleben. Nicht nur als Ikone, sondern als t\u00e4gliche Aufforderung zu ehrlichem Denken und Handeln.<\/p>\n<p>Ehre seinem Andenken!<\/p>\n<p>24.02.2011<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Werner Bramke, Doktor, Doktor sc., Professor, geboren am 8. 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