{"id":664,"date":"2011-01-24T18:17:29","date_gmt":"2011-01-24T16:17:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=664"},"modified":"2011-01-24T18:17:29","modified_gmt":"2011-01-24T16:17:29","slug":"verlorenes-paradies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=664","title":{"rendered":"Verlorenes Paradies"},"content":{"rendered":"<p>Kurz hatte das Rauschen im deutschen Medienwald auch \u00d6sterreich erreicht. Gleich zwei Beitr\u00e4ge widmet z.B. derSTANDARD am 10.01. dem Sturm im Wasserglas. Denn seien wir ehrlich, um mehr geht es doch nicht rund um den Vorwurf an Gesine L\u00f6tzsch, sich tats\u00e4chlich auf den Weg in den Kommunismus machen zu wollen. Ihr fehlt doch schon die Macht, auch nur irgendjemanden zum Mitkommen zwingen zu k\u00f6nnen. Vorwerfen kann man ihr, eine Binsenweisheit politischer Kommunikation missachtet zu haben: Was auch immer man sagen will, man muss es so sagen, dass Absicht und Wirkung von vornherein \u00fcbereinstimmen. Zu wissen ist dabei, dass man die Wirkung nicht allein selbst bestimmt. Ganz im Gegenteil. In der politischen Auseinandersetzung lauern \u00fcberall missg\u00fcnstige und \u00fcbelwollende Interpreten. Dass die selber beim Steine Werfen von so mancher Glaswand im Glashaus umgeben sind, st\u00f6rt sie kaum. Insofern sind auch die Retourkutschen nur sehr bedingt brauchbar, um aus der Bredouille zu kommen, in die man geraten ist. Nat\u00fcrlich ist es sachlich richtig, wenn man dem Vorwurf, beim Reden \u00fcber den Weg zum Kommunismus die Schandtaten fr\u00fcherer \u201eWegbereiter\u201c nicht zu erw\u00e4hnen, z.B. damit kontert, dann m\u00fcsste man beim Reden \u00fcber das Christentum ebenfalls immer und \u00fcberall dessen Schandtaten von den Kreuzz\u00fcgen \u00fcber Inquisition, Hexenverbrennung und Segnung von Kriegswaffen erw\u00e4hnen. Helfen wird es aktuell kaum. Obwohl nat\u00fcrlich die L\u00f6tzsch-J\u00e4gerinnen und -j\u00e4ger dazu ermunteren. Wenn bei den Schreckgestalten des \u201eKommunismus\u201c fast immer Pol Pot erw\u00e4hnt wird, so darf man gerade bei dem nicht verschweigen, dass die USA und Westeuropa noch lange daf\u00fcr sorgten, dass Pol Pots Clique Kambodscha in der UNO vertreten durften, obwohl das Land l\u00e4ngst schon von ihr befreit war. Die vietnamesischen Befreier passten den USA aber nicht in den Kram. Politik ist von Interessen beherrscht, von Moral meist nur, wenn es Interessen n\u00fctzt. Verb\u00fcndet mit Stalin konnte man noch Schlimmeres &#8211; den deutschen Faschismus &#8211; aus der Welt schaffen; und Adenauers \u201elieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb\u201c, war der westliche Anteil an der Teilung Europas. Besser sollte man deshalb auf allen Seiten dar\u00fcber nachdenken, warum das Thema \u201eWege zum Kommunismus\u201c durchaus wieder aktuell sein kann &#8211; nicht weniger als z.B. die Sehnsucht nach einem jenseitigen Paradies. Eigentlich gibt derSTANDARD schon in der erw\u00e4hnten Ausgabe eine Antwort. In der Umgebung von Bericht \u00fcber und Kommentar zu Gesine L\u00f6tzsch kommt in \u00dcberschriften drei Mal das Wort \u201eHass\u201c vor. Es geht dabei beileibe nicht um irrationalen Hass irgendwelcher verirrter kommunistischer Phantasten. Es geht um realen Hass und seine Sprache in der US-amerikanischen Gesellschaft, was einen jungen Mann mit t\u00f6dlichen Folgen zur Waffe greifen lie\u00df. Es geht um den Hass, den franz\u00f6sische Politik in Afrika hervorbringt. Es geht um ganz reale Konflikte der Gegenwart, die zu l\u00f6sen oder denen zu entgehen man Wege sucht. Vorstellungen von jenseitigen und diesseitigen Paradiesen spielen da immer eine Rolle. Versteht man unter Kommunismus eine ideale Gesellschaft frei von Ausbeutung und Gewalt, so ist es durchaus legitim, \u00fcber Wege dahin nachzudenken. Hat der Weg aber nichts mit dem Ziel zu tun, ja ist er gar kontr\u00e4r anders als das Ziel, so verliert er seine Legitimit\u00e4t. Dies oft brutalst missachtet zu haben kann man, muss man Kommunisten vorwerfen. Wer eine gerechtere und menschlichere Gesellschaft will, muss am Beginn des Weges damit anfangen. Da helfen keine Aufrechnungen von Untaten. Es hilft aber sehr wohl, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen M\u00e4chtigen und Ohnm\u00e4chtigen anzuprangern und ihre Ursachen in einer \u00d6konomie auszumachen, in der Erfolg einzig am Profit gemessen wird. Und jetzt w\u00e4re auch interessant zu wissen, welchen Sturm man entfachen w\u00fcrde, br\u00e4chte man Georg B\u00fcchners Parole \u201eFriede den H\u00fctten, Krieg den Pal\u00e4sten\u201c wieder in die politische Debatte. Georg B\u00fcchner hatte einst eine Polizeistation \u00fcberfallen, um sich f\u00fcr diesen Krieg zu bewaffnen. Dass er gescheitert ist, war nicht sein Verdienst. Heute werden in seinem Namen in Deutschland hoch dotierte Preise verliehen. Was sagt uns das? Nicht die Pal\u00e4ste wurden zerst\u00f6rt, sondern es wechselten die Besitzer. Und von ihnen geht wieder Gewalt aus gegen die H\u00fctten. Ergo: Es gibt kein letztes Gefecht. Gerechtigkeit, Menschlichkeit sind immer wieder neu zu erk\u00e4mpfen. Paradiese &#8211; und so auch der Kommunismus &#8211; entsprechen dabei legitimer Sehnsucht. Ihre Realisierbarkeit ist anzuzweifeln mit Einsicht in das Unab\u00e4nderliche &#8211; die Unab\u00e4nderlichkeit notwendiger Gefechte um soziale Gerechtigkeit und Humanit\u00e4t und die Unab\u00e4nderlichkeit der Permanenz der Auseinandersetzungen, so lange es Menschen geben wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kurz hatte das Rauschen im deutschen Medienwald auch \u00d6sterreich erreicht. Gleich zwei Beitr\u00e4ge widmet z.B. derSTANDARD am 10.01. dem Sturm im Wasserglas. Denn seien wir ehrlich, um mehr geht es doch nicht rund um den Vorwurf an Gesine L\u00f6tzsch, sich tats\u00e4chlich auf den Weg in den Kommunismus machen zu wollen. 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