{"id":661,"date":"2010-12-29T11:44:00","date_gmt":"2010-12-29T09:44:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=661"},"modified":"2010-12-29T11:44:00","modified_gmt":"2010-12-29T09:44:00","slug":"vom-gelobten-staat-und-seinen-gelubden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=661","title":{"rendered":"Vom gelobten Staat und seinen Gel\u00fcbden"},"content":{"rendered":"<p>Es war einmal ein Staat, der weihte sich seine Jugendlichen selbst, indem er sie dazu brachte, ein Gel\u00f6bnis abzulegen. Es gibt ihn nicht mehr! Oder doch? Schon wieder!<\/p>\n<p>Sprachgeschichtlich geh\u00f6ren W\u00f6rter wie \u201eloben\u201c, \u201egeloben\u201c, \u201eGel\u00fcbde\u201c, Gel\u00f6bnis\u201c und \u201eglauben\u201c zusammen. Meist begegnen wir ihnen in religi\u00f6sen Zusammenh\u00e4ngen. In den christlichen Kirchen gibt es Taufgel\u00f6bnisse, die schlie\u00dflich bedingungslos an den Glauben binden oder Gel\u00fcbde, sich in Liebe zu Gott bedingungslos vorgegebenen Regeln zu \u00fcberantworten, wie z.B. bei Ordenseintritten. \u201eDes Menschen Wille ist sein Himmelreich\u201c, sagt der Volksmund und deshalb ist es jedermanns und jeder Frau eigene Sache, Gel\u00fcbde abzulegen. Wenn es freiwillig geschieht, ist dagegen nichts einzuwenden und es geht am Ende auch niemanden etwas an. Inhaltlich interessant ist, dass solche Gel\u00fcbde und Gel\u00f6bnisse nicht nur Gott und den Glauben betreffen. Sie fordern \u00fcblicherweise auch t\u00e4tigen Widerstand gegen den Feind des Glaubens, der Gl\u00e4ubigen und ihres Gottes. \u201eWidersagt Ihr dem Teufel?\u201c, werden Katholiken z.B. gefragt, bei der Taufe, bei der Erstkommunion und bei der Firmung. \u201eWir widersagen!\u201c, ist die Antwort. \u00c4hnlich war es bei den Gel\u00f6bnissen zur Jugendweihe in der DDR. Hier sollten die Jugendlichen in die Pflicht genommen werden, f\u00fcr den Frieden und f\u00fcr ein demokratisches Deutschland einzutreten, den Sozialismus auch im Kampf zu verteidigen, die Sowjetunion ohnehin usw.. Es gab in der Zeit verschiedene Varianten dieses Gel\u00f6bnisses. Schon das Wort \u201eJugendweihe\u201c, wenn es auch nicht in der DDR erfunden wurde, sondern lange zuvor, und auch das \u201eGel\u00f6bnis\u201c brachten die N\u00e4he zum Religi\u00f6sen. Wie beim christlichen Taufgel\u00f6bnis wurden die Jugendlichen gefragt und sie antworteten: \u201eDas geloben wir!\u201c Zumindest in Sachsen verschluckten sie dabei dialektbedingt das \u201ee\u201c in der Vorsilbe, was ein \u201edas globen wir\u201c ergab und die Sache zwar ins L\u00e4cherliche, aber eben auch ins Religi\u00f6se r\u00fcckte.<\/p>\n<p>Es ist mit Recht zu fragen, ob eine solche Selbst\u00fcberh\u00f6hung des Staates, gerechtfertigt sein kann, auch wenn seine Ziele noch so gut. Einen Vorteil hat es f\u00fcr den Staat, es er\u00fcbrigt sich faktisch seine Legitimation durch die B\u00fcrger selbst, weil er sie mit dem Gel\u00f6bnis dazu bringt, ihn selbst bzw. die Ideen, die er vertritt, als Grundlage seiner Legitimit\u00e4t anzuerkennen. Nicht der Staat sichert seinen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern zu, dass z.B. ihre W\u00fcrde unantastbar sei oder alle Macht vom Volke ausgehe. Nein, der B\u00fcrger und die B\u00fcrgerin geloben, dass Staat und Staatsideen unantastbar seien und alle seine Macht vom Volk verteidigt wird. Im demokratischen Verfassungsstaat sollte eigentlich das Erstere gelten. Der Staat ist f\u00fcr seine B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger da, und zwar so, wie es diese wollen. Gel\u00f6bnisse und Glauben haben da keinen Platz. Engagement sehr wohl. Auch die heutige Jugendweihe folgt diesem Prinzip und hat das Gel\u00f6bnis abgeschafft. Dazu kann man die Jugendlichen nur begl\u00fcckw\u00fcnschen. <\/p>\n<p>Der Staat oder besser gesagt, jene, die ihn derzeit repr\u00e4sentieren und regulieren, wollen es anders. Sie haben in Sachsen ein Gel\u00f6bnis erfunden, das sich kurz \u201eExtremismusklausel\u201c nennt und dem sich Vereine und Verb\u00e4nde, vor allem aber Demokratieprojekte unterwerfen sollen, wenn sie Unterst\u00fctzung und Geld vom Staat wollen. \u201eHiermit best\u00e4tigen wir, dass &#8230;\u201c beginnt der Text &#8211; leicht ersetzbar durch \u201edas geloben wir\u201c, wenn das zu Best\u00e4tigende (Treue zum Grundgesetz) als Frage formuliert w\u00e4re. Der Text folgt auch im Weiteren dem Gel\u00f6bnis, das jetzt \u00fcblicherweise das Ja zum Kampf gegen alles Feindliche fordert. \u201eWir widersagen\u201c allem Extremistischen und \u201egeloben\u201c es aufdecken zu helfen, verlangt der Text doch, wenn er f\u00fcr eben dies Sorge zu tragen vom Gegen\u00fcber fordert. Wir sind angekommen! Der Staat ein Objekt des Glaubens und Gelobens, ein Orden, in Gel\u00fcbden seiner Mitglieder befestigt. Nichts mehr mit \u201eGesellschaftsvertrag\u201c. Keine Bindung mehr in demokratischer \u00dcbereinkunft. Allgemeine Verunsicherung, denn \u201edas B\u00f6se ist immer und \u00fcberall\u201c. Ja, man k\u00f6nnte wirklich lachen, w\u00e4re es nicht so ernst. Wenn eine Partei, die sich zum Christentum bekennt, Staat und Glauben verwechselt, stellt sie \u00fcbrigens auch ihren Glauben in Frage. \u201eGott hat dir nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit\u201c, sei ihnen deshalb mit Timotheus (2;1,7) ins Gebetbuch geschrieben.<\/p>\n<p>Geschrieben f\u00fcr &#8222;Sachsens Linke&#8220; 28.12.2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal ein Staat, der weihte sich seine Jugendlichen selbst, indem er sie dazu brachte, ein Gel\u00f6bnis abzulegen. Es gibt ihn nicht mehr! Oder doch? Schon wieder! 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