{"id":656,"date":"2010-12-22T14:22:01","date_gmt":"2010-12-22T12:22:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=656"},"modified":"2010-12-22T14:22:01","modified_gmt":"2010-12-22T12:22:01","slug":"vom-unterschied-zwischen-gesang-und-sprache-tief-verwurzelte-romafeindlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=656","title":{"rendered":"Vom Unterschied zwischen Gesang und Sprache &#8211; tief verwurzelte Romafeindlichkeit"},"content":{"rendered":"<p>Das Lied vom lustigen Zigeunerleben haben wir als Kinder in der Schule gesungen und beneideten die Zigeuner vor allem daf\u00fcr, dass sie nicht in die Schule zu gehen brauchten oder aber auch dem Kaiser kein Zins zu geben hatten. Mit Letzterem hatten wir noch keine Erfahrung, wohl aber mit solchen Menschen, die man Zigeuner nannte. Sie wohnten im ehemals ungarischen heute \u00f6sterreichischen Burgenland am Rande des Dorfes in einer eigenen Siedlung. Wir und ihre Kinder spielten miteinander, denn sie gingen sehr wohl in die Schule. Vor dem Essen bei ihnen riet man uns ab, denn angeblich sollte es dort Katze geben. Mir ist solches nie aufgefallen, obwohl ich manchmal dort auch gegessen hatte. In der Gro\u00dfstadt hatten sie zeitweilig Lager aufgeschlagen am Ufer des Donaukanals. Dort rannten wir Kinder, wenn es denn sein musste, mit Angst ganz schnell durch. Einst verfolgte mich dabei ein Pferd, das dann die starke Hand seines Besitzers stoppte und mir dadurch wohl einiges ersparte. Sonst passierte nichts. Geklaut wurden wir Kinder nicht, wie uns manche und mancher als m\u00f6gliches Schicksal zugeraunt hatten.<\/p>\n<p>Die Erwachsenen sangen oder h\u00f6rten andere Lieder \u00fcber oder von Zigeunern. Sehns\u00fcchtig kam die Schnulze aus dem Radio \u201eKomm Zigan, komm Zigan, spiel mir was vor &#8230;\u201c oder das Lied \u201eZigeunerjunge, Zigeunerjunge &#8230;\u201c Zigeunermusik war beliebt,  gesprochen wurde \u00fcber Zigeuner aber anders. Da glich ein Zimmer schon mal einem \u201eZigeunerlager\u201c, \u201ewir sind aber doch nicht bei den Zigeunern\u201c kam dann der Ruf zur Ordnung. <\/p>\n<p>Bereits das Wort \u201eZigeuner\u201c transportiert so viel Diskriminierung des Volkes bzw. der V\u00f6lker, das bzw. die damit benannt werden, dass es offensichtlich nicht mehr umzudeuten ist und sich die Betroffenen f\u00fcr \u201eSinti und Roma\u201c als Volksnamen entschieden haben. \u201eZiguner\u201c, \u201eSeguner\u201c, \u201eCig\u00e4wn\u00e4r\u201c begegnen uns schon in fr\u00fchen hochdeutschen Zeugnissen, auch \u201eZig\u00e4ner\u201c oder \u201eZiganer\u201c. Die Herkunft des Wortes ist nicht wirklich zu kl\u00e4ren. Man findet Wurzeln in slawischen Sprachen (z.B. \u201ecikan\u201c im Alttschechischen) oder meint, es stecke eine altgriechische Bezeichnung f\u00fcr eine ketzerische Sekte dahinter: \u201eAthinganoi\u201c. <\/p>\n<p>Wie auch immer. Entscheidend ist, welche Assoziationen dieses Wort f\u00fcr die von ihm Benannten in seiner Bedeutung mittr\u00e4gt. Mit dem Auftauchen des Wortes im 15. Jahrhundert in der deutschen Sprache tauchten zugleich die Assoziationen zum \u201efahrenden Volk\u201c, zu \u201eNomaden\u201c und zur Kriminalit\u00e4t auf. In den damaligen Rechtsquellen stehen die \u201eZigeuner\u201c immer auf gleicher Stufe mit \u201eBettlern\u201c, \u201eDieben\u201c, allgemein mit \u201eGesindel\u201c. In \u201eDeutsches Universalw\u00f6rterbuch\u201c aus dem DUDEN-Verlag (6. Auflage, 2007) finden wir als eine Bedeutungsvariante: \u201e(ugs. meist abwertend) jmd. der ein unstetes Leben f\u00fchrt.\u201c Genau gelesen entpuppt sich diese abwertende Variante als die eigentliche des allt\u00e4glichen Sprachgebrauchs. Die 4. Auflage dieses W\u00f6rterbuches (2001)  versucht in einer ersten Variante eine bereits weitgehend politisch korrekte, mit keiner Wertung verbundene Beschreibung der Lebensweise der mit dem Wort gemeinten Volksgruppe. \u201eZigeuner\u201c ist demnach ein \u201eAngeh\u00f6riger eines \u00fcber viele L\u00e4nder verstreut lebenden, meist nicht sesshaften u. mit Wohnwagen o.\u00c4. umherziehenden Volkes (wird von den Betroffenen selbst oft als abwertend empfunden &#8230;)\u201c Hier ist\u00a0eine abwertende Distanz im Bedeutungseintrag nicht ganz zu \u00fcbersehen. Diese macht ja auch erst den Hinweis in der Klammer verst\u00e4ndlich. Was hei\u00dft eigentlich \u201emit Wohnwagen o.\u00c4.\u201c?  Darauf gibt kein W\u00f6rterbuch Auskunft. Es ist wohl etwas im Vergleich zu einem Wohnwagen Primitiveres, Heruntergekommeneres gemeint &#8211; ein Pferdewagen, ein Planwagen, ein ungepflegtes, z.T. defektes Gef\u00e4hrt? Und was meint \u201eumherziehendes Volk\u201c? Wiederum im DUDEN-Universalw\u00f6rterbuch wird man sowohl in der 4. wie auch in der 6. Auflage vom Stichwort \u201eumherziehen\u201c auf \u201eherumziehen\u201c verwiesen und dort liest man als erste Bedeutung: \u201eunstet von einem Ort zum anderen ziehen.\u201c Wie es der Zufall des Alphabets will, folgt darauf unmittelbar das Stichwort \u201eherumzigeunern\u201c mit der Bedeutung \u201e(salopp abwertend): herumziehen, ohne festen Wohnsitz (u. richtigen Beruf) sein u. ungeordnetes, unstetes Leben f\u00fchren.\u201c  Die Reflexion der Abwertung als Bestandteil der Bedeutung des Wortes \u201eZigeuner\u201c liegt damit ebenfalls auf der Hand. In der 6. Auflage versucht man jedoch diese vollst\u00e4ndig zu eliminieren und gibt unter \u201eZigeuner\u201c als erste Bedeutungsvariante nur mehr an: \u201eAngeh\u00f6riger einer \u00fcber viele L\u00e4nder verstreut lebendenVolksgruppe.\u201c Hinzugef\u00fcgt wird in einem Kasten der Hinweis, dass diese Benennung von der Interessenvertretung der Volksgruppe als diskriminierend abgelehnt wird. Gut gemeint ist aber oft nicht gut gemacht. Denn jetzt enth\u00e4lt ja das Wort \u201eZigeuner\u201c &#8211; entgegen seinem alltagssprachlichen Gebrauch &#8211; in der Bedeutungsdefinition des W\u00f6rterbuches gar nichts Diskriminierendes mehr. Es k\u00f6nnte also wieder als verwendbar gelten und der Hinweis im Kasten als eine nicht begr\u00fcndbare Empfindlichkeit erscheinen.  <\/p>\n<p>Dialekte sind direkt und wenig \u00e4ngstlich, wenn es um Abwertung, Schimpfw\u00f6rter und Ablehnung geht. Als Beispiele daf\u00fcr seien ein Eintrag in \u201eErstes Burgenl\u00e4ndisches Mundart W\u00f6rterbuch\u201c (Franz Hannabauer, 2007) und in \u201eSteirisches Schimpfw\u00f6rterbuch\u201c (G\u00fcnther Jontes, 1998) genommen. In Ersterem finden wir unter dem Eintrag \u201eZigeina\u201c, \u201eSchimpfwort f\u00fcr einen verschlagenen, unverl\u00e4sslichen Menschen\u201c. Gleich im Anschluss ist vermerkt: \u201eZigeinahowan\u201c, \u201e,Zigeunerhafer\u2018, Peitschenhiebe als ,Doping\u2018 f\u00fcr die Pferde (um den Tieren mehr Leistung abverlangen zu k\u00f6nnen, da Hafer in schlechten, mageren Jahren &#8211; oder auch bei kleinen Pferdebauern, wie nat\u00fcrlich auch bei nicht sesshaften Zigeunern &#8211; Mangelware war).\u201c Mangelware war Hafer also bei verschiedenen Gruppen, die Peitsche als Ersatz f\u00fcr Nahrung wird aber prim\u00e4r mit den Zigeunern in Verbindung gebracht. Das \u201eSteirisches Schimpfw\u00f6rterbuch\u201c geizt gem\u00e4\u00df seiner Spezialisierung bei seinen Angaben f\u00fcr \u201eZigeuner\u201c nat\u00fcrlich nicht mit Abwertendem: \u201eBez. f\u00fcr unzuverl\u00e4ssigen, unsteten, herumstreunenden Menschen mit verwahrlostem \u00c4u\u00dferen; &#8230;\u201c Es bringt aber noch einen belehrenden Zusatz, der zun\u00e4chst auf die Geschichte des Wortes und des Volkes verweist, um uns dann zu sagen, \u201eDie Sprache der ,political correctness\u2018 der neunziger Jahre tabuisiert das Wort und trachtet, es durch die eigenen Stammesbezeichnungen wie Sinti und Roma zu ersetzen, wobei durchaus von ,Zigeunern\u2018 selber der altgebr\u00e4uchliche Name unbefangen verwendet wird. Wer stets von Roma und Sinti spricht, sollte beachten, da\u00df er dabei die Lowara und Kalderasch vergi\u00dft, die eine eigene Identit\u00e4t beanspruchen.\u201c Dies steht nicht nur im Widerspruch zu Anmerkungen in anderen, hier auch genannten W\u00f6rterb\u00fcchern, die darauf verweisen, dass die Betroffenen heute eben wegen der mit dem Wort \u201eZigeuner\u201c vielf\u00e4ltig verbundenen diskriminierenden Assoziationen die Benennung \u201eSinti und Roma\u201c bevorzugen. Der Verweis auf die Unvollst\u00e4ndigkeit der Aufz\u00e4hlung bei \u201eSinti und Roma\u201c ist ein nachgerade perfider Versuch, die Allt\u00e4glichkeit der Abwertung mit penibler Korrektheit zu retten.<\/p>\n<p>Dem kann man nur noch \u201eDornseiff, Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen (2000, leicht ver\u00e4nderter Nachdruck von 1959)\u201c entgegensetzen. In dieser Wortsammlung wird der Wortschatz der deutschen Sprache geordnet nach seiner Zuordnung zu und Verwendung in sachlichen Zusammenh\u00e4ngen. Da wird der \u201eZigeuner\u201c in die sprachliche Wirklichkeit geholt. Wir finden das Wort dort verzeichnet unter \u201eUnt\u00e4tig\u201c zusammen mit \u201eVagabund\u201c und \u201eZeitverschwender\u201c. Es steht unter \u201eVorhersagung\u201c neben \u201eZauberer\u201c und \u201eWahrsager\u201c. Zugewiesen wird das Wort den Sachgruppen \u201eReise zu Land\u201c, \u201eBetrug\u201c (in Nachbarschaft zu \u201eSpitzbube\u201c und \u201eStrauchdieb\u201c), \u201egesellschaftliche Herabsetzung\u201c (vereint mit \u201eVagabund\u201c und \u201eWicht\u201c). Dazu kommen noch Erw\u00e4hnungen unter \u201e\u00dcbersinnliches\u201c und \u201eAberglaube, Zauberei\u201c. Tr\u00f6sten wird es die Sinti und Roma sicher nur in Grenzen, dass es bei ihrer Eintragung unter \u201egesellschaftliche Herabsetzung\u201c einen Zusatz in Klammern gibt: \u201eZigeuner (und fast jedes ausl\u00e4ndische Volk)\u201c. Deutscher, franz\u00f6sischer und \u00fcberhaupt europ\u00e4ischer Alltag sind damit im W\u00f6rterbuch offenkundig geworden.<\/p>\n<p>Erschienen in: Roma. Es ist Zeit zu handeln! Hrsg. von der Delegation der Linken in der Konf\u00f6deralen Fraktion der Vereinigten Europ\u00e4ischen Linken\/Nordische Gr\u00fcne Linke. 2010, S. 46 &#8211; 48<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Lied vom lustigen Zigeunerleben haben wir als Kinder in der Schule gesungen und beneideten die Zigeuner vor allem daf\u00fcr, dass sie nicht in die Schule zu gehen brauchten oder aber auch dem Kaiser kein Zins zu geben hatten. Mit Letzterem hatten wir noch keine Erfahrung, wohl aber mit solchen Menschen, die man Zigeuner nannte. 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