{"id":652,"date":"2010-12-07T19:33:41","date_gmt":"2010-12-07T17:33:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=652"},"modified":"2010-12-07T23:21:17","modified_gmt":"2010-12-07T21:21:17","slug":"vom-fordern-ein-linguo-politischer-beitrag-zur-programmdebatte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=652","title":{"rendered":"Vom Fordern (ein linguo-politischer Beitrag zur Programmdebatte)"},"content":{"rendered":"<p>Mit dem Verb \u201efordern\u201c hat es im Programmentwurf offensichtlich eine besondere Bewandtnis. Es taucht insgesamt 32 Mal im Text auf. Daf\u00fcr ist er ja auch lang genug, k\u00f6nnte man meinen. Bei 25 Seiten ist das aber immerhin ein Vorkommen von 1,28 pro Seite. Das l\u00e4sst schon aufmerken, denn es w\u00e4re immerhin \u00f6fter als nur ein Mal auf jeder Seite. Das erreicht &#8211; Hilfsverben ausgenommen &#8211; keine andere Vertreterin dieser Wortart.<br \/>\nDer Durchschnitt ist jedoch das eine, die konkrete Verteilung das andere.<\/p>\n<p>Drei Mal finden wir das Verb kurz hintereinander im Abschnitt \u201eI. Woher wir kommen\u201c. Die \u201eArbeiterbewegung und die Frauenbewegung &#8230; forderten die Verwirklichung von Recht und Freiheit f\u00fcr alle Menschen\u201c, lernen wir. \u201eDie Friedensbewegung forderte die Abr\u00fcstung und vor allem die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen.\u201c Und schlie\u00dflich wird uns kundgetan: Michail Gorbatschow \u201e&#8230; forderte durch weitreichende Abr\u00fcstungsangebote und dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan 1988 zu neuem Denken auf.\u201c Drei Belege f\u00fcr das Verb auf knapp zwei Seiten. \u201eAuffordern\u201c stillschweigend hier zu \u201efordern\u201c gerechnet, ist das etwas mehr als der Durchschnitt. Man k\u00f6nnte also jetzt auch zwei Seiten Enthaltsamkeit vertragen. Diese geht aber deutlich weiter, n\u00e4mlich in meiner Textausgabe acht Seiten lang, bis zum Abschnitt \u201eIV. Linke Reformprojekte &#8211; Schritte gesellschaftlicher Umgestaltung\u201c. F\u00fcr den Linguisten zun\u00e4chst ein Wink mit dem Zaunpfahl, mit der Erbsenz\u00e4hlerei aufzuh\u00f6ren und sich einer inhaltlichen Analyse zuzuwenden, die allein die Disproportion des Vorkommens des Verbs erkl\u00e4ren kann.<\/p>\n<p>Die ersten drei Verwendungen des Verbs haben andere als DIE LINKE zum Subjekt: die Arbeiterbewegung und Frauenbewegung, die Friedensbewegung und Michail Gorbatschow. Die restlichen 29 Auftritte von \u201efordern\u201c sind jedoch erstens einzig dem Abschnitt IV. vorbehalten und zweitens der \u201eLINKE\u201c als dazugeh\u00f6riges Subjekt. \u201eDIE LINKE fordert\u201c, \u201ewir fordern\u201c von Seite 14 bis Seite 22. Einmal noch zur Erbsenz\u00e4hlerei zur\u00fcckgekehrt hei\u00dft das, in diesem Abschnitt tritt das Verb fast doppelt so h\u00e4ufig auf, als es der Durchschnitt vermuten lie\u00dfe &#8211; 2,3 Belege pro Seite. Das muss also etwas mit dem Titel des Abschnittes zu tun haben (\u201eLinke Reformprojekte &#8211; Schritte gesellschaftlicher Umgestaltung\u201c) und mit der Semantik des Verbs.<\/p>\n<p>Fangen wir mit der Semantik des Verbs an, um einem m\u00f6glichen Zusammenhang auf die Spur zu kommen: Die W\u00f6rterb\u00fccher zeigen uns zun\u00e4chst ein mehrdeutiges Verb und sie erz\u00e4hlen uns etwas \u00fcber seine Geschichte. Es geht auf das althochdeutsche \u201efordaron\u201c zur\u00fcck, was hei\u00dft, \u201edass jemand oder etwas hervorkommt.\u201c Schon diese urspr\u00fcngliche Bedeutungsvariante verweist uns darauf, dass bei dem Verb nicht nur ein Subjekt beteiligt ist, sondern noch etwas anderes bzw. jemand anderer. Das Duden Universalw\u00f6rterbuch definiert die aktuelle und f\u00fcr uns zust\u00e4ndige Bedeutung mit \u201eeinen Anspruch erheben u. ihn nachdr\u00fccklich kundtun; verlangen.\u201c  \u201eVerlangen\u201c wiederum wird bestimmt als \u201enachdr\u00fccklich fordern, haben wollen.\u201c Wenn sich hier, wie oft in den W\u00f6rterb\u00fcchern, die Katze ein wenig in den Schwanz zu bei\u00dfen scheint, wird doch eines zumindest schon erahnbar. Da muss noch jemand mit im Spiel sein, der oder die z.B. etwas hat, was man nicht hat, oder etwas kann, was man selbst nicht kann, was man aber dringend \u201ehaben will\u201c. Das in der DDR erschienene Handw\u00f6rterbuch der deutschen Gegenwartssprache sagt uns das deutlicher. Es erkl\u00e4rt uns die Bedeutung von \u201efordern\u201c mit \u201enachdr\u00fccklich etw. (von jmdm.) verlangen.\u201c   Hier ist der \u201eJemand\u201c explizit vermerkt, wenn auch in Klammern. D.h. nichts anderes als, man muss ihn in der \u00c4u\u00dferung nicht unbedingt nennen, er spielt aber mit.<\/p>\n<p>Wir sind bei des Pudels Kern. Tats\u00e4chlich bestehen \u201elinke Reformprojekte\u201c und unsere Vorschl\u00e4ge f\u00fcr \u201eSchritte gesellschaftlicher Umgestaltung\u201c 29 Mal in Forderungen. D.h., wir wollen etwas, k\u00f6nnen es auch benennen &#8211; aber nicht selbst verwirklichen. Wir fordern! Und unsere sch\u00f6nen Projekte und Reformschritte verkommen unter der Hand in Appelle an andere, etwas f\u00fcr uns und unsere Klientel zu tun, damit wir alle zufrieden sind. Sollte das wirklich unser Gesch\u00e4ft sein? Wir fordern?<\/p>\n<p>Ein schlauer Mensch hat einmal gesagt, \u201eSprache ist die Kleidung unserer Gedanken\u201c und ein anderer meinte, \u201eSprache ist dazu geschaffen, unsere Gedanken zu verbergen.\u201c  Beides ist hier der Fall. Die Haltung, wir h\u00e4tten legitime Anspr\u00fcche (was stimmt), erf\u00fcllen k\u00f6nnten und m\u00fcssten sie jedoch nur andere, zieht sich durch linke Politik und Programmatik. Im Verb \u201efordern\u201c kommt es zum Ausdruck. Mit dem Verb \u201efordern\u201c wird aber der Nachdruck beim Verlangen derart betont, dass der Appell an andere wie eine revolution\u00e4re Tat erscheint, also den eigentlichen Gedanken verbirgt. Ich meine, das steht uns nicht gut zu Gesicht. Wir sollten \u201ewollen\u201c \u201eanstreben\u201c, \u201eplanen\u201c, \u201eerzwingen\u201c &#8230;. Mit uns sollte sich was machen lassen.<\/p>\n<p>Zwei Nachs\u00e4tze: Die KP\u00d6 in der Steiermark hat am 4. Dezember 2010 bei ihrem Landesparteitag ein Aktionsprogramm verabschiedet, in dem folgende S\u00e4tze stehen: \u201eUns ist kein Problem der Leute zu klein. Gleichzeitig versuchen wir gemeinsam mit m\u00f6glichst vielen arbeitenden und gesellschaftlich engagierten Menschen ein Gegengewicht zur Offensive des Gro\u00dfkapitals aufzubauen &#8230; Die steirische KP\u00d6 ist gefordert, im Landtag, vor allem aber in der \u00d6ffentlichkeit und an der Basis alles zu tun, um diese Angriffe abzuwehren und gemeinsame Aktionen der Menschen zu erreichen &#8230;\u201c \u00a0\u201eIst gefordert\u201c &#8211; grammatisch ein Zustandspassiv, politisch eine (Auf-) Forderung an sich selbst zu handeln, aktiv zu werden. Doch wozu in die Ferne schweifen? Im Programmentwurf \u00a0findet sich im Zusammenhang mit der ersten Verwendung von \u201efordern\u201c bereits die Relativierung einer Strategie des Abw\u00e4lzens der Verwirklichung des Geforderten auf andere. Die ganze Wahrheit im Programmentwurf lautet: \u201eArbeiterbewegung und Frauenbewegung &#8230; forderten die Verwirklichung von Recht und Freiheit f\u00fcr alle Menschen. Doch erst die Befreiung aus der Herrschaft des Kapitals verwirklicht die sozialistische Perspektive der Freiheit und Gleichheit f\u00fcr alle Menschen.\u201c \u00a0Dass uns dies insbesondere Marx und Engels gezeigt haben, erfahren wir auch noch. Dass die Befreiungstat nicht andere f\u00fcr uns erledigen k\u00f6nnen, \u201ekein Gott, kein Kaiser noch Tribun, uns aus dem Elend zu erl\u00f6sen, k\u00f6nnen wir nur selber tun\u201c, singen wir doch sicher, wenn wir das Programm endg\u00fcltig verabschiedet haben werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Verb \u201efordern\u201c hat es im Programmentwurf offensichtlich eine besondere Bewandtnis. Es taucht insgesamt 32 Mal im Text auf. Daf\u00fcr ist er ja auch lang genug, k\u00f6nnte man meinen. Bei 25 Seiten ist das aber immerhin ein Vorkommen von 1,28 pro Seite. 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