{"id":624,"date":"2010-10-19T00:00:58","date_gmt":"2010-10-18T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=624"},"modified":"2010-10-19T00:00:59","modified_gmt":"2010-10-18T22:00:59","slug":"was-ware-wenn-oder-die-bedeutungslosigkeit-des-ausgangs-der-2-turkenbelagerung-von-wien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=624","title":{"rendered":"Was w\u00e4re wenn &#8230; oder die Bedeutungslosigkeit des Ausgangs der 2. T\u00fcrkenbelagerung von Wien."},"content":{"rendered":"<p>Die \u00c4lteren werden sie noch kennen, die \u201eRote Woche\u201c, den J\u00fcngeren hat man vielleicht von ihr erz\u00e4hlt. Es war die Einf\u00fchrungswoche, mit der im September jedes neue Studienjahr in der DDR begann. Nebst der Kl\u00e4rung organisatorischer Fragen diente sie vor allem der (Wieder-)Herstellung ideologischer Klarheit, die w\u00e4hrend der langen Semesterferien durchaus verloren gegangen sein konnte. Und so hielten Hochschullehrer und -lehrerinnen aller Fachgebiete Vorlesungen zu hochpolitischen Themen. Mir war deshalb z.B. im Jahre 1989 die Ehre zuteil, das damalige zweite Studienjahr von der Sieghaftigkeit des Sozialismus zu \u00fcberzeugen. Was tun, wenn auf der Stra\u00dfe bereits die ersten Montagsdemos stattgefunden hatten? Nun, ich war im Sommer des gleichen Jahres in dringenden Familienangelegenheiten in Wien, blickte auch wieder vom Kahlenberg auf die Stadt. Dort gibt es eine Gedenktafel, die an die Befreiung des 1683 schon zum zweiten Mal durch die T\u00fcrken belagerten Wien durch ein \u00fcber den Kahlenberg kommendes Entsatzheer christlicher Truppen unter dem Polenk\u00f6nig Sobieski erinnert. Das christliche Europa war f\u00fcr immer gerettet. Dies brachte mich auf die Idee, in der besagten Vorlesung einfach zu behaupten, dass, egal wer 1683 bei Wien schlie\u00dflich gewonnen h\u00e4tte, die entscheidende Frage der Geschichte nicht die um die Sieghaftigkeit von Islam oder Christentum sei, sondern immer die, wie die sozialen Fragen gel\u00f6st w\u00fcrden. Und auch wenn auf dieser Tafel heute vermerkt w\u00e4re, bei Wien hat Kara Mustafa mit seiner Armee Europa f\u00fcr den Islam gerettet, st\u00fcnde die Frage \u201eSozialismus ja oder nein\u201c auf der Tagesordnung.<br \/>\n\u201eEs irrt der Mensch so lang er strebt\u201c erfahren wir von Goethe in seinem Faust. Vorbei war es noch im gleichen Jahr mit dem Sozialismus, jedenfalls mit jenem, der sich \u201ereal existierender\u201c nannte\u201c. Aber strenger denn je steht die Frage auf der Agenda, wie dieses christliche Europa und zumal das christliche Deutschland mit den gef\u00e4hrlichen Leuten umgehen soll, die dem Islam anh\u00e4ngen. Jedenfalls ist das so, wenn man dem Rauschen im Bl\u00e4tterwald und in den \u00c4therwellen Glauben schenkt. Ich aber bleibe \u00fcberzeugungsstarr bei meiner Aussage vor dem zweiten Studienjahr anno 1989. Freilich geht es seit Olims Zeiten hei\u00df her zwischen Christentum und Islam. Da tobten sich im \u201eHeiligen Land\u201c die Christen mit ihren Kreuzz\u00fcgen gegen die Muselmanen aus und schnappten sich nur so nebstbei noch unendliche Sch\u00e4tze, sicherten Wege weiter hinein nach Asien. Andererseits eroberten die Mauren betr\u00e4chtliche Teile Spaniens und S\u00fcdfrankreichs und setzten sich dort etwa 200 Jahre fest. Vieles zeugt heute noch davon z.B. in Architektur und Mathematik.  Und sogar in der deutschen Sprache tummeln sich noch etwa 400 W\u00f6rter arabischer Herkunft. Darunter sind nicht nur der \u201eHarem\u201c oder die \u201eZiffer\u201c, sondern auch der \u201eKoffer\u201c, der \u201eAlkohol\u201c, der \u201eAdmiral\u201c oder die \u201eHavarie\u201c. Da haben ja die Islamisten noch einen Koffer in Berlin, m\u00f6chte man kalauern. Nein, die Frage ist ernster! Nat\u00fcrlich darf man die Grausamkeit der K\u00e4mpfe nicht vergessen. Die K\u00e4mpfe zwischen Mohammedanern und Christen waren jedoch stets die K\u00e4mpfe der da oben, der K\u00f6nige, Kaiser, P\u00e4pste, Sultane und Kalifen. Die da unten hatten nichts zu melden. Man hat sie mit der jeweiligen Religion nur bei der Stange und bei den Waffen gehalten &#8211; manchmal mehr, manchmal weniger fundamentalistisch. Und deshalb stand f\u00fcr die da unten vielleicht die Frage, wer geht grausamer mit uns um. Keine falsche Frage! Es stand aber f\u00fcr sie tats\u00e4chlich nie die Frage, wer vertritt eigentlich unsere Sache. Und so ist das heute noch. Radikalisierte Spielarten des Islam m\u00f6gen derzeit die gef\u00e4hrlichsten Gegner europ\u00e4isch-amerikanisch organisierter kapitalistischer Anma\u00dfung um Weltherrschaft sein. Solche Radikalit\u00e4t in religi\u00f6ses Gewand gekleidet jagt auch dem christlichen \u201eKleinen Mann\u201c und der christlichen \u201eKleinen Frau\u201c Angst ein. Vor lauter Angst vergessen sie dann den Skandal um Hartz IV. Vor lauter Angst vergessen sie, wer in Afghanistan Eindringling ist. Vor lauter Angst glauben sie, ihre Toten in Afghanistan dienten der Zur\u00fcckdr\u00e4ngung des Terrorismus. Und sie sehen nicht, dass dieser erst durch fremde Heere in Afghanistan gez\u00fcchtet wird. Seit dem 19. Jahrhundert stehen moderne europ\u00e4ische Armeen in Afghanistan. Aber nicht um das Christentum zu verteidigen, sondern um die Wege zu den Reicht\u00fcmern Asiens zu sichern. Und w\u00e4ren wir alle Mohammedaner und die Taliban Christen, dann ginge es eben am Hindukusch um die Rettung des islamischen Abendlandes und seiner Freiheit die Welt auszubeuten. <\/p>\n<p>Geschrieben f\u00fcr &#8222;Sachsens Linke&#8220; 18.10.2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00c4lteren werden sie noch kennen, die \u201eRote Woche\u201c, den J\u00fcngeren hat man vielleicht von ihr erz\u00e4hlt. Es war die Einf\u00fchrungswoche, mit der im September jedes neue Studienjahr in der DDR begann. Nebst der Kl\u00e4rung organisatorischer Fragen diente sie vor allem der (Wieder-)Herstellung ideologischer Klarheit, die w\u00e4hrend der langen Semesterferien durchaus verloren gegangen sein konnte. 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