{"id":620,"date":"2010-09-17T00:48:24","date_gmt":"2010-09-16T22:48:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=620"},"modified":"2010-09-17T08:59:48","modified_gmt":"2010-09-17T06:59:48","slug":"die-zustellung-eines-eilbriefes-zwanzig-jahre-spater-oder-zwei-arten-zu-singen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=620","title":{"rendered":"Die Zustellung eines Eilbriefes zwanzig Jahre sp\u00e4ter oder zwei Arten zu singen"},"content":{"rendered":"<p>Vielleicht kennt ihn nicht mehr jede und jeder, den Otto Reutter, der seine Couplets in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts sang. Eines hatte den Titel \u201eZwanzig Jahre sp\u00e4ter\u201c und wollte uns launig beibringen, dass sich die wahren Verh\u00e4ltnisse eben immer erst zwanzig Jahre sp\u00e4ter herausstellen; und auch ein Eilbrief manchmal erst nach dieser Zeit seinen Adressaten oder seine Adressatin erreicht.<br \/>\nZwanzig Jahre sp\u00e4ter kann manchmal auch vierzig Jahre sp\u00e4ter sein. Das war vielleicht mit der DDR so. Ich erinnere mich noch sehr gut des zwanzigsten Jahrestages dieses Landes. Um ihn geb\u00fchrend zu w\u00fcrdigen, lachte uns ein h\u00fcbsches M\u00e4dchen von den Plakaten an. \u201eIch bin zwanzig\u201c wurde uns vermeldet. Die Republik und das M\u00e4dchen waren es und beide wollten die Kraft und Sch\u00f6nheit der Jugend f\u00fcr sich in Anspruch nehmen und geliebt werden. Zwanzig Jahre sp\u00e4ter kam es jedoch noch schlimmer als bei Otto Reutter. Der riet allen frisch Verliebten, sich die Mutter der Begehrten anzusehen, um zu ahnen, was sie zwanzig Jahre sp\u00e4ter erwarten k\u00f6nnte. Solches ist aus heutiger Sicht politisch nat\u00fcrlich nicht korrekt. Mit der DDR kam es jedoch ohnehin ganz anders. Zwanzig Jahre sp\u00e4ter, also zum vierzigsten Jahrestag, stellte sich das junge M\u00e4dchen als F\u00e4lschung heraus. Wir begegneten gar keiner reifer gewordenen Frau, sondern einem \u00fcberalterten M\u00e4nnerzirkel, der sich Politb\u00fcro nannte und der seine Altersleiden auf die von ihm verwaltete Republik \u00fcbertragen hatte. Der Tod kam recht pl\u00f6tzlich. Trauer ist  verst\u00e4ndlich. R\u00fcckg\u00e4ngig ist nichts mehr zu machen. Aber es gab ja ein Neugeborenes &#8211; das vereinigte Deutschland.<br \/>\nSozusagen als Eilbrief trat es in die Geschichte ein. Es konnte vielen nicht schnell genug gehen, der Brief mit der Geburtsanzeige war hurtig geschrieben, Marke drauf, ab zur Post. Die Menschen warteten auf die Nachricht. In der Eile war nicht genau zu erkunden, was denn noch so alles in diesem Brief drin stand. Erfreuliches? Unerfreuliches? So schnell war das auch nicht heraus zu bekommen. Der Brief wurde nicht sofort zugestellt, jedenfalls nicht als Ganzes. Anstelle des kompletten Briefes gleich, gab es nur Versprechen \u00fcber gute Nachricht, zum Beispiel \u00fcber bl\u00fchende Landschaften. Jetzt aber, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, ist der Brief endg\u00fcltig und vollst\u00e4ndig angekommen.<br \/>\nIst ja gar nicht alles schlecht, was drin steht: Die Welt steht uns offen, ist die gute Nachricht. Nat\u00fcrlich nur, wenn man das Geld daf\u00fcr hat, ist die schlechte Nachricht. Wir haben eine soziale Marktwirtschaft, ist die gute Nachricht. Sozial ist aber nur m\u00f6glich, wenn der Markt dies hergibt bzw. die am Markt es hergeben wollen, ist die schlechte Nachricht. Unsere St\u00e4dte und D\u00f6rfer ziert ein freundliches Gesicht und in der DDR verfallene Bausubstanz ist saniert und bewohnbar gemacht, ist die gute Nachricht. Wohnen kann darin aber nur mehr der und die, die das viele Geld daf\u00fcr aufbringen k\u00f6nnen, ist die schlechte Nachricht. Wir haben eine moderne Medizin mit guten Apparaten und vorz\u00fcglichen Arzeneien, ist die gute Nachricht. Alles ist aber so teuer, dass sich das immer weniger noch leisten k\u00f6nnen, ist die schlechte Nachricht usw. usw. Und es gibt auch schlechte Nachrichten ohne gute Nachrichten als Ausgleich: Kriege kann man wieder f\u00fchren &#8211; in Jugoslawien, in Afghanistan und auch heimlich anderswo. Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer \u00e4rmer. Neid bringt da nichts, steht im Brief, geh\u00f6rt sich nicht &#8211; jedenfalls nicht f\u00fcr die unten. Die oben d\u00fcrfen nat\u00fcrlich schon peinlich darauf achten, dass da unten niemand zu viel bekommt. Die Jugend aber schaut optimistisch in die Zukunft. Naja, nicht die gesamte. Die aus einkommensschwachen Schichten, die aus sozial prek\u00e4ren Gruppen, die, die halt nicht viel haben und nicht selten auch einfach zu wenig, die tr\u00fcben dieses hoffnungsvolle Bild. Wer betuchte Eltern hat, dem oder der wird es aber gut gehen. Ist doch wiederum eine gute Nachricht! \u201eDenn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird die F\u00fclle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden\u201c (Matth\u00e4us 25,29). Das ist christlich. Das ist sozial.<br \/>\nEs waren offensichtlich zwei Briefe, die vor zwanzig Jahren geschrieben wurden. Einer f\u00fcr jene, die haben, und einer an jene, die halt nicht haben. F\u00fcr Letztere bleibt allein der von Otto Reutter gesungene Trost: \u201eIn f\u00fcnfzig Jahren ist alles vorbei!\u201c<br \/>\nAber Moment! Da irrt der S\u00e4nger: Er hat es vor mittlerweile neunzig Jahren gesungen und es ist dennoch alles beim Alten geblieben. Hierzulande zwar mit einer Unterbrechung von vierzig Jahren, die aber bei aller Hoffnung nicht die L\u00f6sung brachte. Es bleibt nichts \u00fcbrig. Wir singen weiter \u201eWacht auf Verdammte dieser Erde &#8230;\u201c<br \/>\nGeschrieben f\u00fcr Sachsens Linke, 16.09.2010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vielleicht kennt ihn nicht mehr jede und jeder, den Otto Reutter, der seine Couplets in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts sang. 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