{"id":1238,"date":"2023-12-07T12:49:31","date_gmt":"2023-12-07T10:49:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1238"},"modified":"2023-12-07T12:49:31","modified_gmt":"2023-12-07T10:49:31","slug":"advent-fuer-linke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1238","title":{"rendered":"Advent f\u00fcr Linke"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Christinnen und Christen ist der Advent eine hoffnungsvolle Periode des Wartens auf die Geburt des Erl\u00f6sers. Sie singen, \u201etauet Himmel den gerechten, Wolken regnet ihn herab\u201c, und gewinnen dabei die Sicherheit der Erf\u00fcllung ihres Flehens. \u201eGabriel flog schnell hernieder, kehrte mit der Antwort wieder, sieh ich bin die Magd des Herrn, was er will erf\u00fcll ich gern.\u201c Jetzt beginnt ein neues Kirchenjahr und ein neuer Versuch, \u00fcbers Jahr \u00fcber den Tod des Erl\u00f6ser hinauszukommen. Seiner Geburt folgen sein Tod und diesem die Auferstehung. Zwar verl\u00e4sst er die zu erl\u00f6sende Welt bald wieder gen Himmel, aber er hinterl\u00e4sst den Glauben an sich und seine historische Mission, worin immer wieder die Kraft auf einen Neuanfang liegt. Christen und Christinnen geht es gut. Sogar ihr Tod wird schlie\u00dflich im Glauben \u00fcberwunden.<br \/>\nUnd die anderen? Zum Beispiel wir Linken? \u201eUns aus dem Elend zu erl\u00f6sen, das m\u00fcssen wir schon selber tun,\u201c wird von uns gesungen; kein Vertrauen in einen, der das f\u00fcr uns macht, nicht in Gott und nicht in Kaiser und Tribun. Eine Menge aber an Selbstvertrauen, schon seit geraumer Zeit, mit unterschiedlichem Erfolg, am Ende aber nur mit Niederlagen. Fehlt uns ein Gott oder liegt es an uns selbst? Es liegt an uns selbst. Eine niederschmetternde Erkenntnis, die uns auch unsere Vordenker:innen hinterlassen haben. Wir sind unsere eigenen Messiasse. Nur wir k\u00f6nnen uns unseren eigenen Advent schaffen. Sein gl\u00fcckliches Ende verschwand jedoch immer wieder in der Entt\u00e4uschung. Freilich auch die gebiert unsere eigene Verantwortung.<br \/>\nDer Zeugungsakt ist der Streit. Kein Streit um die Wahrheit, kein Streit um den richtigen Weg zu Erl\u00f6sung, nur ein Streit um das Recht-haben. Was dem Streit Richtung und Ergebnis geben k\u00f6nnte, n\u00e4mlich kluge Worte von \u201eKlassiker\u201c genannten Menschen, werden selbst zum Gegenstand meist unvers\u00f6hnlichen Streits um ihr richtiges Verst\u00e4ndnis. Deshalb bleibt die Geschichte der Linken eine Geschichte der Spaltungen, sprich: der einfachsten, aber erfolglosesten L\u00f6sungen von Dissens. Einigkeit von Linken war nur selten und immer nur f\u00fcr kurze Zeit vor der n\u00e4chsten Spaltung im Diskurs erreichte Einigkeit. Zeitweilig war sie erzwungene. Ach ja, erzwungene Einigkeit hielt zwar l\u00e4nger, endete aber in noch gr\u00f6\u00dferen Misserfolgen.<br \/>\nWas tun? Jetzt die Frage gestellt, hilft auch Lenin nicht mehr. Langsam kommen Zweifel auf, ob Linke wirklich die Richtigen sind, um das in der Geschichte zu bewirken, was sie sich selbst als Aufgabe vorschreiben. Wohlgemerkt, es geht um Die \u201eLinken\u201c, nicht um eine Partei \u201eDie Linke\u201c oder wie auch immer sie hei\u00dfen mag, die aber den Anspruch vertritt, Menschen zu bef\u00e4higen, ihre Geschichte selbst zu machen. Letzteres wird aber wegen der real existierenden und real existierend gewesenen Linken immer mehr zur Schim\u00e4re.<br \/>\nDie Konservativen und Konterrevolution\u00e4re von Rechts bis in unsere Reihen haben uns den Fetisch Eigentum und Geld zum Erhalt ihrer Einheit voraus. Selbst als Linke vorgaben, (Volks-)Eigentum geschaffen zu haben, wurden es von seinen Sachwaltern sofort aufgegeben, als andere danach griffen, und niemand war da, um es zu verteidigen. Wir waren wieder blank, nur mehr ausgestattet mit unseren Ideen &#8211; aber genau in denen lauerte immer die Spaltung. Die Theorie wurde zerst\u00f6rerische Gewalt, als sie uns zwar ergriff, aber keine nachhaltige, st\u00e4ndig neu zu \u00fcberpr\u00fcfende, gegen Angriffe resistente Praxis schuf.<br \/>\nIhre Sicherheit war labile, undemokratische Gewalt, die auf \u00dcberzeugung der Massen pfiff. \u201eGenossen, mit der Macht lassen wir nicht spielen\u201c, sagten jene, die nicht wussten, was zu machen w\u00e4re, als man ihnen die Macht nahm.<br \/>\nGibt es dennoch einen linken Advent?<br \/>\nDie Antwort ist \u201eNein\u201c, sagt die mittlerweile Jahrhunderte \u00fcberdauernde Erfahrung. Die Antwort muss \u201eJa\u201c sein, fordert eine vielleicht schon Jahrtausende \u00fcberlebende Sehnsucht. Marx und Engels, die origin\u00e4ren Tr\u00e4ger der dialektischen Einheit von linker Sehnsucht, Vernunft und auch schon einiger einschl\u00e4giger Erfahrung m\u00fcssen nicht in jedem Punkt und Komma zu den ersehnten und akzeptierten Erl\u00f6sern werden, wohl aber im \u201emessianischen\u201c Kern ihrer Aussagen. Diese sind nicht g\u00f6ttlichen Ursprungs (der gr\u00f6\u00dfte Vorteil, weil sie sonst nur von Menschen erdacht w\u00e4ren, nicht jedoch erkannt), sie fu\u00dfen vielmehr in rationaler Analyse des  \u201eSo-Seins\u201c gesellschaftlicher Welt sowie der Extrapolation ihrer m\u00f6glichen menschlichen Zukunft. Ihr \u201eManifest der Kommunistischen Partei\u201c war zun\u00e4chst eine analytische Abrechnung mit allen zeitgen\u00f6ssischen Spielarten von \u201eSozialismus\u201c. Es kam ein bunter Reigen zusammen, in dem nicht Harmonie der Bewegung angesagt war, sondern jede Menge Dissonanzen und Fu\u00dftritte. Es ging um den \u201ekleinb\u00fcrgerlichen Sozialismus\u201c, um den \u201edeutschen oder \u201awahren\u2018 Sozialismus\u201c, den \u201ekonservativen oder Bourgeoissozialismus\u201c und schlie\u00dflich den \u201ekritisch-utopistischen Sozialismus oder Kommunismus\u201c. Sie begr\u00fcndeten sich alle in entt\u00e4uschten oder erdachten Klasseninteressen, in (frommen) W\u00fcnschen und in eingebildetem Sendungsbewusstsein. Vor der gesellschaftlichen Realit\u00e4t konnten sie als Zukunftskonzepte nicht standhalten.<br \/>\nWir wissen das alles seit langem, wir haben das alles schon oft gelesen, wir kennen der Weisheit letzten Schluss: Es sind Klassen in der Gesellschaft, die im Kampf Geschichte machen, und es ist die Arbeiterklasse, die das Tor ins \u201eReich der Freiheit\u201c er\u00f6ffnen kann, sowohl f\u00fcr und \u00fcber die Freiheit der einzelnen Individuen und zugleich nur mit Hilfe der Einheit der Klasse: Die Freiheit jeder und jedes Einzelnen ist die Garantie f\u00fcr die Freiheit aller und die Erf\u00fcllung der Vereinigung der Proletarier aller L\u00e4nde, die unabdingbare Voraussetzung f\u00fcr den Erfolg. Jetzt haben wir Ziel und unverzichtbare Handlungsbasis zur Erreichung des Ziels in dialektischer Einheit und K\u00fcrze. Es sind die Lichter des Adventskranzes angez\u00fcndet: Zweifel an allem ( erstes Licht ), strenge Analyse von Ideen und Wirklichkeit, auch in ihrem Verh\u00e4ltnis (zweites Licht), begr\u00fcndbare Erkenntnis \u00fcber den Weg zu einer ersehnten menschlichen Gesellschaft (drittes Licht), Herstellung der Voraussetzung f\u00fcr alles weitere einschl\u00e4gig sinnvolle Handeln (viertes Licht).<br \/>\nReicht das aus?<br \/>\nSicher nicht! Wir verharren immer noch im Reich der Ideen, in dem man sich im Streit eigentlich nur verirren kann. Es fehlt das materialistische Ziel des Handelns. Es fehlt sozusagen der Weihnachtsbaum, das leuchtende Ziel, das im Ergebnis real behangene, geschm\u00fcckte, und mit dem Schmuck benutzbare Objekt aller Sehnsucht. Marx hat zum Beispiel weitergedacht in \u201eDas Kapital\u201c. Er bestimmt das entscheidende Handlungsziel und die unabdingbare Grundlage des Reiches der Freiheit, die Expropriation der Expropriateure. Sie wird das Werk sein einer Diktatur des Proletariats. Und genau daran ist die Klasse bis heute gescheitert. Sie hat wohl schon expropriiert und durch ihre Vertreter:innen auch zur Gen\u00fcge simple Diktatur praktiziert. Nur was hatte die Klasse davon? Sie wurde damit nicht neuer Eigent\u00fcmer und als Klasse Herrscher \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse. Die Klasse hatte kein Bewusstsein davon, Eigent\u00fcmer und kollektiver \u201eDiktator\u201c zu sein. Sie hatte sich bisher nichts wirklich und dauerhaft angeeignet, wie auch immer es versucht wurde. Ohne Eigentum aber gibt es keine Einigkeit. Das lehrt uns, wie gesagt, das Eigentum der bisher besitzenden Klassen. Eigentum setzt dem Streit der guten und schlechten Ideen die Grenzen. Der Streit geht letztendlich um die Sicherung des  Eigentums und findet so immer wieder sein Finale in der Diktatur der Eigent\u00fcmer. Aktuell bleibt der Kapitalismus deshalb allem erdachten oder auch real existierenden Sozialismus\/Kommunismus \u00fcberlegen, ideologisch, politisch und praktisch.<br \/>\nDer Weihnachtsbaum meiner Kindheit war gut behangen mit S\u00fc\u00dfigkeiten. So lange der Baum in der Stube stand, war der Baumbehang tabu. Danach wurden die S\u00fc\u00dfigkeiten gerecht &#8211; auch sozial gerecht &#8211; aufgeteilt; gleich viel f\u00fcr jedes Kind, etwas weniger f\u00fcr die Eltern. Davor achteten wir alle darauf, dass keine\/r heimlich etwas f\u00fcr sich nahm. Der Baum und sein s\u00fc\u00dfer Schmuck war kollektives Eigentum der Familie. Nur sein Schutz brachte (gleichgestellten) Vorteil f\u00fcr alle.<br \/>\nAlso nochmal: De omnibus dubitandum! Haben Linke jemals die Expropriation der Expropriateure nachhaltig zu Ende gebracht? Haben Linke ausreichend analysiert, warum das nicht geklappt hat, warum sie darin allem bisherigen Eigentum und seiner Eigent\u00fcmern unterlegen waren? Nein, sie haben offensichtlich nicht und konnten deshalb auch keine weiterf\u00fchrenden Erkenntnisse \u00fcber eine nachhaltige, die Klasse selbst \u00fcberzeugende politische Praxis erringen.<br \/>\nDer Geburt des \u201eMessianischen\u201c war deshalb zwangsl\u00e4ufig sein Tod gefolgt. Eine Himmelfahrt irgendwelcher gottgleich gedachter Propheten gab es nicht. Sie sind nur, wie alle Menschen auch, gestorben. Linke selbst m\u00fcssen die \u201eFrohe Botschaft\u201c weiterschreiben und deren \u201eAuferstehung\u201c organisieren; mit Zweifel, durch Analyse, in Einigkeit wegen des gemeinsamen Ziels, das nicht in Rechthaberei besteht, sonder ganz materialistisch in zumindest einem nachvollziehbaren Konzept einer neuen Art des Eigentums als auch seiner Sicherung; ein Eigentum als Erl\u00f6sung, das nicht neuerliche Expropriation provoziert, sondern stabil den Nutzen aller mehrt, nicht weil wir uns das schw\u00f6ren, sondern weil es nichts anderes zul\u00e4sst.<\/p>\n<p><!-- \/wp:paragraph --><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Christinnen und Christen ist der Advent eine hoffnungsvolle Periode des Wartens auf die Geburt des Erl\u00f6sers. Sie singen, \u201etauet Himmel den gerechten, Wolken regnet ihn herab\u201c, und gewinnen dabei die Sicherheit der Erf\u00fcllung ihres Flehens. \u201eGabriel flog schnell hernieder, kehrte mit der Antwort wieder, sieh ich bin die Magd des Herrn, was er will [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":[]},"categories":[1],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pBNn2-jY","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1238"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1238"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1238\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1241,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1238\/revisions\/1241"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1238"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1238"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1238"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}