{"id":1209,"date":"2021-10-12T16:21:42","date_gmt":"2021-10-12T14:21:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1209"},"modified":"2021-10-12T16:21:43","modified_gmt":"2021-10-12T14:21:43","slug":"vom-linken-sprechen-mit-der-klasse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1209","title":{"rendered":"Vom linken Sprechen mit der Klasse"},"content":{"rendered":"<p>Im Grunde ist es eine Binsenweisheit, dass die Partei DIE LINKE f\u00fcr jene da sein sollte, die sich am unteren Ende der sozialen Hierarchien und der Einkommensstufen befinden. Ich glaube nicht, dass es f\u00fcr die Anerkennung einer solchen Selbstverst\u00e4ndlichkeit gro\u00dfe Auseinandersetzungen in der Partei braucht. Dennoch sollten wir immer wieder kontrollieren, ob wir diesem Anspruch auch gerecht werden, programmatisch und praktisch in unserem politischen Handeln. Dazu braucht es Kommunikation, Kommunikation mit jenen Schichten der Bev\u00f6lkerung, f\u00fcr die wir uns erfolgreich und bei den Betroffenen auch verst\u00e4ndlich einsetzen wollen. Freilich ist das gar nicht so einfach, wie man vielleicht denkt. Es gen\u00fcgt nicht  unseren Anspruch zu formulieren und ihn ausf\u00fchrlich in geschliffener Sprache zu begr\u00fcnden. Wir m\u00fcssen auch mit der Sprache derer umgehen k\u00f6nnen, die wir vertreten wollen. Das hei\u00dft nicht zu versuchen, so zu sprechen wie diese, sondern wir m\u00fcssen lernen ihnen zuzuh\u00f6ren und zu verstehen, was sie sagen und vor allem wie sie es sagen.<br \/>\nSeit \u00fcber 50 Jahren und wahrscheinlich auch schon l\u00e4nger ist dies in den Schriften zur Arbeiterbildung bekannt. Die hier gemeinten Menschen reden \u00fcber ihre soziale Lage nicht in komplizierten, von detaillierter Analyse gepr\u00e4gten Texten, sondern &#8211; so nennt es Oskar Negt 1968 in seinem Buch Soziologische Phantasie und exemplarisches Lernen . Zur Theorie der Arbeiterbildung &#8211; in einer Sprache \u201eimpliziter Bedeutungen\u201c. Dabei fassen Menschen ihre sozialen Erfahrungen in einfachen \u00c4u\u00dferungen zusammen, denen aber ihre gesamte Erfahrungswelt zugrunde liegt. Sprechen sie zum Beispiel \u00fcber Arbeitslosigkeit, so zergliedern sie ihre Erfahrung nicht in Ursache, Auswirkung und Auswegm\u00f6glichkeiten, sondern allein mit diesem Wort wird alles ausgesprochen, schwingt ihre gesamte Betroffenheit von Arbeitslosigkeit als Erleben, Angst, Widerstand und Bew\u00e4ltigung mit, ohne dies im Einzelnen auszubreiten. Ihre erlebte Stellung in der Gesellschaft b\u00fcndelt sich oft in Aussagen wie: \u201eN\u00fctzt ja alles nichts\u201c. \u201eDu wei\u00dft schon\u201c. \u201eUnd? Wer wird es wieder bezahlen?\u201c. \u201eDie sind doch alle gleich\u201c. \u201eDer Teufel schei\u00dft immer auf den gr\u00f6\u00dften Haufen\u201c. Usw- usw. Solche S\u00e4tze greifen auf die Annahme gemeinsamer Erfahrung genau so zur\u00fcck wie auf die Annahme daraus resultierender Solidarit\u00e4t. Es ist zugleich resignativ und aggressiv, hilflos und kampfbereit. Es ist getragen von Klasseninstinkt, geboren in Klassenerfahrung, nicht aber schon von Klassenbewusstsein. So sprechen die Menschen nicht als analysierende Vertreter*innen der Klasse, sondern als Betroffene der Klassengesellschaft. Fragt man nach, bekommt man deshalb h\u00f6chst selten systematische Durchdringung der Lebenssituation und entsprechende Schlussfolgerungen. Es werden vielmehr Geschichten \u201eaus dem Leben\u201c erz\u00e4hlt. Auf die kommt es aber an. Sie erz\u00e4hlen von der Klassenlage. In diesen Geschichten bekommen Menschen ihre Identit\u00e4t als Mitglieder einer Klasse. Die Klasse ist aber bereits eine h\u00f6here Abstraktion. Zuerst ist es das konkrete Leben, das pr\u00e4gt, das konkrete Leben von Kassierer*innen, Lagerarbeiter*innen, Migrant*innen, Juden und J\u00fcdinnen, und vielen anderen mehr.<br \/>\nDie AfD n\u00fctzt das geschickt. Sie erz\u00e4hlt die Geschichten undifferenziert weiter. Sie verwandelt dabei aggressive Hilflosigkeit in aggressive Frechheit. Freilich auch nicht mehr, erzielt dabei jedoch offensichtlich den Effekt, als welche wahrgenommen zu werden, die sich was trauen. Dass sie deshalb noch nichts k\u00f6nnen, ist nicht so wichtig. Am besten wirkt dieses analytische Vakuum verbunden mit pseudok\u00e4mpferischem Anspruch, wenn man sich bis zu den Grenzen der Sprache des Faschismus vorwagt oder sie fallweise auch \u00fcberschreitet. Das wirkt, ist freilich brandgef\u00e4hrlich und politischer Betrug an den Menschen, f\u00fcr die zu sprechen man vorgibt.<\/p>\n<p>Einen anderen Betrug f\u00fcr das gleiche soziale Umfeld findet man bei der FDP: \u201eBei uns kann jeder alles werden, egal, wo er herkommt.\u201c Man k\u00f6nnte das ja als Vorgriff auf sozialistische Ideen der Chancengleichheit verstehen. Es ist aber etwas ganz anderes. Gerade bei Erstw\u00e4hler*innen, die noch Tr\u00e4ume vom k\u00fcnftigen Leben haben, bedient es diese Tr\u00e4ume. Wie im Groschenroman er\u00f6ffnet es eine angeblich realisierbare Wunschwelt des eigenen Willens. Dennoch ist es nichts anderes als eine Reproduktion der negativen Seiten jener \u201eimpliziten Bedeutungen\u201c, in denen die Lebenserfahrungen zusammengefasst sind. Der Ausweg \u00e4hnelt dem Traum vom Lottogewinn, den man erreichen kann, wenn man nur oft genug spielt.<br \/>\nUnsere linke Aufgabe ist eine entgegengesetzte. Wir sollten nicht schlau und selbstgerecht und selbstverliebt versuchen, wie die einfachen Arbeiter*innen zu sprechen. Uns muss es vielmehr gelingen, aus ihren Geschichten, verst\u00e4ndliche politische Programme und Projekte zu machen. Das braucht eben zuallererst genaues Zuh\u00f6ren. Unsere linke Aufgabe ist es, erst danach im neugierigen und geduldigen Gespr\u00e4ch, das sich in Teilhabe verwandelt, die Abstraktionsebene der Klasse so darzustellen, dass daraus auch das Gef\u00fchl der Betroffenheit entsteht, dass die Zugeh\u00f6rigkeit zur Klasse nicht vom eigenen Erleben getrennt wird, sondern vielmehr aus dem eigenen Erleben verst\u00e4ndlich wird. So verhelfen wir wenig reflektierten Erlebniskomplexen zu einem politisch wirksamen Klassenbewusstsein.<\/p>\n<p>Lernen wir das zu erlernen! Lernen wir Arbeiterbildung, nicht Arbeiterbelehrung!<\/p>\n<p>12. Oktober 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Grunde ist es eine Binsenweisheit, dass die Partei DIE LINKE f\u00fcr jene da sein sollte, die sich am unteren Ende der sozialen Hierarchien und der Einkommensstufen befinden. Ich glaube nicht, dass es f\u00fcr die Anerkennung einer solchen Selbstverst\u00e4ndlichkeit gro\u00dfe Auseinandersetzungen in der Partei braucht. 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