{"id":1205,"date":"2021-01-19T17:49:02","date_gmt":"2021-01-19T15:49:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1205"},"modified":"2021-01-19T17:49:03","modified_gmt":"2021-01-19T15:49:03","slug":"dialekt-ist-dialekt-ist-dialekt-oder-der-fremde-peter-der-charmante-peter-der-arme-peter-sprache-und-sozio-kulturelle-vorurteile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1205","title":{"rendered":"Dialekt ist Dialekt, ist Dialekt &#8230;? Oder der fremde Peter, der charmante Peter, der arme Peter. Sprache und sozio-kulturelle Vorurteile."},"content":{"rendered":"<p>Ich erz\u00e4hle jetzt eine Geschichte, die ich vor langem erlebt und geschrieben habe. Sie soll ein durchaus vermaledeites Wirken einsprachiger Mehrsprachigkeit in unterschiedlichen kulturellen Kontexten schildern. Zur einsprachigen Mehrsprachigkeit geh\u00f6ren neben vielen anderen \u201eLekten\u201c auch und vor allem regionale Sprechweisen, die Regio- oder auch Dialekte. Es ist n\u00e4mlich jeder Dialekt auch eine Sprache mit eigenem Wert.<br \/>\nDie Geschichte, die ich selber erlebt habe, nenne ich: \u201eDer fremde, der charmante und der arme Peter &#8211; als Berliner, Wiener und Sachse\u201c.<\/p>\n<p>Mal angenommen man kommt nach l\u00e4ngerem Aufenthalt noch gar nicht in Sachsen, sondern in Berlin zur\u00fcck in seine Geburts- und immer noch Heimatstadt Wien und will sich eine Hose kaufen. Da kann man bereits eine Lektion praktische sozio-kulturlelen  Einordnungspotential von Dialekten erhalten. Das Gesch\u00e4ft &#8211; nicht der Laden &#8211; in dem man es zun\u00e4chst probiert, ist alteingesessen und hei\u00dft nach der Besitzerin \u201eSopherl\u201c. Der Name bereits ein untr\u00fcgliches Wiener Signal f\u00fcr das Lokale. Hosen werden vorgef\u00fchrt, anprobiert, weggelegt, schlie\u00dflich verworfen. Ein nicht ganz ungef\u00e4hrlicher Vorgang, denn die Sopherl ist \u201eharb\u201c. In Berlin w\u00fcrde man sagen, \u201erauh aber herzlich\u201c. Sp\u00e4testens der f\u00fcr Wiener Ohren fremd-sprachliche Fehler beim Abbruch des Einkaufsvorganges brachte diese Charaktereigenschaft mit nicht zu \u00fcbertreffender sprachlicher Lakonie zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Ich sagte: \u201eSch\u00f6nen Dank, aber ich will noch anderswo \u201egucken\u201c, was es gibt.\u201c \u201eGucken!?\u201c &#8211; Wie kann man nur in Wien?! Die Antwort war also entsprechend: \u201eNa dann gehn\u2018s gucken. Da werden\u2018s sch\u00f6n schauen, was Sie seh\u2018n wern, Sie mit ihrem Gucken!\u201c<\/p>\n<p>Recht geschah mir und ich guckte doch tats\u00e4chlich dumm aus der W\u00e4sche, bevor ich sch\u00f6n bl\u00f6d schaute.<\/p>\n<p>Die Sache mit Hose und Fremd-Dialekt war damit aber noch lange nicht ausgestanden.<\/p>\n<p>Eine Hose wurde schlie\u00dflich anderswo gekauft, nach Berlin mitgenommen und ein Jahr sp\u00e4ter dem Umzugsgut nach Sachsen beigef\u00fcgt. Die Hose war sch\u00f6n und von guter Qualit\u00e4t. In Sachsen stand bald danach die Teilnahme an einer Jugendweihe an. Dazu bedurfte es der sch\u00f6nen Hose, die aber schon ein wenig gelitten hatte. Rechtzeitig in die Reinigung gebracht, sollte sie jedoch f\u00fcr den feierlichen Akt wieder in angemessenen Zustand versetzt werden. Die Reinigung in Leipzig arbeitete nicht sehr schnell. Zwanzig Arbeitstage waren &#8211; so erinnere ich mich &#8211; einzuplanen. Die Zeit reichte auf einen Tag genau aus. Ein Freitag war bei richtiger Z\u00e4hlung als Auslieferungstag genannt, was die Benutzung der Hose am Samstag sicherte. Am besagten Freitag wollte ich also die Hose abholen.<\/p>\n<p>Hast\u2018e gedacht. Die Hose war noch nicht fertig &#8211; \u201efr\u00fchestens in einer Woche\u201c, erhielt ich Auskunft.<\/p>\n<p>Mein \u00e4rgerlich aufgenommener Verweis auf den versprochenen Termin brachte \u201eBetriebsgeheimnisse\u201c zutage. Man w\u00e4re eigentlich verpflichtet, die Hose tats\u00e4chlich in zwanzig Arbeitstagen zu reinigen, und d\u00fcrfe auch keinen anderen Auslieferungstermin angeben, weil man sonst \u00c4rger mit der zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rde bek\u00e4me. In Wirklichkeit aber brauche man l\u00e4nger, weil die zur Verf\u00fcgung stehenden Kapazit\u00e4ten nichts anderes zulie\u00dfen. Ein echter DDR-Spa\u00df, aber zur\u00fcck zum Thema. Man gab mir einen Rat und eine Telefonnummer. Ich sollte direkt im zust\u00e4ndigen Kombinat bei der Beschwerdestelle anrufen.<\/p>\n<p>Gesagt, getan! Das Gespr\u00e4ch verlief durchaus freundlich, mit Bedauern f\u00fcr mein Problem, sehr viel mehr jedoch mit der Forderung, die Lage zu akzeptieren und selbst eine L\u00f6sung zu finden &#8211; bis zum Moment einer j\u00e4hen Wendung. Wo ich denn die Hose gekauft h\u00e4tte, fragte pl\u00f6tzlich die freundliche Frauenstimme, \u201ebei uns oder anderswo?\u201c<\/p>\n<p>Nachdem ich zun\u00e4chst meiner Verwunderung \u00fcber diese Frage Ausdruck gegeben hatte, stellte ich die Dinge klar und nannte den Einkaufsort &#8211;  &#8211; Wien. \u201eHabe ich es mir doch gedacht\u201c, meinte jetzt die Stimme noch eine Spur freundlicher, ja fast schon liebevoll-vertraulich. \u201eWegen dieses entz\u00fcckenden Dialekts\u201c, war die gleich hinzugef\u00fcgte Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Und hast Du nicht gedacht, wurde mir die Hose noch am gleichen Nachmittag des Freitags(!!!) ins Haus geliefert.<\/p>\n<p>Sage jetzt aber niemand, das \u201eS\u00e4chsische\u201c sei gegen\u00fcber dem Wienerischen vielleicht wertlos. Das Gegenteil konnte ich erfahren und das ausgerechnet noch in Wien. Inzwischen DDR-B\u00fcrger geworden, beantragte ich eine Reise \u201ein dringenden Familienangelegenheiten\u201c nach Wien. Die Mutter hatte Geburtstag. Vierzehn Tage wurden mir genehmigt und hundert Schilling als Taschengeld mitgegeben. Hundert Schilling, das waren vierzehn Deutsche Mark. F\u00fcr jeden Tag eine Mark &#8211; ein bisschen wenig, eigentlich gar nichts. Um aus dem \u201eGar-Nichts\u201c mit etwas Gl\u00fcck doch eine brauchbare Summe zu machen, steuerte ich, kaum am Wiener S\u00fcdbahnhof angekommen, ein Lokal mit Geldspielautomaten an.<\/p>\n<p>Es fing gar-nicht so schlecht an. Die mitgebrachte Summe war schon mehr als verdoppelt, als sich die Pechstr\u00e4hne langsam heranschlich. Erst fast unbemerkt und dann brutal, so dass nur ein Weiterspielen bis zum bitteren Ende die Hoffnung auf eine neuerliche Wende &#8211; und jetzt wieder zum Guten &#8211; aufrecht erhalten konnte. Die Hoffnung stirbt zwar zuletzt, aber sie stirbt eben auch. Nun dann eben ganz ohne Geld, dachte ich mir. Die Mutter musste f\u00fcr die zwei Wochen ohnehin aushelfen. Sie tat es ja sogar gerne. Da war kein Problem. Die Bahnkarte galt auch noch f\u00fcr die Stra\u00dfenbahn. Da war ebenfalls kein Problem.<\/p>\n<p>Ein anderes, unabweisliches meldete sich jedoch wie ein Blitz. Selbiger schlug n\u00e4mlich durchs Ged\u00e4rm und die Gewissheit mit einem dringenden Gesch\u00e4ft auf keinen Fall mehr so lange warten zu k\u00f6nnen, bis die rettende Wohnung der Mutter erreicht war, stellte sich ein mit Donner, der ja jeden Blitz unweigerlich begleitet. Was tun? (fragte schon Lenin)<\/p>\n<p>Sch\u00f6n war die Klofrau nicht. Mit Charme war kaum etwas auszurichten. Was dann? \u201eG\u00f6nn se misch manschemal umsonst uf de Doilette lassen? Isch muss ganz n\u00f6disch und habe geeen Geld\u201c, versuchte ich mich panisch auf S\u00e4chsisch. \u201eAh, sie san a Saxe\u201c, erkannte die gute Frau, \u201eaus der DDR! Na ihr hobts jo nie a G\u00f6d. Na gehn\u2018s scho, bevor\u2018s in die Hosn schei\u00dfen.\u201c Signalisierte die Klofrau ihre Gnade vor Recht.<\/p>\n<p>So weit so gut, aber aber was lernt uns das sagte mein Klassenlehrer immer? In Wien \u00fcbrigens Klassenvorstand genannt.<\/p>\n<p>Drei verschiedene regionale Sprachen bzw. Sprechweisen (Berlin, Wien, Sachsen) werden (einmal sogar schon nach einem Wort) gemeinsam mit dem Sprecher als Nachricht unterschiedlich verstanden und bewertet. Das geschieht in Abh\u00e4ngigkeit vom jeweiligen sozio-kulturellen und sprachkulturellen Hintergrund und f\u00fchrt zu unterschiedlichen Ergebnissen bez\u00fcglich der sozio-kulturellen Einordnung des Sprechers: Er ist einmal unerfreulich fremd (Berliner bzw. Piefke in Wien), er ist charmant (Wiener in Sachsen), er ist arm (Sachse in Wien).<\/p>\n<p>Zugleich sind in den jeweiligen Vorg\u00e4ngen Machtverh\u00e4ltnisse deutlich geworden: Einem Fremden verkauft hier niemand was, zumal, wenn er piefchinesisch spricht, einem Wiener Charmeur erf\u00fcllen wir auch unerf\u00fcllbare W\u00fcnsche, einem armen Sachsen helfen wir auch ohne Geld.<\/p>\n<p>Ohne fremdkulturellen Hintergrund w\u00fcrde es nicht so funktionieren. Das \u201eEigene\u201c und das \u201eFremde\u201c stehen also in einem Wechselverh\u00e4ltnis, das die Kooperation spezifisch formt und gestaltet. Das kann unterschiedliche  ausfallen; je nachdem, ob man Eigenes beurteilt oder Fremdes. Interkulturalit\u00e4t ist also in diesem Spannungsverh\u00e4ltnis unterschiedlicher Selektivit\u00e4t ausgesetzt.<\/p>\n<p>Alles dem Erz\u00e4hlten zu Grunde Liegende gilt auch f\u00fcr \u201eechte\u201c Einzelsprachen und den mit ihnen verbunden Kulturen.<\/p>\n<p>Wir stellen fest:<br \/>\nWas Menschen \u00fcber Sprachen denken, denken sie auch \u00fcber deren Sprecher*innen<\/p>\n<p>Kann sehr gef\u00e4hrlich werden<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich erz\u00e4hle jetzt eine Geschichte, die ich vor langem erlebt und geschrieben habe. Sie soll ein durchaus vermaledeites Wirken einsprachiger Mehrsprachigkeit in unterschiedlichen kulturellen Kontexten schildern. Zur einsprachigen Mehrsprachigkeit geh\u00f6ren neben vielen anderen \u201eLekten\u201c auch und vor allem regionale Sprechweisen, die Regio- oder auch Dialekte. 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