{"id":1198,"date":"2020-11-19T18:19:43","date_gmt":"2020-11-19T16:19:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1198"},"modified":"2020-11-19T18:20:41","modified_gmt":"2020-11-19T16:20:41","slug":"religion-politik-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1198","title":{"rendered":"Religion &#8211; Politik &#8211; Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Im S\u00e4chsischen Landtag gab es zu meiner Zeit einen rheinl\u00e4ndischen Katholiken in f\u00fchrender Mitarbeiterposition. Er wusste um meine katholische Kindheit und fr\u00fche Jugend und begr\u00fc\u00dfte mich mit eben rheinl\u00e4ndischem Scherz und L\u00e4cheln bei Begegnungen auf den Fluren mit einem \u201eGelobt sei Jesus Christus\u201c. Mein promptes \u201eIn Ewigkeit Amen\u201c besiegelte Wohlwollen und freundliche Zuwendung im Spa\u00df, wenn auch nicht mehr im Glauben. \u00c4hnlich und doch auch deutlich anders verhielt es sich mit einem Abgeordneten der CDU, der \u201eChristlich Demokratischen Union.\u201c Er war auch Katholik und er war antisozialistischer Eiferer. Seine Redebeitr\u00e4ge machten das sehr deutlich. Nichts von Feindesliebe (Lukas, 6-27ff). Es sei ihm zugestanden, auch wenn ich wei\u00df, dass er in der DDR beruflich einige beneidenswerte Vorteile genoss. Diese waren aber nicht politisch erschlichen, sondern durch spezifisches K\u00f6nnen begr\u00fcndet. Er wusste auch um meine katholische Pr\u00e4gung und wollte diese eines Tages endg\u00fcltig \u00fcberpr\u00fcfen. Deshalb fragte er mich, ob ich denn das \u201eConfiteor\u201c des sogenannten Stufengebets am Beginn der katholischen Messfeier wirklich beherrsche. Nun, wenigstens der Anfang war mir noch gel\u00e4ufig und die Pr\u00fcfung deshalb ohne Schwierigkeiten zu bestehen. Es war ein langes lateinisch zu sprechendes Schuldbekenntnis vor dem allm\u00e4chtigen Gott, der heiligen Jungfrau und allen Aposteln und Heiligen.<\/p>\n<p>Und dann kam mir ein Gedanke: Was w\u00e4re denn, wenn sich zwei muslimische Abgeordnete \u2013 der Islam geh\u00f6rt zu Deutschland \u2013 auf den Fluren eines deutschen Parlaments mit \u201eAllahu Akbar\u201c begegnet w\u00e4ren oder sich ebendort ganz \u00f6ffentlich die Kenntnis von Suren des Korans oder islamischen Gebeten abgepr\u00fcft h\u00e4tten? Diesen Zuruf unter Muslim*innen nennt man \u201eTakbir\u201c und er ist dem \u201eGelobt sei Jesus Christus\u201c in seiner Identifikations- und Bekennerfunktion durchaus vergleichbar.<\/p>\n<p>Bleiben wir noch in den sp\u00e4ten 1990er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Muslim*inne in deutschen Parlamenten h\u00e4tten auch schon damals nicht mehr allzu viel Aufsehen erregt, die Begr\u00fc\u00dfung mit \u201eAllahu Akbar\u201c jedoch sehr wohl. Heute ginge das aber \u00fcberhaupt nicht mehr. Leider haben Terroristen, Amokl\u00e4ufer, M\u00f6rder diesen muslimischen Zuruf missbr\u00e4uchlich zu einem Schlachtruf bei ihren Taten gemacht. Zum Schaden f\u00fcr alle bekennenden Muslim*innen! \u201eAllahu Akbar\u201c ist in Europa f\u00fcr sie praktisch unbrauchbar geworden, um sich in ihrem Glauben zu erkennen zu geben. Es ist hat sich in den Unheil verk\u00fcndenden Ruf des sogenannten \u201epolitischen Islam\u201c verwandelt. Die gesellschaftlichen Folgen sind fatal: Was auch immer \u201epolitischer Islam\u201c wirklich sein mag, er ist irgendwie zum einzigen Topf geworden, in den man den Islam als Ganzes wirft. Die Muslima Fereshda Ludin schreibt am 18.11.2020 im digitalen \u201eMIGAZIN\u201c: \u201eAus pers\u00f6nlicher Erfahrung und Auseinandersetzung mit Politik, Medien und vielen Akteur:innen unserer Gesellschaft wei\u00df ich, dass es ein Teufelskreis ist, aus dem vor allem ,Muslime\u2018, die sich zum Islam \u00f6ffentlich bekennen, nicht herauskommen. Ich empfinde es vor allem f\u00fcr die junge Generation als sehr belastend, vor allem im Kontext mit Schule, Ausbildung und im Bildungssektor allgemein.\u201c Damit bek\u00e4mpft man nicht Terrorismus und Missbrauch des Islam, sondern schlie\u00dft sich dem Missbrauch schlie\u00dflich selbst an und verunglimpft eine Religionsgemeinschaft total und undifferenziert. Das bereitet Distanz zur restlichen Gesellschaft Raum, verunsichert vor allem jene, die mit dem Islam in diese Gesellschaft hineinwachsen sollen und verschafft jenen Imamen Geh\u00f6r, die das f\u00fcr eine Radikalisierung ihrer Glaubensbr\u00fcder und -schwestern ausnutzen wollen.<\/p>\n<p>Die beunruhigten, aber doch so \u201efriedfertigen\u201c Vertreter eines \u201epolitischen Christentums\u201c sind jedoch auf der sicheren Seite. Sie haben das \u201eC\u201c im Parteinamen, k\u00f6nnen aber Fl\u00fcchtlinge im Mittelmeer absaufen lassen. Milde darf ihnen fremd sein, weil doch sonst noch mehr kommen. Soziales Gewissen kann zu Gefahr werden, weil es in seiner Mildt\u00e4tigkeit ausgenutzt werden k\u00f6nnte. Kriege sind notwendig, weil nur die damit zu verteidigenden \u201eMenschenrechte\u201c weitere Herrschaft und Profite sichern.<\/p>\n<p>Nun, ich will auch nicht ungerecht sein, aber sind wir doch wenigstens ein wenig gerechter! Wie sagte Jesus? \u201eWer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.\u201c<\/p>\n<p>Und \u2013 hoffen wir auf ein Weiterleben von \u201eLINKS\u201c nach dem Tod.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr die letzte Ausgabe ever von LINKS, 19. November 2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im S\u00e4chsischen Landtag gab es zu meiner Zeit einen rheinl\u00e4ndischen Katholiken in f\u00fchrender Mitarbeiterposition. Er wusste um meine katholische Kindheit und fr\u00fche Jugend und begr\u00fc\u00dfte mich mit eben rheinl\u00e4ndischem Scherz und L\u00e4cheln bei Begegnungen auf den Fluren mit einem \u201eGelobt sei Jesus Christus\u201c. 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