{"id":1190,"date":"2020-07-22T09:41:19","date_gmt":"2020-07-22T07:41:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1190"},"modified":"2020-07-22T09:41:21","modified_gmt":"2020-07-22T07:41:21","slug":"vom-reisen-und-anderer-mobilitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1190","title":{"rendered":"Vom Reisen und anderer Mobilit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Fast k\u00f6nnte mein Text mit, \u201ees war einmal \u2026\u201c anfangen. Es wird August, bis Sie, liebe Leser*innen, diese Ausgabe von Links in der Hand halten werden oder auf einem Bildschirm finden; August, der letzte Monat der Hoch-Zeit des Urlaubens. Ja, es war einmal, aber dieses Jahr doch nicht so ganz. Urlaub war f\u00fcr viele anders gelaufen als sonst.  Da war Corona mit im Spiel. Viele wollten deshalb gar nicht verreisen und erholten sich zu Hause &#8211; auf dem Balkon, im eigenen Garten (so man hat), im Park und auf Wiesen vor der Stadt, hinter dem Dorf, am nahen See. Andere blieben wenigstens im Lande, manche zog es doch wieder in die weitere Ferne.<br \/>\nFreilich bleibt wahr, was Matthias Claudius schon 1786 besungen hatte: \u201eWenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erz\u00e4hlen.\u201c Der Poet schildert in seinem Lied die Weltreise seines Helden Urian: Europa, Amerika, Asien, Afrika. Die Schlussfolgerung ist jedoch fast banal: \u201eUnd fand es \u00fcberall wie hier, \u2026 die Menschen grade so wie wir und ebensolche Narren.\u201c Die Lehre des Liedes sollte uns belustigt und zugleich besorgt aufmerken lassen: Ja, der Narreteien finden sich viele in dieser Welt und sie gleichen sich trotz Vielfalt. Das Reisen selbst geh\u00f6rt oft genau so dazu wie die Stubenhockerei. In der \u00f6sterreichischen Tageszeitung KURIER &#8211; auch ich war verreist &#8211; lese ich am 4. Juli 2020 auf Seite 2 von einem \u201eSommer voll Ungewissheit\u201c, der uns an diesem Tag noch bevorstand. Mir wird erkl\u00e4rt, warum: \u201eSo ist der Mensch eben. So sehr er im Kopf nach Abenteuer, Abwechslung, Aufbruch strebt, so sehr will er doch im Herzen \u201aNormalit\u00e4t\u2018: das Vertraute und Berechenbare.\u201c Aber Corona hat ver\u00e4ndert. Auch das lese ich. Die erste Ferienwelle rollt ans Wasser, tr\u00fcbe schaut es jedoch f\u00fcr den St\u00e4dtetourismus aus. Die Neugierigen aus dem Ausland bleiben aus. Das gilt f\u00fcr jedes Land in Wechselseitigkeit. Die Kreuzfahrtbranche ist unter Druck geraten, die Fliegerei ist auch nicht mehr der Goldesel, der sie doch bis vor Kurzem noch war.<br \/>\nDie Natur genie\u00dft es allerdings. Der Dreck des Massentourismus sammelt sich jetzt, geringer geworden, vor der Couch. Man sieht Natur- und Reisefilme im TV, \u201eVerr\u00fcckt nach Meer\u201c ersetzt die Kreuzfahrt. Die Welterfahrung verendet im Tourismus ohnehin zu oft in der n\u00e4rrischen Sehnsucht nach der heimischen \u201eNormalit\u00e4t\u201c, nach Sauerbraten, Schnitzel und deutschem Bier in aller Welt. Aber es gibt auch noch andere Sehns\u00fcchte, oberfl\u00e4chlich betrachtet sogar die gleichen. Es gibt zu viele Menschen in dieser Welt, die sehnen sich auch nach der \u201eNormalit\u00e4t\u201c eines Lebens in Sicherheit, in wenigstens bescheidenem Wohlstand, selbst erarbeitet und deshalb mit Stolz zu genie\u00dfen. Diese Menschen leben in prek\u00e4ren, zu oft in elenden Umst\u00e4nden. Deshalb begeben sie sich auf \u201eReisen\u201c. Sie alle folgen Tr\u00e4umen vom besseren Leben, kaum vom Paradies. Sie fahren hinter Verlockungen her; im Zug zur deutschen Fleischindustrie, um zu Hunderten tote Tiere zu zerlegen, in breiige Masse f\u00fcr Wurst zu verwandeln oder in appetitliche St\u00fccke f\u00fcr den romantischen Grillabend in unseren G\u00e4rten. Sie kommen, um hier Wohnungen zu bauen, die andere teuer vermieten. Sie kommen, um bei der Ernte zu helfen, sauber zu machen, zu pflegen und manchmal auch ihre K\u00f6rper f\u00fcr Sex zu verkaufen. Das Geld daf\u00fcr wird vom Wenigen in Deutschland zu einer verlockenden Gr\u00f6\u00dfe zu Hause. Da tauscht man das Zuhause auch f\u00fcr ein paar Monate gegen ein Massenquartier, das einen Teil des kargen Lohnes wieder auffrisst und andere reich macht. Der Rest f\u00fcr die wohlfeile Arbeitskraft bringt immer noch etwas, Corona nicht selten inbegriffen.<br \/>\nAber vielleicht, nein, ganz sicher gibt es noch Schlimmeres! Am 20. Juni war Weltfl\u00fcchtlingstag. Im Vorjahr waren fast 80 Millionen Menschen in dieser einen Welt auf der Flucht &#8211; zu Wasser und zu Land, weniger in der Luft, darunter viele Kinder und Jugendliche, ohne Eltern und Verwandte. Sie versuchen mit unsicheren Booten das Mittelmeer zu \u00fcberqueren. Und wenn sie nicht ertrunken sind, dann retten sie manchmal selbstlose Helfer*innen. Die Reise ist damit aber nicht gl\u00fccklich zu Ende. Europa versperrt sich immer wieder. Diese Art der Mobilit\u00e4t ist unerw\u00fcnscht. Just solche \u201eReisende\u201c, Menschen grade so wie wir, k\u00f6nnten aber viel \u00fcber die Unterschiede in der Welt erz\u00e4hlen.<br \/>\nWer will es h\u00f6ren? Wer will etwas ver\u00e4ndern?<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, August\/September 2020, 10. Juli 2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fast k\u00f6nnte mein Text mit, \u201ees war einmal \u2026\u201c anfangen. 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