{"id":1185,"date":"2020-05-27T17:34:52","date_gmt":"2020-05-27T15:34:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1185"},"modified":"2020-05-27T17:34:53","modified_gmt":"2020-05-27T15:34:53","slug":"von-den-wegen-der-erkenntnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1185","title":{"rendered":"Von den Wegen der Erkenntnis"},"content":{"rendered":"<p>Till Eulenspiegel wusste sich zu helfen und wusste zu helfen. Als er einmal auf eine Gruppe M\u00e4nner traf, die jammernd im Sand sa\u00dfen und nicht mehr aufstehen konnten, weil sich ihre Beine hoffnungslos ineinander verheddert hatten, bot er ihnen gegen Belohnung Hilfe an. Die M\u00e4nner waren einverstanden. Eulenspiegel nahm eine Peitsche, schlug auf die M\u00e4nner ein, diese sprangen sofort von Schmerz gepeinigt auf und jeder hatte seine beiden Beine wieder. Was der Schmerz macht, kann auch die Angst. Als einst ein Arzt Wege der Heilung f\u00fcr seine Patienten suchte, wusste niemand, wie die Schwerkranken in Bewegung zu setzen w\u00e4ren. Till bot wieder Hilfe an. Er sagte den siech Darniederliegenden, es g\u00e4be eine M\u00f6glichkeit, alle zu heilen. Dazu m\u00fcssten die Kranken ein Wettrennen veranstalten. Der Letzte w\u00fcrde dann verbrannt, um aus seiner Asche das Heilmittel f\u00fcr alle \u00fcbrigen zu gewinnen. Da sausten aber alle los, denn keiner wollte das Opfer werden. Die Heilung hielt allerdings nicht lange vor. Jegliche Krankheit kam wieder.<br \/>\nNun, bei Corona geht das derzeit \u00e4hnlich. Wer Schmerz versp\u00fcrt wegen der Erkrankung oder gar des Todes Nahestehender, der oder die h\u00e4lt sich diszipliniert an Hygienevorschriften, die uns die Obrigkeit verordnet. Angst hat den gleichen Effekt. Das ist alles nicht freundlich und medizinisch fragw\u00fcrdig. Aber es wirkt.<br \/>\nFreilich, es geht auch noch anders. Man muss sich eben nur zu helfen wissen. Ein Beispiel daf\u00fcr k\u00f6nnen die allseits bekannten Schildb\u00fcrger abgeben. Als sie ihre Kirchenglocke vor dem Feind retten und im See versenken wollten, fiel pl\u00f6tzlich einem ein, man m\u00fcsste doch irgendwie den Ort markieren, wo man sie wieder finden k\u00f6nnte. Es ist nicht \u00fcberliefert, ob sie dazu verschiedene M\u00f6glichkeiten diskutiert haben. Schlie\u00dflich kam man aber &#8211; wahrscheinlich mehrheitlich oder auf besonders guten Rat h\u00f6rend &#8211; \u00fcberein, eine ganz einfache L\u00f6sung zu praktizieren. Man schnitzte ein Kerbe in den Bootsrand, genau an  der Stelle, wo das Seil lief, an dem die Glocke in die Tiefe schwebte. Der Erfolg war nicht \u00fcberw\u00e4ltigend. Die Glocke war verloren. \u00c4hnlich muss es verlaufen sein, als man wegen der vergessenen Fenster das Sonnenlicht in Eimern in das neue Rathaus tragen wollte. In beiden F\u00e4llen misslang, was man sich als einfache L\u00f6sung ausgedacht hatte. Der Fehler war, dass die gedankliche Klugheit praktisch daran scheiterte, dass man nicht alle bei der Probleml\u00f6sung wirkenden Faktoren in das Gedankengeb\u00e4ude einschloss. So endet scheinbar Einfaches nicht selten im Desaster. Akribische Analyse der Umst\u00e4nde ersetzt durch Halbwissen brachte die Misserfolge. Solches Vorgehen ist halt einfach und verlockend, wenn man nicht wei\u00df, was man alles nicht wei\u00df. So wurden schon immer 83 Millionen Deutsche oder wenigstens die m\u00e4nnliche H\u00e4lfte zu unfehlbaren Fu\u00dfballtrainern oder, wenn Fu\u00dfball ausf\u00e4llt, zu beachtlichen Virologen, Hygienikern, Statistikern oder wenigstens unfehlbaren Kritikern aller Wissenschaft und nicht zuletzt ihrer Vertreter*innen in der Professorenschaft. Das hat ebenfalls seine Gr\u00fcnde<br \/>\nManchmal wei\u00df man einfach nicht, welche Faktoren bei der L\u00f6sung eines Problems wirklich zusammengedacht werden m\u00fcssen. Man hat zu wenig praktische Erfahrung mit der anstehenden Aufgabe. Man hat zu wenig einschl\u00e4giges Wissen, das eine belastbare Grundlage f\u00fcr erfolgreiche \u00dcberlegungen sein k\u00f6nnte. Guter Rat ist also teuer. Mit dieser Problemlage schlugen sich lange Zeit die Alchimisten herum. Sie suchten den \u201eStein der Weisen\u201c, der einfache Materie zu Gold machen k\u00f6nnte. Man diskutierte und probierte. Was blieb einem denn sonst auch \u00fcbrig? Den \u201eStein der Weisen\u201c fand man nicht, jedoch so manch N\u00fctzliches &#8211; Porzellan zum Beispiel oder Schie\u00dfpulver oder Phosphor. Es geht der Wissenschaft nicht wirklich anders. Sie muss ein ungel\u00f6stes Problem der L\u00f6sung zuf\u00fchren, wei\u00df aber noch nicht, was dabei alles zu ber\u00fccksichtigen ist. Also gehen Probieren und Diskutieren \u00fcber Studieren. Die Hoffnung dabei ist, ausgehend von vorhandenem Wissen und Erfahrung im Experiment die L\u00f6sung zu finden. Nat\u00fcrlich ist das ein bisschen Stochern im Nebel . Attraktiv f\u00fcr ungeduldig Zuschauende ist es auch nicht. Und selbst wenn man einst die L\u00f6sung findet, der Weg wird oft mit H\u00e4me begleitet. Dennoch! Einen anderen gibt es wohl nicht.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, Juni 2020, 27.05.2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Till Eulenspiegel wusste sich zu helfen und wusste zu helfen. Als er einmal auf eine Gruppe M\u00e4nner traf, die jammernd im Sand sa\u00dfen und nicht mehr aufstehen konnten, weil sich ihre Beine hoffnungslos ineinander verheddert hatten, bot er ihnen gegen Belohnung Hilfe an. Die M\u00e4nner waren einverstanden. 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