{"id":1179,"date":"2020-03-24T08:36:27","date_gmt":"2020-03-24T06:36:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1179"},"modified":"2020-04-02T22:22:41","modified_gmt":"2020-04-02T20:22:41","slug":"vom-wenig-und-dem-vielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1179","title":{"rendered":"Vom Wenig und dem Vielen"},"content":{"rendered":"<p>Meine Mutter, 1910 geboren, besuchte in ihrer Jugendzeit in einer Wiener Volkshochschule einen Hauswirtschaftskurs. Dem verdanke ich ein von Hand geschriebenes Koch- und Backbuch, das in der Familie weitergereicht, schon vielen guten Dienst erwiesen hat. Auf der ersten Seite befindet sich eine Weisheit der Lehrerin, Fr\u00e4ulein Pichl: \u201eViele Wenig ergeben ein Viel.\u201c. Alles akkurat in S\u00fctterlinschrift \u00fcberliefert, der Sinnspruch und die Rezepte. Es \u00fcbt im Lesen dieser Schrift und im Kochen und Backen. Fr\u00e4ulein Pichl wusste, wovon sie sprach, davon zeugen die Rezepte. Sie sparen nicht mit Zutaten, sie beschr\u00e4nken jedoch \u00fcberall die F\u00fclle, insbesondere bei den Gew\u00fcrzen. Ist man mit dem Buch durch, kennt man viele, wei\u00df aber auch sich zu beschr\u00e4nken, um Geschmack zu schaffen, \u00dcberdruss jedoch zu vermeiden.<br \/>\nMit ihrer Weisheit ist Fr\u00e4ulein Pichl sicher nicht alleine und war es wohl auch nie. Der Volksmund und gescheite Leute vermelden \u00c4hnliches: \u201eKleinvieh macht auch Mist\u201c, ist vielleicht die einfachste, volkst\u00fcmlichste Variante. Ein Albert Schweitzer zugesprochener Satz &#8211; \u201eDas Wenige, das Du tun kannst, ist viel\u201c &#8211; hebt alles auf eine Ebene menschlichen Handelns und klingt bildungsb\u00fcrgerlich vornehm. Freilich wei\u00df der Volksmund auch umgekehrt, dass ein Viel oft sch\u00e4dlich sei: \u201eEtwas weniger, w\u00e4re mehr gewesen.\u201c<br \/>\nWarum aber gerade f\u00e4llt mir das jetzt ein? Es f\u00e4llt mir ein, weil die Weisheit h\u00e4ufig in Vergessenheit geraten zu sein scheint und weil sie vielleicht auch nicht immer stimmt. Nehmen wir zum Beispiel die Europ\u00e4ische Union. Sie ist doch genau betrachtet aus vielen  Wenigs zusammengesetzt. Bis auf ein paar Ausnahmen trifft das f\u00fcr die meisten Mitglieder zu. Viele kleine Staaten im Vergleich zu den paar gro\u00dfen Hauptzutaten, k\u00f6nnten die W\u00fcrze im europ\u00e4ischen Men\u00fc sein. In ruhigen Zeiten waren sie es auch; feine, Abwechslung garantierende Geschmacksverst\u00e4rker \u00fcber der franz\u00f6sisch-deutsch-spanisch-italienische K\u00fcche. Dann kamen aber schwere Herausforderungen und viele K\u00f6che verdarben mit vielen Zutaten den europ\u00e4ischen Geschmack. Fl\u00fcchtlinge kamen. Sie kamen von woanders her; von wo der Pfeffer w\u00e4chst, und man w\u00fcnschte sie dorthin zur\u00fcck. Viele Wenig an nationalen Egoismen brachten kein Viel an Gastfreundschaft und Vielfalt der Menschlichkeit. Nein, sie brachten davon leider nur ein noch Weniger. Jedes Wenig wollte nur mehr seine eigene Suppe ausl\u00f6ffeln. Die Vielen blieben au\u00dfen vor. Die Suppe schmeckt nun schal, aber man wei\u00df, was man hat. Und was der Bauer nicht kennt, frisst er eben nicht. Volksweisheit hilft immer. Darin lauert in Summe ihre Gef\u00e4hrlichkeit. Gleich und Gleich gesellt sich genau so gerne, wie Gegens\u00e4tze einander anziehen<br \/>\n\u201eNicht kleckern, sondern klotzen\u201c, denken jetzt viele von den Wenigen. Das Coronavirus steht vor der T\u00fcr. Machen wir unsere T\u00fcre zu. M\u00f6gen die anderen tun, was sie f\u00fcr richtig halten. Da zerstreut sich das aus vielen Wenig entstandene Viel Europas in ein Klein-Klein, statt gemeinsam die L\u00f6sung zu suchen, der man auch noch vielmehr Geschmack abgewinnen k\u00f6nnte. Das Kleinvieh macht Mist im wahrsten Sinn des Wortes. Was f\u00fcr Europa gilt, gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr Deutschland. Jedes Land, jede Kommune achtet eifers\u00fcchtige darauf, den eigenen und m\u00f6glichst nur den eigenen Senf dazugeben zu k\u00f6nnen. Fehlt es am unverwechselbaren Senf, muss man doch wenigsten Erster sein. Das macht stolz, und wer es verpasst, spricht pl\u00f6tzlich von Gemeinsamkeit, von Solidarit\u00e4t, verurteilt das \u201eVorpreschen\u201c des Wenig vor dem Vielen. Ein Weniger an Sonderberichterstattungen h\u00e4tte allerdings ein Mehr an Gelassenheit gebracht.<br \/>\nKomme ich zur\u00fcck zu Albert Schweitzer, den gerade die \u201eBildungsb\u00fcrger\u201c vergessen haben, suche ich vergeblich das Wenige, das, tut man es denn, viel werden kann. Ich denke an die Fl\u00fcchtlinge, die von der T\u00fcrkei dahin gejagt vor Griechenland liegen. Nichts wird da mehr getan. Oder doch? Das notwendig Wenige wird zu wenig gew\u00e4hrt: ein dichtes Dach \u00fcber dem Kopf, eine warme Decke, die Hose und das Kleid, die Bl\u00f6\u00dfen bedecken, ein St\u00fcck Brot und ein Schluck Wasser. Die das Viele h\u00fcten, retten kaum noch jemanden aus den Fluten des Mittelmeeres. Das ohnehin Wenige an Menschlichkeit l\u00f6st sich im angeblich sch\u00fctzenden Wasser auf. Wir sind auf den Geschmack der Geschmacklosigkeit gekommen.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr &#8222;Links&#8220;, April 2020, 23.03.2020)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Mutter, 1910 geboren, besuchte in ihrer Jugendzeit in einer Wiener Volkshochschule einen Hauswirtschaftskurs. Dem verdanke ich ein von Hand geschriebenes Koch- und Backbuch, das in der Familie weitergereicht, schon vielen guten Dienst erwiesen hat. Auf der ersten Seite befindet sich eine Weisheit der Lehrerin, Fr\u00e4ulein Pichl: \u201eViele Wenig ergeben ein Viel.\u201c. 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