{"id":1164,"date":"2019-10-14T12:29:54","date_gmt":"2019-10-14T10:29:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1164"},"modified":"2019-10-14T12:35:57","modified_gmt":"2019-10-14T10:35:57","slug":"von-den-wahrheiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1164","title":{"rendered":"Von den Wahrheiten"},"content":{"rendered":"<p>\u201eUnanfechtbare Wahrheiten gibt es \u00fcberhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.\u201c Das sagt der alte Stechlin, der Titelheld in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman. Aber was hat es mit diesem Satz f\u00fcr eine Bewandtnis? Er dient gleich am Anfang des Werkes zur Charakterisierung des Hausherren am namensgleichen See. Es geht offensichtlich um die Wahrheit und um ihre Existenz in \u201eParadoxen\u201c, wie Fontane den Alten sagen l\u00e4sst. Dem eingangs zitierten Satz geht n\u00e4mlich unmittelbar voraus: \u201eParadoxen waren seine Passion. \u201aIch bin nicht klug genug, selber welche zu machen, aber ich freue mich, wenn\u2019s andere tun; es ist doch immer was drin.\u2018\u201c Die Wahrheit existiert also eher im Paradoxen, denn im unumst\u00f6\u00dflich Festgestellten. Karl Marx, schreibt seiner Tochter Jenny 1865 ins Poesiealbum, \u201ede omnibus dubitandum\u201c (an allem ist zu zweifeln). Die Mutter tr\u00f6stet die Tochter im gleichen Jahr mit dem Eintrag \u201enil desperandum\u201c (an nichts muss man verzweifeln). Fontane ist nur anderthalb Jahre j\u00fcnger als Marx, geboren am 30. Dezember 1819. Gut drei\u00dfig Jahre nach Marxens Eintrag in das Album der Tochter legt er unser Ausgangszitat dem Stechlin in den Mund. Der verzweifelt nicht daran, dass die Wahrheit in einer ihr angemessenen Aussage nicht v\u00f6llig und unanfechtbar enthalten ist. Lenin kann daf\u00fcr ebenfalls als Zeuge angef\u00fchrt werden: Jede erreichte Wahrheit hat f\u00fcr ihn stets relativen Charakter in einem dialektischen, wohl unendlichen Prozess der asymptotischen Ann\u00e4herung an die absolute Wahrheit.<br \/>\nMan muss sich deshalb nicht verzweifelt in einen unentrinnbaren Relativismus versenken. Die Sache mit der Wahrheit ist jedoch auch nichts f\u00fcr einfache Gem\u00fcter. Man muss Wahrheit zu finden trachten und zugleich akzeptieren, dass man sie nie ganz finden wird. F\u00fcr Stechlin ein Ausweg aus Langeweile. Lenin tr\u00f6stet, dass im Erkenntnisfortschritt jede relativ wahre Aussage einen Teil der Wahrheit erfasst und wir somit immer \u201etiefere Seiten der absoluten Wahrheit\u201c erfassen (Wolfgang R\u00f6d, Dialektische Philosophie der Neuzeit, M\u00fcnchen 1986, S141 und vgl. Lenin, Werke, Band 38, S. 212-214). Wie komme ich aber \u00fcberhaupt darauf? Nicht nur, weil wir demn\u00e4chst den 200. Geburtstag von Theodor Fontane feiern k\u00f6nnen. Das auch, denn  es hat mich an diesen Stechlin erinnert. Der lebte irgendwie dialektisch. Das 19. Jahrhundert hat ihm vielleicht theoretisch, sicher jedoch praktisch die Dialektik der Wahrheitsfindung eingebl\u00e4ut. Es ist das Jahrhundert der aufwachsenden Wissenschaft, deshalb das Jahrhundert des Zweifels an allem, auch durch Revolutionen und aufkommende Demokratien, das Jahrhundert des Erkenntnisfortschritts in Widerspr\u00fcchen, weil das Jahrhundert der Einsicht in die Widerspr\u00fcchlichkeit der Welt. Aus dem 18. Jahrhundert kommt Georg Wilhelm Friedrich Hegel philosophisch-spekulativ damit herein, Marx und Engels verwandeln das in eine Wissenschaft, Lenin tr\u00e4gt es in die erste H\u00e4lfte des zwanzigsten Jahrhunderts, Fontane verarbeitet es am Ende des Jahrhunderts literarisch. Sein Stechlin versucht wacker damit zurecht zu kommen, in der Politik und im pers\u00f6nlich-famili\u00e4ren Leben; bis er stirbt und vieles f\u00fcr ihn offen gelassen zur\u00fcck bleibt.<br \/>\nMeine Frage nun, wie werden wir diesem Dilemma der Erkenntnis gerecht, wenn wir uns um Wahrheiten streiten? W i r, das muss nicht gleich die gesamte Menschheit sein. Nehmen wir doch bescheiden zun\u00e4chst nur die Partei DIE LINKE. Der alte Stechlin wurde nicht gleich ungl\u00fccklich, weil er als konservativer Kandidat eine Nachwahl zum Reichstag gegen einen \u201eBebelianer\u201c verloren hatte. Irgendwie war es f\u00fcr ihn auch ein Zeichen, dass sich in der Gesellschaft etwas ver\u00e4ndert hatte; ver\u00e4ndert auch, weil die Menschen anfingen, systematisch der Welt und ihren Widerspr\u00fcchen auf den Grund zu gehen. Nun gehen wir doch mal unserer j\u00fcngsten Niederlage nach und auf den Grund. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich, Wahrheit zu suchen, Aber machen wir das selbstgerecht verabsolutierend und spaltend oder machen wir es auf dialektische Art und Weise? Lasst uns die Ann\u00e4herung an die Wahrheit in jeder begr\u00fcndbaren Aussage akzeptieren. Nehmen wir den Widerspruch nicht als Ausdruck der Feindschaft, sondern als Ansatz zu seiner Aufl\u00f6sung &#8211; wohlgemerkt: zu seiner Aufl\u00f6sung in neuer Erkenntnis. Bewerkstelligen wir das miteinander, dann wird es gelingen!<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, November 2019, 12.10.2019)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eUnanfechtbare Wahrheiten gibt es \u00fcberhaupt nicht, und wenn es welche gibt, so sind sie langweilig.\u201c Das sagt der alte Stechlin, der Titelheld in Theodor Fontanes gleichnamigem Roman. Aber was hat es mit diesem Satz f\u00fcr eine Bewandtnis? Er dient gleich am Anfang des Werkes zur Charakterisierung des Hausherren am namensgleichen See. 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