{"id":1160,"date":"2019-09-23T18:24:12","date_gmt":"2019-09-23T16:24:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1160"},"modified":"2019-09-23T18:26:32","modified_gmt":"2019-09-23T16:26:32","slug":"die-hasen-und-die-igel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1160","title":{"rendered":"Die Hasen und die Igel"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Freitag, der 20. September, und bereits abends. Ein langer, sch\u00f6ner Tag neigt sich zu Ende, knapp vor Herbstanfang, mit einem herrlichen Abendrot, das einen sonnigen n\u00e4chsten Tag verspricht. Ich sitze am Schreibtisch und schreibe diese Glosse.<br \/>\nDer Tag war lang, weil ich um 9:30 einen Termin in Dresden wahrnehmen musste; Fahrzeit eine knappe Stunde &#8211; also sp\u00e4testens 8:00 Uhr los, aufstehen halb sieben. Kann ja etwas dazwischen kommen. Vor Staus ist man nie gefeit. Hin blieb er mir erspart, zur\u00fcck war er da. Rechtzeitig ausgewichen, weil durch das Radio gewarnt, gelang mir die R\u00fcckfahrt &#8211; \u00fcber vier Umleitungen und zwei lange Aufenthalte vor Ampeln, die wegen Baustellen verengte Fahrbahnen wechselweise frei gaben &#8211;  in gut zwei Stunden.<br \/>\nJa, die Fahrt wurde mit dem Auto angetreten. Mit \u00d6ffis w\u00e4re der Termin nicht zu halten gewesen: Erst drei Kilometer zum n\u00e4chsten Bahnhof. Von da f\u00e4hrt jede Stunde ein Zug nach Leipzig. Kommt man dort an, f\u00e4hrt der Zug nach Dresden just im gleichen Augenblick weg. Nach einer halben Stunde geht es dann weiter. In Dresden noch Stra\u00dfenbahn. Wann soll ich da aufstehen, um alles zu schaffen? \u201eSei nicht so empfindlich\u201c, denke ich. Im Radio h\u00f6re ich n\u00e4mlich gerade, dass das GroKo-Bundeskabinett die ganze Nacht \u201egetagt\u201c hat und immer noch tagt, um die Hausaufgabe eines Klimaschutzprogrammes zum Ende zu bringen. Das erinnert mich an meine Schulzeit &#8211; n\u00e4chtliches Erledigen von Hausaufgaben bringt Fehlerhaftigkeit des Resultats. \u201eFriday for future\u201c ist der Tag auch noch. Sicher sammeln sich schon all\u00fcberall die Sch\u00fcler*innen und von diesen aufgeweckte Erwachsene zur Fahrt in die gro\u00dfen St\u00e4dte zur Demo f\u00fcr die Klimarettung. In anderen Teilen der Erde sind sie schon l\u00e4ngst auf den Beinen. In Australien und Polynesien ist schon alles wieder fast vorbei. In Frankfurt am Main erwacht indessen der vorletzte Tag der Internationalen Automobilausstellung. Den Zugang in die Hallen haben am ersten Tag Demonstrant*innen blockiert. Wer hinein wollte, musste den Hinterausgang benutzen. Beim Fr\u00fchst\u00fcck kann ich schon das zeitig angelieferte \u201eNeue Deutschland\u201c lesen, mit einem Extrablatt zum FfF-Klimastreik. Am Ende des Tages sticht das Schiff \u201ePolarstern\u201c von Norwegen aus in See Es soll ein Jahr lang im Eis festgefroren triftend (eine sehr umweltfreundliche, aber nicht verallgemeinerbare Art der Mobilit\u00e4t) das arktische Klima erkunden. Und der Regenwald in S\u00fcdamerika brennt immer noch.<br \/>\nP\u00fcnktlich war ich auf die unweite Autobahn aufgefahren und habe mich eingereiht. Das ging gar nicht so einfach, denn auf der rechten Spur bewegte sich eine unendliche, dicht auf dicht fahrende Kolonne von Lkws und links eine ebensolche Schlange von Pkws und kleineren Transportfahrzeugen. Sich da hineinzuschl\u00e4ngeln musste man erst schaffen. Mit Bremse, Gas, Hupe, \u00dcbermut und auch etwas R\u00fccksichtslosigkeit war es gegl\u00fcckt. Jetzt war man Teil der Karawane. Fast Sto\u00dfstange an Sto\u00dfstange bewegte sich auf beiden Spuren der Tross. Die Fahrt verlief jedoch, wie bereits gesagt, ohne Zwischenf\u00e4lle, dauerte keine ganze Stunde und endete sogar etwas zu fr\u00fch am Zielort.<br \/>\nDennoch war Zeit zum Beobachten und Nachdenken. Was bewegte sich eigentlich auf diesem Betonband und wodurch bewegte es sich? So kam pl\u00f6tzlich die Erkenntnis: Ich fuhr an Tausenden brennenden  Arbeitspl\u00e4tzen vorbei. Die befanden sich in den Lkws und sie befanden sich in den Autos vor und hinter mir. Die dagegen anrennen sind die Hasen, kam mir in den Sinn. Sie rennen hinter den Igeln her. Die rufen aber \u00fcberall, \u201eIck bin allhier\u201c. Genau dagegen wurde ja am gleichen Tag demonstriert, genau deshalb tagte n\u00e4chtens die GroKo. Wer wird dieses Rennen gewinnen, war pl\u00f6tzlich die Frage des Tages? Werden die Hasen, so wie im M\u00e4rchen, eines Tages wegen des nicht zu gewinnenden Wettbewerbs tot umfallen? Oder geben die Igel auf, weil ihnen die Hasen etwas Neues als Ersatz f\u00fcr dieses sinnlose Wettrennen anbieten &#8211; mit Gewinn f\u00fcr beide Seiten? Das M\u00e4rchen beginnt im Original mit dem niederdeutschen Satz: \u201eDisse Geschichte ist l\u00f6genhaft to vertellen.\u201c Das ist der Anfang f\u00fcr die AfD und Konsorten. Die glauben nicht an die drohende Trag\u00f6die. Wir wissen jedoch, uns rettet nicht das sch\u00f6ne Wetter des M\u00e4rchens und dieses 20. Septembers. Wetter an ein paar Tagen ist nicht Klima. Es muss uns etwas einfallen &#8211; F\u00fcr Klima und Arbeitspl\u00e4tze.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, Oktober 2019, 22.09.2019)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Freitag, der 20. September, und bereits abends. Ein langer, sch\u00f6ner Tag neigt sich zu Ende, knapp vor Herbstanfang, mit einem herrlichen Abendrot, das einen sonnigen n\u00e4chsten Tag verspricht. Ich sitze am Schreibtisch und schreibe diese Glosse. 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