{"id":1151,"date":"2019-06-29T12:27:35","date_gmt":"2019-06-29T10:27:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1151"},"modified":"2019-06-29T16:52:35","modified_gmt":"2019-06-29T14:52:35","slug":"wir-lagen-vor-lampedusa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1151","title":{"rendered":"&#8222;Wir lagen vor Lampedusa &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>\u2026 und hatten 40 Migranten an Bord.\u201c  Brechts Lied, in dem das Schiff vor Madagaskar lag,  kann man danach unver\u00e4ndert weitersingen (Text gibt es im Internet). Ob Migranten oder von der Pest bedrohte Matrosen, ihr Schicksal ist \u00e4hnlich bis fast gleich. Keiner k\u00fcmmert sich um sie, bis sie verrecken.<br \/>\nMich erinnert die Geschichte der Migranten auf der \u201eSea-Watch 3\u201c und die Courage der Kapit\u00e4nin Rackete an eine Geschichte aus meiner Kindheit, die pl\u00f6tzlich neue Dimensionen bekommt, f\u00fcr mich bis vor Kurzem noch nicht vorstellbare. Die Fassade unseres Hauses, ein altes Mehrfamilienhaus aus dem 19. Jahrhundert, sollte restauriert werden. Dazu wurde ein Ger\u00fcst aufgestellt. Es war schon sp\u00e4ter Nachmittag, denn meine Mutter war schon von der Arbeit zu Hause, da arbeiteten die Ger\u00fcstbauer immer noch. Pl\u00f6tzlich klopfte es an eines unserer Wohnzimmerfenster im 2. Stock. Wir erschraken kurz, dann \u00f6ffnete meine Mutter das Fenster. Drau\u00dfen hing, mehr als er stand, ein Ger\u00fcster, einen halben Fu\u00df auf dem Fenstersims und mit halber Hand am Fensterkreuz festgekrallt. \u201eK\u00f6nnten Sie mich reinlassen?\u201c Das war seine verzweifelte Frage. Irgendetwas war wohl schief gelaufen. Danach war aber nicht zu fragen. Meine Mutter hielt ihm ihre Hand hin, machte den Platz frei und der Mann sprang erleichtert in unsere Wohnung. W\u00e4re es da angemessen gewesen, erst zu kl\u00e4ren, ob das nicht vielleicht Hausfriedensbruch h\u00e4tte sein k\u00f6nnen? H\u00e4tte man daf\u00fcr nicht erst einen Anwalt holen sollen? War auch nicht zu bef\u00fcrchten, dass der etwas verstaubte Mann Schmutz und Unruhe in unsere ohnehin zu kleine Wohnung bringen k\u00f6nnte? Sind wir ehrlich, solche \u00dcberlegungen klingen nicht nur etwas verr\u00fcckt, sie w\u00e4ren rechtlich auch nicht abgedeckt gewesen, noch dazu wegen der damit verbundenen m\u00f6glichen Verz\u00f6gerung, die schlimme Folgen h\u00e4tte haben k\u00f6nnen. Unterlassene Hilfeleistung! Meine Mutter w\u00e4re straff\u00e4llig geworden, h\u00e4tte sie nich sofort geholfen. Hat sie ja auch.<br \/>\nUnd nun zur\u00fcck zur \u201eSea-Watch 3\u201c und zur Kapit\u00e4nin: Sie und viele andere wussten, dass sich im Mittelmeer f\u00fcrchterliche Trag\u00f6dien abspielen. Menschen aus Afrika sind bereit, viel, ja alles zu riskieren, um ihrer materiellen Not, um der Bedrohung ihrer k\u00f6rperlichen Unversehrtheit, um einer oft massiven Einschr\u00e4nkung ihrer Rechte, um der brutalen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und dem Raub ihrer Lebensgrundlagen zu entgehen. Sie wagten eine in ihrem Verlauf nicht vorherzusehende Flucht &#8211; nat\u00fcrlich auch in der Hoffnung auf Hilfe und auf Begegnungen mit Mitmenschlichkeit. Eine solche war das Schiff mit Kapit\u00e4nin Rackete, finanziert eben von Mit-Menschen. Die Alternative zu ihrer Hilfe w\u00e4re das Ertrinken im Mittelmeer gewesen oder das Verhungern, Verdursten und Verdorren auf dem Schiff, wenn es nicht anlanden darf. Die Gefahr war real. Es sind nicht alle Menschen Mit-Menschen. Herr Salvini, der italienische Innenminister zum Beispiel nicht. Ihn st\u00f6rt nicht, dass von 2014 bis 2018 auf der Flucht durch das Mittelmeer 1.600 Kinder den Tod fanden, andere Politiker*innen \u00fcbrigens auch nicht. Sie setzen nur B\u00fcrokratie  in Gang und wollen die Toten, um andere von der Flucht abzuschrecken. 1.900 Tote an der Grenze zwischen Mexiko und den USA in den letzten f\u00fcnf Jahren sollen ja auch Herrn Trump n\u00fctzen. Er hat einen Grund, deshalb \u201eaus Erw\u00e4gungen der Menschlichkeit\u201c eine Mauer zu bauen. Mauern sind unpraktisch, das wissen wir, aus der DDR kommend, sehr gut. Das Mittelmeer  ist praktischer. Das Mittelmeer braucht keine Mauersch\u00fctzen. Es t\u00f6tet mit naturgesetzlicher Gewissheit. Au\u00dfer Seeleute wie Frau Rackete und hinter ihnen stehende Menschen greifen in den \u201enat\u00fcrlichen Prozess\u201c, dem man Fl\u00fcchtlinge \u00fcberlassen will, mit helfender Hand tatkr\u00e4ftig ein. Und deshalb passiert jetzt etwas Unglaubliches in der langen Rechtsgeschichte und Unerh\u00f6rtes seit Beginn der \u201eChristlichen Seefahrt\u201c. Man klagt die Lebensretter an. Man klagt sie an, das Leben von Menschen h\u00f6her eingeordnet zu haben als das Papier, auf dem die Gesetze stehen. Man verhaftet sie und liquidiert damit die Mitmenschlichkeit. Verrecken lassen ist rechtskonform, Rettung ein Verbrechen. Und worum geht es? Es geht um die Unversehrtheit eines europ\u00e4ischen Wohlstandes, den immer weniger genie\u00dfen k\u00f6nnen; nicht wegen der Fl\u00fcchtlinge, sondern wegen der Spaltung der Gesellschaft in wenige Reiche und immer mehr Bed\u00fcrftige. M\u00f6gen das alle bedenken, die ihre Ferien noch im sonnigen S\u00fcden Europas verbringen.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, Juli\/August 2019, 29.06.2019&#8243;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 und hatten 40 Migranten an Bord.\u201c Brechts Lied, in dem das Schiff vor Madagaskar lag, kann man danach unver\u00e4ndert weitersingen (Text gibt es im Internet). Ob Migranten oder von der Pest bedrohte Matrosen, ihr Schicksal ist \u00e4hnlich bis fast gleich. Keiner k\u00fcmmert sich um sie, bis sie verrecken. Mich erinnert die Geschichte der Migranten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":[]},"categories":[1],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pBNn2-iz","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1151"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1151"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1151\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1155,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1151\/revisions\/1155"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1151"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1151"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1151"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}