{"id":1143,"date":"2019-05-19T08:09:33","date_gmt":"2019-05-19T06:09:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1143"},"modified":"2019-05-19T08:09:38","modified_gmt":"2019-05-19T06:09:38","slug":"es-kann-der-froemmste-nicht-in-frieden-bleiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1143","title":{"rendered":"Es kann der Fr\u00f6mmste nicht in Frieden bleiben &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Es ist Wilhelm Tell, zum Mord an Gessler bereit, der in Schillers Drama dem friedfertigen St\u00fcssi in dessen Feierlaune eben diesen Satz entgegenh\u00e4lt und ihm mit seiner Warnung, \u201ewenn es dem  b\u00f6sen Nachbarn nicht gef\u00e4llt\u201c, erst den misstrauischen Sinn gibt. Die Sehnsucht beider sprach zuvor der St\u00fcssi  aus: \u201eJa, wohl dem, der sein Feld bestellt in Ruh, und ungekr\u00e4nkt daheim sitzt bei den Seinen.\u201c Udo J\u00fcrgens konnte sich das wohl vorstellen, wusste aber von einer Realit\u00e4t, die dem Tell recht gab und nicht dem St\u00fcssi: 1974 besang er nach einem Text von Michael Kunze ein \u201eehrenwertes Haus\u201c, in dem er am Ende nach dem Willen der anderen Bewohner nicht mehr wohnen sollte und schlie\u00dflich auch nicht mehr wollte. Das Haus war voller L\u00fcgen und Intrigen; \u201eehrenwert\u201c nur nach au\u00dfen. Drinnen lebten Gewalt, mehr Hundeliebe als Kinderliebe, Rassismus und Sexismus, Denunziation und Despotismus, Heuchelei. Liebe war nur mit der Versicherungspolizze Trauschein gestattet. Eine bittere Abrechnung mit der Kleinb\u00fcrgerlichkeit der Gesellschaft bis in ihre Spitzen. Roland Kaiser am\u00fcsierte sich auf seine Art \u00fcber ein solches Haus: \u201eEs kann der Fr\u00f6mmste nicht in Frieden leben, wenn ihm die sch\u00f6ne Nachbarin gef\u00e4llt \u2026 Ich bin versucht, der Versuchung nachzugeben, wenn nebenan die S\u00fcnde wohnt.\u201c Eindringen in die Gefilde anderer, es ist so allt\u00e4glich, und es ist auch im Leben der V\u00f6lker nebeneinander nicht anders. Das war immer so. Musste das wirklich immer so bleiben?<br \/>\nMichail Gorbatschow war es, der damit Schluss machen wollte. Am 10. April 1987 verk\u00fcndete er deshalb in Prag zum ersten Mal seine Vision eines friedlichen, ungeteilten Europa, verpackt in die Metapher vom \u201egemeinsamen Haus Europa\u201c. Die Idee des sowjetischen Staatsmannes weckte 43 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg \u201eHoffnung auf Entspannung, Frieden und \u00dcberwindung der machtpolitischen Bl\u00f6cke.\u201c. Ich zitiere Rolf Bachem und Kathleen Battke, die \u00fcber diese Metapher und ihre Wirkung in der Zeitschrift MUTTERSPRACHE, Heft 3\/1989 auf den Seiten 110 bis 126 nachdachten. Nach beiden lie\u00df die Metapher offen, welches Haus denn gemeint sein k\u00f6nnte oder zustande kommen w\u00fcrde. Sollten es vorgefertigte, langweilig normierte und normierende Wohnblocks sein oder bequeme, weltoffene holl\u00e4ndische Landh\u00e4user, mit gro\u00dfen Fenstern, ohne Vorh\u00e4nge. Vielleicht w\u00fcrden es auch nur britische Reihenh\u00e4user, immerhin gleich f\u00fcr alle einerseits und geeignet, sich nach eigenen Vorstellungen einzurichten, andererseits. Wir hatten die Chance. Heute &#8211; 32 Jahre sp\u00e4ter &#8211; k\u00f6nnen wir \u00fcber ihre Nutzung abrechnen. Nun, erst glaubte man, die Wohnung der Gorbatschows ausr\u00e4ubern zu k\u00f6nnen. Ein Trinker hatte sich dort eingenistet. Das kam gelegen. Als dem ein Riegel vorgeschoben wurde, begann die neue Feindschaft. Man verb\u00fcndete sich gegen den \u201eb\u00f6sen Nachbar\u201c. Einig war man sich im \u201eehrenwerten Haus\u201c, die m\u00fcssen raus. So etwas ist freilich ansteckend. Die mit den gro\u00dfen und gut eingerichteten Wohnungen, machten den Kleinen Angst, holten sich mit Drohungen und Versprechungen, was sie brauchten. Das Misstrauen zwischen allen wuchs. In jeder Wohnung gab es welche, die die T\u00fcren verrammeln wollten. Zerstritten ist die Hausgemeinschaft. Einige versuchten sogar mit dem \u201eb\u00f6sen Nachbar\u201c heimlich zu paktieren. Der gemeinsame Hausname gilt nicht mehr. Gastfreundschaft ist zu einem Fremdwort geworden. Alles nur mehr zynische Reminiszenzen. Die Macht der M\u00e4chtigen wird wohl sesshaft bleiben wollen. Egoismen werden sich jedoch aufbauschen, anbiedern und sich um der Macht der M\u00e4chtigen willen gegeneinander hetzen lassen. Das Haus steht da. Das Haus ist in Gefahr. Viele r\u00fctteln an seinen Grundfesten. Der St\u00fcssi greift zu kurz. Der St\u00fcssi ist ein Feigling. Wer m\u00f6glichst nur sein Feld bestellen will und meint, dann k\u00f6nne er ungekr\u00e4nkt daheim sitzen bei den Seinen, der irrt. Solche \u00fcberh\u00f6ren, wie die Axt an ihre eigene T\u00fcr gesetzt und die Wohnung in Gefahr gebracht wird. Mir geht es wie dem Tell mit Gessler: \u201eIch lebte still und harmlos \u2026 Du hast aus meinem Frieden mich heraus geschreckt \u2026 Die Milch der frommen Denkart mir verwandelt.\u201c Dagegen komme ich nicht alleine an. Es ist Enteignen angesagt. Das Haus als Ganzes ist von anderen in Besitz zu nehmen, die T\u00fcren sind zu \u00f6ffnen und Frieden ist zu schlie\u00dfen unter Nachbarn, so dass das Haus endlich allen Nutzen bringt.<\/p>\n<p>(F\u00fcr Links vorgesehen, Juni 2019, 18. Mai 2019)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist Wilhelm Tell, zum Mord an Gessler bereit, der in Schillers Drama dem friedfertigen St\u00fcssi in dessen Feierlaune eben diesen Satz entgegenh\u00e4lt und ihm mit seiner Warnung, \u201ewenn es dem b\u00f6sen Nachbarn nicht gef\u00e4llt\u201c, erst den misstrauischen Sinn gibt. Die Sehnsucht beider sprach zuvor der St\u00fcssi aus: \u201eJa, wohl dem, der sein Feld bestellt [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"jetpack_post_was_ever_published":false,"jetpack_publicize_message":"","jetpack_is_tweetstorm":false,"jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":[]},"categories":[1],"tags":[],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/pBNn2-ir","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1143"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1143"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1143\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1146,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1143\/revisions\/1146"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}