{"id":1132,"date":"2019-03-21T15:28:35","date_gmt":"2019-03-21T13:28:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1132"},"modified":"2019-03-21T15:28:40","modified_gmt":"2019-03-21T13:28:40","slug":"von-der-genauigkeit-in-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1132","title":{"rendered":"Von der Genauigkeit in der Sprache"},"content":{"rendered":"<p>M\u00e4nner (und nat\u00fcrlich auch viele Frauen) doktern immer wieder an der Sprache herum. Sie verkaufen und kaufen &#8222;Sande&#8220;, sie haben &#8222;Bedarfe&#8220;. Welch merkw\u00fcrdige Pluralbildungen. Die W\u00f6rter sind eigentlich sogenannte \u201esingularetantums\u201c, also W\u00f6rter, die nur im Singular vorkommen, so wie auch \u201eDurst\u201c oder \u201eJugend\u201c. Wer es aber braucht, ver\u00e4ndert sie. Am Anfang klingt es komisch. Man gew\u00f6hnt sich freilich daran. Mit Grammatik und Orthografie gehen Menschen oft ziemlich eigensinnig um. Warum auch nicht? Man ist cool und nicht so starr festgelegt. Konsequente Kleinschreibung ist doch so simpel. Was gehen mich Leser und Leserinnen an und die Kommasetzung und Gro\u00df- und Kleinschreibung als den Satz strukturierende Lesehilfe?<br \/>\nK\u00fcrzlich bekam ich eine Mitteilung zu \u00c4nderungen bei \u201eWindows\u201c (nat\u00fcrlich nicht bei meinen Fenstern, sondern in meinem Computer, wo das Wort als metaphorischer Eigenname f\u00fcr ein Programm gilt). Ich versuchte alles &#8211; in der digitalen Welt schon etwas herumgekommen &#8211; zu verstehen. Es ging aber nur holprig voran. Folgende W\u00f6rter im Text behinderten mich: snipping tool, Disk Cleanup-Tool, Storage Sense, Screenshots, Features, Front smoothing, Clear Type, Schriftengl\u00e4ttung. Bis auf eines waren es Anglizismen. Das st\u00f6rte mich nicht, und viele andere wohl auch nicht. F\u00fcr das Verstehen gibt es Lexika. Die Sache verh\u00e4lt sich im Grunde wie mit dem Wein. Wein und Weinbau brachten die R\u00f6mer zu den Germanen und sie brachten, wie das schon immer und \u00fcberall so \u00fcblich war, ihre W\u00f6rter mit. Die Germanen glichen diese ihren Sprachen an, gaben sie aber nicht vollends auf. Deshalb haben wir heute noch den Winzer (eben von \u201evinum\u201c) oder die Torkel. Letztere ist die Weinpresse. Lateinisch hie\u00df sie eben \u201etorculum\u201c, was auf das Drehen beim Pressen verweist und sich auch in \u201etorkeln\u201c wiederfindet. Alles also normal! Es entstanden \u00fcbrigens auch einheimische W\u00f6rter in germanischen Dialekten. Das brauchte freilich Zeit. Diese Zeit hat die Digitalisierung noch nicht, also bespricht man sie meist englisch, denn aus diesem Sprachraum kommt das meiste her. Es gilt f\u00fcr die Digitalisierung ganz aktuell, was Marx uns in seinem Werk, \u201eGrundrisse der Kritik der politischen \u00d6konomie\u201c verallgemeinernd aufdeckt: n\u00e4mlich, dass sich im Akt der Reproduktion so ziemlich alles \u00e4ndert; die objektiven Bedingungen der Produktion, die Produzenten selbst, Vorstellungen und Verkehrsweisen, Bed\u00fcrfnisse. Und es entsteht eine neue Sprache f\u00fcr all das Neue. Eine solche neue Sprache braucht es, um exakt und m\u00f6glichst ohne Missverst\u00e4ndnisse unter den neuen Bedingungen sich austauschen zu k\u00f6nnen. Es geht um Genauigkeit und es entsteht auch manchmal Ungew\u00f6hnliches:<br \/>\nAndere erfinden deshalb &#8222;Schraubendreher&#8220; und &#8222;Gliederma\u00dfstab&#8220; (der Genauigkeit halber). Schlie\u00dflich kennen sie sich aus und beherrschen diese komplizierten Werkzeuge. Es hat sich ihre Welt ge\u00e4ndert, weshalb es zum Beispiel den \u201eAnlagenbauer f\u00fcr Sanit\u00e4r-, Heizungs- und Klimatechnik\u201c gibt (der Genauigkeit halber f\u00fcr den unpr\u00e4zisen \u201eKlempner\u201c; man ist doch wer). Nur wenn es um Frauen geht, die ihre angestrebte beziehungsweise auch schon erreichte Stellung in der Gesellschaft in der Sprache verankert sehen wollen, die wollen, dass sie auch explizit genannt werden, wenn sie gemeint oder mit-gemeint sind (der Genauigkeit halber), die das generische (angeblich geschlechtsneutrale) Maskulinum durch echte geschlechtsneutrale W\u00f6rter ersetzt wissen wollen (der Genauigkeit halber), da werden M\u00e4nner (und auch manche Frau im Gefolge) hellh\u00f6rig. Jetzt entdecken sie das Best\u00e4ndige in der Sprache als hohes Gut. Jetzt wissen sie, dass das alles nicht so geht, wie diese radikalen Frauen (und auch manche M\u00e4nner) denken. Und dass der generische Gebrauch von Maskulina in der Vorstellung meist m\u00e4nnliche Exemplare der besprochenen Personen hervorruft &#8211; wer sagt denn sowas? Zu viel Genauigkeit, Ungewohntes zerst\u00f6ren doch den Sprech- und Redefluss. Bindestriche, Klammern, Rufzeichen, Fragezeichen? Ja! Sternchen? Nein! M\u00e4nner! Bewahrt Euch aus der Ritterzeit \u201estaete&#8220; (\u201eBest\u00e4ndigkeit\u201c), &#8222;ere&#8220; und \u201emuot&#8220;. Nicht so wichtig ist die \u201emaze&#8220; (\u201eBescheidenheit\u201c). Ihr seid M\u00e4nner und verdient alle ein sch\u0153nez w\u00eep, st\u00e6t und d\u00eam\u00fcete -unver\u00e4nderlich und dem\u00fctig.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, April 2019, 18.03.2019)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>M\u00e4nner (und nat\u00fcrlich auch viele Frauen) doktern immer wieder an der Sprache herum. Sie verkaufen und kaufen &#8222;Sande&#8220;, sie haben &#8222;Bedarfe&#8220;. Welch merkw\u00fcrdige Pluralbildungen. 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