{"id":1114,"date":"2018-11-30T09:11:31","date_gmt":"2018-11-30T07:11:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1114"},"modified":"2018-11-30T09:11:31","modified_gmt":"2018-11-30T07:11:31","slug":"ich-bin-kein-nazi-aber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1114","title":{"rendered":"Ich bin kein Nazi, aber &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Wie oft h\u00f6re ich das. Aber was nach dem \u201eaber\u201c kommt, verst\u00f6rt mich. Es verst\u00f6rt mich politisch und grammatisch. In der Grammatik gilt \u201eaber\u201c als adversative Konjunktion. Das hei\u00dft, sie leitet nach der ersten Aussage zumindest eine die erste Aussage einschr\u00e4nkende oder ihr gar widersprechende Aussage ein. In unserem Fall verwahrt man sich mit dem \u201eaber\u201c gegen die Einordnung als Nazi, nur weil man etwas sagt, was dies f\u00fcr andere oder auf den ersten Blick unterst\u00fctzt.<br \/>\nIch will mich also auseinandersetzen mit dem, was nach \u201eaber\u201c kommt und warum es nicht f\u00fcr die Qualifizierung als Nazi reichen sollte: Nach 1945 versuchte man sich sowohl in der  entstehenden Bundesrepublik und in \u00d6sterreich als auch in der DDR zumindest antinazistisch oder sogar konsequent antifaschistisch zu definieren. Man berief sich dabei auf unterschiedliche Begr\u00fcndungen. In \u00d6sterreich und der BRD war es vor allem der brutale Antisemitismus, der im Holocaust, in der Shoa gipfelte. In der DDR hob man den kommunistischen antifaschistischen Widerstand und seine unbestrittenen Heldentaten in einem unmenschlichen Alltag hervor. Das war zwar beides nicht alles, es wirkte aber (!) doch so, dass damit allt\u00e4gliche faschistische und faschistoide Auffassungen und Praktiken in den Hintergrund traten, unbeachtet blieben. Es begegnete mir als Heranwachsender in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts z.B. ein unkritisch reproduzierter Antisemitismus. Er fiel kaum auf, wenn der l\u00e4rmenden Schulklasse vom Schuldirektor ein \u201ehier geht es zu wie in der Judenschule\u201c entgegengeschleudert wurde. Wer assoziierte schon die todbringenden Vorurteile eines Antiziganismus, wenn der unaufger\u00e4umte Raum mit einem \u201ehier sieht es ja aus wie bei den Zigeunern\u201c beschrieben wurde? Es gibt freilich noch Subtileres. Das Patriarchat behauptete sich. Der Mann blieb noch lange gesetzlicher Haushaltsvorstand. Obwohl juristisch aufgehoben, benehmen sich auch heute noch viele M\u00e4nner so. M\u00e4nnliche Gewalt in der Familie ist deshalb nicht verschwunden, im Gegenteil, sie ist Alltag f\u00fcr viele Frauen und Kinder geblieben. F\u00fcr Kinder ist das auch so wegen des Weiterbestehens strenger autorit\u00e4rer Erziehungskonzepte. Wenn die DDR freudig verk\u00fcndete, den Frauen mit Waschmaschinen ihre \u201ezweite Schicht\u201c zu erleichtern, so sagt das sicher auch etwas \u00fcber die weit verbreitete famili\u00e4re Arbeits- und Rollenverteilung. Gesellschaftlich dominante Homophobie macht Heterosexualit\u00e4t nicht nur zur einklagbaren Normalit\u00e4t im Alltag, sondern verdr\u00e4ngt Homosexualit\u00e4t oder Transsexualit\u00e4t in das Ghetto des zu Verbergenden. \u201eSchwul\u201c ist heute in vielen Milieus immer noch ein Schimpfwort; alles  trotz gesetzgeberischer Toleranz vorerst in der DDR, sp\u00e4ter auch in der BRD und in \u00d6sterreich. Junge Leute wissen kaum noch von den \u201eRosa Winkeln\u201c in den KZs. Ethnozentrismus, die Auffassung von der \u00dcberlegenheit des westeurop\u00e4ischen \u201ewei\u00dfen Mannes\u201c ist nicht verschwunden. Im \u00f6sterreichischen Gymnasium verk\u00fcndete uns der Geografielehrer das \u201eKulturgef\u00e4lle von West nach Ost\u201c. Bei einer Zugfahrt in der DDR, Anfang der 1980er Jahre, h\u00f6rte ich zum ersten Mal die W\u00f6rter \u201eBrikett\u201c f\u00fcr Schwarzafrikaner und \u201eFidschi\u201c f\u00fcr Vietnamesen. Das unfreiwillig wahrgenommen, weil ungeniert laut ablaufende, Gespr\u00e4ch junger M\u00e4nner belehrte mich, dass \u201eNeger\u201c in der Stra\u00dfenbahn nicht sitzen d\u00fcrften, wenn Deutsche stehen, und dass es doch verboten werden sollte, dass sich Vietnamesen f\u00fcr ihren Arbeitslohn Mopeds kauften und in ihre Heimat schickten. Die geh\u00f6rten doch den Deutschen. Der Beispiele h\u00e4tte ich noch viele. Der Sprachwissenschaftler wei\u00df, es sind die sogenannten \u201eframes\u201c, die Rahmen, in denen sich das Bild von Welt und Gesellschaft im Alltagsbewusstsein sprachlich verfestigt. Einzelne W\u00f6rter sind dort in einen Zusammenhang gebracht, der ihre Bedeutung bestimmt und damit auch die m\u00f6glichen Textbedeutungen formt, wenn man sie verwendet. Jene frames, in denen meine Beispiele eingerahmt sind, haben Platz gehalten f\u00fcr die Wiederauferstehung eines alten Faschismus. Sie machen Dinge pl\u00f6tzlich wieder aussprechbar, die wir als lange \u00fcberwunden glaubten. Es passt doch ins gut gerahmte Weltbild. Nein und nochmals Nein! Lasst uns aus dem Rahmen fallen.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr &#8222;Links&#8220;, Dezember 2018\/Januar2019, 20.11.2018)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie oft h\u00f6re ich das. Aber was nach dem \u201eaber\u201c kommt, verst\u00f6rt mich. Es verst\u00f6rt mich politisch und grammatisch. 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