{"id":1107,"date":"2018-10-25T09:44:48","date_gmt":"2018-10-25T07:44:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1107"},"modified":"2018-10-25T09:46:47","modified_gmt":"2018-10-25T07:46:47","slug":"ungewisse-gewissheiten-historisch-kritisches-woerterbuch-des-marxismus-nach-35-jahren-auf-der-haelfte-des-weges","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1107","title":{"rendered":"&#8222;Ungewisse Gewissheiten&#8220; &#8211; &#8222;Historisch-kritisches W\u00f6rterbuch des Marxismus&#8220; nach 35 Jahren auf der H\u00e4lfte des Weges."},"content":{"rendered":"<p>Es wurde einst ein W\u00f6rterbuch \u00fcbersetzt, das \u201eDictionnaire Critique du Marxisme (Kritisches W\u00f6rterbuch des Marxismus)\u201c, herausgegeben von Georges Labica und G\u00e9rard Bensussan. \u201eHerausgeber der deutschen \u00dcbersetzung war Wolfgang Fritz Haug. An der franz\u00f6sischen Fassung des W\u00f6rterbuchs waren \u00fcber 60, an der deutschen \u00dcbersetzung fast 40 Autoren beteiligt.\u201c (WIKIPEDIA)  Das geschah in den Jahren von 1983 bis 1989 . Bald stellte sich heraus, dass zum Verst\u00e4ndnis des im Kontext der franz\u00f6sischen Marx-Rezeption entstandenen Werks f\u00fcr vorrangig deutsche Benutzer Hilfe n\u00f6tig ist. Sie sollte mit sogenannten \u201eSupplementb\u00e4nden\u201c gew\u00e4hrt werden. Ein schwieriges Unternehmen, wie wir im ersten Band (1994) der nun zum \u201eHistorisch-kritischen W\u00f6rterbuch des Marxismus\u201c (HKWM) mutierten \u201eSupplemente\u201c erfahren: \u201eAlle an Marx anschlie\u00dfenden Richtungen waren zur Mitarbeit eingeladen. Als sich das Projekt zwischen dogmatischem Bannfluch und sozialliberalen Ber\u00fchrungs\u00e4ngsten im damals noch zweistaatlichen Deutschland blockiert fand, internationalisierte es sich und suchte nicht zuletzt, soweit m\u00f6glich, die Zusammenarbeit mit Intellektuellen aus dem >>Trikontinent<< Asien, Afrika und Lateinamerika. Bald wurde die Form eines Supplements gesprengt, schon aus dem \u00e4u\u00dferlichen Grund, da\u00df es im Umfang auf ein Mehrfaches des \u00fcbersetzten Werkes angewachsen war.\u201c (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort zu Band 1, Berlin 1994, S. I)   \n\nAls eigenes Projekt gegr\u00fcndet wurde das W\u00f6rterbuch am Rande der Veranstaltungen zum hundertsten Todestag von Karl Marx in der DDR. Durch eine Neugr\u00fcndung und der endg\u00fcltigen Festlegung auf den Namen \u201eHistorisch-kritisches W\u00f6rterbuch des Marxismus\u201c \u00fcberlebte das Projekt den Zusammenbruch des europ\u00e4ischen Staatssozialismus. Der erste Band erschien, sehr viel sp\u00e4ter als geplant, n\u00e4mlich 1994. Fertig wollte man etwa im Jahr 2000 sein. Nun ist das Projekt in seinem 35. Jahr und gerade mal bis zur H\u00e4lfte des Alphabets gediehen. Mir liegt 2018 der Band 9\/I vor: \u201eMaschinerie bis Mitbestimmung\u201c. Wann und mit wem das Werk zu Ende gebracht sein wird, ist wohl offen. Aber ich sage es gleich: Zu Ende gebracht werden sollte es. \n\nWurde es ihm zun\u00e4chst um 1990 auch prophezeit, so ist der Marxismus l\u00e4ngst nicht tot. Wolfgang Fritz Haug war sich 1994 sicher: \u201eSowenig die Geschichte des Christentums mit dem Sturz der ersten christlichen Herrschaft beendet war , so wenig wird die theoretisch-praktische Suche nach solidarischer und umweltvertr\u00e4glicher Vergesellschaftung beendet sein mit dem Sturz der kommunistischen Herrschaft.\u201c (HKWM, Vorwort, Band I, 1994, S. II) Und er meinte zu Recht: \u201eDas Besserwissen, das sich nach einer Niederlage einstellt, ist nicht unbedingt besseres Wissen.\u201c (ebenda, S. III)\n\nUm \u201ebesseres Wissen\u201c geht es. Da steht an erster Stelle die Erkenntnis, dass \u201eMarxismus\u201c keine monolithische Denkschule, kein enges Korsett des M\u00f6glichen ist. F\u00fcr so manche vielleicht etwas Neues, aber sicher Richtiges - Marxismus ist vielmehr ein pluralistisches Projekt. \u201eGemessen an der Geschichte marxistischen Denkens geh\u00f6rt zum Neuen heute nicht die Wiederherstellung einer >> geschlossenen Weltanschauung<<, sondern die Wahrnehmung der >> unganzen Ganzheit<< (Sartre) \u2026\u201c (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 2, 1995, S. I) Hierin sehe ich den dominanten Wert der Unternehmung. Es \u00f6ffnet sie f\u00fcr Divergenzen und Differenzen im Theoretischen, f\u00fcr solche im praktisch-politischen Bezug und erweitert die Sichtweise des \u201eMarxistischen\u201c auf die sich ver\u00e4ndernde Welt, ohne sich im Grunds\u00e4tzlichen aufzugeben. Der Titel des W\u00f6rterbuches verdeckt das etwas. Es m\u00fcsste konsequent eigentlich als ein \u201eHistorisch-kritisches W\u00f6rterbuch der Marxismen\u201c angeboten werden. Das W\u00f6rterbuch verschreibt sich der Aufgabe, \u201e\u2026die T\u00e4uschungen innerhalb marxscher Theoreme und ihre Ideologisierung durch die Marxismen an der Macht historisch-kritisch aufzuarbeiten. Nicht weniger aber gilt es, die Arbeit an der marxistischen Theorie fortzusetzen. Der Sinn des historisch-kritischen Projektes ist die Gewinnung der Zukunft.\u201c (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 4, 1999  S. III) Diesen Weg geht man gerne mit. Es ist ein Weg auch in ungewisse Gewissheiten. Es war am Anfang des Projektes nicht vorherzusehen, welche Begriffe im Verlauf der Zeit und des Alphabets sich in den Weg stellen w\u00fcrden. Vor allem der \u201eBr\u00fcckenschlag in die Gegenwart zu neuen sozialen Bewegungen\u201c (Walter Fritz Haug, HKWM, Vorwort Band 6, 2004, S. III) brachte Neuigkeiten. Wer h\u00e4tte 1998 schon gedacht, dass im Jahr 2004 Stichw\u00f6rter wie \u201eHomosexualit\u00e4t\u201c und \u201eHeteronormativit\u00e4t\u201c in ein solches W\u00f6rterbuch aufzunehmen sind. Wer h\u00e4tte zu Beginn gedacht, dass 15 Jahre sp\u00e4ter neben dem Stichwort \u201eHeimat\u201c, \u201eHorror\u201c oder \u201eJeans\u201c auftauchen w\u00fcrden. \u00dcberraschen k\u00f6nnten manche und manchen vielleicht auch die Artikel zu \u201eHimmel\u201c, \u201eH\u00f6lle\u201c, \u201eJenseits\u201c, \u201eDiesseits\u201c, \u201eHexe\u201c. Wer die Artikel liest, wird schnell feststellen, dass eine marxistische Perspektive notwendig ist. \u201eIslamische Revolution\u201c, \u201eislamischer Fundamentalismus\u201c sind wohl keine \u00dcberraschung mehr. Eine gro\u00dfe Bereicherung erf\u00e4hrt das W\u00f6rterbuch durch die Durchdringung mit marxistisch-feministischer Begrifflichkeit. Haupts\u00e4chlich verantwortlich zeichnet daf\u00fcr Frigga Haug. Die in den ersten sechs B\u00e4nden enthaltenen einschl\u00e4gigen Artikel liegen \u00fcbrigens zusammengefasst vor in \u201eHistorisch-kritisches W\u00f6rterbuch des Feminismus\u201c (Hamburg 2003)\n\nDas W\u00f6rterbuch vermittelt nicht einfach gesichertes Wissen. Woher sollte es kommen? Es folgt vielmehr dem Pluralismus  der \u201eMarxismen\u201c, spaltet sie in ihren relevanten Begrifflichkeiten auf, vermittelt das damit verbundene \u201ebessere Wissen\u201c aber nie als \u201eBesserwisserei\u201c. Das Werk bleibt sich treu in einer Besonderheit. Wo die Divergenzen offensichtlich und gro\u00df sind, schreiben mehrere jeweils ihren Artikel zum gleichen Begriff. Nur so ist auch der Anspruch der Weiterentwicklung der Theorie einzul\u00f6sen. Wolfgang Fritz Haug bekennt 2015: \u201eIm Blick auf die Widerspr\u00fcche des Marxismus und des Marxistseins haben wir uns mit aller Kraft bem\u00fcht, in der Beobachtung genau und in der Darstellung r\u00fccksichtslos offen zu sein. Dass wir das nicht im zeugenlosen Selbstgespr\u00e4ch, sondern \u00f6ffentlich tun, grenzt an Tollk\u00fchnheit.\u201c (HKWM, Vorwort zu Band 8\/II, 2015, S. II) Herzlichen Dank f\u00fcr den Mut dazu! Genau deshalb kann man sich \u00fcber das W\u00f6rterbuch selbst kritisch in die Marxismen einbringen. Man lernt zu unterscheiden zwischen \u201epositivem Nichtwissen\u201c und Pseudowissen.\n\nEs ist in jeder Zeile des bisher Erschienenen die pers\u00f6nliche Verantwortung der jeweiligen Autorin oder des Autors f\u00fcr das Ausgef\u00fchrte und seine m\u00f6glichen Konsequenzen erkennbar. Obwohl in sich widerstreitend ist damit wohl auch ein Subjekt des Marxismus oder zumindest ein wichtiger Teil dieses Subjektes erkennbar. Damit wird das HKWM zu einem Bekenntnis pers\u00f6nlicher menschlicher Verantwortung f\u00fcr den Fortgang und konkreten Verlauf der Geschichte unter marxistischen Vorzeichen. Es unterscheiden sich damit im HKWM nachlesbar marxistische Theorie und Praxis und ihre Akteure und Akteurinnen fundamental von jenen des Kapitalismus. Sie erf\u00fcllen eine historische Aufgabe. Den Herausgeberinnen und Herausgebern, den Institutionellen Unterst\u00fctzungen, den Sponsorinnen und Sponsoren sei deshalb gesagt. Es lohnt alle M\u00fche:\n\n\u201eWer, wenn nicht in marxscher Kritik der politischen \u00d6konomie gebildete, kapitalismuskritische Geister sollte sich die brennende Problem-, Konflikt- und Krisenwelt des Kapitalismus aufladen? Die Kapitalisten, ihre staatlichen >Gesamtkapitalisten< und ihr intellektueller Anhang sind absorbiert vom Unmittelbaren des Moments bzw. vom absehbaren Unmittelbaren der nahen Zukunft. Sie m\u00fcssen sich der Weltprobleme nur insofern annehmen, als diese die Grundlage des Weiter-so unmittelbar gef\u00e4hrden. Der Gefahr, die der Kapitalismus selbst darstellt, kehren sie den R\u00fccken zu. Da Kapitalismus eine in st\u00e4ndiger Wandlung sich reproduzierende, prozessierende Struktur antagonistischer Akteure ohne einheitliches Subjekt ist, muss niemand f\u00fcr ihn die Verantwortung \u00fcbernehmen.\u201c (Wolfgang Fritz Haug, HKWM, Vorwort zu Band 8\/II, 2015, S. IIf.)\n\nFreilich, wer die marxsche Kritik in die Gesellschaft tragen will, wer m\u00f6glichst viele in der Gesellschaft dazu bef\u00e4higen will, muss in der Gesellschaft verstanden werden. Die Sprache des HKWM ist dazu eher selten unmittelbar geeignet. Alltagssprache ist zwar in vielen Stichw\u00f6rtern pr\u00e4sent, sehr viel weniger jedoch in den Artikeln. Das ist ein Problem der Arbeitsteilung in der Gesellschaft, die akademische Eliten kennt. Genau dies muss aber von Marxistinnen und Marxisten auch aufhebbar sein. Es kann werden, je mehr marxistische Gesellschaftskritik greift, weil die Arbeitsteilung selbst als Ausbund des Kapitalismus nat\u00fcrlich auch Gegenstand der Kritik werden muss. Das HKWM kann schon in seiner heutigen Qualit\u00e4t eine Gehhilfe sein beim Weg in eine Gesellschaft, \u201e\u2026 wo Jeder nicht einen ausschlie\u00dflichen Kreis der T\u00e4tigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch m\u00f6glich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je J\u00e4ger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.\" (Karl Marx \/ Friedrich Engels, Die deutsche Ideologie. MEW 3, S. 33,) Akademische Debatten in politische Bildung verwandeln, ist eine aktuelle Aufgabe. Das HKWM sollte sich auf der zweiten H\u00e4lfte seines Weges etwas mehr bem\u00fchen, ohne Qualit\u00e4tsverlust an der L\u00f6sung dieser Aufgabe mitzuwirken. Artikel zu \u201eSprachkritik\u201c oder \u201eSoziolinguistik\u201c k\u00f6nnten da noch zur Selbsthilfe beitragen.\n\n(25.10.2018)\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es wurde einst ein W\u00f6rterbuch \u00fcbersetzt, das \u201eDictionnaire Critique du Marxisme (Kritisches W\u00f6rterbuch des Marxismus)\u201c, herausgegeben von Georges Labica und G\u00e9rard Bensussan. \u201eHerausgeber der deutschen \u00dcbersetzung war Wolfgang Fritz Haug. 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