{"id":1084,"date":"2018-09-09T23:16:49","date_gmt":"2018-09-09T21:16:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1084"},"modified":"2018-09-09T23:16:49","modified_gmt":"2018-09-09T21:16:49","slug":"warum-und-zu-welchem-zweck-manche-fluechten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1084","title":{"rendered":"Warum und zu welchem Zweck manche fl\u00fcchten"},"content":{"rendered":"<p>Ungarn hat in den letzten siebzig Jahren eine merkw\u00fcrdige Geschichte, was Fluchtbewegungen betrifft, durchgemacht. Im Jahre 1956 zogen \u00fcber 200.000 Menschen vor den Folgen eines verlorenen Aufstandes zun\u00e4chst nach \u00d6sterreich. Dort wurden sie hilfsbereit aufgenommen und konnten sich danach schnell in eine aufnahmebereite westliche Welt verteilen. Warum auch immer das damals so war, frage ich jetzt nicht. Es war halt so. Danach freute man sich viele Jahre \u00fcber jeden Fl\u00fcchtling, der den sogenannten \u201eEisernen Vorhang\u201c \u00fcberwunden hatte. Dieser \u201eVorhang\u201c hielt auch nicht ewig. Ungarn hob ihn 1989 in die H\u00f6he und viele B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger der DDR eilten durch das immer gr\u00f6\u00dfer werdende Loch. Warum auch immer. Ich will es jetzt nicht weiter hinterfragen. Es war halt so.<br \/>\nAber Geschichte endet nimmer und geht oft merkw\u00fcrdige Wege. Ungarn hat den \u201eEisernen Vorhang\u201c seit einiger Zeit von der Grenze nach \u00d6sterreich an die Grenze zu Serbien verlegt. Diesmal nicht, um eine Flucht nach drau\u00dfen zu verhindern, sondern um Geflohene vor einer illegalen Weiterreise durch das Land abzuhalten. \u201eBild am Sonntag\u201c beschreibt den neuen Grenzzaun am 19. August 2018 auf Seite 24 so: \u201eMaschendraht, so weit das Auge reicht, Metallpfeiler, messerscharfe Stacheln \u2026\u201c Naja, halt ein \u201eEiserner Vorhang\u201c. Auch die dazugeh\u00f6rigen Grenzer fehlen nicht, die mit ihren Gel\u00e4ndewagen den Zaun entlang rasen. Alles in allem 175 Kilometer vom Anfang bis zum Ende, vier Meter hoch und 1 MiIliarde Euro Kosten. Es ist das Ungarn Victor Orbans und es ist voller Widerspr\u00fcche. Gegen unerw\u00fcnschte Fl\u00fcchtlinge abgeschottet, ist es nicht so, dass es in diesem Ungarn nicht doch Fl\u00fcchtlinge g\u00e4be &#8211; fast gar keine aus Afrika oder Afghanistan, sehr wohl aber welche aus dem reichen Deutschland. Wer sich f\u00fcr die Aufnahme Asylsuchender auch nur ausspricht, f\u00e4llt in Ungnade, die Fl\u00fcchtlinge aus Deutschland hei\u00dft man herzlich willkommen. Was sind das aber f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge? Nun, es sind Rentner, die mit ihrer schmalen Rente das billige Ungarn als Ausweg aus realer Altersarmut entdeckt haben. Denen &#8211; so belehrt uns \u201eBamS\u201c an dem bereits erw\u00e4hnten Sonntag &#8211; ist Orban egal. \u201eIch spare hier 1000 Euro im Monat\u201c, gesteht ein 82j\u00e4hriger Witwer aus Deutschland (S. 23). Es sei ihm geg\u00f6nnt und Ungarn auch. Den Magyaren ist die kleine Rente Deutscher willkommener Anteil f\u00fcr einen bescheidenen eigenen Wohlstand. Ob den deutschen Rentnern das Pr\u00e4dikat \u201eWirtschaftsfl\u00fcchtling\u201c oder \u201eArmutsfl\u00fcchtling\u201c angeheftet werden kann, ist in dieser \u201ewin-win-Situation\u201c f\u00fcr alle Beteiligten unerheblich. Es ist halt so. Oder ist es doch eine Frage wert, warum es im, wie gesagt, reichen Deutschland, die Fluchtursache \u201eAltersarmut\u201c gibt? \u201eBamS geht der Frage nicht weiter nach. Linke sollten es und sie sollten die Beseitigung dieser Fluchtursache, wie aller Fluchtursachen, fordern und bef\u00f6rdern. Es gibt n\u00e4mlich, so lehrt uns \u201eBamS, noch andere Fluchtursachen: die Fluchtursache Fl\u00fcchtlinge beispielsweise. Klingt merkw\u00fcrdig, der Satz ist aber korrekt formuliert. Am Plattensee gibt es ein Luxus-Altenheim, vornehmlich bewohnt von Deutschen. Aus welchem Grund? \u201eBamS\u201c kl\u00e4rt wiederum auf: \u201eEinige Rentner stehen derart auf Kriegsfu\u00df mit Angela Merkels Politik, dass sie nach Ungarn auswandern. Sie fl\u00fcchten vor den Fl\u00fcchtlingen, leben lieber in einem fremden Land als in einem >>\u00fcberfremdeten>>.\u201c (S. 22)<br \/>\nWarum sich Menschen jedoch so verhalten, folgt schon einer merkw\u00fcrdigen Dialektik des Denkens und Handelns &#8211; zumindest auf den ersten Blick. Man zieht in die Fremde, um Fremden in seiner angestammten Umgebung zu entgehen. Um das zu verstehen, muss man eben  \u201eum die Ecke denken\u201c, sagt einer zu \u201eBamS\u201c (S. 23). Und pl\u00f6tzlich kommt ein toller Gedanke: Orban verweigert sein Ungarn zum Leidwesen der EU armen Asylsuchenden. Sind solche aber aus dem reichen \u201eWesten\u201c und leidlich zahlungsf\u00e4hig, nimmt er sie auf. Wohlan! K\u00f6nnten wir nicht ein ungarisches Paradies f\u00fcr unsere Rassist*innen und Ausl\u00e4nderfeind*innen schaffen? Der Lohn f\u00fcr ihr Verschwinden w\u00e4re au\u00dferdem noch ihre Rettung vor Altersarmut. Nein! &#8211; Es schl\u00fcge ein solches Quantum an Dialektik doch nur in die neue Qualit\u00e4t von Zynismus um.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, Oktober 2018, 08.09.2018)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ungarn hat in den letzten siebzig Jahren eine merkw\u00fcrdige Geschichte, was Fluchtbewegungen betrifft, durchgemacht. Im Jahre 1956 zogen \u00fcber 200.000 Menschen vor den Folgen eines verlorenen Aufstandes zun\u00e4chst nach \u00d6sterreich. 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