{"id":1080,"date":"2018-08-27T10:02:35","date_gmt":"2018-08-27T08:02:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1080"},"modified":"2018-08-27T10:09:20","modified_gmt":"2018-08-27T08:09:20","slug":"wem-gehoert-afrika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1080","title":{"rendered":"Wem geh\u00f6rt Afrika?"},"content":{"rendered":"<p>In dem Roman, den ich gerade lese (Juli Zeh, Unterleuten, Luchterhand, 2016), wird \u00fcber eine Versammlung in einem kleinen brandenburgischen Dorf, mitten in einem Vogelschutzgebiet gelegen, erz\u00e4hlt. Der geschniegelte Agent einer Windradfirma versucht mit einer ausgefeilten Pr\u00e4sentation die Dorfbewohner davon zu \u00fcberzeugen, auf ihren Grundst\u00fccken Windr\u00e4der aufstellen zu lassen, zum Vorteil \u00f6kologischer Energieproduktion, die die Landesregierung ja f\u00f6rdern will, und zum eigenen Vorteil durch den Erl\u00f6s des notwendigen Landverkaufs. Die Firma, die die Windr\u00e4der produziert und aufstellt, w\u00fcrde alles daf\u00fcr tun. Es geht nun zu wie \u00fcberall. Manche tr\u00e4umen von schnell und leicht erreichtem Wohlstand. Andere f\u00fcrchten um den langfristigen Nutzen aus ihrem Land. Einige \u00e4ngstigen m\u00f6gliche Folgen wie Ger\u00e4uschbel\u00e4stigung und Schlagschatten. Die Vogelsch\u00fctzer sprechen von den seltenen V\u00f6geln der Region, die gef\u00e4hrdet w\u00e4ren. Die Region w\u00fcrde ihre touristische Attraktivit\u00e4t f\u00fcr das nahe Berlin verlieren. Eine erst k\u00fcrzlich aus Berlin zugezogene Frau beschw\u00f6rt Interessengegens\u00e4tze zwischen Stadt und Land: \u201eSo etwas wird in St\u00e4dten beschlossen und auf dem Land gebaut.\u201c (S. 127) Sie appelliert an einheimische Solidarit\u00e4t.<br \/>\nIch lese nicht nur Romane. Ich lese auch Zeitung. Da erfahre ich in meinem Leibblatt \u201eNeues Deutschland\u201c am 7. August auf Seite 10, dass im ostafrikanischen Uganda reiche \u00d6lvorkommen entdeckt wurden und sich vor allem ein franz\u00f6sischer und ein britischer \u00d6lkonzern mit ugandischer Hilfe um die Ausbeutung bem\u00fchen. Geplant ist zudem eine Raffinerie und eine Pipeline. Da gibt es viel zu verdienen. Es gibt aber auch Kleinbauern, die seit vielen Generationen von der Bestellung des nun so begehrten Landes leben. Sie sollen &#8211; so lese ich &#8211; v\u00f6llig unzureichend f\u00fcr ihr Land entsch\u00e4digt werden. Dagegen wehren sie sich. Das Land ist nebst ihrer Lebensgrundlage \u201eTr\u00e4ger ihrer Geschichte, ihrer Identit\u00e4t und ihres Wissens .\u201c (ebenda). Sie wehren sich, scheinen aber wohl auf verlorenem Posten zu stehen. Die Konzerne versuchen die Solidarit\u00e4t der Betroffenen durch unterschiedliche Angebote zu zerst\u00f6ren. Auch Gewalt und illegale Landbesetzung sind im Spiel. Die betroffenen Menschen freilich k\u00e4mpfen tapfer weiter. Die Chancen zum Sieg sind jedoch ungleich verteilt.<br \/>\nIch lese nicht nur, sondern ich schaue mir manchmal Ausstellungen an. Da gab es diesen Sommer eine au\u00dferordentlich interessante; interessant wegen des Ortes, wegen der Objekte und der Art ihres Zeigens und wegen einiger Inhalte, die sehr nachdenklich machten. Der Ort war Baden bei Wien. Ein Ort, der sich \u201eder kaiserliche\u201c nennt &#8211; mit Recht, denn das war einst das \u201eNaherholungszentrum\u201c des Kaisers, der Adeligen und Reichen von Wien. Der Reichtum gl\u00e4nzt einem auch heute noch aus fast allen H\u00e4usern und Parks entgegen. Die ausgestellten Objekte waren 2000 Fotografien aus Afrika, gro\u00dffl\u00e4chig angebracht an den Hausw\u00e4nden der Stadt. Gezeigt wurden Landschaften und Tiere des Kontinents, Menschen, ihre Wohnungen und ihre Arbeitspl\u00e4tze. Meine besondere Aufmerksamkeit erregten zwei Bilder einer dunklen Landschaft, mit kleinen Feuern und \u00f6ligen Pf\u00fctzen. Der Kommentar zu den Bildern belehrte mich, dass es sich um die Bilder \u201eeiner illegalen Raffinerie, die in ihrer Umgebung die gesamte Pflanzenwelt vernichtet hat\u201c handelt. \u201eDer Schmuggel mit dem schwarzen Gold bedeutet nicht nur einen Verlust f\u00fcr die Erd\u00f6lgesellschaften \u2026\u201c Moment mal: \u201eVerlust f\u00fcr die Erd\u00f6lgesellschaften\u201c? Ja wer erlitt denn zuerst den existenzvernichtenden Verlust? Wem geh\u00f6rte denn dieses Afrika? Hat sich hier nicht Unrecht in Recht verkehrt? Und was machen die raffinierten Illegalen, wenn man ihre Anlagen zerst\u00f6rt? Werden sie nicht versuchen, sich das, was sie sich jetzt in Afrika als Entsch\u00e4digung f\u00fcr den Landraub der Konzerne erschleichen, in den Heimatl\u00e4ndern dieser Konzerne zu holen, wo die Profite landen und sich in \u00fcbrigens h\u00f6chst ungleich verteilten Wohlstand verwandeln.<br \/>\nEs wird eben in Europa entschieden, aber in Afrika Beute gemacht; mit Betrug, Gewalt, Bestechung. Egoismus, Rassismus und Entsolidarisierung in Europa sind Kollaborateure. Sie kriminalisieren und weisen jene ab, die sich durch Widerstand und Flucht verweigern.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr &#8222;Links&#8220;, September 2018, 26.08.2018)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem Roman, den ich gerade lese (Juli Zeh, Unterleuten, Luchterhand, 2016), wird \u00fcber eine Versammlung in einem kleinen brandenburgischen Dorf, mitten in einem Vogelschutzgebiet gelegen, erz\u00e4hlt. 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