{"id":1068,"date":"2018-04-08T18:55:32","date_gmt":"2018-04-08T16:55:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1068"},"modified":"2018-04-08T18:55:32","modified_gmt":"2018-04-08T16:55:32","slug":"auszuege-aus-meinem-redebeitrag-zur-mitgliederversammlung-des-rosa-luxemburg-stiftung-sachsen-e-v-leipzig-24-maerz-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1068","title":{"rendered":"Ausz\u00fcge aus meinem Redebeitrag zur Mitgliederversammlung des Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V., Leipzig, 24. M\u00e4rz 2018"},"content":{"rendered":"<p>&#8230; Die Erinnerung 200 Jahre nach Karl Marxens Geburt, wird uns sicher besonders besch\u00e4ftigen und eine neue Runde der Auseinandersetzung mit seinem Werk, dessen Wirkung, aber auch dessen m\u00f6glicher Erkl\u00e4rungskraft f\u00fcr aktuelle Prozesse einl\u00e4uten. Es hat ja bereits sehr intensiv begonnen, nicht zuletzt auch in unserem Stiftungsverein. Darauf habe ich beim Neujahrsempfang hingewiesen. N\u00e4chster H\u00f6hepunkt wird unsere Konferenz \u201eMarx und Marxismus. Zum Verh\u00e4ltnis von Theorie und Praxis\u201c am 24. April in der Albertina in Leipzig sein. Wir richten diese Konferenz gemeinsam mit der Marxexpedition, Marx 200 und der Bundesstiftung aus. <\/p>\n<p>Es ist aber nicht nur Karl Marx, der uns mit runden Jahreszahlen des historischen Abstandes besch\u00e4ftigen muss. Nachdem bereits 1917 das russische Zarenreich im Orkus der Geschichte verschwunden und die Sowjetmacht mit Lenin als der bisher gewaltigste Praxisversuch mit Berufung auf Karl Marx in die Geschichte eingetreten war, verschwanden vor nunmehr 100 Jahren 1918 zwei weitere gro\u00dfe europ\u00e4ische Kaiserreiche von der politischen B\u00fchne: das Deutsche Kaiserreich und die Monarchie der Habsburger. Das war Ergebnis des 1. Weltkrieges. Dieses wollte Adolf Hitler massiv ver\u00e4ndern, nicht mit einer Restauration der alten politischen Verh\u00e4ltnisse, aber mit einer Errichtung deutscher Hegemonie in Europa und der Welt mit faschistisch-nationalsozialistischer r\u00fccksichtsloser Gewalt. <\/p>\n<p>Ein gewalt-iger Schritt hin zum 2. Weltkrieg war mit dem Anschluss \u00d6sterreichs an das Deutsche Reich im M\u00e4rz 1938 gemacht. In \u00d6sterreich hat man an dieses Ereignis ausf\u00fchrlich gedacht, mit durchaus schlechtem Gewissen, aber gro\u00dfen Distanzierungsbem\u00fchungen. Schlechtes Gewissen war aus zwei Gr\u00fcnden angesagt: <\/p>\n<p>war der Anschluss de facto alles andere als eine milit\u00e4rische Besetzung \u00d6sterreichs. Da war in \u00d6sterreich der Wunsch seit 1918, den Anschluss zu vollziehen, und die Ansicht, man sei der zweite deutsche Staat zu gegenw\u00e4rtig. Es machte der Einmarsch der Wehrmacht aber \u00d6sterreich formaljuristisch zum ersten Opfer deutscher Aggression. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges war dies f\u00fcr die Wiederrichtung eines souver\u00e4nen \u00d6sterreichs sehr n\u00fctzlich. Die hysterisch Hitler Begr\u00fc\u00dfenden und sofort Juden und politische Gegner schlimm dem\u00fctigenden Ostm\u00e4rker und Ostm\u00e4rkerinnen vom M\u00e4rz 1938 waren 1945 pl\u00f6tzlich alle \u00f6sterreichische Opfer. Ein Lehrst\u00fcck der Massenpsychologie, ein Lehrst\u00fcck politischen Opportunismus, ein Lehrst\u00fcck der Geschichtsverbiegung. Deshalb sagte der \u00f6sterreichische Bundespr\u00e4sident zu recht bei der offiziellen Feierstunde, \u201eDie deutsche Wehrmacht kam \u00fcber Nacht, nicht \u00fcber Nacht kamen Demokratieverachtung, Rassismus, Antisemitismus.\u201c<\/p>\n<p>j\u00e4hrten sich die 80 Jahre in einem \u00d6sterreich, in dem kurz zuvor, der Mann hei\u00dft auch noch Kurz, indem also kurz zuvor Sebastian Kurz, ein junger \u201estarker Mann\u201c, den seine Partei, die \u00d6VP, mit innerparteilichen diktatorischen Vollmachten ausgestattet hatte, einen Wahlsieg in einer Wahl einfuhr, der ihm eine Koalition mit dem Rechtsau\u00dfen \u00f6sterreichischer Politik erm\u00f6glichte. Hans-Christian Strache, der heutige Vizekanzler und langj\u00e4hrige Vorsitzender der FP\u00d6, wurde in der Freiheitlichen Partei \u00d6sterreichs und den sie tragenden deutsch-nationalen Burschenschaften politisch sozialisiert. Die Partei ging aus einem Sammelbecken ehemaliger Nazis hervor: \u201eWahlpartei der Unabh\u00e4ngigen\u201c. Die Burschenschaften sind die bedeutendste Kaderreserve dieser Partei. Sie sitzen jetzt an vielen Schaltstellen der Macht. Mit dieser Partei musste man also des Jahres 1938 gedenken. Damals wurden Juden und Regimegegner aus ihren \u00c4mtern gedr\u00e4ngt. Heute nennt man \u00c4hnliches in \u00d6sterreich euphemistisch \u201eUmf\u00e4rbung\u201c. Diese Regierung debattiert ernsthaft, deutsch- oder ladinischsprachigen S\u00fcdtirolerinnen und S\u00fcdtirolern zur italienischen noch die \u00f6sterreichische Staatsb\u00fcrgerschaft zu verleihen. Zugleich hat sie schon alles vorbereitet, um die Grenze zu Italien \u00fcber Nacht dicht machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Sei\u2019s drum. Ich sage das hier nicht oder nicht allein, weil ich ein besonderes Verh\u00e4ltnis zu meinem Geburts-, Kindheits- und Jugendland \u00d6sterreich habe. Ich sage das vielmehr, weil die Wiederbelebung des Faschismus oder wenigstens sehr autorit\u00e4rer Regierungsformen in Europa Demokratie und den europ\u00e4ischen Gedanken real gef\u00e4hrden. Und das gilt auch f\u00fcr Deutschland, in dem pl\u00f6tzlich die AfD zur so genannten \u201eOppositionsf\u00fchrerschaft\u201c gelangt ist. Die Dinge sind brandaktuell. Polen entsorgt gerade Rosa-Luxemburg.<\/p>\n<p>Wir stehen bekanntlich der Partei DIE LINKE nahe und sind im Bunde mit der Bundesstiftung Rosa-Luxemburg. Beide haben sich auf den Weg gemacht, auf die eingetretene Situation zu reagieren und sie zu ver\u00e4ndern. Das wird nicht leicht sein. Der ganze Weg mit allen seinen F\u00e4hrnissen ist noch gar nicht abzusehen. Wir bleiben mit unserem s\u00e4chsischen Stiftungsverein aber ganz sicher nicht unber\u00fchrt. Es gilt also, sich Gedanken zu machen.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt auch in diesem Kontext, aber auch in einem sehr viel weiteren Sinn ger\u00e4t ein anderes Jubil\u00e4um in den Blick. Wer schon lebte, lebte vor 50 Jahren im Jahr 1968. \u00dcbrigens war es das Jahr, in dem ich Wien zum Studium in Richtung FU in Westberlin verlie\u00df. Es ist fast nicht zu beschreiben, was alles in diesem Jahr passierte, durchaus mit Nachwirkung bis heute. <\/p>\n<p>In Paris stand studentischer linker Protest vor der Macht\u00fcbernahme. De Gaulle hatte sich schon im Wald versteckt. Die Gewerkschaften und auch die KPF machten jedoch mit den jungen Revoluzzern nicht mit und retteten De Gaulle sein Frankreich.<\/p>\n<p>Der Einmarsch der Armeen des Warschauer Pakts in Prag beendete einen bemerkenswerten und zukunftstr\u00e4chtigen Versuch der Etablierung eines demokratischen Sozialismus. Das fiel globaler Machtsicherung zum Opfer.<\/p>\n<p>In Polen rebellierten Angeh\u00f6rige der Universit\u00e4ten und Hochschulen f\u00fcr mehr Unabh\u00e4ngigkeit und Selbstbestimmtheit. Das Ende war ein staatsautorit\u00e4rer R\u00fcckschlag und die Wiederbelebung antisemitischer Ressentiments. <\/p>\n<p>In ganz Westeuropa rebellierten die jungen Menschen vor allem an den Universit\u00e4ten und Hochschulen. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund mit Rudi Dutschke war in Deutschland f\u00fchrend. Westberlin war das Zentrum. 1968!<\/p>\n<p>Es war eine Revolution gegen die Elterngeneration, die sich ziemlich nahtlos aus ihren nationalsozialistischen Verstrickungen in die Demokratie und alle Institutionen der Bundesrepublik gerettet hatte.<br \/>\nEs war eine Revolution der antiautorit\u00e4ren Befreiung und damit eine Revolution der Moderne. Denn es war auch der Beginn einer neuen Revolution weiblicher Emanzipation.<br \/>\nEs war eine Revolution gegen Imperialismus und die US-amerikanische Aggression in Vietnam. Die Amis bescherten diesem Land im M\u00e4rz 1968 das Massaker von My Lai.<br \/>\nEs war eine Revolution f\u00fcr einen neuen sozialistischen Versuch, der sich vom \u201erealsozialistischen\u201c Modell des sowjetischen Blocks l\u00f6sen wollte.<br \/>\nEs war eine Kulturrevolution, die m\u00f6glichst alle Lebensbereiche erreichen wollte. <\/p>\n<p>Dieser Versuch brachte deshalb alles linke Denken, au\u00dferhalb und neben dem staatssozialistischen, vielfach dogmatisierten Marxismus-Leninismus in den Focus der Aufmerksamkeit &#8211; von Trotzki \u00fcber Mao zu Habermas, Reichs Massenpsychologie des Faschismus, Marcuse, Luhmann, Adorno, Mandel, Horkheimer, Sartre, Garaudy, die Austromarxisten usw. usw.  Er brachte auch neue Formen selbstbestimmter revolution\u00e4rer Praxis (teach in, sit in, St\u00f6rungen und \u201eUmdrehen\u201c von ritualisierten Veranstaltungen \u2026). Von daher gibt es viel aufzuarbeiten, kritisch zu betrachten und weiterzuentwickeln, auch in den aktuellen Auseinandersetzungen mit autorit\u00e4ren und faschistoiden Politikans\u00e4tzen, aber nicht zuletzt auch mit der Blockade progressiver gesellschaftlicher Ver\u00e4nderung durch das politische Establishment der GroKo, der FDP und der Gr\u00fcnen. <\/p>\n<p>Denn bei aller Begeisterung, diese Revolution war letztlich eine, die in der Kollision mit den Institutionen, tiefgemauert in der Erden, auch scheiterte. Einige verwandelten ihren Frust dar\u00fcber in die Gewalt der RAF. Andere er\u00f6ffneten ihren \u201eMarsch durch die Institutionen\u201c. Joschka Fischer begann ihn provokativ bei der Vereidigung als hessischer Minister in Turnschuhen und Jeans und beendete ihn als \u201ebestangezogener Politiker\u201c mit Jugoslawien- und Afghanistankrieg ans sch\u00f6nen Hosenbein gebunden. Cohn Bendit, der 1968 Frankreich zittern lie\u00df, verhedderte sich in den Irrg\u00e4rten europ\u00e4ischer Politik und gr\u00fcner Unentschlossenheit. Die Institutionen sind alle noch unversehrt. Gr\u00fcne f\u00fchlen sich darin ganz wohl.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang halte ich die Idee des viel zu fr\u00fch verstorbenen Volker Caysa f\u00fcr ein \u00fcberdenkenswertes Verm\u00e4chtnis, in Leipzig ein \u201eRosa-Luxemburg-Institut\u201c zu gr\u00fcnden, zur \u201eErforschung, Pflege und Aktualisierung linkssozialistischen und kommunistischen Denkens nach Marx.\u201c (vgl. V. Caysa, Rosa Luxemburg als Philosophin, S. 15). Konstanze Caysa hatte uns anl\u00e4sslich der Verleihung unseres Wissenschaftspreises bereits auf den Gedanken hingewiesen. Ob es gleich ein Institut werden kann, sei dahingestellt. Die Idee verdient aber Aufmerksamkeit, zumindest in linksnahen Stiftungen politischer Bildung. Wir f\u00fchrten damit jedenfalls die Jubil\u00e4en zusammen.<\/p>\n<p>Der LINKE Aktionsplan Ost 2017\/18 weist, den Beginn eines zu den gegenw\u00e4rtigen Trends widerst\u00e4ndigen Weges, der meiner Meinung nach auch \u00fcber den Osten hinausweist, weil er ein emanzipatorischer ist. Die parteinahen Stiftungen sind dabei explizit aufgefordert, einschl\u00e4gige \u00f6ffentliche Debatten zu initiieren.<\/p>\n<p>Linke L\u00f6sungen, so sagt man, brauchen zur Verwirklichung ein Mitte-Unten-B\u00fcndnis. Linke Bildungstr\u00e4ger und -tr\u00e4gerinnen sollten Nachdenken, wie und was sie dazu beitragen k\u00f6nnen. Wie kann sich eine \u201eneue Klassenpolitik\u201c in der BiIdungsarbeit konkret ausdr\u00fccken? Wie halten wir unsere urbanen Milieus und erreichen dabei noch besser prekarisierte und sozialdemokratische Milieus? Und wie k\u00f6nnen wir mit den gegebenen Ressourcen besser in strukturschwachen und l\u00e4ndlichen R\u00e4umen Bildungsangebote formulieren?<\/p>\n<p>Zu all dem machen und machten wir uns auch l\u00e4ngst in unserer Landesstiftung Gedanken. Der Sachbericht gibt Rechenschaft dar\u00fcber. Es gab schon 2017 eine deutliche Schwerpunktsetzung: die Auseinandersetzung mit neuen und alten rechten Bewegungen. Parallel dazu fragten wir in sechs Veranstaltungen mit insgesamt 246 Besucherinnen und Besuchern nach der Krise der Gesellschaftskritik (vgl. S. 5 des Sachberichts). Bei allem sind f\u00fcr uns die Kooperationen wichtig. Wir erreichen mit den Kooperationen eindeutig andere Interessentinnen und Interessenten, vor allem junge, als mit unseren eigenen, allein verantworteten Veranstaltungen. Das l\u00e4sst sich alles erkl\u00e4ren, nachdenklich macht es dennoch. Ich hatte beim Neujahrsempfang bereits darauf hingewiesen: In Leipzig zum Beispiel hatten wir 50 Veranstaltungen ohne Kooperationspartner. 11,1% der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren unter 30, 29,4% zwischen 31und 65 und 59,4%, also deutlich mehr als die H\u00e4lfte, \u00fcber 65 Jahre alt. Die Lehre ist, dass sich die \u00c4lteren eine Heimat in unseren traditionellen Veranstaltungsr\u00e4umen suchen. Will man J\u00fcngere ansprechen, muss man zu ihnen hingehen. Da kommen aber \u00c4ltere selten mit. Schade f\u00fcr beide Seiten! <\/p>\n<p>Wir haben gelernt damit umzugehen. Freilich m\u00fcssen wir auch aufpassen, dass sich die kritisierte Selbstzufriedenheit des politischen Establishments nicht auch in DIE LINKE, ob Partei oder Stiftung, einnistet. Beim Kampf gegen Pegida, AfD, NPD, Identit\u00e4re, III. Weg \u2014 und wie diese rechten Sammlungen alle hei\u00dfen \u2014 w\u00e4ren wir dann hoffnungslos unterlegen.<\/p>\n<p>Die AfD arbeitet an der Gr\u00fcndung einer ihr nahestehenden Stiftung f\u00fcr politische Bildung. Die ins Auge gefassten Namen &#8211; Desiderius-Erasmus-Stiftung bzw. Gustav-Stresemann-Stiftung &#8211; bringen der AfD allerdings bereits Schwierigkeiten, zeugen von einem Potential der Distanzierung, von Ausgrenzung und Diskursblockaden. Genau das soll aber durch die geplante Stiftung in rund 300 Tagungsst\u00e4tten und mit j\u00e4hrlich bis zu 500 Seminaren und Diskussionsveranstaltungen abgebaut werden (vgl. dazu Freitag, Nr. 11, S.05). Das muss f\u00fcr uns eine Herausforderung sein. Das braucht Analyse, Konzepte, Gegenvorstellungen, Kritik im Theoretischen und im Praktischen. <\/p>\n<p>Die einfachen Zur\u00fcckweisungen als Nazis, Rassisten, politische Radaubr\u00fcder wird auf Dauer nicht reichen. Die Protagonisten und Protagonistinnen l\u00e4sst es ohnehin kalt. Die Mitl\u00e4ufer und Mitl\u00e4uferinnen beeindruckt es immer weniger. Im Gegenteil, sie beziehen den Vorwurf als Ganzes auf sich und weisen ihn dann oft auch berechtigt zur\u00fcck. Die W\u00e4hlerinnen und W\u00e4hler der AfD sind in ihrer gro\u00dfen Zahl keine Nazis. Sie sollten nur erkennen, dass sie eine Partei w\u00e4hlen, in der sich viele davon tummeln. <\/p>\n<p>Dem Neoliberalismus &#8211; und er bestimmt im Moment in vielerlei Hinsicht unser Leben &#8211; dem Neoliberalismus wird alles zur Ware, vom St\u00fcck Brot und Schluck Wasser bis hin zur Wissenschaft und Kunst. Das ist die neue Kultur, die sich ausbreitet bis in den Alltag.<\/p>\n<p>Die Austauschr\u00e4ume f\u00fcr Waren sind \u00fcberstaatlich und global geworden. Etablierte Politik folgte dem und unterst\u00fctzt es l\u00e4ngst. Das Nationale, einst auch als progressive und kulturell abgesicherte Erweiterung der Austauschr\u00e4ume entstanden, ist l\u00e4ngst in der Praxis zu eng und damit historisch zumindest in seinem Kern \u00fcberholt geworden. <\/p>\n<p>Aber wie sehen und erleben das Menschen in ihrem Alltag? Wie es aussieht mehr und mehr als bedrohlichen Verlust, als Verlust von Sicherheit, als Verlust von Gewohntem, \u00dcberschaubarem und, sagen wir es ruhig, als Verlust von \u201eHeimat\u201c. Diese muss man nicht eineindeutig definieren. Sie ist ein Gef\u00fchl, sie ist ein Anspruch in der Allt\u00e4glichkeit. Man muss das nicht teilen, es bleibt aber f\u00fcr viele Fakt. <\/p>\n<p>Nun ist aber an die Stelle des f\u00fcr \u00d6konomie und Eliten weitgehend ausgedienten Nationalen auf der alltagskulturellen Reflexionsebene noch nichts Glaubhaftes, Wirkendes, Identit\u00e4t Schaffendes getreten. Aus der daraus resultierenden Unsicherheit, der \u201eHeimatlosigkeit\u201c scheint vielen, zu vielen die R\u00fcckkehr in die Idylle des Nationalen und allen damit verbundenen vermeintlichen \u201eSicherheiten\u201c der rechte Ausweg zu sein. Es ist aber der falsche, weil eben ein rechter; einer der in Abschottung f\u00fchrt, in Selbstgen\u00fcgsamkeit und in Selbstgef\u00e4lligkeit, in Konkurrenz des \u201eEigenen\u201c zum \u201eFremden\u201c, in Rassismus, in antidemokratische, patriarchale politische Herrschaftsstrukturen. Das Nationale gleitet zwangsl\u00e4ufig ins Nationalistische ab. Allerdings darf dabei nicht vergessen werden, dass das Nationale, die Konfrontation des \u201eEigenen\u201c mit dem zumindest \u201eAnderen\u201c,  auch heute noch eine Ambivalenz beinhaltet. Dient es einerseits der Begr\u00fcndung autorit\u00e4rer, ethnozentristischer Herrschaftsformen, hat es sich andererseits f\u00fcr kleine oder unterdr\u00fcckte Ethnien &#8211; bei uns z.B. die sorbische, anderswo die kurdische &#8211; eine emanzipatorische Komponente erhalten.<\/p>\n<p>Die L\u00f6sung kann deshalb nicht einfach Abwehr sein. Daf\u00fcr reichen keine Wahlprogramme. Es reicht keine Bewegung, die sich an die Gesellschaft richtet, sondern es muss eine Bewegung in der Gesellschaft entstehen. Was wir brauchen ist eine neue alltagstaugliche Kultur der ideellen und mentalen Sicherheit, die sich in politische Mehrheiten verwandeln kann. Eine solche Kultur wird ohne die Kategorie \u201esozialistisch\u201c nicht auskommen. Wir finden sie jedoch nicht, so wie sie sein soll, in der Vergangenheit; nicht in der b\u00fcrgerlichen und nicht in der realsozialistischen. Da k\u00f6nnten wir lange st\u00f6bern. Wir m\u00fcssen uns schon der M\u00fche unterziehen, Neues mit Neuem zu bew\u00e4ltigen. <\/p>\n<p>Das hei\u00dft ja nicht undialektisch mit dem Vergangenen zu brechen. Es hei\u00dft aber ebensowenig, undialektisch Vergangenes zu verkl\u00e4ren. Nur aus der Kritik kann Neues aus dem Alten und mit der Aufhebung des Alten im Neuen entstehen.<\/p>\n<p>Also: Nicht wundern, nicht dammichen \u00fcber die r\u00fcckw\u00e4rts gerichteten Alternativen des Nationalen und ins Nationalistische Abgeglittenen, sondern deren brandgef\u00e4hrliche Unzul\u00e4nglichkeit geduldig erkl\u00e4ren und  etwas anderes, Zukunftsf\u00e4higes geb\u00e4ren &#8211; das Wort \u201ealter-nativ\u201c beim Wort nehmen. <\/p>\n<p>Dabei kann und muss uns Marx helfen. Er hat uns die Methode aufgezeigt, dahin zu kommen. Dazu gibt es viele Ideen in der linken Ideengeschichte, die man aufgreifen muss. Wir haben in zahlreichen anregenden Veranstaltungen genau dieses getan. Wir m\u00fcssen das weiterf\u00fchren und einschl\u00e4gig weiterdenken. Wir m\u00fcssen immer auch die Wirkung in die Gesellschaft hinein wollen und suchen und finden.<\/p>\n<p>Was Marx und den Marxismus betrifft ist eines aber klar, worauf uns der altehrw\u00fcrdige franz\u00f6sische Marxist Lucien S\u00e8ve hinweist und was auch die Zeitschrift LuXemburg zu einem Motto ihrer Jubil\u00e4umsausgabe gemacht hat: \u201eMan ist nicht Marxist, man wird es. Und in Wirklichkeit kommt man mit diesem Werden nie zum Ende. Denn Marxistsein hei\u00dft nicht, ein vorgegebenes Programm zu absolvieren, sondern unaufh\u00f6rlich eine Einstellung und eine Praxis zu erfinden.\u201c Genau so wird Marx produktiv und gibt uns die F\u00e4higkeit, mit allen gesellschaftlichen Wirklichkeiten potentiell \u00fcberlegen zurecht zu kommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230; Die Erinnerung 200 Jahre nach Karl Marxens Geburt, wird uns sicher besonders besch\u00e4ftigen und eine neue Runde der Auseinandersetzung mit seinem Werk, dessen Wirkung, aber auch dessen m\u00f6glicher Erkl\u00e4rungskraft f\u00fcr aktuelle Prozesse einl\u00e4uten. Es hat ja bereits sehr intensiv begonnen, nicht zuletzt auch in unserem Stiftungsverein. Darauf habe ich beim Neujahrsempfang hingewiesen. 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