{"id":1048,"date":"2017-10-11T13:31:03","date_gmt":"2017-10-11T11:31:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1048"},"modified":"2017-10-11T13:31:03","modified_gmt":"2017-10-11T11:31:03","slug":"von-narren-und-narrativen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1048","title":{"rendered":"Von Narren und Narrativen"},"content":{"rendered":"<p>Es ist sicher schon 15 Jahre her, da fragte mich ein Freund, der damals seine Br\u00f6tchen als Kommunikationstrainer verdiente, welche Erz\u00e4hlung die PDS eigentlich anbietet. Das mit der \u201eErz\u00e4hlung\u201c war ziemlich neu. Es stand, kurz gesagt, f\u00fcr Kritik und Probleml\u00f6sungsangebote. Daf\u00fcr hatte man anno dazumal noch Programme, Grundsatzpapiere, Thesen usw. Heute braucht man daf\u00fcr \u201eNarrative\u201c, also Erz\u00e4hlungen. Das Wort kommt aus dem Lateinischen, von \u201enarrare\u201c &#8211; erz\u00e4hlen. Kein Text, in dem nicht diese Narrative oder Erz\u00e4hlungen erw\u00e4hnt werden, die die einen oder die anderen haben oder haben sollten. So weit so gut! Aber was hat es mit \u201eNarren\u201c zu tun? Wortgeschichtlich h\u00e4ngen die beiden W\u00f6rter nicht zusammen. Woher das Wort Narr kommt, wei\u00df man gar nicht genau. Manche leiten es vom sp\u00e4tlateinischen \u201enario\u201c, der \u201eNasenr\u00fcmpfer\u201c ab, manche meinen, es sei ein schallnachahmendes fr\u00fchneuhochdeutsches Wort: Im 15. Jahrhundert sagte man f\u00fcr \u201eknurren\u201c oder \u201en\u00f6rgeln\u201c eben \u201enarren\u201c oder \u201enerren\u201c.   Artikulatorisch bilden die beiden W\u00f6rter durch die gleichen Anlautsilben eine sch\u00f6ne Alliteration, einen Stabreim. Inhaltlich f\u00e4llt einem vielleicht ein n\u00e4rrischer Nachahmungstrieb bei der geh\u00e4uften Verwendung von \u201eNarrativ\u201c und ein unbedingtes Streben nach Modernit\u00e4t auf. Das macht mir die Sache aber nun nicht nur sprachpflegerisch, sondern auch politisch interessant.<br \/>\nWarum?<br \/>\nIch frage, welche Narrative haben eigentlich die Politikerinnen und -politiker der AfD anzubieten und wie n\u00e4rrisch ist es ihnen zu folgen? Herr H\u00f6cke von der AfD singt das Warnlied vor dem drohenden Verlust einer ethnischen deutschen Zukunft: das Narrativ vom Mischvolk. Herr Meuthen bekr\u00e4ftigt das. Er erz\u00e4hlt uns, zu wenig Deutsche zu sehen, wenn er durch unsere St\u00e4dte geht. Da geht ihm wohl Rasse verloren? Das bedr\u00fcckt Herrn Gauland. Er beklagt in seiner Erz\u00e4hlung bereits den Verlust von Deutschland, will es uns aber zur\u00fcckholen. Deshalb bl\u00e4st er zur Jagd; zur Jagd auf die angeblich Schuldigen an diesem Verlust. Das ist zugleich ein sch\u00f6nes Beispiel f\u00fcr die Produktivit\u00e4t deutschen Volksliedgutes bei ihrem \u00dcbergang in die Politik: \u201eFuchs Du hast die Gans gestohlen \u2026\u201c Knapp vor dem \u00dcbergang in heitere Stimmung ob solch n\u00e4rrischer Parallelit\u00e4t bleibt mir aber das schon aufkommende Lachen im Hals stecken. \u201eMischvolk\u201c, \u201ezu wenig Deutsche\u201c, \u201eDeutschland zur\u00fcckholen\u201c? Wo nehmen die das her? Wo f\u00fchrt das hin? Es gibt ein Buch, das hei\u00dft \u201eMein Kampf\u201c. Der Autor war Adolf Hitler. Auch dieses Buch handelt von der Jagd, von der Jagd auf Fremdv\u00f6lkisches und Fremdrassiges. Ein Herr G\u00f6ring hatte dieses Buch gelesen, und als er Preu\u00dfischer Innenminister wurde, teilte er dem Volk in einem Propagandafilm mit: \u201eDie St\u00e4dte m\u00fcssen wieder ges\u00e4ubert werden von ihren volks- und rassetrennenden Erscheinungen, die durch ihre zersetzende T\u00e4tigkeit deutsche Sitten untergraben.\u201c Herr G\u00f6ring folgte nur der Stimme seines Herrn. Hitler schrieb im Nachwort von \u201eMein Kampf\u201c: \u201eEin Staat, der im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muss eines Tages zum Herrn der Erde werden.\u201c Nun, Herren der Erde wollen die von der AfD (noch) nicht werden. Sie begn\u00fcgen sich vorderhand mit Deutschland. So zum Beispiel auch das Mitglied der AfD-Fraktion im S\u00e4chsischen Landtag, Frau Wilke: \u201eDamit wir nicht zu Fremden im eigenen Haus werden &#8211; holen wir uns unser Land zur\u00fcck \u2026\u201c (Blaue Post, Nr. 10, Seite 4). Sie treibt die Sache weiter: \u201eSolange ich die Rechte eines anderen nicht verletze, kann mich niemand zur Toleranz verpflichten. Mehr noch, jeder hat das Recht zu diskriminieren, also Unterschiede zu machen.\u201c (ebenda) Hallo, das vergewaltigt aber die deutsche Sprache, und nicht nur diese: Die Bedeutung des Fremdwortes \u201ediskriminieren\u201c beinhaltet \u201eherabw\u00fcrdigen\u201c. Unvollst\u00e4ndig \u00fcbersetzt, um Dumme zu fangen und b\u00f6se Absicht zu verbergen? Es gibt noch ein Narrativ, n\u00e4mlich dass nicht alle Nazis seien, die die AfD gew\u00e4hlt haben. Das wird wohl stimmen. Dass sie aber offensichtlich Wegbereiter zur\u00fcck zu den Nazis gew\u00e4hlt haben, k\u00f6nnte eine gef\u00e4hrliche Narretei gewesen sein.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, November 2017, 10.10.2017)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist sicher schon 15 Jahre her, da fragte mich ein Freund, der damals seine Br\u00f6tchen als Kommunikationstrainer verdiente, welche Erz\u00e4hlung die PDS eigentlich anbietet. Das mit der \u201eErz\u00e4hlung\u201c war ziemlich neu. Es stand, kurz gesagt, f\u00fcr Kritik und Probleml\u00f6sungsangebote. Daf\u00fcr hatte man anno dazumal noch Programme, Grundsatzpapiere, Thesen usw. 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