{"id":1046,"date":"2017-10-11T13:03:25","date_gmt":"2017-10-11T11:03:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1046"},"modified":"2017-10-11T13:18:30","modified_gmt":"2017-10-11T11:18:30","slug":"linke-heimat-vaterland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1046","title":{"rendered":"Linke, Heimat, Vaterland"},"content":{"rendered":"<p>Linke, Heimat,\u00a0Vaterland<br \/>\nvon\u00a0\u00a0Prof. Dr. Peter Porsch<br \/>\nStellen uns doch einmal einen Menschen vor, der \u2013 sagen wir mal \u2013 in Klinga wohnt. Dass er von dort her kommt, wird er in Leipzig, fragt man ihn nach seiner Herkunft, sicher sagen, vielleicht nennt er auch das Muldental oder spricht von der N\u00e4he zu Grimma und Naunhof. Schon in Dresden zieht er es aber meist vor, auf die entsprechende Frage mit \u201eich komme aus Leipzig\u201c zu antworten. In K\u00f6ln sagt er, er komme aus Sachsen oder dem Osten, in Paris stellt er sich als Deutscher vor und in Amerika oder Afrika ist er aus Europa. Die r\u00e4umlich-kulturelle Zuordnung eines Menschen ist also sehr relativ und vom jeweiligen Aufenthaltsort und den entsprechenden Partnern abh\u00e4ngig.<br \/>\nDie Frage nach der Herkunft ist aber eine sehr g\u00e4ngige und eine der ersten, die man in fremder Umgebung bzw. gegen\u00fcber Fremden zu beantworten hat. Warum aber, um alles in der Welt?<br \/>\nMachen wir uns nichts vor, die Antwort auf die Frage der Herkunft er\u00f6ffnet uns Wahrnehmungsmuster, nach denen wir das Gegen\u00fcber stereotyp einordnen k\u00f6nnen: sprachlich, kulturell, nach Sympathie, nach zu erwartendem Verhalten, nach der bevorzugten Speise, z.B. Kraut, dem typischen Getr\u00e4nk, wie \u201eBliemchenkaffee\u201c, oder nach \u00fcblichen Namen, z.B. Fritz, usw. Alle weitere Kommunikation und Interaktion wird davon stark gepr\u00e4gt sein. Sage niemand, er oder sie sei nicht frei von solchen stereotypen Wahrnehmungsmustern. Es ist auch nichts Ehrenr\u00fchriges, denn alle Wahrnehmung setzt stereotyporientierte Selektion von Sinneseindr\u00fccken voraus. Insofern ist in konkreten Situationen auch niemand \u201eMensch an sich\u201c, sondern immer jemand ganz Bestimmter.<br \/>\nSo weit so gut! Nun denken wir unsere Situation weiter. Nach der Auskunft \u00fcber die Herkunft beginnt das Gegen\u00fcber zu schimpfen \u2013 auf Europa, Deutschland, den Osten, Sachsen, das Muldental und Klinga. Seien wir ehrlich, bei Europa lie\u00dfe es sich trefflich mitschimpfen, Deutschland wollen wir nicht verteidigen, vielleicht sogar im Gegenteil, zu Sachsen gibt es manch Kritisches zu sagen \u2013 die Sprache vor allem, aber nat\u00fcrlich auch die Regierung und die Nazis \u2013 beim Osten erwacht unser trotziger Stolz, bei Klinga und dem Muldtental w\u00fcrde ich (ich wohne in Klinga im Muldental) aber dem oder der Schimpfenden schon sehr deutlich Vorsicht signalisieren, so wie andere bei Chemnitz, Bautzen oder Tannenbergsthal.<br \/>\nDa haben wir aber unter der Hand etwas erkannt \u2013 auch wenn es so ideal, wie gerade vorgestellt, nicht f\u00fcr jeden und jede zutreffen mag \u2013 wir haben erkannt, dass wir uns mit r\u00e4umlich-kultureller Zuordnung unterschiedlich intensiv und mit unterschiedlicher Wertungsrichtung identifizieren, ja Identit\u00e4t daraus sch\u00f6pfen. Die Wissenschaft von den Mundarten, aber auch Volkskunde und Soziologie nennen das \u201eLoyalit\u00e4t\u201c und stellen fest, dass es Abstufungen gibt, die insbesondere \u201enationale\u201c sowie \u201eregionale Loyalit\u00e4t\u201c und vor allem \u201eOrtsloyalit\u00e4t\u201c in starkem Ma\u00dfe jedoch alltagskulturelle Identit\u00e4t und Gruppenzuordnung begr\u00fcnden.<br \/>\nEs sei hier schon gesagt, das gilt f\u00fcr einzelne Menschen in sehr unterschiedlichem Ma\u00dfe. Es sind identifizierende Gruppenzuordnungen neben anderen (z.B. Geschlecht, Lebensalter, Beruf, politische Orientierung usw.). Sie sind aber statistisch gesehen von hoher Signifikanz und Relevanz, ob uns das gef\u00e4llt oder nicht. Sie dienen der \u201eIntegration\u201c und \u201eAusgrenzung\u201c, der \u2013 zun\u00e4chst wertfreien \u2013 Unterscheidung vom \u201eEigenen\u201c und \u201eFremden\u201c. Alles ist allt\u00e4glich, meine Begrifflichkeit ist eine soziologische, gef\u00e4hrlich wird es freilich, wenn sich Wertungen damit verbinden. Gef\u00e4hrlich wird es, wenn das Fremde nicht mehr blo\u00df als das Andere, sondern als minderwertig, b\u00f6se oder gef\u00e4hrlich f\u00fcr das Eigene eingeordnet wird. Noch gef\u00e4hrlicher, ja brandgef\u00e4hrlich wird es, wenn daraus Handlungsanweisungen gegen\u00fcber dem Fremden erwachsen. Solche w\u00e4ren \u201eAusl\u00e4nder raus\u201c, \u201eGrenzen dicht f\u00fcr Lohndr\u00fccker\u201c (NPD), \u201eDeutsch, statt nix verstehen\u201c (FP\u00d6) usw.<br \/>\nGerade aber weil das \u201eGef\u00e4hrliche\u201c real existiert, m\u00fcssen wir die zugrunde liegenden Tatsachen anerkennen und uns mit ihnen kritisch auseinandersetzen. Vogel-Strau\u00df-Verhalten erh\u00f6ht die Gefahr und bringt uns in Schuld daran.<br \/>\nDie Ebene der \u201enationalen\u201c Identifikation ist mit Sicherheit eine besonders Problematische. Sie hat sp\u00e4testens seit dem 19. Jahrhundert eine z.T. verheerende politische Wirkung entfaltet, die sich in Kriegen bisher ungeahnten Ausma\u00dfes, ungeahnter Brutalit\u00e4t und ungeahnten ideologischen Missbrauchs von Gef\u00fchlen und Gef\u00fchltem ent\u00e4u\u00dferte. Von daher ist es verst\u00e4ndlich, wenn das \u201eNie wieder Krieg\u201c politisch-konzeptionell in ein \u201eNie wieder Nation\u201c umschl\u00e4gt. An der Realit\u00e4t und damit am Grundsatz, dass Politik die Kunst des M\u00f6glichen sei, geht es dennoch vorbei. Die Sache kann also nicht abgetan sein. Wem es anders nicht einleuchtet, allein die 70,600.000 in 0,09 Sekunden aufgerufenen Belege f\u00fcr \u201eNation\u201c bei Google, heischen nach Besch\u00e4ftigung mit der Sache.<br \/>\n\u00d6konomisch gesehen ist \u201eNation\u201c ein Konstrukt von Gemeinsamkeit, das der sich ausweitenden Produktion im 18. und 19. Jahrhundert die n\u00f6tige, m\u00f6glichst konfliktfreie Ausweitung der Beziehungen ausreichend Identischer f\u00fcr Produktion und Absatz sicherte. Das Funktionieren von Kommunikation war dabei ein ganz wesentlicher Optimierungsfaktor, weshalb jene besonders leicht zu Nationen werden konnten, die sich auf eine gemeinsame Sprache berufen konnten bzw. eine solche gemeinsame Sprache verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig leicht auf der Basis von \u00c4hnlichkeit und Gemeinsamkeit oder \u201eversch\u00fctteter\u201c Gemeinsamkeit \u00fcber der aktuellen Differenzierung schaffen konnten. Konstrukte sind nicht beliebiger Natur, sie setzen tragf\u00e4hige Konstruktionselemente in der Wirklichkeit voraus. Neben Sprache waren dies f\u00fcr Nation nat\u00fcrlich auch andere wie bereits entstandene und gewachsene staatspolitische Einheiten oder nat\u00fcrliche geographische Bindungen und Trennlinien.<br \/>\nKomplizierter wird alles noch dadurch, dass sich die Probleme von Nation zu Nation durchaus unterschiedlich darstellen. Die Soziologie wei\u00df, Fremdbild und Selbstbild sind nicht identisch. Geschichtswissenschaft und Sprachwissenschaft wissen, dass die f\u00fcr Identit\u00e4tsbildung relevante, d.h. f\u00f6rderliche oder hinderliche Mikrogliederung unterhalb der Makroebene \u201eNation\u201c von Land zu Land sehr unterschiedlich sein kann und deshalb in ihrer Wirkung ebenfalls differenziert und sehr genau betrachtet werden muss.<br \/>\nDa gibt es L\u00e4nder mit ausgepr\u00e4gt zentralistischer Geschichte, z.B. Frankreich oder Polen, dieses \u00fcbrigens sehr viel mehr wegen als trotz seiner Teilungen. Wir kennen L\u00e4nder mit regional-kultureller Gliederung, die sehr stark und differenzierend identit\u00e4tsstiftend ist, aber eine \u201eZentrale\u201c als Ausdruck der Gemeinsamkeit anerkennt und davon Abweichende bek\u00e4mpft, z.B. Spanien und sein Problem mit den Basken. Wir haben L\u00e4nder wie Deutschland, die kulturell stark regional gegliedert sind und sich dennoch auch relativ unproblematisiert als national einheitlich verstehen. Mehr Probleme hat damit Italien, dort sind regionale und nationale Identit\u00e4t \u00e4hnlich wie in Deutschland erg\u00e4nzend bzw. \u00fcberlagernd existent, aber auch Separatismus m\u00f6glich, weil z.B.\u00a0 kein Konzept von einer wirklich einheitlichen Sprache existiert. Es gibt nur die (ver\u00e4nderliche) Auffassung von mehr oder weniger Vorbildlichkeit regionaler Varianten eines \u201eItalienisch\u201c. Schlie\u00dflich gibt es multiethnische L\u00e4nder. wie z.B. Belgien oder Kanada. Die fr\u00fchere Tschechoslowakei ist daran zerbrochen.<br \/>\nDie Franzosen haben es also mit der \u201eNation\u201c wohl etwas leichter als wir Deutschen. Sie haben einen jahrhundertealten Zentralstaat und sie haben eine Revolution aufzuweisen mit der Losung \u201eFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u201c. Und wenn sie auch b\u00fcrgerlich war, so eine Revolution hinterl\u00e4sst unausl\u00f6schliche Spuren, ja sogar einen einenden Stolz. Da kann jeder Kommunist auch ein Patriot sein und national denken und handeln.\u00a0 Die Beteiligung der Kommunisten an der Resistance ist ein leuchtendes Beispiel daf\u00fcr. Albert Camus, der bekannte franz\u00f6sische Schriftsteller und Philosoph, kann ein positives Verh\u00e4ltnis zur Nation von Nationalismus trennen: \u201eIch liebe mein Vaterland zu sehr, um Nationalist zu sein.\u201c K\u00f6nnten das deutsche Linke \u00fcber die Lippen bringen?<br \/>\nIn Deutschland bildete sich ein mit dem Streben nach Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit durchaus verbundener Nationalgedanke im Kampf gegen die Fremdherrschaft Napoleons Anfang des 19. Jhdts. heraus. Es war ein weitgehend emanzipatorischer Nationalgedanke, der sich nicht nur gegen Fremdherrschaft, sondern vor allem auch gegen die F\u00fcrstenh\u00e4user und ihre Kleinstaaten richtete und ihnen demokratische Verfassungen entgegenhielt. \u201eDeutschland, Deutschland \u00fcber alles\u201c hat darin seine nachvollziehbaren Wurzeln. Wir kennen wichtige Namen aus dieser Zeit, meist ohne sie f\u00fcr uns als allzu wichtig zu erachten \u2013 K\u00f6rner, Bluhm, L\u00fctzow, Stein usw\u2026 Wir wissen auch, dass damals die Burschenschaften entstanden \u2013 Stichwort \u201eWartburgfest\u201c.<br \/>\nVor nicht allzu langer Zeit war man in hiesiger Gegend noch zum \u201esozialistischen Patriotismus\u201c angehalten, hatte ein \u201esozialistisches Vaterland\u201c, verteidigte die \u201esozialistische Heimat\u201c und geh\u00f6rte schlie\u00dflich sogar einer \u201esozialistischen deutschen Nation\u201c an \u2013 dank auch der Sowjetunion, die einen \u201eGro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg\u201c gef\u00fchrt und Gott sei Dank auch gewonnen hat. Die Genossen mussten sich doch bei so viel Patriotismus etwas gedacht haben und ich machte mir so meine Gedanken. Also, was tun?\u00a0 Schlag nach bei Lenin!<br \/>\nLenin, aber z.B. auch Rosa Luxemburg haben sich sehr intensiv mit der nationalen Frage besch\u00e4ftigt. Das \u201ePatria o muerte\u201c der kubanischen Revolution habe ich dort zwar nicht gelesen. Sie sind jedoch auch nicht zu dem Schluss gekommen, die Nation sei ein f\u00fcr linke Politik bedeutungsloses Konstrukt, das nur Chauvinismus hervorbringt und imperialistischen Kriegen dient. Der Schuh wurde f\u00fcr Luxemburg und Lenin umgekehrt daraus, weil es Nationen und Nationalgef\u00fchl gab und wirklich gibt, k\u00f6nnen diese f\u00fcr imperialistische Kriege missbraucht werden. Weder Lenin, noch Rosa Luxemburg leugneten jedoch das Recht der Nationen auf Selbst- und Eigenst\u00e4ndigkeit, vor allem verteidigten sie das Recht kleiner Nationen, sich eben als Nationen gegen Unterdr\u00fcckung und Okkupation zu wehren.<br \/>\nFidel Castro wird mir verst\u00e4ndlich und der Umkehrschluss ist, keine Nation darf sich \u00fcber andere erheben. Genau das aber praktizieren Nationalisten und Nazis.<br \/>\n\u201edass &#8230; anders redende nicht erobert werden sollen\u201c \u2013 das habe ich bei Jacob Grimm gelesen, in der Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben, bei Jacob Grimm, der gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm die Germanistik als nationale Legitimationswissenschaft begr\u00fcndete.<br \/>\nSei es aber wie es sei: Faschisten missbrauchen solche Namen, historische\u00a0 Ereignisse und soziale Tatsachen f\u00fcr ihre verlogene Geschichtsversion. Ihr Nationalismus baut jedoch in Wirklichkeit auf dem Revancherausch des Jahres 1871 und des Siegestaumels von Sedan auf und sieht sich bei Hitler vollendet. Ihr Nationalismus ist eine gef\u00e4hrliche Droge, die Millionen &#8211; bekifft davon &#8211; in die Stahlgewitter des ersten und zweiten Weltkrieges marschieren lie\u00df, einzig um Weltherrschaft zu erringen .<br \/>\n\u201eDeutschland, Deutschland \u00fcber alles\u201c wird seither f\u00fcr immer mit der Assoziation der Toten der Weltkriege, des Holocaust und der zerst\u00f6rten St\u00e4dte verbunden sein. Es kann nicht mehr gesungen werden. Die deutsche Nation ist damit \u2013 ob es gef\u00e4llt oder nicht \u2013 wohl nachhaltig stigmatisiert. Sie muss sich selbst Dinge verbieten, die sich andere \u2013 und ich sage da durchaus auch bedauerlicherweise \u2013 die sich also andere bedauerlicherweise noch leisten. Ich denke da z.B. an Milit\u00e4rmuseen in englischen oder franz\u00f6sischen Garnisonen.<br \/>\nUnd! Deutsche m\u00fcssen anerkennen, dass sie als Nation aus der Gewalt des Nationalsozialismus, in die sie sich weitgehend selbst begeben hatten, erst befreit werden mussten, ehe ihnen wieder Wege in die weitere Geschichte er\u00f6ffnet waren. Sie waren damit aus der nationalsozialistischen Sackgasse befreit, nicht aber von der Last der Einmaligkeit einer Schuld und einer sich daraus ergebenden Verantwortung, die sie wohl noch f\u00fcr un\u00fcberschaubar lange Zeit werden tragen m\u00fcssen.<br \/>\nDies festzustellen ist das Eine, was aber auf der sozialpsychologischen Ebene abl\u00e4uft ist das Andere. Die Frage, wie Belastung oder gar Tabuisierung von Identit\u00e4tsbildungen empfunden wird und sich vielleicht letztendlich politisch ent\u00e4u\u00dfert, ist durchaus legitim, ja notwendig. Ich kann die Frage nur stellen, aber nicht bzw. noch nicht beantworten. Eine Antwort darauf ist aber wohl auch die NPD. Sie ist allerdings mit Gewissheit die falsche Antwort \u2013 gerade auch und im Besonderen in Deutschland.<br \/>\nNationale Identit\u00e4t bezieht sich \u2013 wie gesagt \u2013 sehr oft auf eine gemeinsame Sprache. Sie war \u2013 wie ebenfalls schon gesagt &#8211; in der Phase der Herausbildung von Nationen als Voraussetzung und Ergebnis der Ausweitung von Produktion und Austausch im 18. und 19. Jahrhundert besonders n\u00fctzlich und sie war nat\u00fcrlich zugleich Instrument und Bezugsgr\u00f6\u00dfe geistig-kultureller Identit\u00e4t und Identit\u00e4tsfindung, da Sprache so etwas wie ein Speicher kulturellen Wissens der Sprachgemeinschaft ist und unbestritten immer auch eine sprachgemeinschaftsspezifische Sicht auf die Welt und deren Kategorisierung und Systematisierung darstellt.<br \/>\nDie Sprache reichte aber nicht aus, Ideen und Symbole mussten her als Bezugsgr\u00f6\u00dfen f\u00fcr die jeweils nationale Besonderheit \u2013 Fahnen, Lieder, K\u00f6nigsh\u00e4user, Ideen, Leistungen, vermeintliche historische Auftr\u00e4ge und Traditionen, Revierbegrenzungen und Lob der Topographie des Reviers beschw\u00f6ren die innere Zusammengeh\u00f6rigkeit der Mitglieder einer Nation.<br \/>\nDie Nationalhymnen besingen solches: Z.B. \u00d6sterreich: \u201eLand der Berge, Land am Strome, Land der \u00c4cker, Land der Dome\u201c \u2013 das zeugt vom Stolz auf das Revier. \u201eLand der H\u00e4mmer Zukunftsreich &#8230; hei\u00df umfehdet wild umstritten liegst dem Erdteil du inmitten, einem starken Herzen gleich &#8230; hast seit fr\u00fcher Ahnen Tagen hoher Sendung Last getragen &#8230;\u201c zeugt von der Sendung und zwar zumindest von einer europ\u00e4ischen. Das deutsche \u201eEinigkeit und Recht und Freiheit\u201c besingt \u2013 wie viele Hymnen &#8211; eine Sehnsucht und politische Aufgabenstellung (hier aus der Situation der \u201eFreiheitskriege\u201c) \u201eGod save the Queen &#8230;\u201c der Engl\u00e4nder verweist auf die in der Dynastie symbolisierte Einheit, Sieghaftigkeit und den Ruhm der Nation. Frankreichs: \u201ejour de gloire est arrive\u201c nimmt Bezug auf die endlich angebrochene Selbstverwirklichung der Sendung und nimmt die \u201eLandeskinder\u201c in die Pflicht: \u201eenfants de la patrie\u201c. Davon leben die Nationen! Die DDR war eine Ausnahme, das Ziel, die Sendung stimmten zwar \u2013 \u201eauferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt\u201c \u2013 das Revier war jedoch aus der Sicht sp\u00e4terer Staatsdoktrin falsch besungen \u2013 \u201eDeutschland einig Vaterland\u201c. Brechts Kinderhymne k\u00f6nnte das korrigieren \u2013 auch heute noch \u2013 denn wir m\u00fcssen ja auch Teile von Hoffmann von Fallersleben verschweigen \u2013 das \u201evon der Maas bis an die Memel &#8230;\u201c der ersten Strophe z.B. .<br \/>\nMenschen singen aber auch Anderes. Die S\u00fcdtiroler z.B. \u201eWie ist die Welt so gro\u00df und weit und voller Sonnenschein, das allersch\u00f6nste St\u00fcck davon ist doch die Heimat mein\u201c und dann \u201e&#8230;dort wo aus schmaler Felsenkluft die Eisack rauscht heraus, von Siegmundskron der Etsch entlang bis zur Salurner Klaus.\u201c<br \/>\nJetzt wird es ganz konkret. Im s\u00e4chsischen Wei\u00dfenberg z.B. singt man das gleiche Lied, mit dem gleichen allgemeinen Anfang und dann nat\u00fcrlich anderen Konkreta. Die f\u00fcr Identit\u00e4t so wichtige gemeinsame Sprache beh\u00e4lt hier \u00fcbrigens ihre Funktion \u2013 zumindest im deutschen Sprachraum, aber auch anderswo \u2013 oft ersetzt den Standard aber jetzt die \u201eMundart\u201c, der \u201eDialekt\u201c also die gemeinsame Sprache des Ortes oder der Region. Ein Beispiel aus Wien, das ich in der Grundschule zu singen gelernt habe: \u201eEs war an einem Sonntag Morgen, da sprach\u2019s Muatterl leis zu mir\u2026 heut\u2019 will ich zum ersten Male auf den Kahlenberg dich f\u00fchr\u2019n. &#8230; Droben hat\u2019s ma zeigt die Pracht, hat mi gstreichelt und hat glacht, hat ma zeigt den Stefansdom und den blauen Donaustrom und das H\u00e4usermeer do drin is\u2019 dei Heimatstadt, dein Wien &#8230;\u201c Das ist konkret und kommt ohne Symbole aus.<br \/>\nDer bekannte Wiener Schriftsteller H.C. Artmann sagt: \u201eEinen Heimatbegriff habe ich immer schon gehabt. Das ist f\u00fcr mich das Waldviertel. Ich bin dort zum gr\u00f6\u00dften Teil aufgewachsen, meine Urgro\u00dfeltern haben dort schon gelebt. Das ist nicht wegen der Menschen dort, aber es sind Begebenheiten wie gewisse T\u00e4ler oder gewisse H\u00fcgel und Baumgruppen, die man schon lange kennt und da hab ich schon ein gewisses Gef\u00fchl dazu.\u201c (in: Die Tiefe der Tinte, hrsg. Von Harald Fried, Salzburg 1990, S. 75). Er f\u00fcgt hinzu: \u201eDas mu\u00df aber nicht unbedingt in \u00d6sterreich sein, das k\u00f6nnte auch in der Bretagne sein, wo i lang war. Das Wiedererkennen von Sachen ist, glaub i, sehr wichtig.\u201c (a.a.O.)<br \/>\nDas Konkrete, das sinnlich Wahrnehmbare schafft ein anderes Konstrukt als \u201eVaterland\u201c und ich komme zum vorhin genannten zweiten Faktor, der r\u00e4umlich kulturellen Mikrogliederung unterhalb der Ebene von Vaterland und\u00a0 Nation und er\u00f6ffne eine Auseinandersetzung um das Ph\u00e4nomen \u201eHeimat\u201c und seine begrifflich-konzeptionelle Bew\u00e4ltigung in Deutschland.<br \/>\nIch zitiere aus \u201eKleines Deutsches W\u00f6rterbuch\u201c von Florian Illies und J\u00f6rg Bong \u2013 Frankfurt am Main 2002: \u201eBevor \u201aFreiheit\u2019 zum meistmi\u00dfbrauchten Terminus unserer Begriffswelt wurde, war dies zweifellos \u201aHeimat\u2019. \u201aHeimat\u2019 f\u00fchrt das Schattendasein eines geschundenen Begriffes, und zwar in Ost und West. Was Heimat ist und was unter Heimat kommuniziert wird, ist ein himmelweiter Unterschied. Darin ersch\u00f6pfen sich schon die Ost-West-Gemeinsamkeiten &#8211; &#8230;\u201c (a.a.O., S. 64f.)<br \/>\nIm Osten war, so das Fazit im \u201eKleinen Deutschen W\u00f6rterbuch\u201c, der Heimatbegriff in einen propagandistischen Zusammenhang gestellt: \u201eMeine Heimat, die DDR\u201c, \u201eUnsere Heimat wird 30\u201c, so auf Plakaten, gesungen wurde \u201eUnd wir lieben die Heimat, die sch\u00f6ne. Und wir sch\u00fctzen sie, weil sie dem Volke geh\u00f6rt, weil sie unserem Volke geh\u00f6rt.\u201c\u00a0 \u201eSch\u00fctzen\u201c meint dabei nicht Naturschutz, sondern \u201esch\u00fctzen mit der Waffe in der Hand\u201c, das \u201eWir\u201c im Text setzt eine nicht weiter zu hinterfragende Gemeinsamkeit und \u00dcbereinstimmung voraus, bzw. stellt sie auch \u2013 falls doch problematisiert \u2013 unmissverst\u00e4ndlich her. \u201eDer Text l\u00e4\u00dft einem nicht die Wahl, die Heimat zu lieben oder nicht.\u201c (a.a.O., S. 66) Logischerweise, kommt das \u201eKleine Deutsche W\u00f6rterbuch\u201c zum Schluss, verfielen die DDR-B\u00fcrger nach 1990 der \u201eHeimatlosigkeit\u201c.<br \/>\n\u201eW\u00e4hrend die Benutzung des \u201aHeimat\u2019- Begriffes im Osten niemanden wehtut, weil es alles bedeuten kann, erkennen sich im Westen Freund und Feind daran, ob sie dieses Wort im Munde f\u00fchren\u201c (a.a.O., S. 68) wird wiederum im \u201eKleinen Deutschen W\u00f6rterbuch\u201c festgestellt. Danach war das Wort f\u00fcr \u201eAnst\u00e4ndige\u201c lange Zeit tabu, weil von den Nazis missbraucht und zum \u201eBestandteil des Verbrechens gemacht\u201c (ebenda). Reserviert war es lange Zeit f\u00fcr die \u201eHeimatvertriebenen\u201c, die mit der Forderung des \u201eRechtes auf Heimat\u201c ob sie wollten oder nicht, die Nachkriegsordnung in Frage stellten. \u201eHeimat\u201c \u2013 \u201eein gef\u00fchlsduseliges Wort der Ewiggestrigen\u201c stellt das W\u00f6rterbuch fest \u2013 und ich f\u00fcge ihm ein Fragezeichen hinzu, obwohl oder gerade weil das \u201eKleine Deutsche W\u00f6rterbuch\u201c Linken unterstellt, sie n\u00e4hmen den Begriff \u201eHeimat\u201c \u201enur in den Mund, wenn sie auf das harte Los der Asylanten und B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlinge hinweisen, die ihre Heimat verlassen mu\u00dften\u2019.\u201c (a.a.O., S. 70)<br \/>\nIn den angeblichen und wirklichen Ost-West-Unterschieden, wie sie im zitierten B\u00fcchlein angesprochen sind, zeigt sich ein Konzept von \u201eHeimat\u201c, das den gesamten staatlich-politischen Raum und die politische Kollektivit\u00e4t eines ganzen Volkes beschreibt und unter \u201eHeimat\u201c f\u00fcr sich in Anspruch nimmt. Das ist das ostdeutsche Konzept. \u201eSozialistische Heimat\u201c und \u201esozialistisches Vaterland\u201c fallen zusammen.<br \/>\nIch will schon hier hinzuf\u00fcgen, dass dies noch sehr viel mehr das nationalsozialistische Konzept ist und in der Ausschlie\u00dflichkeit allein das nationalsozialistische, was hei\u00dft, dass das DDR-Konzept noch zu erg\u00e4nzen und modifizieren w\u00e4re. \u201eF\u00fchrer\u201c, \u201eVolk\u201c und \u201eVaterland\u201c fallen im Nationalsozialismus im Grunde zusammen. Sie machen in Summe und in ihrer totalit\u00e4ren Identit\u00e4t die \u201eHeimat\u201c aus.\u00a0<br \/>\nIn der Bundesrepublik blieb \u201eHeimat\u201c entweder ein \u201eKampfbegriff\u201c \u2013 durchaus auch in nationalsozialistischer Tradition &#8211;\u00a0 oder auf die Idylle, das Gef\u00fchlsduselige beschr\u00e4nkt. Das ist nat\u00fcrlich auch Verbreitetes und G\u00e4ngiges seit jeher.<br \/>\nBeides klingt zun\u00e4chst negativ, referiert aber meines Erachtens auch auf Inhalte und Ph\u00e4nomene, die nicht nur soziale und kulturelle Tatsache sind, sondern auch positiv und produktiv aufgearbeitet werden m\u00fcssen.<br \/>\nInteressanterweise folgt das Heimatkonzept der Heimatvertriebenen zumindest vordergr\u00fcndig keiner \u201etotalit\u00e4ren\u201c Auffassung von \u201eHeimat\u201c gleich \u201eVaterland\u201c. Das von ihnen geforderte \u201eRecht auf Heimat\u201c meint etwas \u201eKleineres\u201c, etwas \u201eIntimeres\u201c, etwas unterhalb der Ebene \u201eDeutschland\u201c Angesiedeltes. Strukturell gesehen meint es durchaus Regionen, kulturell gesehen Mikror\u00e4ume. Politisch bleibt es dennoch gef\u00e4hrlich, wenn es mit der Forderung nach R\u00fcckkehr verbunden ist und die R\u00fcckkehr nur als R\u00fcckkehr in ein wieder erweitertes Deutschland gedacht werden kann. Etwas anderes lassen die Nachkriegsverh\u00e4ltnisse nicht zu.<br \/>\nWenn die NPD heute davon spricht, \u201eDeutschland ist nicht die Bundesrepublik\u201c, macht sie revanchistische Forderungen auf, die wieder auf die Gleichsetzung von \u201eHeimat\u201c und \u201eVaterland\u201c hinauslaufen \u2013 mit allem Gef\u00e4hrlichen was daraus folgt.<br \/>\nDas \u201eRecht auf Heimat\u201c als Recht auf das alte Siedelgebiet ist jedoch mit der deutschen Kriegsschuld und den deutschen Kriegsverbrechen f\u00fcr einen Teil des deutschen Volkes \u2013 so tragisch dies f\u00fcr diesen Teil ist \u2013 verwirkt. Gerade deshalb stimmt es, wenn man von \u201eHeimatvertriebenen\u201c spricht. Das \u201eRecht auf Heimat\u201c als Recht auf eine eigene Kultur und Sprache, kann allerdings zumindest partiell auch anderswo, also in der Bundesrepublik oder in \u00d6sterreich in Anspruch genommen werden und wurde es von den Betroffenen ja auch. Jetzt ist es richtig von \u201eUmsiedlern\u201c zu sprechen. Dies alles rechtzeitig unterschieden und anerkannt, h\u00e4tte vielleicht auch dem Begriff \u201eHeimat\u201c in der Bundesrepublik einen positiven Klang geben k\u00f6nnen.<br \/>\nFaschisten haben wenig \u00fcbrig f\u00fcr regionale bzw. lokale Sprachen, also die Mundarten, und regionale und lokale Kulturen. Ihr Begriff von \u201eVaterland\u201c \u2013 identisch mit \u201eHeimat\u201c \u2013 ihr Konzept von Volk\u00a0 und Raum, ihr Rassismus schlie\u00dflich vertragen sich nicht damit. So hatten mehr so genannte \u201eHeimatdichter\u201c Probleme mit den Nazis bis hin zu Schreibverbot und Freiheitsberaubung, als man vielleicht denkt. Ein prominentes Opfer ist z.B. die Leipzigerin Lene Voigt.<br \/>\nDem \u2013 durchaus auch anbiederischen &#8211;\u00a0 Eintreten f\u00fcr Dialekte und regionale Umgangssprachen wurde im Dritten Reich sehr deutlich der Vorwurf des Partikularismus gemacht, \u201eder geeignet sein kann, die kulturelle Einheit des deutschen Volkes zu sch\u00e4digen.\u201c (zitiert nach Jan Wirrer, in Ehlich, Sprache im Faschismus, Ffm. 1989, S. 98). Grundlage des Konfliktes war, wie Wirrer berichtet, eine unterschiedliche Interpretation des Heimatbegriffes (vgl. S. 99).<br \/>\n\u201e&#8230; als Hitler anl\u00e4\u00dflich seines 50. Geburtstages &#8230; eine vom Berliner Rundfunk produzierte Schallplatte mit verschiedenen dialektalen Sprachproben aus dem deutschen Sprachraum \u00fcberreicht wurde, war der \u201aF\u00fchrer\u2019 \u2013 so wird kolportiert \u2013 \u00fcber dieses Geschenk nicht besonders begeistert.\u201c (ebenda, S. 96)<br \/>\nMan sollte Nationalisten am wenigsten trauen, wenn es um \u201eHeimat\u201c geht, die man begrifflich enger fasst als das \u201eVaterland\u201c. Wer sich z.B. im Zweiten Weltkrieg am wenigsten um deutschsprachige Minderheiten k\u00fcmmerte, sie auch schon mal brutal der Kriegsziele und Eroberungsgel\u00fcste wegen umsiedelte und durch Italiener ersetzte, das waren Hitler und Mussolini, Nazis also und Faschisten. Da g\u00e4be es lange Geschichten zu erz\u00e4hlen, z.B. von den Gotscheern in Slovenien oder der deutschsprachigen Bev\u00f6lkerung im Kanaltal oder in S\u00fcdtirol \u2013 nat\u00fcrlich auch \u00fcber Hitler und Stalin und die deutschsprachige Bev\u00f6lkerung in Bessarabien. Diese waren eine der ersten Deutschen, die erfahren mussten, dass Nationalsozialismus nur Reich und Macht im Sinne hatte, Heimat aber nicht sch\u00e4tzte. Das \u201eHeim ins Reich\u201c, das verlockend zur Umsiedlung klingen sollte, bedeutete f\u00fcr die Deutschen in Bessarabien de facto Heimatverlust. Aus heimatverbundenen Menschen, die das Ihre sch\u00e4tzten und anderen nichts neideten, wurden, auf polnische H\u00f6fe gesetzt, pl\u00f6tzlich R\u00e4uber und Eroberer. Das Nationale entpuppte sich als kaltes, brutales, geschichtsloses Machtkalk\u00fcl, jeglicher Heimatbindung feindlich. Faschisten, Nationalsozialisten begingen ihre Verbrechen gleicherma\u00dfen skrupellos an Angeh\u00f6rigen des eigenen Volkes wie an denen anderer V\u00f6lker. Und das gilt auch f\u00fcr Stalin. Die \u201eMutter Heimat\u201c war ein Konstrukt, durchaus in hohem Ma\u00dfe mobilisierend angesichts des m\u00f6rderischen Krieges, Vertreibung und Umsiedlung waren jedoch zugleich allt\u00e4gliche Wirklichkeit.<br \/>\nAber zur\u00fcck zum eigentlichen Thema: \u201eHeimat\u201c ist nicht nur \u201eKonzept\u201c, sondern auch \u201eGef\u00fchl\u201c bzw. \u201eGef\u00fchltes\u201c. Denunziere mir dies niemand als unwissenschaftlich, unsachlich oder \u00c4hnliches. Gef\u00fchl ist etwas zutiefst Menschliches. Es dient der wahrnehmenden Erschlie\u00dfung der Welt nicht weniger als die sinnliche Erfahrung, die Vorstellung und die denkende Verallgemeinerung. Gef\u00fchle begleiten diese Erkenntnisweisen, sind Bestandteile davon und stehen zugleich mit eigenem Recht neben ihnen. Allerdings sind Gef\u00fchle konzeptionell missbrauchbar.<br \/>\nEs gibt mit Gewissheit ein Gef\u00fchlsstereotyp \u201eHeimat\u201c, das in die Analyse des Ph\u00e4nomens unbedingt einbezogen werden muss. Es findet zun\u00e4chst sehr deutlichen Ausdruck z.B. in Liedern, Gedichten, Erz\u00e4hlungen, aber auch in Witzen, in Spottversen, Anekdoten usw. Zum Sterotyp geh\u00f6ren das \u201eTraute\u201c, \u201edie Liebe zur Heimat\u201c, \u201eder sch\u00f6nste Ort auf der Welt\u201c, \u201edaheim ist daheim\u201c, also das Verstehen auf der Basis erlebter allt\u00e4glicher Gemeinsamkeit usw.<br \/>\nMittelhochdeutsch \u201etrut\u201c war der \u201eGeliebte\u201c. Die \u201eHeimat\u201c oder das \u201eHeimatland\u201c hat man z.B. gern, man ist ihr oder ihm gut. So beginnt Franz Stelzhamers Hymne der Ober\u00f6sterreicher mit \u201eHoamatland, Hoamatland! I hand die so gern, wiar a Kinderl sei Muader, a H\u00fcnderl sein Herrn.\u201c Im Grunde kann dieses Lied, dialektal angepasst, jeder singen. Der Steirer Fritz Guggi schreibt: \u201eSo hast du, mei\u2019 liab\u2019s Steirerland das Sch\u00f6nste m\u00fcass\u2019n wer\u2019n; und du, du bist mei\u2019 Hoamatland \u2013 i han di\u2019 so viel gern.\u201c Und Emil Eichhorn aus der Lausitz sagt: \u201eDe Walt kenn\u2019ch a bissl, und\u2019ch sahg schunn moanch Naast. Und nu froin se miech, wu\u2019s w\u00e4r an schinnstn gewaast. Do wees\u2019ch eene Antwurt oack, die\u2019s do gaan tutt: Du Lausitzer Heemte, wie bie\u2019ch derr su gutt.\u201c<br \/>\nDie \u201eHeimat\u201c ist der sch\u00f6nste Ort der Welt. Das schon genannte Lied der S\u00fcdtiroler endet in der siebenten Strophe mit dem Vergleich von Heimat und Paradies: \u201eUnd wenn dann einst, so leid mir\u2019s tut, mein Lebenslicht verlischt, freu ich mich, dass der Himmel auch sch\u00f6n wie die Heimat ist!\u201c<br \/>\nDaheim ist Daheim bzw. \u201edrham is drham\u201c singt nicht nur Anton G\u00fcnther \u00fcber sein Erzgebirge. Mit \u201eDahoam is dahoam\u201c f\u00e4ngt auch die dritte Strophe der Ober\u00f6sterreicherhymne an, Eveline Augustin wei\u00df von der Oberlausitz \u201eOan schinnstn is daheeme\u201c und darin folgt ihr ebenfalls f\u00fcr die Oberlausitz z.B. Hermann Andert mit dem Gedicht \u201eDerheem\u2019 is derheem\u201c. Das meint die Solidarit\u00e4t und das eigentlich wortlose Verstehen auf der Basis gemeinsamer Erfahrung.<br \/>\nDer Beispiele k\u00f6nnte ich zu Tausenden noch bringen. Falsch l\u00e4ge, wer nun meinte, dies alles w\u00e4ren Belege f\u00fcr einen Kampf um den sch\u00f6nsten Ort in der Welt, die traulichste Geliebte. In den Beispielen \u00e4u\u00dfert sich vielmehr ein weitgehend allgemeines und sehr dialektisch aufgebautes Lebensgef\u00fchl. Die \u201eHeimat\u201c ist der Ort, wo man sich selbst findet, wo man sein Selbst sein kann, mit sich selbst zufrieden und identisch. \u201eHeimat\u201c wird so einmalig und nicht austauschbar, obwohl bzw. weil jeder und jede seine bzw. ihre \u201eHeimat\u201c gleich erleben und lieben. \u201eHeimat ist der Ort, wo sie einen hereinlassen m\u00fcssen, wenn man wiederkommt\u201c, sagt der US-amerikanische Lyriker Robert Lee Forst.<br \/>\n\u201eHeimat\u201c und ich und du werden eins, wir leben die Identit\u00e4t, wie z.B. Peter Rosegger f\u00fcr seine stoansteirische Heimat feststellt:<br \/>\n\u201eLusti singa, Buabn,\u2028Mir singa stoansteirisch, Oder Zithern schlogn,\u2028So schlong ma stoansteirisch,\u2028Oda tonz mar oans,\u2028So tonz ma stoansteirisch, recht sch\u00f6n stoansteirisch umareibn.\u201c<br \/>\nUnd so geht das weiter \u201estoansteirisch\u201c auf der Kegelbahn, auf dem Eisschie\u00dfplatz, beim Dirndl Lieben, beim Schuss auf die Scheibe und beim Wein Trinken. Und zu guter letzt \u201eWill da Feind ins Lond, so zoagn ma s stoansteirisch, da\u00df ma stoansteirisch w\u00f6lln bleibn.\u201c<br \/>\nSp\u00e4testens jetzt k\u00f6nnten Linke aufschreien und das Faschistoide am Heimatgef\u00fchl feststellen. Nun \u201estur\u201c ist es schon und f\u00fcr Ver\u00e4nderung offen ist es tats\u00e4chlich kaum. Wenn \u201eHeimatdichtung\u201c z.B. das Potential zum Konflikt mit den Nazis innewohnt, so schlie\u00dft sie das Gegenteil aber auch nicht aus \u2013 vor allem wegen der dem \u201eHeimatgef\u00fchl\u201c nat\u00fcrlich anhaftenden Xenophobie. Bedroht erscheint die \u201eHeimat\u201c nur durch (das) \u201eFremde\u201c.<br \/>\nWas Rosegger meint, ist aber auch ein Stolz, der sich anderen nicht unterwirft. Warum sollte das nicht Gnade vor Linken finden. Es ist die trutzige Best\u00e4tigung von Jacob Grimms Warnung, \u201e &#8230; dass anders redende nicht erobert werden sollen &#8230;\u201c\u00a0 Es ist eine Art \u201eManifest\u201c des Rechts auf kulturelle Identit\u00e4t und Unverwechselbarkeit. Solche tut dem \u201eFremden\u201c nichts, tut dies ihm nichts.<\/p>\n<p>(Dieser Artikel ist 10 Jahre alt. Rosegger sehe ich heute deutlich kritischer als damals. Ihm war der Literaturnobelpreis wegen antisemitischer \u00c4u\u00dferungen verwehrt worden. Im 1. Weltkrieg gab er militaristisch-chauvinistische \u00c4u\u00dferungen von sich. Auch angesichts der Umtriebe der Identit\u00e4ren muss man heute genauer argumentieren und formulieren.)<\/p>\n<p>Dem Gef\u00fchl &#8211; so lernen wir aber auch daraus &#8211; liegt aber auch ein Konzept zugrunde bzw. setzt es dieses unmissverst\u00e4ndlich voraus. \u201eHeimat\u201c ist nun tats\u00e4chlich das \u201eEigene\u201c im engen Sinn, das Regionale, ja Lokale, das Intime, das Famili\u00e4re, das \u201eMuttersprachliche\u201c, in dem man sich nicht nur verst\u00e4ndigt, sondern \u201eversteht\u201c, und auch das Idyllische als das sichere Identische, das man sich nicht wegnehmen l\u00e4sst, weil man sich sonst selbst verl\u00e4sst, selbst aufgibt. \u201eHeimat ist da, wo ich verstehe und verstanden werde.\u201c (Karl Jaspers)<br \/>\n\u201eHeimat\u201c wird in diesem Konzept zur urspr\u00fcnglichen bzw. unmittelbarsten Erfahrungswelt und kehrt zu ihrem konzeptionellen Ursprung zur\u00fcck, denn das Wort \u201eHeimat\u201c meint in seiner urspr\u00fcnglichen Bedeutung zun\u00e4chst den Ort, wo man geboren, wo man zu Hause ist. Erst sp\u00e4ter und vor allem unter dem Einfluss deutscher Kleinstaaterei wurde die Bedeutung erweitert und man konnte damit auch das \u201eVaterland\u201c meinen.<br \/>\n\u201eHeimat\u201c ist (meist erster) Sozialisationsraum, Erlebnisraum, Lebensraum, Erinnerungsraum. Heimat ist (meist erste) soziale, sprachliche und kulturelle Wirklichkeit, die der Symbole entbehren kann. Sie bedient das Gef\u00fchl, die Sehnsucht und sicheres Wissen. Das bleibt nat\u00fcrlich auch nicht widerspruchsfrei und nicht konstruktlos. Obwohl man sp\u00e4testens hier feststellen kann, dass \u201eNation\u201c eine historische Kategorie ist. Sie ist im Verlaufe der Geschichte entstanden und hat mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch ein Verfallsdatum. \u201eHeimat\u201c ist eine anthropologische Kategorie, wirksam, wenn auch sehr unterschiedlich, seit es Menschen gibt, ja zum Menschen geh\u00f6rig. Dabei ist Heimat nicht nur und nicht zwangsl\u00e4ufig \u201eRaum\u201c, sondern auch eine soziale Gruppe.<br \/>\nDer \u201eenge\u201c Heimatbegriff, der dem Gef\u00fchl \u201eHeimat\u201c und \u201egef\u00fchlter Heimat\u201c zugrunde liegt, ist deshalb nicht unproblematisch. Ganz im Gegenteil und in der einschl\u00e4gigen Literatur und Kunst ist dies auch immer wieder thematisiert. Mancher mag sogar meinen, zu oft, aber nicht zu unrecht gewiss. Genannt seien als Beispiele \u00d6d\u00f6n von Horvaths \u201eWienerwald\u201c,\u00a0 Peter Turrinis \u201eAlpensaga\u201c oder Franz Xaver Kroetz\u2019 \u201eOber\u00f6sterreich\u201c. G\u00e4ngig in der einschl\u00e4gigen wissenschaftlichen Literatur ist der Begriff der \u201eEnge\u201c, der im Gegensatz zu \u201eWeite\u201c und \u201eWelt\u201c steht.\u00a0 Eckart Frahm fasst die Ambivalenz im Bild von der \u201eHeimat\u201c als \u201eParadies und Gef\u00e4ngnis\u201c (vgl. Allmende, Nr. 54\/55, 17(1997), S. 5ff.).<br \/>\n\u201eEntfremdung\u201c in der Gesellschaft hat sein Pendant auch und unleugbar in der Distanz zum \u201eFremden\u201c im Heimatgef\u00fchl. Es ist aber nicht fremdenfeindlich (jedenfalls nicht zwangsl\u00e4ufig). \u201eFremd\u201c ist vor allem n\u00e4mlich das \u201eAndere\u201c und das genau hat im Gef\u00fchl keinen Platz \u2013 h\u00f6chstens im Konzept. \u201eFremdes\u201c wird analysiert, bereist, reflektiert, als f\u00fcr andere \u201eheimatlich\u201c akzeptiert, auch wenn man es nicht versteht, und so zum Argument f\u00fcr die Legitimit\u00e4t des eigenen Heimatgef\u00fchls. Im ebenfalls oft besungenen \u201eHeimweh\u201c spiegeln sich die \u201eFremde\u201c und das \u201eAndere\u201c nicht feindlich, sondern nur als au\u00dferhalb der \u201eHeimat\u201c oder als das Heimatgef\u00fchl bef\u00f6rderndes Komplement: \u201eHeimweh kann ich haben, aber sehr heimats\u00fcchtig bin ich auch nicht. Ich k\u00f6nnt nat\u00fcrlich nicht immer am gleichen Platz sitzen, das verdirbt einem die Heimat.\u201c (H.C. Artmann, a.a.O.). \u201eHeimat\u201c braucht also nachgerade das \u201eFremde\u201c, unter Umst\u00e4nden auch die Distanz.<br \/>\nFreilich hat alles seinen Bezugspunkt in der Idylle der Heimat: \u201eDo sitzt mer uff dr Ufmbank, vergi\u00dft\u2019n ganzen Streit und Zank\u201c, meint z.B. der Oberlausitzer Hermann Andert \u00fcber die oberlausitzer Heimat.<br \/>\nDr\u00fcckt sich darin aber nicht auch eine im einfachen Volk tief verwurzelte, wenn auch naive Sehnsucht nach Aufl\u00f6sung von Konflikten, nach der \u201eheilen Welt\u201c aus? Warum sollte man die nicht ernst nehmen? Hat nicht Karl Marx mit seinem \u201eProletarier aller V\u00f6lker vereinigt Euch\u201c genau dazu aufgerufen, sich auf den Weg zu machen in die antagonismusfreie klassenlose Gesellschaft, ein Weg der vom Heute in die Zukunft f\u00fchrt nach Marxens dialektischer Geschichtssystematik aber auch zur\u00fcck zu den ebenfalls antagonismusfrei vorgestellten Urformen menschlichen Zusammenlebens in der Urgesellschaft. Ein Weg durchaus auch in die Idylle.<br \/>\nEs kann die \u201eHeimat\u201c schlie\u00dflich und endlich kein R\u00fcckzugsraum sein. Sie ist auch Kampffeld. Die Welt und ihre Katastrophen finden in der \u201eHeimat\u201c statt. Die Wahrnehmung der Katastrophen aus der Perspektive der \u201eHeimat\u201c sch\u00e4rft aber wohl auch den Blick. Abholzen von Regenw\u00e4ldern und das Verdr\u00e4ngen der Dorfkneipe durch Mc.Donald haben etwas gemeinsam.<br \/>\n\u201eHeimat\u201c in der urspr\u00fcnglichen und idyllisch vermuteten bzw. gew\u00fcnschten Art ist nicht wiederzugewinnen, sie bleibt Sehnsucht. Es gab und gibt sie auch nie au\u00dferhalb der Sehnsucht und Wunsch-Vorstellung. \u201eHeimat ist der Ort, an dem noch niemand angekommen ist\u201c, meint der Romantiker Novalis. Das hat sie mit dem angeblichen Ende von konflikt\u00e4rer Geschichte im Kommunismus gemeinsam. Der Entfremdung in \u201emoderner\u201c Gesellschaft kann man aber die Sehnsucht zu ihrer \u00dcberwindung entgegenhalten &#8211; als kr\u00e4ftiges Motiv f\u00fcr den, auch r\u00fcckblickenden, Weg nach vorne.<br \/>\nDem dient auch eine Literatur im Dialekt, die die Weite der Welt in der Enge der \u201eHeimat\u201c bricht, wie die \u201eKonkrete Poesie\u201c der Schweizer Eugen Gomringer, Kurt Marti, Ernst Eggimann und Ernst Burren, die \u201eBerner Troubadour\u201c um Mani Matter und Franz Hohler und die Wiener \u201eMund \u2013 Art\u201c des H.C. Artmann. Sie verweisen auf\u00a0 Gef\u00e4hrdetes, Verlorenes, das die Idylle aber au\u00dfer Acht l\u00e4sst. Die Aufdeckung der Gef\u00e4hrdung von \u201eHeimat\u201c durch \u201eEnge\u201c wird zugleich Aufforderung, dieser Gef\u00e4hrdung entgegenzutreten und \u201eHeimat\u201c in den Kontext der Welt zu stellen, was die Idylle nicht zul\u00e4sst:<br \/>\n\u201ehahnef\u00fce\u00df und ankeballe,\u2028fr\u00fcehlig trybt scho styf.\u2028liechti regetropfe falle\u2028&#8230;&#8230;&#8230;<br \/>\nWas reimt sich darauf?<br \/>\n\/: &#8230;.. :\/\u2028\u201eradioaktiv\u201c.<br \/>\nUnd wer versteht es? Jeder und Jede in Bern \u2013 eine sehr demokratische und emanzipatorische Literatur.<br \/>\nNat\u00fcrlich funktioniert das Ganze nur auf dem Hintergrund und unter Absetzung von einer \u201enaiven\u201c Mundartliteratur \u2013 die Schweizer nennen sie \u201ebl\u00fcemli-stil\u201c. Es denunziert diese Literatur jedoch nicht, sondern schreibt sie fort \u2013 \u00fcbrigens im Sinne eines linken Selbstverst\u00e4ndnisses, das dem Volk seine eigene Sprache, seine eigene Wahrnehmung der Welt und Kultur zugesteht, die immer auch eine regionale und lokale ist. Es warnt aber auch vor den Gefahren des Verharrens in der Enge und deren \u00dcberh\u00f6hung. Der Wiener H.C. Artmann schreit es nachgerade heraus, wenn er f\u00fcr Mundartgedichte fordert: \u201eNua ka schmoez\u201c und das Herz muss herausgerissen sein, bevor man ein Gedicht auf Wienerisch schreiben kann! Das ist die Voraussetzung f\u00fcr das Verstehen der dialektischen Aufhebung des Allgemeinmenschlichen im regional und lokal Besonderen.<br \/>\nBrecht meinte, das Volk ist nicht \u201et\u00fcmlich\u201c und nahm es damit ernst. Das Volk nimmt sich ernst, indem es sich herausnimmt auf jeweils seine Weise, nicht zuletzt auf \u201eheimatliche\u201c Weise Mensch zu sein und zu leben.<br \/>\n\u00d6d\u00f6n von Horvath schreibt autobiographisch: \u201eGeboren bin ich am 9. Dezember 1901, und zwar in Fiume an der Adria, nachmittags um dreiviertelf\u00fcnf (nach einer anderen \u00dcberlieferung um halbf\u00fcnf). Als ich zweiunddrei\u00dfig Pfund wog, verlie\u00df ich Fiume, trieb mich teils in Venedig und teils auf dem Balkan herum und erlebte allerhand. Als ich 1,20 Meter hoch wurde, zog ich nach Budapest und lebte dort bis 1,21 Meter. War dortselbst ein eifriger Besucher zahlreicher Kinderspielpl\u00e4tze und fiel durch mein vertr\u00e4umtes und boshaftes Wesen unliebenswert auf. Also, wie gesagt: Ich habe keine Heimat und leide nat\u00fcrlich nicht darunter, sondern freue mich meiner Heimatlosigkeit, denn sie befreit mich von einer unn\u00f6tigen Sentimentalit\u00e4t.\u201c (Vgl. Programmheft zu \u201eKasimir und Karoline\u201c, Radebeul 2005.)<br \/>\nDas klingt im ersten Augenblick sehr distanziert zum \u201eHeimatgef\u00fchl\u201c und ist f\u00fcr Horvath in gewisser Weise die Voraussetzung f\u00fcr das K\u00fcnstlertum, besser f\u00fcr sein K\u00fcnstlertum. Die Ironie des Textes beweist aber auch das Gef\u00fchl des Defizits. Irgendwie ist \u201eHeimat\u201c vielleicht doch keine unn\u00f6tige Sentimentalit\u00e4t?<br \/>\nLassen Sie mich zusammenfassen: so wenig wie man stolz sein kann ein Deutscher zu sein, so wenig kann man stolz sein ein Oberlausitzer, Vogtl\u00e4nder, Berner oder Ober\u00f6sterreicher zu sein. Wohl kann man aber stolz sein, in Verbundenheit mit der jeweiligen \u201eHeimat\u201c, verstanden als Konstante im geschichtlichen Kontinuum der Ver\u00e4nderung und der Lebensweise, zu wirken, zu wirken im Sinne eines \u201eWeiterschreibens\u201c einer Geschichte unspektakul\u00e4rer allt\u00e4glicher Lebensbew\u00e4ltigung. Das ist irgendwie auch \u201ehistorischer Auftrag\u201c. Die Wechselwirkung von \u201eEnge\u201c und \u201eWelt\u201c in Natur und Gesellschaft wird in der \u201eHeimat\u201c individuelle und dennoch auch sozial gebundene Lebenswirklichkeit.\u00a0 Chauvinismus und Heimatt\u00fcmelei haben darin keinen Platz.<br \/>\nDas \u201eVaterland\u201c verschwindet dahinter als unn\u00f6tiges Konstrukt, auch wenn einger\u00e4umt werden muss, dass es weitere Aktions- und Lebensr\u00e4ume gibt als die hier dargestellte \u201eHeimat\u201c. Aber erst aus der Perspektive der \u201eHeimat\u201c wird f\u00fcr mich z.B. \u201eDeutschland\u201c ganz unsentimentalisch zum \u201eHeimatland\u201c (nicht zur \u201eHeimat\u201c) \u2013 zum \u201eHeimatland\u201c, weil in ihm die \u201eHeimat\u201c enthalten ist, weil es das gr\u00f6\u00dfere Gebilde darstellt, das die aus \u201eHeimat\u201c geborenen Interessen und Anspr\u00fcche in gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen vertritt \u2013 in Europa, in der Welt. Da ist es auch selbstverst\u00e4ndlich mitzutun und \u201eHeimatland\u201c zu beeinflussen und zu gestalten, womit ich als Linker bei Brechts letzter Strophe der Kinderhymne w\u00e4re:<br \/>\nUnd weil wir dies Land verbessern\u2028Lieben und beschirmen wirs\u2028Und das liebste mags uns scheinen\u2028So wie andern V\u00f6lkern ihrs.<br \/>\nDer Weg geht aber von der \u201eHeimat\u201c zum (Heimat-)\u201eLand\u201c und von der Gestaltung zur Emotion. Sterben freilich muss und sollte man f\u00fcr das Eine nicht und nicht f\u00fcr das Andere. Es w\u00e4re nutzlos. Leben daf\u00fcr und darin kann sich aber durchaus lohnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Linke, Heimat,\u00a0Vaterland von\u00a0\u00a0Prof. Dr. Peter Porsch Stellen uns doch einmal einen Menschen vor, der \u2013 sagen wir mal \u2013 in Klinga wohnt. Dass er von dort her kommt, wird er in Leipzig, fragt man ihn nach seiner Herkunft, sicher sagen, vielleicht nennt er auch das Muldental oder spricht von der N\u00e4he zu Grimma und Naunhof. 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