{"id":1040,"date":"2017-08-28T11:42:48","date_gmt":"2017-08-28T09:42:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1040"},"modified":"2017-08-28T11:42:48","modified_gmt":"2017-08-28T09:42:48","slug":"vom-klaeren-und-erklaeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1040","title":{"rendered":"Vom Kl\u00e4ren und Erkl\u00e4ren"},"content":{"rendered":"<p>Wer sich vor vierzehn Jahren noch im Baltikum an sch\u00f6nen, aber von Touristen kaum \u00fcberlaufenen St\u00e4dten erfreuen konnte und von den fast menschenleeren Ostseestr\u00e4nden schw\u00e4rmte, dem war solches Vergn\u00fcgen in diesem Jahr nicht mehr verg\u00f6nnt. Estland, Lettland und Litauen waren mittlerweile der NATO und der EU beigetreten. Durch die Hauptst\u00e4dte str\u00f6men die Touristen hinter den Fahnen der Fremdenf\u00fchrerinnen und Fremdenf\u00fchrer her. Die Ostseestr\u00e4nde sind besetzt wie ihre Pendants an der Adria. Die Preise steigen, der Wohlstand ebenso. Er sei den Menschen in diesen L\u00e4ndern geg\u00f6nnt. Die Baus\u00fcnden, durch Bauboom in ehemaliger Idylle, sind aber auch nicht zu \u00fcbersehen. Es ist laut geworden in den baltischen L\u00e4ndern. Ein \u00fcberschw\u00e4nglicher Nationalismus geh\u00f6rt dazu. Entsprechende Denkm\u00e4ler verbrauchen Fl\u00e4che und wachsen in die H\u00f6he. Man mag es, den Esten und Letten vor allem, verzeihen. Macht \u00fcber ihr eigenes Schicksal war ihnen in der Geschichte kaum gegeben. Die Litauer hatten einst ein Reich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. Aber auch das ist lange her. Danach und davor teilten sie das Schicksal ihrer Nachbarn. Vornehmlich Deutschland und Russland besetzten abwechselnd die Region oder teilten sie unter sich auf. Beteiligt an Besetzung waren auch Schweden und D\u00e4nemark, in Litauen kurze Zeit auch Polen. Es ist hier nicht der Platz, diese Geschichte aufzuarbeiten. Neben den Touristen kamen j\u00fcngst noch andere Fremde: Die Einseitigkeit nationalen Stolzes, der sich gegen Russland und gegen die \u201ekommunistische Gewaltherrschaft\u201c nach dem 2. Weltkrieg richtet, ist allgegenw\u00e4rtig. Die NATO versucht \u00c4ngste vor Russland auszunutzen. Nicht zuletzt soll damit Russland in Schranken verwiesen werden, die dieses Land wohl gar nicht niederzurei\u00dfen trachtet. Zum diesj\u00e4hrigen Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes, der die Aufteilung des Baltikums zwischen diesen M\u00e4chten zur Folge hatte und nach seinem Bruch erst die sowjetische, dann die deutsche Besetzung sowie schlie\u00dflich den Anschluss an die Sowjetunion, kamen jede Menge Polittouristen. Der deutsche Au\u00dfenminister und der deutsche Bundespr\u00e4sident waren dabei. Es gab die \u00fcblichen antikommunistischen Reden und Konferenzen, verbunden mit halbherzigen Beschwichtigungsversuchen gegen\u00fcber Russland und einem zu einseitigen Geschichtsverst\u00e4ndnis der baltischen V\u00f6lker.<br \/>\nAbseits der gro\u00dfen Touristenpfade gab es freilich auch anderes zu entdecken. Ich war zum Beispiel in Liepaja. Wer kennt dieses vertr\u00e4umte St\u00e4dtchen an der lettischen Ostsee schon? Es hat einiges zu bieten. Zum Beispiel eine Orgel in einer lutherischen Kirche, die bis 1912 die gr\u00f6\u00dfte Orgel der Welt war. Sie wird eben, wie die Kirche, vor dem Verfall gerettet. Die Stadt hat eine Universit\u00e4t und eine Kunstgewerbeschule f\u00fcr Bernsteinverarbeitung. Sie bietet aber auch noch sehr anderes. An der Ostseek\u00fcste wird ein beklemmend gro\u00dfes Fort mehr und mehr Opfer des Meeres. Gebaut von Russland in den Jahren 1893 bis 1906, aufgegeben schon 1916, verrotten dort unz\u00e4hlige und be\u00e4ngstigend klobige Betonbunker. Man kann es positiv sehen als Sieg der Natur \u00fcber den Menschen und seine Kriege. Schmerzhaft ist aber unweit davon ein anderer Gedenkort. In Liepaja wurden unter dem deutschen Namen Libau von 1941 bis 1944 \u00fcber 7.000 j\u00fcdische Einwohner umgebracht; \u00fcber 3.000 davon allein zwischen 15. und 17. Dezember 1941. Den j\u00fcdischen Familien wurde vom Stadtkommandanten das Verlassen ihrer Wohnungen verboten. Sie wurden abgeholt, vor die Stadt getrieben und ermordet: von SS, von Wehrmachtsangeh\u00f6rigen und von lettischen Freikorps. Das noch ziemlich neue Mahnmal ist ein aus Feldsteinen gebauter riesiger, auf die Erde gelegter siebenarmiger Leuchter. Es stockt der Atem, betritt man das Areal. Deutsche Schuld wird bedr\u00fcckend sinnlich. In Sichtweite des Denkmals befindet sich eine Kl\u00e4ranlage. Sie war eher da und dient der Reinigung des Wassers von Schlamm und Gift. Gedenkst\u00e4tten sind keine Kl\u00e4ranlagen, die den Schlamm und das Gift in der Geschichte von dieser trennen k\u00f6nnten. Gedenkst\u00e4tten sind im g\u00fcnstigsten Fall \u201eErkl\u00e4ranlagen\u201c, um k\u00fcnftig Schlamm und Gift in der Geschichte nicht zuzulassen. Man verl\u00e4sst Liepaja in der Hoffnung, dass dies geschehen m\u00f6ge. Ein nebenan gelegenes gepflegtes Denkmal f\u00fcr die sowjetischen Helden bei der Befreiung der Stadt l\u00e4sst Zuversicht aufkommen.<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, September 2017, 27.08.2017)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sich vor vierzehn Jahren noch im Baltikum an sch\u00f6nen, aber von Touristen kaum \u00fcberlaufenen St\u00e4dten erfreuen konnte und von den fast menschenleeren Ostseestr\u00e4nden schw\u00e4rmte, dem war solches Vergn\u00fcgen in diesem Jahr nicht mehr verg\u00f6nnt. Estland, Lettland und Litauen waren mittlerweile der NATO und der EU beigetreten. 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