{"id":1037,"date":"2017-06-27T10:05:31","date_gmt":"2017-06-27T08:05:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1037"},"modified":"2017-06-27T10:05:31","modified_gmt":"2017-06-27T08:05:31","slug":"kein-nachruf-aber-ein-zufall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1037","title":{"rendered":"Kein Nachruf, aber ein Zufall"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal spielt der Zufall wirklich verr\u00fcckt. In der Hitze des Abends suche ich eines Donnerstags im Juni noch eine Einschlaflekt\u00fcre und sto\u00dfe auf ein kleines B\u00fcchlein aus dem Jahre 1990. Herausgeber Klaus Staeck, Titel: Goldene Worte von Kanzler Kohl, Vorwort von Dieter Hildebrandt, Nachwort vom Herausgeber. Ich vertiefe mich zuerst in die Zitatensammlung, danach in den Schlaf, werde am n\u00e4chsten Morgen wach und erfahre am Vormittag, dass eben dieser Goldene-Worte-Sager, dieser Kohl verstorben ist. Der Hype um den Toten ist in vollem Gange, als ich facebook aufmache und andere Nachrichtenseiten im Netz. Die Sonne scheint einen Augenblick stehen geblieben zu sein ob des Verlustes eines gro\u00dfen Europ\u00e4ers und m\u00f6glicherweise sogar des gr\u00f6\u00dften Deutschen der vergangenen Jahrhunderte. Gr\u00f6\u00dfer als Marx jedenfalls, denn folgt man Kerlen von der Jungen Union, so sollten alle Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze, die an Karl Marx erinnern, nun den Namen Helmut Kohls tragen. Kurz \u00fcberlege ich, ob ich mich auch in die Reihen der W\u00fcrdiger einreihen sollte &#8211; als Unw\u00fcrdiger mit w\u00fcrdigen Worten. Die Worte wollen jedoch nicht kommen. Es w\u00fcrgt etwas; das am Vorabend Gelesene und Erinnertes. Hatte der Mann nicht Mitglieder der PDS einst als \u201erot-lackierte Faschisten\u201c bezeichnet. Die Kontrolle ergibt, dass er das sehr wohl getan, damit aber den Sozialdemokraten Kurt Schumacher zitiert hat. Das macht es nicht wirklich besser. Zu Gorbatschow meinte er, \u201eer versteht etwas von PR; der Goebbels verstand auch etwas von PR. Man muss doch die Dinge auf den Punkt bringen.\u201c Klaus Staeck liefert dieses Zitat auf Seite 150. Es stammt aus einem Interview mit Newsweek von 1986. St\u00f6rung und St\u00f6rer konnte der gro\u00dfe Europ\u00e4er nicht leiden. Staeck beweist es mit mehreren Zitaten. Ein Beispiel mag gen\u00fcgen: \u201eDie organisierten Dreckschleudern in allen Lagern sind sowieso wie eh und je in Bewegung.\u201c (bei Staeck Seite 119, entnommen der Frankfurter Rundschau vom 28. 8. 1986) Diese Dreckschleudern waren Kohl \u201esp\u00e4tpubert\u00e4re Nachgeburten der Weltrevolution.\u201c (Staeck, Seite 118, aus Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt vom 7. 12. 1986) K\u00f6nnte ja sein, ich geh\u00f6rte dazu. Kohl wusste, \u201eMan muss sp\u00e4t ins Bett gehen und fr\u00fch aufstehen, wenn man den Sozialismus besiegen will.\u201c (Staeck, S. 107, Der Spiegel, 23. 8. 1976) Das trifft. Sozialistinnen und Sozialisten haben etwas verschlafen und mussten b\u00f6se erwachen. Da hat Kohl wohl recht. Ob seine Nachfahren aber nicht auch einmal verschlafen k\u00f6nnten? Aufpassen, liebe Gegnerinnen und Gegner der sozialistischen L\u00f6sungen der Weltprobleme! Es ist ein guter Rat und durchaus im Sinne Helmut Kohls. Dieser verk\u00fcndete ja am 29. 12. 1983 im \u201eStern\u201c: \u201eWir sind dankbar f\u00fcr jeden Ratschlag, aber es muss ein guter sein.\u201c (Staeck, Seite 109)<br \/>\nWeil wir schon bei den Toten sind. Erich Honecker geh\u00f6rt ja schon l\u00e4ngere Zeit dazu. Ich erinnere mich aber noch eines Anrufs eines Journalisten, der wissen wollte, was ich zu Honeckers Tod  sagen w\u00fcrde. Nun, ich empfahl dem Journalisten doch bei Helmut Kohl anzurufen. Den hatte Honecker besucht, jener hat ihn mit seiner gesamten Ministerriege und der dazugeh\u00f6rigen Menge Sekt empfangen. Mich hatte der Staatsratsvorsitzende nie zu Hause beehrt. Was sollte ich also sagen? Freilich, der Versuch Honeckers, mit der Bundesrepublik Deutschland ins Vernehmen zu kommen, war auch eine mutige Tat von vielleicht weltpolitischer, aber zumindest europ\u00e4ischer Dimension. Wie man h\u00f6rte war die sowjetische F\u00fchrung gar nicht davon angetan. Deutschlandpolitik sollte allein ihr vorbehalten bleiben. Hat das je wer in den Nachrufen zu Honecker gew\u00fcrdigt? Er stand wahrscheinlich zu klein auf dem Foto neben dem gro\u00dfen Kohl.<br \/>\nAlles erw\u00e4gend, beschloss ich auf eine Reaktion zu Kohls Tod zu verzichten. Klaus Staecks Nachwort von 1990 war meiner Meinung nach bereits ein nicht zu \u00fcbertreffender Nachruf. \u201eEine ausufernde Pers\u00f6nlichkeit benutzt ihren K\u00f6rper als Waffe. Neben ihm werden immer mehr Leute zu Liliputanern. \u2026 Immerhin b\u00fcndelt kaum jemand alle Vorurteile so gut wie er und wird damit selbst zur B\u00fcndelung aller Vorurteile.\u201c (Seite 188) Nach Staeck ist Helmut Kohl \u201edas schwarze Loch der CDU geworden: Bei einem wie immer gearteten Abgang w\u00fcrde er selbiges hinterlassen.\u201c (Seite 190) Es ist so weit!<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr Links, Juli\/August 2017, 20.06.2017)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal spielt der Zufall wirklich verr\u00fcckt. In der Hitze des Abends suche ich eines Donnerstags im Juni noch eine Einschlaflekt\u00fcre und sto\u00dfe auf ein kleines B\u00fcchlein aus dem Jahre 1990. Herausgeber Klaus Staeck, Titel: Goldene Worte von Kanzler Kohl, Vorwort von Dieter Hildebrandt, Nachwort vom Herausgeber. 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