{"id":1027,"date":"2017-03-08T20:47:30","date_gmt":"2017-03-08T18:47:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1027"},"modified":"2017-03-08T20:47:30","modified_gmt":"2017-03-08T18:47:30","slug":"winter-ade","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1027","title":{"rendered":"Winter ade &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>In einer \u00f6sterreichischen Zeitung lese ich: \u201eDer kalte Winter lie\u00df die Heizkosten in die H\u00f6he schnellen. Der Verbrauch liegt um 10 bis 20 Prozent \u00fcber den Vorjahreswerten.\u201c Das wird anderswo in Europa, das wird in Sachsen wohl so \u00e4hnlich gewesen sein. Dabei war der diesj\u00e4hrige Winter nur ein wenig k\u00e4lter als die vorhergehenden eher milden. Im Schnitt &#8211; so lese ich auch &#8211; machen die Heizkosten rund 200 Euro mehr pro Haushalt aus. F\u00fcr Fernw\u00e4rmekunden war es billiger; 60 Euro mehr im Schnitt. Was die heizenden Menschen belastet, freut die W\u00e4rme- und Brennstoffproduzenten. Vor K\u00e4lte muss man sich sch\u00fctzen. Der Schutz kostet Geld. Das belastet viele und bringt wenigen Profit So ist das eben!<br \/>\nSo ist das eben? Nun es ist so, wenn man erstens eine beheizbare Bleibe hat und zweitens Geld, auch wenn es knapp ist, manchmal vorne und hinten nicht reicht und der kalte Winter die Schulden in die H\u00f6he treibt. Was ist aber, wenn man erstens keine beheizbare Bleibe hat und zweitens gar kein Geld, was selbst das Schuldenmachen unm\u00f6glich macht? Wenn das so ist, dann sitzt man zum Beispiel als Fl\u00fcchtling in Belgrad fest und fragt sich: \u201eWas tun?\u201c Viel geht da nicht. Der Bahnhof selbst &#8211; ein etwas verbrauchtes Prunkgeb\u00e4ude des 19. Jahrhunderts &#8211; kann f\u00fcr Tausende keine W\u00e4rmestube sein. Nun, Bahnh\u00f6fe haben Wirtschaftsgeb\u00e4ude, die oft leer stehen. Davon gibt es in Belgrad aber kaum noch welche. Das alte weitl\u00e4ufige Bahnhofsgel\u00e4nde ist eine Tr\u00fcmmerw\u00fcste. Ich war im Herbst dort und habe das gesehen. Was an noch leidlich warmen Septemberabenden fast noch romantisch aussieht, wenn die Lagerfeuer der Fl\u00fcchtlinge zwischen den Tr\u00fcmmer brennen, was bei der aufkommenden K\u00fchle noch w\u00e4rmt, kann im Winter keine Erleichterung bringen. Wie wird das im Winter, habe ich mich im Herbst gefragt. Die Welt hat es damals noch nicht interessiert. Die Antwort gab die Realit\u00e4t. Einige Ruinen, die noch defekte D\u00e4cher tragen, helfen da auch nicht weiter. Das Heizmaterial ist feuchtes, verschimmeltes Holz oder gar Plaste. Der Qualm treibt die Leute sehr bald in die K\u00e4lte. Es bestand bereits damals und es besteht im Winter noch sehr viel mehr eine gro\u00dfe Diskrepanz zwischen der lebendigen jungen Stadt, dem aufkommenden Tourismus \u00fcber Donau und Save und dem \u201eLeben\u201c der Fl\u00fcchtlinge. Es besteht unabh\u00e4ngig von der Jahreszeit ein grausiges Missverh\u00e4ltnis zwischen der Tr\u00fcmmerwelt, in der die Fl\u00fcchtlinge Schutz suchen, und einem neu entstehenden Prunk-Boulevard unmittelbar daneben an der Save. Der Boulevard ist nur der Anfang. Der derzeitige B\u00fcrgermeister will ein ganzes Prunk-Viertel bauen. Die Zerst\u00f6rung des Bahnhofareals macht daf\u00fcr Platz. Das wird dann ein Quartier, in dem sich auch die Belgrader und Belgraderinnen keine Wohnungen werden leisten k\u00f6nnen. Es gibt n\u00e4mlich auch noch viele andere Probleme in Serbien, die vor allem junge Menschen bewegen. Eine Fahrt mit der S-Bahn, voll von jungen Studierenden, von Novi-Sad nach Belgrad, belehrt Dich: Auch diese Menschen sind meist nur mehr auf Abruf in ihrer Heimat. Sie wollen weg an die vermeintlich vollen Futtertr\u00f6ge Westeuropas. NATO und EU machen im ehemaligen Jugoslawien \u201eganze Arbeit\u201c. Die Region ist zersplittert, die V\u00f6lker sind verfeindet, es sind jedoch \u00fcberall die gleichen Konzerne, die ihre Gesch\u00e4fte machen und die Zersplitterung f\u00fcr sich ausnutzen. Prinzip: zerteile und herrsche. Zu verdienen gibt es da f\u00fcr die Einheimischen nicht viel. An Serbien zerrt neben der  EU auch noch Putins Russland. Und nicht nur in der S-Bahn merkt man bei Gespr\u00e4chen, dass das die Bev\u00f6lkerung in ihren Sympathien f\u00fcr die einen oder den anderen spaltet &#8211; oft Jung und Alt. Der Jugoslawienkrieg und die Bombenangriffe auf das Land sind noch nicht von allen vergessen.<br \/>\nAber zur\u00fcck zu den Fl\u00fcchtlingen. Politikerinnen und Politiker in \u00d6sterreich und Deutschland schwadronieren von Auffanglagern in Nordafrika. In Belgrad ist ein solches im Wildwuchs bereits seit l\u00e4ngerem entstanden. Die Menschen kommen nicht weiter, weil &#8211; wie die gleichen Politiker und Politikerinnen mit Stolz verk\u00fcnden &#8211; die Balkanroute geschlossen ist. Dieser hinterh\u00e4ltigen Politik vertrauen sich die Fl\u00fcchtlinge nicht an. Sie hoffen auf Fr\u00fchling. Ich mache das auch und sch\u00e4me mich dabei. <\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr &#8222;Links&#8220;, April 2017, 07.03.2017)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer \u00f6sterreichischen Zeitung lese ich: \u201eDer kalte Winter lie\u00df die Heizkosten in die H\u00f6he schnellen. Der Verbrauch liegt um 10 bis 20 Prozent \u00fcber den Vorjahreswerten.\u201c Das wird anderswo in Europa, das wird in Sachsen wohl so \u00e4hnlich gewesen sein. Dabei war der diesj\u00e4hrige Winter nur ein wenig k\u00e4lter als die vorhergehenden eher milden. 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