{"id":1024,"date":"2017-02-06T15:12:07","date_gmt":"2017-02-06T13:12:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1024"},"modified":"2017-02-06T15:12:07","modified_gmt":"2017-02-06T13:12:07","slug":"ich-bin-eine-dame-von-stand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1024","title":{"rendered":"&#8222;Ich bin eine Dame von Stand &#8230;&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>\u201e\u2026 und i bin des Dirndl vom Land.\u201c So begann ein Dialog, den wir als Kinder immer wieder aufsagten. Es gibt ihn in hunderterlei Variationen verschiedener L\u00e4ngen. Auch die Dialekte des Dirndls wechseln. Die Dame spricht nat\u00fcrlich Hochdeutsch, was ihre Bildung hervorhebt. Die mir bekannte Version ging so weiter: \u201eIch spreche sieben Sprachen und spiele Klavier.\u201c &#8211; \u201eUnd i tua Sau f\u00fcttern daf\u00fcr.\u201c &#8211; \u201ePfui, vom Schweinef\u00fcttern m\u00f6chte ich \u00fcberhaupt nichts h\u00f6ren.\u201c &#8211; \u201eJa, aber Schinken fressen, des tuns gern.\u201c &#8211; \u201eMir k\u00fcsst jeder feine Herr die Hand.\u201c &#8211; \u201eUnd wann mir der Hansl a Bussel gibt, is es a ka Schand!\u201c Punktum, das Dirndl hat sich behauptet. Nat\u00fcrlich war unsere Sympathie beim Dirndl, auch wenn wir Stadtkinder waren. Im Arbeiterbezirk gab es nur gelegentlich \u201edurchrauschende\u201c Damen, die Hausbesitzerin zum Beispiel, oder M\u00f6chtegern-Damen. Solche nannte meine Oma sp\u00f6ttisch \u201eFrau Sachen\u201c.<br \/>\nIch will mich jetzt nicht als Schulmeister hervortun. Die geneigten Leserinnen und Leser k\u00f6nnen sich sicher die \u201eMoral von der Geschicht\u2019 \u201c selbst erschlie\u00dfen. Jeder und jede auf seine oder ihre Art. Ich kann mich aber nicht zur\u00fcckhalten und stelle mit Freude zun\u00e4chst fest, dass wir Kinder schon sehr fr\u00fch und sehr wohl um Standes- und Klassenunterschiede wussten. Wir konnten sie auch festmachen, an Essgewohnheiten, an Sprache und an unterschiedlich n\u00fctzlichem Wissen und K\u00f6nnen. Wobei uns eigentlich nur das Wissen und K\u00f6nnen des Dirndels auch als n\u00fctzlich erschien. Was muss ich Klavier spielen k\u00f6nnen. Dass man damit angeblich Gl\u00fcck bei den Frauen hat, war uns nicht bekannt und musste es auch noch nicht. Sieben Sprachen!? Mit wem sollten wir die sprechen. Es war uns nicht gesungen, dass wir unser Milieu verlassen k\u00f6nnten. In diesem Milieu war man jedoch maximal eineinhalbsprachig: Man begegnete sich im Dialekt, was Vertrauen schuf, und \u00fcbte sich f\u00fcr die Schule in einem eigentlich fremden und meist l\u00e4cherlich geradebrechtem Standarddeutsch. Selbst ins Gymnasium verschlagen, qu\u00e4lten wir uns schon mit zwei oder drei Sprachen; und warum da Latein dabei sein sollte, konnte uns damals niemand schl\u00fcssig beantworten. Heute k\u00f6nnte ich das vielleicht, aber wahrscheinlich nicht verst\u00e4ndlich f\u00fcr alle, sondern meist nur f\u00fcr jene, die das gleiche \u201eGl\u00fcck\u201c mit Latein hatten. Dass Sprachen wichtig sind f\u00fcr die \u201eFlucht\u201c aus einem Milieu, das kein gro\u00dfes Prestige genoss, bei uns nicht und auch nicht bei den anderen, wissen unsere Kinder heute. Kann sein, ein anderes Wissen ist damit aber in den Hintergrund getreten oder gar verloren gegangen. Es ist das Wissen darum, dass das Schweinef\u00fcttern der einen die Voraussetzung f\u00fcr das Schinkenfressen der anderen ist. Reichtum ist sehr unterschiedlich verteilt. Die, die die Schweine f\u00fcttern, haben nicht so viel auf dem Konto. Andere sind so reich, dass sie sich das Schweinef\u00fcttern als Hobby leisten k\u00f6nnen. Da verschwimmen Unterschiede, und der einen schwere Arbeit erscheint den anderen als originelles Vergn\u00fcgen. Stolz gibt man vor zu wissen, woher der Schinken kommt.<br \/>\nNun will ich die Veganerinnen und Veganer aber nicht mehr l\u00e4nger reizen. Das Schweinef\u00fcttern, das Sieben-Sprachen-Sprechen, das Klavierspielen und Schinkenfressen, Busserl und Handkuss sind hier nur Metaphern f\u00fcr soziale Unterschiede. Letztere aber gab es und gibt es noch immer. Sie entscheiden nicht nur erheblich \u00fcber m\u00f6gliche Lebenswege, sondern auch \u00fcber das jeweilige Bild von der Welt sowie von der eigenen und der anderen Wahrheit, formuliert in der eigenen oder der anderen Sprache. In welchen Milieus sind wir Linken heute eigentlich angesiedelt? Unsere Klientel sollten mit Sicherheit jene sein, \u201edie Schweine f\u00fcttern\u201c. Diese Erkenntnis kann aus Erfahrung kommen oder sie kann Ergebnis scharfer wissenschaftlicher Analyse sein. Damit tun sich freilich zwei neue Fragen auf: Verstehen uns jene, f\u00fcr die wir Partei ergreifen, eigentlich als ihre Sachwalter, wenn wir dies in ebenso scharfer wissenschaftlicher Sprache verk\u00fcnden und begr\u00fcnden? Und: Haben die \u201eSchweinef\u00fctterer\u201c nach getaner Arbeit noch Zeit und Mu\u00dfe, 71 Seiten Wahlprogramm zu lesen, um letztlich  und aus gutem Grund \u00fcberzeugt davon zu sein, dass es nur so und nicht anders f\u00fcr sie zum Besten wird?<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr &#8222;Links&#8220; &#8211; M\u00e4rz 2017, 04.02.2017)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201e\u2026 und i bin des Dirndl vom Land.\u201c So begann ein Dialog, den wir als Kinder immer wieder aufsagten. Es gibt ihn in hunderterlei Variationen verschiedener L\u00e4ngen. Auch die Dialekte des Dirndls wechseln. Die Dame spricht nat\u00fcrlich Hochdeutsch, was ihre Bildung hervorhebt. 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