{"id":1008,"date":"2016-10-01T18:55:18","date_gmt":"2016-10-01T16:55:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1008"},"modified":"2016-10-01T18:55:18","modified_gmt":"2016-10-01T16:55:18","slug":"von-der-christlichen-seefahrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1008","title":{"rendered":"Von der christlichen Seefahrt"},"content":{"rendered":"<p>Da f\u00e4llt mir zun\u00e4chst die Volksweisheit ein, dass man vor Gericht und auf hoher See in Gottes Hand sei. Das sagt allerdings mehr \u00fcber Gerichte aus, als \u00fcber die hohe See und die Schiffe darauf. Weil das Meer voller Gefahren ist, darf das Boot auch nicht zu voll sein. Wenn es hei\u00dft, \u201edas Boot ist voll\u201c, passt niemand mehr hinein, bei Strafe des Untergangs. Das wissen Fl\u00fcchtlinge, die \u00fcber das Mittelmeer kommen. Ihre Boote sind nicht nur voll, sie sind \u00fcbervoll und deshalb sehr leicht dem Untergang geweiht. Umso mehr m\u00fcssen sich solche Menschen doch wundern, wenn sie &#8211; weil ihrer Meinung nach in Gottes Hand gewesen &#8211; gl\u00fccklich in Europa angelandet sind, und pl\u00f6tzlich mit vermeintlich festem Boden unter den F\u00fc\u00dfen h\u00f6ren, \u201edas Boot ist voll\u201c. Europa bekennt sich zur christlichen Seefahrt und hat auf einmal Angst, dass der gesamte Kontinent untergehen k\u00f6nnte, wenn zu viele Fl\u00fcchtlinge einsteigen, noch dazu keine christlichen, sondern islamische. Aber, die \u201echristliche Seefahrt\u201c, so lese ich, meint gar nicht die Personenschifffahrt. Zu ihr geh\u00f6ren nur die Handelsschiffe. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen diese auch zu voll sein. Dann hilft aber nicht Gott, sondern das Kapital und seine Schiffsbauer. Wachsende Ladung heischt nach gr\u00f6\u00dferen Schiffen. Das war zun\u00e4chst ein frommer Wunsch der christlichen Seefahrer. Der Wunsch wurde zur Wirklichkeit. Die Container- und Tankschiffe baute man immer gr\u00f6\u00dfer. Auch wenn die Personenschifffahrt nicht zur christlichen Seefahrt geh\u00f6rt, so gelang das Gleiche bei Kreuzfahrtschiffen. Mittlerweile fahren mittlere St\u00e4dte \u00fcber See und bringen ihre \u201eEinwohner\u201c zu erschwinglichen Preisen \u00fcberall hin in der Welt; mit Radau, M\u00fcll und Gestank. Letztere verschluckten aber das Meer und die Luft dar\u00fcber. Das Meer freilich verschluckt auch noch anderes. Und jetzt wird es auf sehr traurige Art Ernst mit der christlichen Seefahrt. Das Meer verschluckt Menschen. Kaum die Kreuzfahrtpassagiere, es sei denn ein angeberischer Kapit\u00e4n f\u00e4hrt zu nahe ans Ufer, um seiner Geliebten zu gefallen. In so einem Fall geht das Schiff kaputt und es gibt Tote. Das ist jedoch eine Ausnahme, und der Kapit\u00e4n geh\u00f6rt nicht zu den Ertrunkenen, denn er verl\u00e4sst zuerst das Schiff. Das hat er gemein mit jenen Schiffseignern und \u201eKapit\u00e4nen\u201c, die die Not von Menschen und deren Sehnsucht nach Lebensqualit\u00e4t und Sicherheit ausnutzen und ihnen f\u00fcr viel Geld eine \u00dcberfahrt im vollen Schlauchboot zum vollen Boot Europa versprechen. Diese Boote haben von Anfang an keinen Kapit\u00e4n und keine Mannschaft. Viel zu gef\u00e4hrlich! Ein Abgeordneter der \u00f6sterreichischen FP\u00d6 meint zwar in diesem Zusammenhang, \u201eeine Seefahrt, die ist lustig\u201c, weil er Bilder von Selfies knipsenden Passagieren eines solchen schwankenden Bootes gesehen hat. Lustig ist das aber gar nicht. Die Selfies sind oft das letzte Bild, das von diesen Seefahrern (Frauen, M\u00e4nner und Kinder) aufgenommen wurde. Es sei denn, jemand fotografiert noch die toten K\u00f6rper der als Strandgut Angeschwemmten. Jetzt dr\u00e4ngt es mich wieder zur\u00fcck zur christlichen Seefahrt. Seinen Ursprung hat der Begriff in der Abwehr arabischer und nordafrikanischer Piraterie im Mittelalter und sp\u00e4ter. Seefahrer konnten schnell in die H\u00e4nde dieser Seer\u00e4uber geraten. Dann war nicht nur die Ladung beim Teufel, sondern man landete, ehe man es sich versah, auch noch in der H\u00f6lle der Sklaverei. Die Reedereien sch\u00fctzten ihre Leute dagegen nicht nur mit Priestern an Bord, nein, sie legten auch so genannte \u201eSklavenkassen\u201c an. In diese zahlte jeder Seefahrer ein, und es stand dann das Geld zum Freikauf aus der Sklaverei zur Verf\u00fcgung. Piraten kommen keine mehr aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum, wohl aber Menschen in Not. Wenn sie unterwegs nicht ertrinken, landen sie meist in neuer Not, nicht selten auch in moderner Sklaverei. Vor allem wird ihnen h\u00e4ssliche Ablehnung zuteil: \u201eDas Boot ist voll!\u201c Ist es aber tats\u00e4chlich voll und deshalb dem Untergang geweiht? Die Wirklichkeit sieht anders aus: Zu viele haben nur Angst zu viel in die \u201eFl\u00fcchtlingskasse\u201c einzahlen zu m\u00fcssen. Die Fl\u00fcchtlinge h\u00e4lt man deshalb f\u00fcr angelandete Piraten und Feinde der christlichen Seefahrt auf den abendl\u00e4ndischen Dampfern. Der Reichtum ihrer Eigner und Kapit\u00e4ne steht jedoch nicht zur Debatte. <\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr &#8222;Links&#8220;, Oktober 2016, 29.09.2016)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da f\u00e4llt mir zun\u00e4chst die Volksweisheit ein, dass man vor Gericht und auf hoher See in Gottes Hand sei. Das sagt allerdings mehr \u00fcber Gerichte aus, als \u00fcber die hohe See und die Schiffe darauf. Weil das Meer voller Gefahren ist, darf das Boot auch nicht zu voll sein. 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