{"id":1005,"date":"2016-08-27T16:30:55","date_gmt":"2016-08-27T14:30:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1005"},"modified":"2016-08-27T16:30:56","modified_gmt":"2016-08-27T14:30:56","slug":"die-sache-mit-der-identitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.peter-porsch.de\/?p=1005","title":{"rendered":"Die Sache mit der Identit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>\u201eWenn alles unver\u00e4nderlich w\u00e4re, lie\u00dfe sich alles in eine unver\u00e4nderliche Ordnung der Vernunft bringen, w\u00e4re jedes Geheimnis ungeboren, jede Frage gefragt, das Unvorhergesehene  vorausgesehen, Au\u00dfervern\u00fcnftiges nicht denkbar.\u201c Das stellt Jurij Brezans Krabat erschrocken fest. Nur die Vernunft, nur Vorhergesehenes, keine Ver\u00e4nderung f\u00fcr ewig? Keine Phantasie, nichts Neues, keine \u00dcberraschungen \u2013 ziemlich langweilig. Oder noch schlimmer? Wenn das so w\u00e4re, w\u00e4re alles nur mit sich selbst identisch, so wie wir es wahrnehmen und ihm Sinn geben in einer unver\u00e4nderlichen Ordnung. Nichts w\u00e4re uns fremd und wert, es weiter zu erkunden. Allem aber, das diese Bedingung nicht erf\u00fcllt, k\u00f6nnten wir keine Bedeutung zumessen. Es w\u00e4re fremd, ohne Sinn f\u00fcr uns. Es erschiene uns gef\u00e4hrlich, zerst\u00f6rerisch und w\u00e4re also abzuweisen.<br \/>\nSchwierig zu verstehen? Ich versuche es am Beispiel: Die deutsche Sprache. Wer zu uns kommt, muss sie lernen, sonst kann seines Bleibens nicht sein. Die Dazukommenden lernen eine Fremdsprache. Was f\u00fcr sie Fremdsprache, ist f\u00fcr uns Muttersprache. \u201eMutter\u201c-Sprache. Das schmeckt wie bei Muttern, das k\u00fcmmert sich um uns und unsere Gedanken wie eine Mutter. \u201eMutter\u201c ist das Unver\u00e4nderliche in unserem Leben, so auch die Muttersprache; wie auch der \u201eVater\u201c \u2013 und das Vaterland. Abweichungen sind landl\u00e4ufig \u201estief\u2013\u201c und wenn man sie auch noch so liebt. \u201eStief-\u05c5\u201c kommt vom germanischen \u201esteupa-\u201c und hatte dort die Bedeutung \u201eabgestutzt, beraubt\u201c. Die Sache wird wieder philosophisch: Stutzt uns das Fremde ab, sind wir angesichts des Fremden der Gefahr der Beraubung ausgesetzt, der Gefahr der Beraubung unserer Identit\u00e4t, des Vern\u00fcnftigen, der Sicherheit des Vorhersagbaren? Bleiben wir f\u00fcr eine Antwort bei der Sprache. So sehr uns die Muttersprache als Konstante in unserem Leben erscheinen mag: Sie ist alles andere als konstant, weil in st\u00e4ndiger Ver\u00e4nderung begriffen. Diese Ver\u00e4nderung hat verschiedene Ursachen und vielf\u00e4ltige Folgen. Eine wesentliche Ursache ist die Begegnung mit Anderen, mit dem Fremden, mit dem nicht Identischen. Solche Begegnungen sind in dieser bunten und zugleich einen Welt unvermeidbar. Begegnung f\u00fchrt zu Austausch. Die Ergebnisse werdensprachlich fixiert. Deshalb strotzt unsere Sprache nur so von Fremdw\u00f6rtern, Lehnw\u00f6rtern, Lehn\u00fcbersetzungen. Nur durch diese Anreicherungen konnte die deutsche Sprache \u00fcberhaupt \u00fcberdauern. H\u00e4tten sich die Muttersprachlerinnen und Muttersprachler dagegen gewehrt, w\u00e4re die Sprache unbrauchbar geworden, w\u00e4re gestorben. Allerdings ist die deutsche Sprache, wie jede andere auch, daraus nicht zu einem ungeordneten, verwirrenden Gemisch von Eigenem und Fremden geraten. Jede Sprache eignet sich das zun\u00e4chst Fremde auf eigene Art und Weise an. Feilt es sich zurecht. Das Fremde wird so ebenfalls zum Eigenen. Das Fremdwort kann man noch als solches Erkennen. \u201eAdministration\u201c ist uns zwar verst\u00e4ndlich, \u201eVerwaltung\u201c scheint uns dagegen vertrauter. Das Lehnwort hat sich bereits bis zur Unkenntlichkeit seiner Herkunft angepasst. Das \u201eBanner\u201c ist uns so gel\u00e4ufig wie die \u201eFahne\u201c. Es klingt nur feierlicher. Klappt es gar nicht mit dem Fremden, brauchen wir es jedoch auch f\u00fcr uns, wird eben Glied f\u00fcr Glied \u00fcbersetzt und aus dem lateinischen \u201econscientia\u201c wird das \u201eGewissen\u201c. Wir kommen nicht aus ohne das Fremde, das Andere. Wir k\u00f6nnen es nicht abweisen. Unsere Welt ist kein festgeleimtes Puzzle, in dem jedes Teil seinen unver\u00e4nderlichen Platz hat. Die Welt ist vielmehr ein buntes Kaleidoskop. Mit jeder Erdumdrehung ordnen sich die Steinchen neu und es entstehen wieder und wieder bunte Bilder einer faszinierenden, aber st\u00e4ndig in Ver\u00e4nderung befindlichen Wirklichkeit. Manche wollen allerdings davon nichts wissen. Deshalb nennen sich \u201edie Identit\u00e4ren\u201c \u201eIdentit\u00e4re\u201c. Nur das Eigene, vermeintlich Identische gilt. Multikulturelles, das Fremdes zul\u00e4sst und gar sch\u00e4tzt, erscheint ihnen einzig zerst\u00f6rerisch. Viele Kulturen ja, Austausch, gegenseitige Beeinflussung, nein. Bei Jurij Brezan geht es f\u00fcr sie so weiter: \u201eKein Himmel, keine H\u00f6lle. Und keine Furcht.\u201c W\u00e4ren Identit\u00e4re darob nicht beneidenswert? Nein und nochmals nein. F\u00fcr Brezan folgt aus \u201ekeine Furcht\u201c: \u201efreilich auch keine Hoffnung\u201c. Das hei\u00dft aber doch: auch keine Zukunft!<\/p>\n<p>(Geschrieben f\u00fcr &#8222;Links&#8220; September 2019, 25.08.2016)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWenn alles unver\u00e4nderlich w\u00e4re, lie\u00dfe sich alles in eine unver\u00e4nderliche Ordnung der Vernunft bringen, w\u00e4re jedes Geheimnis ungeboren, jede Frage gefragt, das Unvorhergesehene vorausgesehen, Au\u00dfervern\u00fcnftiges nicht denkbar.\u201c Das stellt Jurij Brezans Krabat erschrocken fest. Nur die Vernunft, nur Vorhergesehenes, keine Ver\u00e4nderung f\u00fcr ewig? Keine Phantasie, nichts Neues, keine \u00dcberraschungen \u2013 ziemlich langweilig. Oder noch schlimmer? 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