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Wem gehört Afrika?

27. August 2018
von Peter Porsch

In dem Roman, den ich gerade lese (Juli Zeh, Unterleuten, Luchterhand, 2016), wird über eine Versammlung in einem kleinen brandenburgischen Dorf, mitten in einem Vogelschutzgebiet gelegen, erzählt. Der geschniegelte Agent einer Windradfirma versucht mit einer ausgefeilten Präsentation die Dorfbewohner davon zu überzeugen, auf ihren Grundstücken Windräder aufstellen zu lassen, zum Vorteil ökologischer Energieproduktion, die die Landesregierung ja fördern will, und zum eigenen Vorteil durch den Erlös des notwendigen Landverkaufs. Die Firma, die die Windräder produziert und aufstellt, würde alles dafür tun. Es geht nun zu wie überall. Manche träumen von schnell und leicht erreichtem Wohlstand. Andere fürchten um den langfristigen Nutzen aus ihrem Land. Einige ängstigen mögliche Folgen wie Geräuschbelästigung und Schlagschatten. Die Vogelschützer sprechen von den seltenen Vögeln der Region, die gefährdet wären. Die Region würde ihre touristische Attraktivität für das nahe Berlin verlieren. Eine erst kürzlich aus Berlin zugezogene Frau beschwört Interessengegensätze zwischen Stadt und Land: „So etwas wird in Städten beschlossen und auf dem Land gebaut.“ (S. 127) Sie appelliert an einheimische Solidarität.
Ich lese nicht nur Romane. Ich lese auch Zeitung. Da erfahre ich in meinem Leibblatt „Neues Deutschland“ am 7. August auf Seite 10, dass im ostafrikanischen Uganda reiche Ölvorkommen entdeckt wurden und sich vor allem ein französischer und ein britischer Ölkonzern mit ugandischer Hilfe um die Ausbeutung bemühen. Geplant ist zudem eine Raffinerie und eine Pipeline. Da gibt es viel zu verdienen. Es gibt aber auch Kleinbauern, die seit vielen Generationen von der Bestellung des nun so begehrten Landes leben. Sie sollen – so lese ich – völlig unzureichend für ihr Land entschädigt werden. Dagegen wehren sie sich. Das Land ist nebst ihrer Lebensgrundlage „Träger ihrer Geschichte, ihrer Identität und ihres Wissens .“ (ebenda). Sie wehren sich, scheinen aber wohl auf verlorenem Posten zu stehen. Die Konzerne versuchen die Solidarität der Betroffenen durch unterschiedliche Angebote zu zerstören. Auch Gewalt und illegale Landbesetzung sind im Spiel. Die betroffenen Menschen freilich kämpfen tapfer weiter. Die Chancen zum Sieg sind jedoch ungleich verteilt.
Ich lese nicht nur, sondern ich schaue mir manchmal Ausstellungen an. Da gab es diesen Sommer eine außerordentlich interessante; interessant wegen des Ortes, wegen der Objekte und der Art ihres Zeigens und wegen einiger Inhalte, die sehr nachdenklich machten. Der Ort war Baden bei Wien. Ein Ort, der sich „der kaiserliche“ nennt – mit Recht, denn das war einst das „Naherholungszentrum“ des Kaisers, der Adeligen und Reichen von Wien. Der Reichtum glänzt einem auch heute noch aus fast allen Häusern und Parks entgegen. Die ausgestellten Objekte waren 2000 Fotografien aus Afrika, großflächig angebracht an den Hauswänden der Stadt. Gezeigt wurden Landschaften und Tiere des Kontinents, Menschen, ihre Wohnungen und ihre Arbeitsplätze. Meine besondere Aufmerksamkeit erregten zwei Bilder einer dunklen Landschaft, mit kleinen Feuern und öligen Pfützen. Der Kommentar zu den Bildern belehrte mich, dass es sich um die Bilder „einer illegalen Raffinerie, die in ihrer Umgebung die gesamte Pflanzenwelt vernichtet hat“ handelt. „Der Schmuggel mit dem schwarzen Gold bedeutet nicht nur einen Verlust für die Erdölgesellschaften …“ Moment mal: „Verlust für die Erdölgesellschaften“? Ja wer erlitt denn zuerst den existenzvernichtenden Verlust? Wem gehörte denn dieses Afrika? Hat sich hier nicht Unrecht in Recht verkehrt? Und was machen die raffinierten Illegalen, wenn man ihre Anlagen zerstört? Werden sie nicht versuchen, sich das, was sie sich jetzt in Afrika als Entschädigung für den Landraub der Konzerne erschleichen, in den Heimatländern dieser Konzerne zu holen, wo die Profite landen und sich in übrigens höchst ungleich verteilten Wohlstand verwandeln.
Es wird eben in Europa entschieden, aber in Afrika Beute gemacht; mit Betrug, Gewalt, Bestechung. Egoismus, Rassismus und Entsolidarisierung in Europa sind Kollaborateure. Sie kriminalisieren und weisen jene ab, die sich durch Widerstand und Flucht verweigern.

(Geschrieben für „Links“, September 2018, 26.08.2018)

Hatschi Bratschi

23. Juni 2018
von Peter Porsch

„Was kommt dort durch die Luft geflogen und immer näher hergezogen? Es ist, man sieht es deutlich schon, ein großer roter Luftballon. Drin sitzt, die Pfeife in der Hand, ein Zauberer aus dem Morgenland. Der böse Hatschi Bratschi heißt er, und kleine Kinder fängt und beißt er. O Fritzchen, Fritzchen, lauf davon, sonst kommst du in den Luftballon!“ So beginnt eine gereimte Geschichte, die mich, wie viele andere Generationen seit 1904, in meiner Kindheit begleitete und vor dem Bösen warnte, das zuerst aus dem „Türkenland“ oder später „Morgenland“, weil „Türkenland“ zu konkret war, kommt. Erschienen ist das Buch in verschiedenen Verlagen, zuletzt 1968. Der Autor heißt Franz Karl Ginzkey, ein Mensch sehr wechselhaften rechten Lebens, bis dass dieses 1871 begonnene 1963 der Tod in Salzburg gnädig beendete. Sein Leben kann man googeln und wird erstaunt sein, wie man sich über alle Wellen eines k. und k. Patriotismus, eines Austrofaschismus, der Sympathien für den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, schließlich auch für den Nationalsozialismus in einen beschaulichen, rechtem Denken frönenden Lebensabend im schönen Salzburg retten konnte. Bleiben wir aber bei Hatschi Bratschi. Dieser Zauberer fängt das ungehorsame, trotz Verbots auf eine Wiese gelaufene Fritzchen. Als sich der Zauberer später aus dem Korb beugt, um ein weiteres Kind zu fangen, nutzt Fritzchen die Gunst der Stunde, gibt ihm einen Schubs, Hatschi Bratschi fällt in einen Brunnen und kommt nicht wieder. Fritzchen ist nun allein dem Flug des Ballons ausgesetzt, der zielsicher das Morgenland ansteuert. Es warten Abenteuer auf der Fahrt, zum Beispiel ein Gewitter oder die Hexe Kniesebein, die sich Fritzchens bemächtigen will, schließlich aber abstürzt, in einen Schornstein fällt und verbrennt. Gefährlich sind auch Menschenfresser, die, eine Menschenkette eine Palme hinauf bildend, den Ballon entern wollen und erst im letzten Moment ihr Ziel verfehlen und ins Meer stürzen. Die „Menschenfresser“ waren später Gegenstand von Kritik und wurden durch Affen ersetzt. Man könnte natürlich auch sagen, sie wurden mit Affen gleichgesetzt und deshalb mit solchen austauschbar, was Rassismus versteckte, allerdings nicht wirklich überwand. Fritzchen aber erreicht nach all den Abenteuern das Schloss von Hatschi Bratschi. Die Diener Hatschi Bratschis anerkennen Fritzchen als den neuen Herren und unterwerfen sich ihm. Dieser befreit alle gefangen Kinder, die glücklich nach Hause laufen. Fritzchen war der Held, die Mutter schloss ihn küssend in ihre Arme, der Vater wartete aber mit dem Rohstock auf ihn wegen des ungehorsamen Beginns.
Das Buch wurde mir nicht gefährlich. Ich weiß um seine unverhohlenen rassistischen und zumindest faschistoiden pädagogischen Ladungen. Ich bin ihnen nicht verfallen. Andere, die Kinder ihren Eltern entführen, brauchen das Buch wiederum gar nicht. Ziemlich sicher hat es Donald Trump nicht gelesen und dennoch hat er jüngst dafür gesorgt, dass mir die Geschichte wieder in den Sinn kam. Er wurde mir in empörter Phantasie zum Hatschi Bratschi. Dieser Hatschi Bratschi Trump hat keinen Luftballon, Er fängt aber ebenso Kinder. Er fängt sie an der Grenze zwischen den USA und Mexico. Wenn dort in Not verzweifelte Eltern mit ihren Kindern diese Grenze überschritten, dann kamen seine Schärgen, stellten die Grenzverletzer, trennten Eltern und Kinder und sperrten die Erwachsenen ein. Die Kinder weinten herzzerreißend, wurden aber gnadenlos in Camps verfrachtet, wo ihr verzweifeltes Weinen und Schreien von zynischen Bewachern als „Konzert“ bezeichnet wurde, dem nur der „Dirigent“ fehle. Menschen in aller Welt wandten sich gegen diese Grausamkeiten, selbst die Gattin von Hatschi Bratschi Trump und seine Tochter. Dieser sehr abendländische Hatschi Bartschi meint aber, dass die Schuld bei den Eltern läge. Sie hätten ja nur in Mexico bleiben müssen, um nicht von ihren Kindern getrennt zu werden. Hätte, hätte Fahrradkette – Fritzchen hätte ja auch nicht auf die Wiese laufen sollen. Gehorsam statt Spieltrieb, Unterwerfung, statt Kind-Sein hätten ihn gerettet? Nein, auch das hilft nichts! Die Welt ist voller Hatschi Bratschis. Ihre kleinen Opfer werden ausgebeutet, liegen zerschossen und ersoffen herum, bekommen, manchmal zwangsweise neue Eltern oder werden selbst bewaffnet und zum Kriegführen gezwungen …

(Geschrieben für Links, Juli/August 2018, 20.06.2018)

Spielchen, deal und kein Vertrag

5. Juni 2018
von Peter Porsch

Sprachgeschichtsforschung kann wohl sehr genau beschreiben, was sich in Sprachen im Laufe der Zeit so alles verändert. Fragt man sie aber nach den Ursachen, so wird sie deutlich schweigsamer Auf einer relativ sicheren Seite ist man, wenn man von Vorbildern spricht. Die Römer brachten den Germanen mit ihren primitiven, aus gewundenen Ästen und dann mit Lehm verschmierten Wänden die Mauer aus Ziegeln sowie die Wörter dafür (murus, tegula). Die Lautveränderungen, die aus den lateinischen Wörtern letztlich deutsche machten, kann man zwar benennen und beschreiben, ursächlich jedoch nicht erklären. Die Römer brachten die gesamte Terminologie des Weinbaus und manch anderes noch. Sächsisch verlor seine Vornehmheit und Vorbildlichkeit nach dem Sieg der Preußen im Siebenjährigen Krieg. Französisch wurde zur Sprache bevorzugter Kultur und viel davon findet sich sogar immer noch in den Dialekten – auch die „Fischilanz“ der Sachsen.
So ist das auch heute: Neuerdings hört man in der Sprache der Politiker und Politikerinnen, durch die Medien in unseren Alltag transportiert, häufig das Wort „Deal“. „Häufig“ zu sagen, reicht eigentlich nicht, es muss schon von inflationärem Gebrauch gesprochen werden. Ich lese vom „Friedensdeal“ in Kolumbien, der in Gefahr geraten könnte. Die Obamas haben angeblich einen „Mega-Deal“ unterschrieben, um bei Netflix Filmproduzenten zu werden.
Wie kommt das? Es muss wohl ein Vorbild mit hohem Prestige geben – und es gibt eines. Der Mann heißt Donald Trump. Er ist immerhin Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Trump ist ein „Dealmaker“ habe ich gerade gelesen. Hat man früher in der Politik und Diplomatie normalerweise von „Verträgen“ gesprochen, die Staaten untereinander geschlossen haben, so spricht plötzliche alle Welt mit Donald Trump von Deals beziehungsweise deals. Es gab einen „Atomwaffensperrvertrag“, der noch immer gilt. Die NATO ist „the North Atlantik Treaty Organisation.“ „Treaty“, so belehren mich alle Wörterbücher und Übersetzungshilfen ist auf Deutsch mit Vertrag zu übersetzen. Donald Trump kündigte jedoch einen deal mit dem Iran zur Abwehr seiner geplanten
Atombewaffnung. Es wäre der schlechteste deal aller Zeiten gewesen, glaubt man dem Präsidenten. Jetzt möchte er zeigen, was er kann. Er verspricht uns einen deal mit Nordkorea zur Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel. Dazu will er sich mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim-Jong-un, dem Obersten Führer Nordkoreas, treffen. Es geht also wieder um einen deal. Für englisch „deal“ wird mir stets als erste Übersetzung deutsch „Deal“ angeboten. Nun suche ich in einsprachigen Wörterbüchern nach der Bedeutung. Solche für Englisch sagen mir, dass das Wort ziemlich problemlos für „contract“, „agreement“, „treaty“(!), „pact“ verwendbar ist. Wenn der Trump also unbedingt will, so soll er halt bei seinem „deal“ bleiben. Es ist eher amerikanisches Englisch und es ist eher das Englisch der Geschäftsleute. Moment, da stutze ich doch. Ist Politik neuerdings ein Geschäft? Vielleicht auch eines, bei dem man sich möglichst gegenseitig übers Ohr haut? Wenn das so ist, verstehe ich fast Trumps Misstrauen gegenüber dem „deal“ mit dem Iran. Trumps Absicht bei „deals“, die er aushandelt, blitzte kurz auf, als er die Absage seiner Gesprächsabsage mit Kim-Jong-un als „Spielchen“, welche alle betreiben, bezeichnete. Nordkoreas Kim sollte nicht zu vertrauensselig sein. Spielchen haben auch die Produzenten von Diesel-Motoren mit uns betrieben. Für sie war es beim Verkauf dieser Motoren auch noch ein guter Deal.
Jetzt hatte ich keine Wahl. Ich musste „Deal“ groß schreiben. Im Deutschen kann man das Wort nicht unbeschädigt mit seiner Bedeutung 1:1 aus dem Englischen übernehmen, jedenfalls nicht, wenn man Wörterbüchern vertraut: Im von mir schon oft zitierten DUDEN, Deutsches Universalwörterbuch finde ich nämlich unter „Deal“ mehrere Hinweise darauf, dass es sich dabei um zweifelhafte Geschäfte handelt. Dafür kommen natürlich Spielchen gerade recht und Trumps deals sind so unverdächtig auch nicht mehr, entfernen sich offensichtlich von dem, was man anständigerweise unter Verträgen versteht.

(Geschrieben für Links, Juni 2018, 28.05.2018)