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Die Iden des März

20. März 2018
von Peter Porsch

Die Iden eines jeden Monats waren bei den Römern der Antike Feiertage. Sie fielen jeweils auf den 13. oder 15. Tag des Monats und richteten sich nach dem Mondviertel. Wegen des 15. März im Jahr 44 vor unserer Zeitrechnung galten sie später aber auch als Metapher für drohendes Unheil. An diesem Tag war Gaius Iulius Caesar ermordet worden. Solches Unheil schwante in den Märztagen 1938 auch dem damaligen klerikal-faschistischen österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg. Die Katastrophe deutete sich massiv schon am 12. Februar an, als der deutsche Diktator Adolf Hitler den österreichischen Diktator böse demütigte und Österreicherinnen und Österreichern jeglichen positiven Einfluss auf die deutsche Geschichte absprach – bis zu seinem Auftauchen natürlich. Der Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938 war nicht mehr zu vermeiden. Österreichische Politik, Kunst und Medien erinnerten sich im März sehr ausführlich des nun 80 Jahre zurückliegenden Ereignisses, seines Verlaufs und seiner Folgen. Im Herbst wird dann das 100jährige Jubiläum der Gründung der Republik Österreich zu feiern sein. Diese Republik war der deutschsprachige Rest der einstigen sogenannten Donaumonarchie. Sie verstand sich von Anfang an als zweiter deutscher Staat. Der Anschluss an Deutschland sollte Verfassungsgebot werden. Die Siegermächte wollten ihn nicht und verhinderten ihn. Hitler vollzog ihn – mit den Weihen der katholischen Kirche und der Empfehlung führender Sozialdemokraten wie dem ersten Staatskanzler Österreichs und dem ersten Bundespräsidenten der 2. Republik, Karl Renner. Man nannte den Anschluss im Gesetz verhüllend „Wiedervereinigung“.
Nach 1945 gab es kaum jemanden, der oder die mit den Nazis was zu tun hatte. Das Land war erstes Opfer von Hitlers Aggressionsgelüsten gewesen. Das war Staatsdoktrin. Im Jahre 1938 sah es anders aus. Die illegalen Nazis krochen aus ihren Löchern. Schon vor dem 12. März wehten die Hakenkreuzfahnen von allen Masten und aus allen Fenstern. Die Massen jubelten und über 99% der Stimmberechtigten legalisierten den Anschluss mit ihrem „Ja“ bei einer Volksabstimmung. Die Hatz auf Juden und Andersdenkende, auf politische Gegner begann sofort. Sie war brutal, zynisch und total. Das ermunterte den derzeitigen österreichischen Bundespräsidenten zur Aussage, Österreicher seien nicht nur Opfer gewesen, sondern auch Täter. Nun, die umgekehrte Reihenfolge wäre wohl richtiger, Österreicher waren nicht nur Täter, ein Teil von ihnen waren auch Opfer. Sei’s drum. Wichtiger scheint mir die Passage in der Rede des Präsidenten, es sei zwar die Wehrmacht über Nacht gekommen, aber „nicht über Nacht kamen die Verachtung für die Demokratie, der Militarismus, Intoleranz und Gewalt, Sie hatten sich schleichend in Österreich eingenistet.“ Gilt das nur für 1938 und davor? In Österreich regiert seit Dezember eine sogenannte rechtskonservative Regierung. Ein junger Bundeskanzler, hervorgegangen aus der konservativen ÖVP, in der Partei quasi alleinbestimmend, steht ihr vor. Ein Vizekanzler, sozialisiert in einer deutsch-nationalen Burschenschaft und zugehörig der FPÖ, steht ihm als Vizekanzler zur Seite. Die FPÖ, vormals als „Wahlpartei der Unabhängigen“ war das Sammelbecken ehemaliger Nazis. Ähnliche Entwicklungen gibt es in immer mehr europäischen Staaten. Nationalismus, Ruf nach dem „Starken Mann“, vor allem aber Rassismus und Ausländerfeindlichkeit breiten sich aus. Verharmlosen wir nicht den Holocaust. Verharmlosen wir nicht die Menschenjagden in der „Ostmark“ der ersten Tage, wo man Juden mit Zahnbürsten die Gehsteige von Losungen der alten Regierung reinigen ließ, durch unzulässige Vergleiche. Aber gibt es nicht schon wieder Ermordung von Ausländern durch einen „Nationalsozialistischen Untergrund“? Gibt es nicht die „Gruppe Freital“, die nur von Glück sagen kann, dass sie nicht zu Mördern wurden? Hängt nicht an vielen Grenzen das unsichtbare Schild, „Ausländer unerwünscht“? Gibt es nicht die Anschläge auf Flüchtlinge und Flüchtlingseinrichtungen und gibt es nicht beflissene Politiker und Politikerinnen, die Abschiebungen, Benachteiligungen und Diffamierung ausländischer Menschen zu ihrem Markenzeichen machen? Es hat sich schon wieder etwas eingenistet.

(geschrieben für „Links“, April 2018, 15.03.2018)

„More steel tanks than think tanks“

20. Februar 2018
von Peter Porsch

Das war O-Ton des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki auf der sogenannten „Münchener Sicherheitskonferenz“. Englisch „tank“ ist bekanntlich der Panzer, geschmiedet aus Stahl oder guten Ideen. „Oh, Herr, lass Hirn regnen“, habe ich auf einer Satirepostkarte gelesen. Nein, das ist nicht der Regen, den der Chef des katholischen Polen zu benötigen denkt. Ihm stehen offensichtlich die „Stahlgewitter“ der Kriege näher, die der einstige Wehrmachtsoffizier und am Ende seines Lebens zum Katholizismus konvertierte Ernst Jünger zu literarischen Ehren brachte. Herr Morawiecki schließt sich ihm an, anstatt sich einen Kopf zu machen, wie es anders gehen könnte.
Sicher kennen viele die Geschichte von dem jungen Mann, der während einer Zugfahrt das Fenster öffnen will. Er schafft es nicht; offensichtlich ein schmächtiger Intelligenzler. Weil die Geschichte alt ist, muss man noch um die Technik mit dem Riemen wissen, den man mit Kraft zugleich nach oben und nach vorne ziehen musste, um damit die Bewegung des Fensters nach unten freizugeben. War nicht jedermanns Sache. Ein muskulöser Bauer hilft, so geht die Erzählung weiter, dem Schwächling und es gelingt ihm natürlich, das Fenster zu öffnen. Siegestrunken belehrt er den Versager mit einem Deut auf seine Muskeln, „hier muss man es haben und nicht hier“, was er nun wieder mit seinem Finger an den Kopf zeigend unterstreicht. Der so Blamierte sinnt auf Vergeltung. Schließlich fragt er den Kraftprotz, ob der diesen Griff am roten Kasten an der Wand herunterziehen könnte. Er selbst wäre doch augenscheinlich zu schwach dafür. Stolz beweist der Muskelmann, dass er es kann. Der Zug bleibt mit Ruckeln und Quietschen stehen. Der Schaffner kommt und verdonnert den Missetäter zur Strafzahlung wegen missbräuchlicher Betätigung der Notbremse. „Da muss man es haben“, sagt nun der Intellektuelle mit einem Verweis auf seinen Kopf, „und nicht da“, während der Finger vom Haupt zum kaum ausgebildeten Bizeps wandert.
Der Schlaumeier hat den Kraftmeier in die Falle gelockt. Geist und Denken lassen Folgen von Handlungen abschätzen. Kraft gewinnt nur im Augenblick. Es wäre gut, wenn Herr Morawiecki und alle anderen, die so kopflos durch die Zeiten stolpern, sich darauf besinnen könnten. In der Geschichte tat jedenfalls der Gefoppte gut daran, die Strafe zu bezahlen. Da hat doch Verstand eingesetzt. Verweigerung der Bezahlung und weitere Gewalt gegen Menschen und Sachen hätten möglicherweise die Fahrt für unabsehbare Zeit verhindert, den Täter schließlich in noch größere Schwierigkeiten gebracht.
„Unrecht durch Unrecht bekämpft, wird noch mächtiger“, sagt uns der österreichische Schriftsteller Peter Rosegger. Gewalt gegen Gewalt war aber angesagt in München. Der eine zeigte deshalb die Trümmer einer vom Himmel geholten Drohne, verschwieg jedoch geflissentlich, dass das gewalttätige Instrument dafür – ein Kampfflugzeug – ebenfalls gewalttätig zerstört wurde. Genau das war aber wiederum Anlass zur Androhung neuer Gewalt: Die Spirale funktioniert – letztlich ohne Sinn und Verstand. Nein, doch nicht! Sinn und Verstand wurden hier freilich nur missbräuchlich verwendet, um die Instrumente für Gewalt zu erfinden, zu bauen und anzuwenden. Hirn verwandelte sich in Stahl. Der homo sapiens wird zu einem simplen iron-man. Er kann nicht mehr weit denken. Er glaubt erkannt zu haben, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. In Wirklichkeit hat sich aber alle menschliche „sapientia“ von Weisheit in sture Dummheit verwandelt; sture Dummheit, die nun auch noch meint, dass es nötig sei, den Krieg vorzubereiten, wolle man den Frieden erhalten. Hat das jemals mehr gebracht als Wettrüsten und dessen stetes Ende im Krieg – von der Steinzeit bis heute?
Panzerbesatzungen haben einst gesungen und singen heute noch: „Ob’s stürmt oder schneit, ob die Sonne uns lacht, ob heiter der Himmel, ob finster die Nacht, bestaubt sind die Gesichter und froh ist unser Sinn. Es braust unser Panzer im Sturmwind dahin.“ Steel-tanks rasen aufeinander los, ungebremst, gepanzert mit Gedankenlosigkeit hart wie Kruppstahl. Das Einzige, was sie aufhalten könnte, wären funktionierende think-tanks.

(geschrieben für Links, März 2018, 19.02.2018)

Warm und kalt aus einem Mund

17. Januar 2018
von Peter Porsch

Im Unterinntal, so zwischen Innsbruck und Rosenheim, erzählt man sich seit jeher eine bemerkenswerte Sage: Zu einem Mann, der im eiskalten Winter Holz schlug, gesellte sich ein Waldmännchen. Weil dem Holzfäller an den Händen mächtig fror, hauchte er sich immer wieder in die hohlen Pranken. Das Waldmännchen wunderte sich, was das sollte. Auf seine Frage bekam es die Antwort, dass der Mann sich mit seinem Hauch die Hände wärmen konnte. So weit so gut. Als die Mittagszeit kam, entfachte der Holzschläger ein Feuer und bereitete sich eine Suppe. Bevor er aber nun die Suppe aß, pustete er immer wieder auf den Löffel. Dem Waldmännchen war das nicht geheuer. Es sei doch die Suppe vom Feuer her heiß genug. Warum blies dann der Gute noch daran, wie an seine frierenden Hände? Der Holzfäller erklärte, dass er dies mache, um die heiße Suppe abzukühlen. Da erschrak das Waldmännchen: „Du bist ein ganz unheimliches Wesen; aus deinem Mund kommt bald warm, bald kalt, bei dir mag ich nicht länger verweilen.“ Und augenblicklich ging das Waldmännchen davon.
Wieso fällt mir diese Geschichte gerade jetzt ein? Ich hatte sie in der Grundschule im Lesebuch kennengelernt. Assoziationen sind nicht zufällig und Erinnerungen tauchen nicht beliebig auf. Ich glaube, ich habe noch vor Kurzem gehört: „Für eine Große Koalition stehen wir nicht zur Verfügung!“ „Vor Neuwahlen haben wir keine Angst“, habe ich auch noch im Ohr. Es war wohl kalt geworden für die SPD nach der Bundestagswahl, aber man ließ es sich nicht verdrießen und hauchte sich in die Hände, um sich warm und für die künftigen Fällarbeiten fit zu halten. Als aber dieser Lindner von der FDP seinen Anspruch auf eine würzige jamaikanische Suppe plötzlich aufgab, steckten weitere Anwärter ihre Löffel weg. Ein paar Zurückgebliebene hielten hingegen das Feuer am Brennen und lockten mit Suppe und einem Platz am Tisch. Die mit den kalten Händen erinnerten sich früherer Wärme. „Ergebnisoffene Verhandlungen wären möglich“, hörte man ein Raunen. Und wenn die Suppe zu heiß würde, könnte man sie ja kühler blasen. Die Suppe war heiß. Es konnte kaum noch kalt genug aus dem Mund kommen, der gerade noch warmen Hauch von sich gegeben hatte. Schließlich meinte man aber doch, die Suppe, die man auslöffeln sollte, auf erträgliche und genießbare Temperatur gebracht zu haben. Weil man sich jedoch nicht ganz sicher war, ließ man auch Umstehende kosten. Vielen von denen schmeckte die Suppe freilich nicht. Sie war zu lau geworden. Man hielt es wie das Waldmännchen aus der Sage für unheimlich, wie es aus den Mündern der zu Tisch Gelockten mal warm und mal kalt gekommen war und ging davon.
Wenn es anfängt, geht es meist munter weiter. Das Erinnern der Sage war geklärt. Wer hat sie mir verraten? … Nein, keine Kalauer. Allerdings fielen mir weitere Geschichten ein – längst bekannte, nie vergessene und neu ins Gedächtnis geratene. Es war ein Witz dabei. Aber wer sagt denn, dass Witze nicht auch, zumindest auf vergleichsweise Art, Wirklichkeit werden können: Graf Bobby besuchte seinen Freund Rudi und zeigte ihm seinen neuen Spazierstock. Der war schön. Vor allem der kunstvoll gearbeitete silberne Knauf an seinem oberen Ende. Einen Makel hatte der Spazierstock dennoch, er war viel zu lang und ragte Graf Bobby bis über den Kopf. Deshalb war dieser traurig. Er müsse den Stock wohl um ein Stück kürzen und dabei auch den schönen Silberknauf mit wegschneiden. Rudi wandte ein, dass man von dem Stock doch auch unten etwas abschneiden könnte. Bobby schüttelte verwundert den Kopf, ob solcher Einfalt: „Unten passt er doch, oben ist er zu lang“. Er schritt zum Werk und kürzte den Stock – von oben und mit dem Silberknauf; alle Schönheit und aller Wert waren verloren. Herr Schulz und die anderen von der SPD kamen auch mit einem Spazierstock mit gediegenem Oberteil: Bürgerversicherung, Nachzug von Flüchtlingsfamilien, gesicherte Rückkehr aus Teilzeitarbeit, Reichensteuer, armutssichere Rente und vieles andere mehr waren ihr Edelmetall. Es lag gut in der Hand. Auf der falschen Seite den Stock gekürzt ließ das Silber verschwinden und machte die ganze Gehhilfe unbrauchbar.

(Geschrieben für „Links“, Februar 2018, 16.01.2018