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Die Hasen und die Igel

23. September 2019
von Peter Porsch

Es ist Freitag, der 20. September, und bereits abends. Ein langer, schöner Tag neigt sich zu Ende, knapp vor Herbstanfang, mit einem herrlichen Abendrot, das einen sonnigen nächsten Tag verspricht. Ich sitze am Schreibtisch und schreibe diese Glosse.
Der Tag war lang, weil ich um 9:30 einen Termin in Dresden wahrnehmen musste; Fahrzeit eine knappe Stunde – also spätestens 8:00 Uhr los, aufstehen halb sieben. Kann ja etwas dazwischen kommen. Vor Staus ist man nie gefeit. Hin blieb er mir erspart, zurück war er da. Rechtzeitig ausgewichen, weil durch das Radio gewarnt, gelang mir die Rückfahrt – über vier Umleitungen und zwei lange Aufenthalte vor Ampeln, die wegen Baustellen verengte Fahrbahnen wechselweise frei gaben – in gut zwei Stunden.
Ja, die Fahrt wurde mit dem Auto angetreten. Mit Öffis wäre der Termin nicht zu halten gewesen: Erst drei Kilometer zum nächsten Bahnhof. Von da fährt jede Stunde ein Zug nach Leipzig. Kommt man dort an, fährt der Zug nach Dresden just im gleichen Augenblick weg. Nach einer halben Stunde geht es dann weiter. In Dresden noch Straßenbahn. Wann soll ich da aufstehen, um alles zu schaffen? „Sei nicht so empfindlich“, denke ich. Im Radio höre ich nämlich gerade, dass das GroKo-Bundeskabinett die ganze Nacht „getagt“ hat und immer noch tagt, um die Hausaufgabe eines Klimaschutzprogrammes zum Ende zu bringen. Das erinnert mich an meine Schulzeit – nächtliches Erledigen von Hausaufgaben bringt Fehlerhaftigkeit des Resultats. „Friday for future“ ist der Tag auch noch. Sicher sammeln sich schon allüberall die Schüler*innen und von diesen aufgeweckte Erwachsene zur Fahrt in die großen Städte zur Demo für die Klimarettung. In anderen Teilen der Erde sind sie schon längst auf den Beinen. In Australien und Polynesien ist schon alles wieder fast vorbei. In Frankfurt am Main erwacht indessen der vorletzte Tag der Internationalen Automobilausstellung. Den Zugang in die Hallen haben am ersten Tag Demonstrant*innen blockiert. Wer hinein wollte, musste den Hinterausgang benutzen. Beim Frühstück kann ich schon das zeitig angelieferte „Neue Deutschland“ lesen, mit einem Extrablatt zum FfF-Klimastreik. Am Ende des Tages sticht das Schiff „Polarstern“ von Norwegen aus in See Es soll ein Jahr lang im Eis festgefroren triftend (eine sehr umweltfreundliche, aber nicht verallgemeinerbare Art der Mobilität) das arktische Klima erkunden. Und der Regenwald in Südamerika brennt immer noch.
Pünktlich war ich auf die unweite Autobahn aufgefahren und habe mich eingereiht. Das ging gar nicht so einfach, denn auf der rechten Spur bewegte sich eine unendliche, dicht auf dicht fahrende Kolonne von Lkws und links eine ebensolche Schlange von Pkws und kleineren Transportfahrzeugen. Sich da hineinzuschlängeln musste man erst schaffen. Mit Bremse, Gas, Hupe, Übermut und auch etwas Rücksichtslosigkeit war es geglückt. Jetzt war man Teil der Karawane. Fast Stoßstange an Stoßstange bewegte sich auf beiden Spuren der Tross. Die Fahrt verlief jedoch, wie bereits gesagt, ohne Zwischenfälle, dauerte keine ganze Stunde und endete sogar etwas zu früh am Zielort.
Dennoch war Zeit zum Beobachten und Nachdenken. Was bewegte sich eigentlich auf diesem Betonband und wodurch bewegte es sich? So kam plötzlich die Erkenntnis: Ich fuhr an Tausenden brennenden Arbeitsplätzen vorbei. Die befanden sich in den Lkws und sie befanden sich in den Autos vor und hinter mir. Die dagegen anrennen sind die Hasen, kam mir in den Sinn. Sie rennen hinter den Igeln her. Die rufen aber überall, „Ick bin allhier“. Genau dagegen wurde ja am gleichen Tag demonstriert, genau deshalb tagte nächtens die GroKo. Wer wird dieses Rennen gewinnen, war plötzlich die Frage des Tages? Werden die Hasen, so wie im Märchen, eines Tages wegen des nicht zu gewinnenden Wettbewerbs tot umfallen? Oder geben die Igel auf, weil ihnen die Hasen etwas Neues als Ersatz für dieses sinnlose Wettrennen anbieten – mit Gewinn für beide Seiten? Das Märchen beginnt im Original mit dem niederdeutschen Satz: „Disse Geschichte ist lögenhaft to vertellen.“ Das ist der Anfang für die AfD und Konsorten. Die glauben nicht an die drohende Tragödie. Wir wissen jedoch, uns rettet nicht das schöne Wetter des Märchens und dieses 20. Septembers. Wetter an ein paar Tagen ist nicht Klima. Es muss uns etwas einfallen – Für Klima und Arbeitsplätze.

(Geschrieben für Links, Oktober 2019, 22.09.2019)

Vom Hundekot und Vogelschiss

26. August 2019
von Peter Porsch

Unlängst habe ich eine bedenkenswerte Geschichte gelesen: Eine Frau ging mit ihrem Hund spazieren. Das Tier nutzte erwartungsgemäß die Gelegenheit und kotete (so nennt man das, wenn es darauf ankommt, was hinten herauskommt). Das war nicht weiter aufregend. Brav packte die Dame das Endprodukt in eine bereitgehaltene Plastiktüte und suchte einen Abfallkorb zur Entsorgung. Leider fand sie keinen, gab nach einiger Zeit die Suche auf und warf die Tüte resignierend in ein Gebüsch. Der Kommentar des Erzählers: So hatte sie etwas, das in ein bis zwei Wochen verrottet gewesen wäre, durch die und mit der Verpackung für etwa 200 Jahre konserviert. Freilich muss man dennoch einräumen, sie hat auch die Menschen vor dem unästhetischen Anblick eines Hundekots, vor der Gefahr, in diesen hineinzutreten und zumindest die Schuhe zu versauen und damit den Kot weiterzuverbreiten, gerettet. Eine gute Tat, wenn auch eine ökologische Katastrophe.
Man könnte es mit diesen Gedanken bewenden lassen. Aber ich dachte weiter, beziehungsweisse ergriffen mich Assozialtionen. Der Hundekot rief den Gedanken des in der Natur ebenso häufig vorkommenden Vogelschisses hervor, womit das Auftauchen des so fatal sprechenden Namens GAULAND ja wirklich nicht mehr weit sein konnte. Dieser Mann, der schon mit seinem Namen beredte Propaganda für ein anderes Deutschland macht, wollte sein Faible für das andere, das ein altes, kaum vergangenes Deutschland wäre, verharmlosen, indem er meinte, die Zeit Adolf Hitlers und seines Nationalsozialismus wäre im Laufe der tausendjährigen so erfolgreichen deutschen Geschichte nur ein Vogelschiss.
Nun hat jeder Vergleich ein „tertium comparationis“, etwas Drittes, das im Vergleich das mögliche Gemeinsame darstellt. Gauland will uns weismachen, dass dies offensichtlich die geringe Bedeutung dieser Zeit für die deutsche Geschichte insgesamt sei. Und genau dabei hat er sich mächtig verhauen. Würde man mit Hundekot vergleichen, hätte die gemeinte Zeit tatsächlich wenig Belang für das Ganze. Der Vogelschiss verbietet aber eine solche Annahme vollständig. Wie wir bereits wissen, verrottet der Verdauungsrest vom Hund in ein bis zwei Wochen, außer man rettet ihn durch Verpackung. Beim Vogelschiss ist das völlig anders und das bringt auch ein völlig anderes tertium comparationis. In jeder Autozeitschrift ist zum Beispiel zu lesen, dass Vogelschiss auf dem Autolack sehr schnell Schäden hervorrufen kann, man ihn also unvermittelt beseitigen müsse, will man Schäden vermeiden. Auf die Kleidung gekleckst, ist es ebenso geraten, diese Ausscheidungen der gefiederten Welt nicht allzu lange an ihrem Landeplatz verweilen zu lassen. Es träten Zersetzungsprozesse ein, die Flecken oder sogar Löcher in der Kleidung hervorrufen könnten. Andererseits ist der Vogelschiss von solcher Beschaffenheit, dass sicher niemand auf die Idee käme, ihn zu verpacken und auf diese Weise zu entsorgen. Und nun zum Vergleich des Herrn Gauland. Mag sein der Nationalsozialismus war eine Epoche deutscher Geschichte mit der Bedeutung eines Vogelschisses. Es klingt plausibel, denn er kam, kaum vorhanden, zur Wirkung. Es begann Zersetzung, Zersetzung der Gesellschaft in Rassen, Zersetzung der Gesellschaft in Herrenmenschen und minderwertiges Leben, Zersetzung der Gesellschaft in Führer und zu Führende. Der Vogelschiss nagte an der Gesellschaft, ja erklärte ihr selbst den Kriegt durch Krieg, in dem er Millionen Deutscher vernichtete und noch mehr Millionen anderer Völker. Der Vogelschiss scheint, wie Vogelschiss eben, manchmal schon verschwunden zu sein. An seinen Wirkungen ist er jedoch erkennbar – mit fatalen Folgen.
Herr Gauland hat mit seiner Vergleichssuche für Adolf Hitler und die Zeit seines Nationalsozialismus kräftig in den Hundekot oder vergleichbare Exkremente gegriffen. Der „Vogelschiss“ hat tatsächlich gearbeitet, die Gesellschaft zersetzt, noch immer nicht getilgte Spuren hinterlassen. Zu viele noch meinen, auf diesen Spuren fänden sich die Wege in die deutsche Zukunft. Zu viele sondern immer noch Vogelschiss ab. „Menschen seid wachsam!“ (Julius Fucik, ermordet in Berlin Plötzensee am 8. September vor 76 Jahren; er hatte uns lieb.)

(Geschrieben fü Links, September 2019, 25.08.2019)

„Wir lagen vor Lampedusa …

29. Juni 2019
von Peter Porsch

… und hatten 40 Migranten an Bord.“ Brechts Lied, in dem das Schiff vor Madagaskar lag, kann man danach unverändert weitersingen (Text gibt es im Internet). Ob Migranten oder von der Pest bedrohte Matrosen, ihr Schicksal ist ähnlich bis fast gleich. Keiner kümmert sich um sie, bis sie verrecken.
Mich erinnert die Geschichte der Migranten auf der „Sea-Watch 3“ und die Courage der Kapitänin Rackete an eine Geschichte aus meiner Kindheit, die plötzlich neue Dimensionen bekommt, für mich bis vor Kurzem noch nicht vorstellbare. Die Fassade unseres Hauses, ein altes Mehrfamilienhaus aus dem 19. Jahrhundert, sollte restauriert werden. Dazu wurde ein Gerüst aufgestellt. Es war schon später Nachmittag, denn meine Mutter war schon von der Arbeit zu Hause, da arbeiteten die Gerüstbauer immer noch. Plötzlich klopfte es an eines unserer Wohnzimmerfenster im 2. Stock. Wir erschraken kurz, dann öffnete meine Mutter das Fenster. Draußen hing, mehr als er stand, ein Gerüster, einen halben Fuß auf dem Fenstersims und mit halber Hand am Fensterkreuz festgekrallt. „Könnten Sie mich reinlassen?“ Das war seine verzweifelte Frage. Irgendetwas war wohl schief gelaufen. Danach war aber nicht zu fragen. Meine Mutter hielt ihm ihre Hand hin, machte den Platz frei und der Mann sprang erleichtert in unsere Wohnung. Wäre es da angemessen gewesen, erst zu klären, ob das nicht vielleicht Hausfriedensbruch hätte sein können? Hätte man dafür nicht erst einen Anwalt holen sollen? War auch nicht zu befürchten, dass der etwas verstaubte Mann Schmutz und Unruhe in unsere ohnehin zu kleine Wohnung bringen könnte? Sind wir ehrlich, solche Überlegungen klingen nicht nur etwas verrückt, sie wären rechtlich auch nicht abgedeckt gewesen, noch dazu wegen der damit verbundenen möglichen Verzögerung, die schlimme Folgen hätte haben können. Unterlassene Hilfeleistung! Meine Mutter wäre straffällig geworden, hätte sie nich sofort geholfen. Hat sie ja auch.
Und nun zurück zur „Sea-Watch 3“ und zur Kapitänin: Sie und viele andere wussten, dass sich im Mittelmeer fürchterliche Tragödien abspielen. Menschen aus Afrika sind bereit, viel, ja alles zu riskieren, um ihrer materiellen Not, um der Bedrohung ihrer körperlichen Unversehrtheit, um einer oft massiven Einschränkung ihrer Rechte, um der brutalen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und dem Raub ihrer Lebensgrundlagen zu entgehen. Sie wagten eine in ihrem Verlauf nicht vorherzusehende Flucht – natürlich auch in der Hoffnung auf Hilfe und auf Begegnungen mit Mitmenschlichkeit. Eine solche war das Schiff mit Kapitänin Rackete, finanziert eben von Mit-Menschen. Die Alternative zu ihrer Hilfe wäre das Ertrinken im Mittelmeer gewesen oder das Verhungern, Verdursten und Verdorren auf dem Schiff, wenn es nicht anlanden darf. Die Gefahr war real. Es sind nicht alle Menschen Mit-Menschen. Herr Salvini, der italienische Innenminister zum Beispiel nicht. Ihn stört nicht, dass von 2014 bis 2018 auf der Flucht durch das Mittelmeer 1.600 Kinder den Tod fanden, andere Politiker*innen übrigens auch nicht. Sie setzen nur Bürokratie in Gang und wollen die Toten, um andere von der Flucht abzuschrecken. 1.900 Tote an der Grenze zwischen Mexiko und den USA in den letzten fünf Jahren sollen ja auch Herrn Trump nützen. Er hat einen Grund, deshalb „aus Erwägungen der Menschlichkeit“ eine Mauer zu bauen. Mauern sind unpraktisch, das wissen wir, aus der DDR kommend, sehr gut. Das Mittelmeer ist praktischer. Das Mittelmeer braucht keine Mauerschützen. Es tötet mit naturgesetzlicher Gewissheit. Außer Seeleute wie Frau Rackete und hinter ihnen stehende Menschen greifen in den „natürlichen Prozess“, dem man Flüchtlinge überlassen will, mit helfender Hand tatkräftig ein. Und deshalb passiert jetzt etwas Unglaubliches in der langen Rechtsgeschichte und Unerhörtes seit Beginn der „Christlichen Seefahrt“. Man klagt die Lebensretter an. Man klagt sie an, das Leben von Menschen höher eingeordnet zu haben als das Papier, auf dem die Gesetze stehen. Man verhaftet sie und liquidiert damit die Mitmenschlichkeit. Verrecken lassen ist rechtskonform, Rettung ein Verbrechen. Und worum geht es? Es geht um die Unversehrtheit eines europäischen Wohlstandes, den immer weniger genießen können; nicht wegen der Flüchtlinge, sondern wegen der Spaltung der Gesellschaft in wenige Reiche und immer mehr Bedürftige. Mögen das alle bedenken, die ihre Ferien noch im sonnigen Süden Europas verbringen.

(Geschrieben für Links, Juli/August 2019, 29.06.2019″