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Winter ade …

8. März 2017
von Peter Porsch

In einer österreichischen Zeitung lese ich: „Der kalte Winter ließ die Heizkosten in die Höhe schnellen. Der Verbrauch liegt um 10 bis 20 Prozent über den Vorjahreswerten.“ Das wird anderswo in Europa, das wird in Sachsen wohl so ähnlich gewesen sein. Dabei war der diesjährige Winter nur ein wenig kälter als die vorhergehenden eher milden. Im Schnitt – so lese ich auch – machen die Heizkosten rund 200 Euro mehr pro Haushalt aus. Für Fernwärmekunden war es billiger; 60 Euro mehr im Schnitt. Was die heizenden Menschen belastet, freut die Wärme- und Brennstoffproduzenten. Vor Kälte muss man sich schützen. Der Schutz kostet Geld. Das belastet viele und bringt wenigen Profit So ist das eben!
So ist das eben? Nun es ist so, wenn man erstens eine beheizbare Bleibe hat und zweitens Geld, auch wenn es knapp ist, manchmal vorne und hinten nicht reicht und der kalte Winter die Schulden in die Höhe treibt. Was ist aber, wenn man erstens keine beheizbare Bleibe hat und zweitens gar kein Geld, was selbst das Schuldenmachen unmöglich macht? Wenn das so ist, dann sitzt man zum Beispiel als Flüchtling in Belgrad fest und fragt sich: „Was tun?“ Viel geht da nicht. Der Bahnhof selbst – ein etwas verbrauchtes Prunkgebäude des 19. Jahrhunderts – kann für Tausende keine Wärmestube sein. Nun, Bahnhöfe haben Wirtschaftsgebäude, die oft leer stehen. Davon gibt es in Belgrad aber kaum noch welche. Das alte weitläufige Bahnhofsgelände ist eine Trümmerwüste. Ich war im Herbst dort und habe das gesehen. Was an noch leidlich warmen Septemberabenden fast noch romantisch aussieht, wenn die Lagerfeuer der Flüchtlinge zwischen den Trümmer brennen, was bei der aufkommenden Kühle noch wärmt, kann im Winter keine Erleichterung bringen. Wie wird das im Winter, habe ich mich im Herbst gefragt. Die Welt hat es damals noch nicht interessiert. Die Antwort gab die Realität. Einige Ruinen, die noch defekte Dächer tragen, helfen da auch nicht weiter. Das Heizmaterial ist feuchtes, verschimmeltes Holz oder gar Plaste. Der Qualm treibt die Leute sehr bald in die Kälte. Es bestand bereits damals und es besteht im Winter noch sehr viel mehr eine große Diskrepanz zwischen der lebendigen jungen Stadt, dem aufkommenden Tourismus über Donau und Save und dem „Leben“ der Flüchtlinge. Es besteht unabhängig von der Jahreszeit ein grausiges Missverhältnis zwischen der Trümmerwelt, in der die Flüchtlinge Schutz suchen, und einem neu entstehenden Prunk-Boulevard unmittelbar daneben an der Save. Der Boulevard ist nur der Anfang. Der derzeitige Bürgermeister will ein ganzes Prunk-Viertel bauen. Die Zerstörung des Bahnhofareals macht dafür Platz. Das wird dann ein Quartier, in dem sich auch die Belgrader und Belgraderinnen keine Wohnungen werden leisten können. Es gibt nämlich auch noch viele andere Probleme in Serbien, die vor allem junge Menschen bewegen. Eine Fahrt mit der S-Bahn, voll von jungen Studierenden, von Novi-Sad nach Belgrad, belehrt Dich: Auch diese Menschen sind meist nur mehr auf Abruf in ihrer Heimat. Sie wollen weg an die vermeintlich vollen Futtertröge Westeuropas. NATO und EU machen im ehemaligen Jugoslawien „ganze Arbeit“. Die Region ist zersplittert, die Völker sind verfeindet, es sind jedoch überall die gleichen Konzerne, die ihre Geschäfte machen und die Zersplitterung für sich ausnutzen. Prinzip: zerteile und herrsche. Zu verdienen gibt es da für die Einheimischen nicht viel. An Serbien zerrt neben der EU auch noch Putins Russland. Und nicht nur in der S-Bahn merkt man bei Gesprächen, dass das die Bevölkerung in ihren Sympathien für die einen oder den anderen spaltet – oft Jung und Alt. Der Jugoslawienkrieg und die Bombenangriffe auf das Land sind noch nicht von allen vergessen.
Aber zurück zu den Flüchtlingen. Politikerinnen und Politiker in Österreich und Deutschland schwadronieren von Auffanglagern in Nordafrika. In Belgrad ist ein solches im Wildwuchs bereits seit längerem entstanden. Die Menschen kommen nicht weiter, weil – wie die gleichen Politiker und Politikerinnen mit Stolz verkünden – die Balkanroute geschlossen ist. Dieser hinterhältigen Politik vertrauen sich die Flüchtlinge nicht an. Sie hoffen auf Frühling. Ich mache das auch und schäme mich dabei.

(Geschrieben für „Links“, April 2017, 07.03.2017)

„Ich bin eine Dame von Stand …“

6. Februar 2017
von Peter Porsch

„… und i bin des Dirndl vom Land.“ So begann ein Dialog, den wir als Kinder immer wieder aufsagten. Es gibt ihn in hunderterlei Variationen verschiedener Längen. Auch die Dialekte des Dirndls wechseln. Die Dame spricht natürlich Hochdeutsch, was ihre Bildung hervorhebt. Die mir bekannte Version ging so weiter: „Ich spreche sieben Sprachen und spiele Klavier.“ – „Und i tua Sau füttern dafür.“ – „Pfui, vom Schweinefüttern möchte ich überhaupt nichts hören.“ – „Ja, aber Schinken fressen, des tuns gern.“ – „Mir küsst jeder feine Herr die Hand.“ – „Und wann mir der Hansl a Bussel gibt, is es a ka Schand!“ Punktum, das Dirndl hat sich behauptet. Natürlich war unsere Sympathie beim Dirndl, auch wenn wir Stadtkinder waren. Im Arbeiterbezirk gab es nur gelegentlich „durchrauschende“ Damen, die Hausbesitzerin zum Beispiel, oder Möchtegern-Damen. Solche nannte meine Oma spöttisch „Frau Sachen“.
Ich will mich jetzt nicht als Schulmeister hervortun. Die geneigten Leserinnen und Leser können sich sicher die „Moral von der Geschicht’ “ selbst erschließen. Jeder und jede auf seine oder ihre Art. Ich kann mich aber nicht zurückhalten und stelle mit Freude zunächst fest, dass wir Kinder schon sehr früh und sehr wohl um Standes- und Klassenunterschiede wussten. Wir konnten sie auch festmachen, an Essgewohnheiten, an Sprache und an unterschiedlich nützlichem Wissen und Können. Wobei uns eigentlich nur das Wissen und Können des Dirndels auch als nützlich erschien. Was muss ich Klavier spielen können. Dass man damit angeblich Glück bei den Frauen hat, war uns nicht bekannt und musste es auch noch nicht. Sieben Sprachen!? Mit wem sollten wir die sprechen. Es war uns nicht gesungen, dass wir unser Milieu verlassen könnten. In diesem Milieu war man jedoch maximal eineinhalbsprachig: Man begegnete sich im Dialekt, was Vertrauen schuf, und übte sich für die Schule in einem eigentlich fremden und meist lächerlich geradebrechtem Standarddeutsch. Selbst ins Gymnasium verschlagen, quälten wir uns schon mit zwei oder drei Sprachen; und warum da Latein dabei sein sollte, konnte uns damals niemand schlüssig beantworten. Heute könnte ich das vielleicht, aber wahrscheinlich nicht verständlich für alle, sondern meist nur für jene, die das gleiche „Glück“ mit Latein hatten. Dass Sprachen wichtig sind für die „Flucht“ aus einem Milieu, das kein großes Prestige genoss, bei uns nicht und auch nicht bei den anderen, wissen unsere Kinder heute. Kann sein, ein anderes Wissen ist damit aber in den Hintergrund getreten oder gar verloren gegangen. Es ist das Wissen darum, dass das Schweinefüttern der einen die Voraussetzung für das Schinkenfressen der anderen ist. Reichtum ist sehr unterschiedlich verteilt. Die, die die Schweine füttern, haben nicht so viel auf dem Konto. Andere sind so reich, dass sie sich das Schweinefüttern als Hobby leisten können. Da verschwimmen Unterschiede, und der einen schwere Arbeit erscheint den anderen als originelles Vergnügen. Stolz gibt man vor zu wissen, woher der Schinken kommt.
Nun will ich die Veganerinnen und Veganer aber nicht mehr länger reizen. Das Schweinefüttern, das Sieben-Sprachen-Sprechen, das Klavierspielen und Schinkenfressen, Busserl und Handkuss sind hier nur Metaphern für soziale Unterschiede. Letztere aber gab es und gibt es noch immer. Sie entscheiden nicht nur erheblich über mögliche Lebenswege, sondern auch über das jeweilige Bild von der Welt sowie von der eigenen und der anderen Wahrheit, formuliert in der eigenen oder der anderen Sprache. In welchen Milieus sind wir Linken heute eigentlich angesiedelt? Unsere Klientel sollten mit Sicherheit jene sein, „die Schweine füttern“. Diese Erkenntnis kann aus Erfahrung kommen oder sie kann Ergebnis scharfer wissenschaftlicher Analyse sein. Damit tun sich freilich zwei neue Fragen auf: Verstehen uns jene, für die wir Partei ergreifen, eigentlich als ihre Sachwalter, wenn wir dies in ebenso scharfer wissenschaftlicher Sprache verkünden und begründen? Und: Haben die „Schweinefütterer“ nach getaner Arbeit noch Zeit und Muße, 71 Seiten Wahlprogramm zu lesen, um letztlich und aus gutem Grund überzeugt davon zu sein, dass es nur so und nicht anders für sie zum Besten wird?

(Geschrieben für „Links“ – März 2017, 04.02.2017)

Wer ist denn nun des Wahnsinns fette Beute?

19. Januar 2017
von Peter Porsch

Mitte Januar diesen Jahres gab es zwei Meldungen, die sehr unterschiedlich unterschiedliche Menschen beunruhigten. Die Partei DIE LINKE hatte den Entwurf ihres Programms für die Bundestagswahl veröffentlicht. Die Entwicklungsorganisation Oxfam hinwiederum trat vor dem Start des Wirtschaftsforums in Davos mit einer Studie an die Öffentlichkeit. Oxam stellte fest – und so meldete es dpa – dass der Wohlstand noch nie in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte so ungleich verteilt gewesen wäre wie heute. Die acht reichsten Männer der Welt (ja, alles Männer) besäßen „gemeinsam ein ähnlich großes Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit“ (16.01.17, t-online.de). Am gleichen Tag war im nd von Oxam auf der ersten Seite zu lesen, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung 50,8 Prozent des Weltvermögens in ihren Kassen hält. Im halbwegs wohlhabenden Deutschland verfügt das reichste Prozent der Bevölkerung über ein Drittel des Gesamtvermögens. Immerhin braucht es bei uns 36 Milliardäre, um so viel Vermögen zu besitzen, wie die ärmere Hälfte. Fett macht das die meisten auch nicht.
Wie es nun der Zufall will, „LINKE-Kampfansage gegen Reiche“ war die Schlagzeile im nd just neben dem Artikel über die himmelschreiende soziale Ungleichheit in der Welt. Es war die Meldung über den Entwurf des Bundestagswahlprogramms der Partei DIE LINKE. Sie fordert z.B. einen Mindestlohn von 12 Euro, sie will, dass niemand mehr als ein Drittel seines Einkommens für die Miete ausgeben muss. Sie will Renten, die der Altersarmut einen Riegel vorschieben usw. usw. Dafür wollen die Linken unter anderem kräftig in die Taschen der Reichen greifen, die Macht der Banken brechen, Steuerflucht verhindern und Finanztransaktionen belasten.
So weit, so gut. Wer aber war nun worüber beunruhigt? Die Herolde des Kapitals störten die Absichten der LINKE sehr viel mehr, als die Erkenntnisse von Oxam. „focus.de“ titelte, „Linke will mit Wahnsinns-Sozialgeschenken der AfD Wähler abjagen“, und schrieb im Weiteren, „die angekündigten Linken-Wahlgeschenke sind utopisch und nicht finanzierbar.“ Empört wurde die Aufforderung der LINKE gemeldet, die Macht der Banken zu brechen. Mag sein, dass das alles durchzusetzen tatsächlich schwierig wird. Der Wahnsinn sieht aber anders aus. Als Beispiel für die Bedeutung des Wortes „Wahnsinn“ gibt das „DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch“, den eigentlich allbekannten Spruch an, „Es ist zwar Wahnsinn, aber es hat Methode.“ Ja, so ist es mit dem Wachstum von Reichtum und Armut. Das ist dem Kapitalismus systemimmanent. „Wahnsinn“ definiert das gleiche Wörterbuch als „psychische Störung, die von Wahn (und Halluzinationen) begleitet wird.“ Und wenn ich dann bei „Wahn“ nachsehe, erfahre ich, dass es sich um eine „Einbildung,“ eine „irrige Annahme; falsche Vorstellung, die sich bei jemandem festgesetzt hat“, handelt. Das Fazit jedes vernünftig denkenden Menschen müsste ja eigentlich sein, es gibt nicht mehr Gerechtigkeit als im Programm der LINKE. Der Wahnsinn jedoch ist dort angesiedelt, wo die irrige Annahme nicht weiter stört, es sei normal, dass acht Milliardäre die halbe Welt besitzen. Freilich steht focus mit seiner falschen Zuordnung des Wahnsinns nicht allein. Auch noch am gleichen Tag meldeten die Leitmedien, dass Experten für die Zahlen von Oxam Zweifel anmelden. Die Berechnungen seien irreführend. Für solche Leute fällt mir der Evangelist Lukas ein. Er erzählt das Gleichnis vom armen Lazarus, dem nicht einmal die Krümel vom Tisch des Reichen gegönnt waren. Die waren den Hunden vorbehalten. Nach ihrem Tod kam aber Lazarus zu Abraham in den Himmel und der Reiche musste Höllenqualen leiden. Er bat Abraham, jemanden vom Tode auferstehen zu lassen, um seine fünf Brüdern zu warnen, was ihnen bei ihrer Lebensweise nach dem Tod drohe, so dass sie sich bekehrten. Abraham lehnte dies jedoch mit den Worten ab: „Wenn sie nicht auf Moses und die Propheten hören, so werden sie auch nicht glauben, wenn einer von den Toten aufersteht.“ (vgl. Lukas 16, 19 -31) Ach die Experten und Focus! Sie würden auf ihren Wahn weiter bestehen, selbst wenn Karl Marx vom Tode auferstände.

(Geschrieben für Links, Februar 2017, 18.01.2017)