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Wer ist denn nun des Wahnsinns fette Beute?

19. Januar 2017
von Peter Porsch

Mitte Januar diesen Jahres gab es zwei Meldungen, die sehr unterschiedlich unterschiedliche Menschen beunruhigten. Die Partei DIE LINKE hatte den Entwurf ihres Programms für die Bundestagswahl veröffentlicht. Die Entwicklungsorganisation Oxfam hinwiederum trat vor dem Start des Wirtschaftsforums in Davos mit einer Studie an die Öffentlichkeit. Oxam stellte fest – und so meldete es dpa – dass der Wohlstand noch nie in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte so ungleich verteilt gewesen wäre wie heute. Die acht reichsten Männer der Welt (ja, alles Männer) besäßen „gemeinsam ein ähnlich großes Vermögen wie die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit“ (16.01.17, t-online.de). Am gleichen Tag war im nd von Oxam auf der ersten Seite zu lesen, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung 50,8 Prozent des Weltvermögens in ihren Kassen hält. Im halbwegs wohlhabenden Deutschland verfügt das reichste Prozent der Bevölkerung über ein Drittel des Gesamtvermögens. Immerhin braucht es bei uns 36 Milliardäre, um so viel Vermögen zu besitzen, wie die ärmere Hälfte. Fett macht das die meisten auch nicht.
Wie es nun der Zufall will, „LINKE-Kampfansage gegen Reiche“ war die Schlagzeile im nd just neben dem Artikel über die himmelschreiende soziale Ungleichheit in der Welt. Es war die Meldung über den Entwurf des Bundestagswahlprogramms der Partei DIE LINKE. Sie fordert z.B. einen Mindestlohn von 12 Euro, sie will, dass niemand mehr als ein Drittel seines Einkommens für die Miete ausgeben muss. Sie will Renten, die der Altersarmut einen Riegel vorschieben usw. usw. Dafür wollen die Linken unter anderem kräftig in die Taschen der Reichen greifen, die Macht der Banken brechen, Steuerflucht verhindern und Finanztransaktionen belasten.
So weit, so gut. Wer aber war nun worüber beunruhigt? Die Herolde des Kapitals störten die Absichten der LINKE sehr viel mehr, als die Erkenntnisse von Oxam. „focus.de“ titelte, „Linke will mit Wahnsinns-Sozialgeschenken der AfD Wähler abjagen“, und schrieb im Weiteren, „die angekündigten Linken-Wahlgeschenke sind utopisch und nicht finanzierbar.“ Empört wurde die Aufforderung der LINKE gemeldet, die Macht der Banken zu brechen. Mag sein, dass das alles durchzusetzen tatsächlich schwierig wird. Der Wahnsinn sieht aber anders aus. Als Beispiel für die Bedeutung des Wortes „Wahnsinn“ gibt das „DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch“, den eigentlich allbekannten Spruch an, „Es ist zwar Wahnsinn, aber es hat Methode.“ Ja, so ist es mit dem Wachstum von Reichtum und Armut. Das ist dem Kapitalismus systemimmanent. „Wahnsinn“ definiert das gleiche Wörterbuch als „psychische Störung, die von Wahn (und Halluzinationen) begleitet wird.“ Und wenn ich dann bei „Wahn“ nachsehe, erfahre ich, dass es sich um eine „Einbildung,“ eine „irrige Annahme; falsche Vorstellung, die sich bei jemandem festgesetzt hat“, handelt. Das Fazit jedes vernünftig denkenden Menschen müsste ja eigentlich sein, es gibt nicht mehr Gerechtigkeit als im Programm der LINKE. Der Wahnsinn jedoch ist dort angesiedelt, wo die irrige Annahme nicht weiter stört, es sei normal, dass acht Milliardäre die halbe Welt besitzen. Freilich steht focus mit seiner falschen Zuordnung des Wahnsinns nicht allein. Auch noch am gleichen Tag meldeten die Leitmedien, dass Experten für die Zahlen von Oxam Zweifel anmelden. Die Berechnungen seien irreführend. Für solche Leute fällt mir der Evangelist Lukas ein. Er erzählt das Gleichnis vom armen Lazarus, dem nicht einmal die Krümel vom Tisch des Reichen gegönnt waren. Die waren den Hunden vorbehalten. Nach ihrem Tod kam aber Lazarus zu Abraham in den Himmel und der Reiche musste Höllenqualen leiden. Er bat Abraham, jemanden vom Tode auferstehen zu lassen, um seine fünf Brüdern zu warnen, was ihnen bei ihrer Lebensweise nach dem Tod drohe, so dass sie sich bekehrten. Abraham lehnte dies jedoch mit den Worten ab: „Wenn sie nicht auf Moses und die Propheten hören, so werden sie auch nicht glauben, wenn einer von den Toten aufersteht.“ (vgl. Lukas 16, 19 -31) Ach die Experten und Focus! Sie würden auf ihren Wahn weiter bestehen, selbst wenn Karl Marx vom Tode auferstände.

(Geschrieben für Links, Februar 2017, 18.01.2017)

Wie schaffen wir Weihnachten ab?

7. November 2016
von Peter Porsch

Was im August und September noch niemand glauben wollte, wird zur Gewissheit: Schon wieder Weihnachten! Das ist die Zeit des größten Stresses im Jahr. Schneller die Menschen nie hasten. Süßer die Kassen nie klingeln? Die letzten vier Wochen vor Weihnachten nahen mit Riesenschritten. Man nennt sie „Advent“ und kann das mit „Ankunft“, „Herankommen“ übersetzen. Lassen wir die Dinge also erwartungsvoll an uns herankommen? Am Ende ist ja doch alles so schön, wenn die Familie im trauten Schein des Lichterbaumes, die funkelnden Augen der Kinder rührselig betrachtend die Geschenke auspackt, um danach oder am nächsten Tag der Gans den Garaus zu machen. Vielleicht schaffen wir aber auch Weihnachten und damit die ganze Hektik endlich ab?
Nein, das geht auf keinen Fall! Und doch wollen es – angeblich – einige versuchen. Es schleicht sich der Verdacht durch die sozialen Netze. Manche wollen es schon ganz genau wissen, dass es so geplant ist. Weihnachten fällt aus, zumindest in der Öffentlichkeit und auch in Kindergärten oder Schulen. Stadtverwaltungen hätten entsprechende Beschlüsse gefasst. Aber warum nur um alles in der Welt? Der Islam ist schuld bzw. die wachsende Zahl von Menschen muslimischen Glaubens in Deutschland. Ihnen will man dieses tiefreligiöse christliche Fest einfach nicht zumuten. Da geht aber ein Aufschrei durch das Land. Patrioten Europas stellen sich gegen die Islamisierung des Abendlandes. Vorauseilende Opferung des über 2000 Jahre bestehenden innersten Kerns christlich-abendländischer Kultur im Feuer der lodernden Islamisierung der Jetztzeit wird so genannten „Gutmenschen“ unterstellt. Der Kulturkampf tobt und man macht den Weihnachtsmann zum Feldherren, das Christkind zum Märtyrer.
Apropos aber „christlich-abendländisch“, „Weihnachtsmann“ und „Christkind“. Kommt das Christentum nicht aus dem Morgenland? Und was hat der Weihnachtsmann damit zu tun? Aufklärung tut Not. Es begab sich doch, dass Jesus in Bethlehem geboren wurde und in Windeln gewickelt in eine Krippe gelegt wurde. Der christliche Anlass des Weihnachtsfestes ist also wahrlich nicht abendländisch. Obwohl, man könnte ja den Römern, namentlich Kaiser Augustus, die Schuld an der ärmlichen Geburt in der Krippe geben. Der Kaiser hatte eine Volkszählung veranlasst und sich mit abendländischer Gewalt in den morgenländischen Alltag eingemischt. Aber lassen wir das und fragen wir lieber nach dem Weihnachtsmann. Wie kommt denn der auf Weihnachten? Dass die christianisierten Abendländer und Abendländerinnen die Feier der Geburt des Messias auf die Zeit der Wintersonnwende gelegt hatten, ist verständlich. Feierten sie doch schon lange davor zur gleichen Zeit das Fest „sol invictus“, das Fest der unbesiegbaren Sonne, die sich im Dezember wieder aufraffte, länger zu scheinen. Das Jesuskind war den neuen Christen gleichsam die wachsende Sonne. Solches ist gut für Besinnlichkeit und erwartungsvolle Freude, nicht zu vergessen auch für süßlichen Kitsch. Fürs Geschäft taugt es freilich nicht so sehr. Dafür fand man im Heiligen Nikolaus eine tauglichere Figur. Er beschenkte ja nach der Legende arme Schwestern, um ihnen die Heirat möglich zu machen. Nikolaus transferierte man also vom 6. Dezember etwas verwandelt in die gesamte Weihnachtszeit. Coca-Cola war da nicht unbeteiligt. So ein lieber Alter mit Bart kann doch gut in den Kaufhäusern herumgehen und zu Kauf und Erwartung von teuren Geschenken animieren. Die Weihnachtsgeschichte gab es auch noch her, dass zumindest Kinder zu beschenken sind. Ließ doch Herodes alle unschuldigen Kinder bis zu zwei Jahren ermorden, um damit auch den neugeborenen König der Juden zu treffen. Reichliche Gaben gleichen das heute mildtätig aus. Kommerz hatte also das – wie man neuerdings sagt – geeignete christliche Narrativ. Weihnachten ist abgeschafft, ist zum blanken Geschäft geworden und kann dennoch, nein endlich, abendländisch christlich zelebriert werden. Mit arabischen Flüchtlingen hat dieser Verlust von Weihnachten allerdings nichts zu tun, wenn auch die Ersten, die dem Christkind Gold, Weihrauch und Myrrhe als wertvolle Geschenke brachten, Sterndeuter aus dem Morgenland waren.

(Geschrieben für „Links“, Dezember 2016, 04.11,2016, vor dem ersten verkaufsoffenen Sonntag vor Weihnachten)

Dem Volk aufs Maul schauen

27. Oktober 2016
von Peter Porsch

Bekanntlich hat sich das Martin Luther selbst verordnet, um mit seiner Bibelübersetzung dem Volk verständlich zu sein. Im Wollen steckte jedoch der Teufel, wie man heute noch an den Tintenspuren an der Wand von Luthers Studierzimmer auf der Wartburg sehen kann. Luther schmiss mit dem Tintenfass nach dem Störenfried. “Dem Volk aufs Maul schauen“, das geht nicht immer auf: Eine Frau P. hatte am 10. September diesen Jahres eine Video bei facebook eingestellt, in dem zu sehen ist, wie eine offensichtlich aus dem arabischen Raum stammende Frau einen Busfahrer zu verprügeln versucht. Über den Anlass erfährt man nichts, wohl aber wird die Empörung durch den Begleittext geschürt, „unakzeptabel – bitte teilen“. Und das Volk empört sich weisungsgemäß. „Wes das Herz voll, des läuft der Mund über“, übersetzt Luther Matthäus. Was aus dem Herzen in den Mund fließt, läuft weiter in die Hand und wird geschrieben bei facebook sichtbar. „Rausschmeißen“, „laufen lassen zum Abkühlen“, „am besten gleich bis ins Heimatland“, „eine scheuern, dass sie drei Tage rückwärts rennt“. Das sind die guten Ratschläge. Also: „nichts wie raus aus deutschland solche fotzen haben in unserer Heimat nichts verloren.“ Gehört das zur Sprache der Dichter und Denker, zur Sprache von Goethe und Schiller oder sind die weit ab vom Volk? Eine Frau einfach „Fotze“ nennen? Für Schiller lässt es sich in der Eile nicht überprüfen, aber für Goethe hilft das „Goethe-Wörterbuch“. Und siehe da, zwei Mal verwendet der Dichterfürst das Wort. Einmal im „West-Östlichen Diwan“ und einmal in einer Tagebucheintragung. Freilich gibt es einen Unterschied. Goethe spricht in beiden Fällen nicht per pars pro toto von einer Frau. Er reduziert sie nicht auf den vulgären Ausdruck für ihr Geschlechtsteil; und noch etwas ist anders, das Wort wird nicht ausgeschrieben. Im einen Fall steht nur „F.“ und im anderen ersetzen *** das Wort. Eine Hemmung noch bei Goethe, beim Volk offensichtlich nicht mehr. Einer formuliert aber vielleicht doch vorsichtiger. Er nennt die schlagende Frau „bloede Schnalle“. „Schnalle“ als vulgäres Wort für eine junge Frau kommt aus der Jägersprache. Dort nennt man das äußere weibliche Geschlechtsteil bei Hunden und Haarwild so. Tatsächlich steckt dahinter die Analogie zur Schnalle, in die ein Dorn gesteckt wird, damit etwas zusammenhält. Auch nicht besser als „Fotze“! Was steckt da für ein Frauenbild dahinter? Für die Eintragungen im „DUDEN – Deutsches Universalwörterbuch“ versucht man ebenfalls dem Volk aufs Maul zu schauen. Als sechste Bedeutungsvariante von „Schnalle“ steht dort, „(vulgär) junge Frau“. Als aus dem Leben gegriffenes Verwendungsbeispiel bietet das Wörterbuch, „die Schnalle macht mich ganz schön an.“ Das Böse im Weib fließt dem Volk aus dem Maul. Das Wörterbuch bestätigt das. Unter dem Stichwort „spitz“ finden wir unter anderem: „(umgangssprachlich) vom Sexualtrieb beherrscht; geil; sinnlich: die Frau ist so was von spitz; sie macht die Typen spitz und lässt sie dann nicht ran.“ Das Volk muss sich wehren, zumal, wenn solche Frauen aus fremden Landen kommen. Volk meint bei facebook, es täte dies zu wenig: „Deshalb geht Deutschland den Bach runter, weil sich niemand mehr wehrt. Ihr lasst alles mit euch machen, seid stolz drauf und geht unter.“ Es werden ja täglich hunderte Busfahrer in Deutschland von zugezogenen Frauen verprügelt und keiner wehrt sich. Fakt ist freilich, dass sehr viel mehr deutsche und auch hergeholte Frauen (Thailand, Vietnam, Afrika, Karibik …) täglich von deutschen Männern verprügelt werden. Aber das ist Leitkultur und hält uns zusammen.
Linkes Fazit: Man sollte dem Volk schon aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Munde reden.

(geschrieben im August 2016 für DISPUT, Oktober 2016)