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Mors certa hora incerta (im Gedenken an Lisa-Maria Jatzke)

21. Oktober 2012
von Peter Porsch

Der Tod ist gewiss, die Stunde ungewiss. Brutal und tröstlich zugleich, dass Menschen darum wissen, seit es sie gibt. Der Tod ist gewiss und überrumpelt uns dennoch immer wieder – manchmal auf ganz schreckliche Weise, wie zum Beispiel am 21. Oktober gegen Mittag auf dem Parteitag der sächsischen LINKE in Chemnitz. Da war der Tod einer jungen Frau nicht nur schmerzende Nachricht. Nein, ein ganzer Parteitag war dabei!

Hadern wir dennoch nicht mit dem Tod. Im Grunde weiß die Menschheit, was sie an ihm hat. Er macht Platz für Neue, für Neues. Er hat mir meinen Platz im Leben gesichert und er wird irgendwann meinen Platz für andere frei machen. Das gilt für jeden und jede. Finden wir uns deshalb nicht nur ab mit dem Tod, betrachten wir ihn nicht nur als unausweichliches Ende von Leben, sondern schließlich auch als dessen unverzichtbare Voraussetzung. Zwei Vorstellungen wären nämlich sehr viel beunruhigender als die Gewissheit vom Tod und der Ungewissheit seiner Stunde: die Vorstellung, es gäbe keinen Tod, oder die Vorstellung, wir wüssten, wann er eintritt. Im ersten Fall wäre die Menschheit längst an sich selbst erstickt, im zweiten Fall lebten wir alle wie Häftlinge in den Todeszellen. Nicht einmal die Hoffnung auf Begnadigung bliebe uns. Grauenhaft!

Aber was ist, wenn uns der Tod plötzlich und mitten aus lustvoller, angestrengter Arbeit und mitten aus fröhlichem Leben heraus einen Menschen nimmt, eine junge Frau nimmt, die gerade angefangen hat zu leben, die gerade angefangen hat, um den Platz zu kämpfen, den Platz einzunehmen, der für sie da ist und da sein muss? Wir alle wussten es im schrecklichen Moment nicht und hatten nur die Tränen. Und wann werden wir schon mehr haben? Es gilt, was meinen Gedanken den Titel gibt – unausweichlich! Sinngebung freilich wird schwierig. Vielleicht sollten wir sie gar nicht versuchen. Das Unausweichliche muss nicht immer konkreten Sinn haben, wenn es konkret eintritt. Darum ist Mühe um Trost zwar nötige, aber dennoch vergebliche Mühe. Mühe um den Mut weiterzuleben allein gibt sich selbst Sinn. Arthur Schopenhauer meinte, dass Jugend den Tod nicht sieht, weil er auf der anderen Seite des Berges liegt, den sie sich gerade anschickt zu besteigen. Das mag im Alltag ja so sein, aber wie wir immer wieder erleben, säumt der Tod auch den Weg der jungen Gipfelstürmer und Gipfelstürmerinnen. Keine und keiner von uns ist ohne einschlägige Erfahrung. Auch die Linksjugend /‘solid/ Sachsen muss sich Toter erinnern – und nun wieder einer mehr. Die Besteigung des Berges darf deshalb nicht abgebrochen werden. Im Gegenteil!

Es gibt den frühen Tod an Jahren gemessen. „Ein unnütz‘ Leben ist ein früher Tod“ lässt jedoch Goethe seine Iphignie sagen. Lisa-Maria Jatzke richtete uns aus: „“Mich widern Sexismus, Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und dergleichen einfach nur an und mein Ziel ist es, gegen diese gesellschaftlich immer noch stark verankerten Themen vorzugehen – auf einer angemessenen, verständlichen und jugendbezogenen Ebene.“ Da ist kein Jota unnütz daran und deshalb war sie auch bei uns und deshalb bleibt sie auch bei uns. Da steckt einzig Nutzen für das Leben darin. Lisa-Maria Jatzke wird deshalb für uns weiterleben nach ihrem Tod.

Der Parteitag der sächsischen LINKE hat mit der Nachricht vom Tode der jungen Genossin seine Arbeit zunächst eingestellt. Wie sollte er auch anders, wo doch gerade diese junge Frau ihn einen Tag zuvor voller Hoffnung für sich und uns eröffnet hatte. Beendet ist die Arbeit aber nicht, und wir werden sie weiterführen als nüchtern geformtes, aber umso mehr jetzt mit Herzblut gestaltetes Denkmal auch der Arbeit von Lisa-Maria.

21. Oktober 2012

3 Kommentare kommentieren →
  1. 21. Oktober 2012

    Ich kannte sie nicht, fühle aber mit den Angehörigen, denn ich weiß was es heißt einen geliebten Menschen zu verlieren.
    Mein Beileid den Angehörigen

    Hans-Dieter Schröder OV-Hamburg-Rahlstedt

  2. Cornelia Thränert permalink
    23. Oktober 2012

    Ich kannte sie durch meinen großen Sohn, durch Ten Sing in Bautzen. Sie war ein tolles Mädchen.Es ist unfassbar, was geschehen ist. Wieder eine Mutige, die was bewirken-was verändern wollte.

Trackbacks und Pingbacks

  1. Zum Tod von Lisa Marie Jatzke ­ Sammelblog DIE LINKE. Dresden

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