Vatermord, Brudermord oder Hänsel und Gretel. Vom Lob der Doppelspitze!
Die Grundstruktur der Tragödie ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Da können sich zwei – zuvor oft sogar eng Verbundene – irgendwann und aus irgend einem Grund nicht mehr leiden. Es sind Männer, oft sogar Brüder oder Vater und Sohn. Mit Kain und Abel hat es begonnen, den Söhnen von Adam und Eva. Eigentlich ist die Sache noch älter. Luzifer, der Lichtträger, war einst ein Engel an der Seite Gottes. Beide sind in aller Überlieferung männlich gedacht. Luzifer wollte eines Tages die Autorität Gottes nicht mehr anerkennen. Er lehnte sich auf, konnte sich von Gott emanzipieren, wurde jedoch als Ausbund des Bösen in die Hölle verdammt und deren Fürst. Josef, den Träumer und Liebling des Vaters, wollten, wie im Alten Testament berichtet, seine Brüder aus dem Weg räumen. Ödipus, der von der Mutter zur Verhinderung der prophezeiten Tragödie dem Tode preisgegeben war, tatsächlich aber bei Pflegeeltern aufwuchs, erschlug seinen Vater im Streit, ohne zu wissen, dass es sein Vater war, und heiratete zu allem Überdruss noch dessen Frau, die eigene Mutter. Brutus half beim Mord an Caesar und wurde von diesem im Sterben erstaunt gefragt: „Auch Du mein Sohn Brutus?“ Franz und Karl Moor waren sich spinnefeind im Kampf um die Gunst des Vaters und das Erbe. Wie es ausging, kann bei Schiller nachgelesen werden. Grillparzer nimmt den Unterschied zwischen Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, und seinem Bruder Mathias zur Grundlage eines Dramas – „Ein Bruderzwist in Habsburg“. Der Zauderer Rudolf verliert schließlich die Krone an den verwegeneren und risikobereiteren Bruder. Am Horizont dräut der Dreißigjährige Krieg. Seltener als Männer sind Frauen die Gegnerinnen im Konflikt – dann meist Stiefmutter und Stieftochter. Wir kennen Schneewittchen oder Aschenbrödel. Manchmal ist es auch die böse Fee, die den Tod eines Mädchens will, weil man ihre Eitelkeit verletzt hat. Dornröschen kann nur mehr gerettet werden um den Preis des hundertjährigen Schlafes. Und das gesamte Schloss schlief mit – stagnierte also 100 Jahre in seiner Entwicklung, allerdings um dann munter weiter zu machen, wo man aufgehört hatte.
Eines haben alle diese Geschichten gemein: Es stehen sich in der Auseinandersetzung Menschen gleichen Geschlechts gegenüber. Man kann auch sagen, Menschen, die sich nur hassen können und als Rivalen verstehen, weil sie sich gleichen und deshalb ins Gehege kommen. Intersexuell oder homosexuell gehen die Dinge viel besser aus. Da sind Unterschiede aufeinander bezogen und miteinander verbunden. Schwesterchen kümmert sich um Brüderchen, auch wenn es zeitweise nur ein Reh ist, und sorgt schließlich für seine Erlösung. Hänsel und Gretel halten zusammen bis zu ihrer Selbstbefreiung und dem Ende der Hexe. Der Prinz rettet immer die Prinzessin. Anderes ist nicht bekannt. Und der Sänger Blondel, der seinen Herren, König Richard Löwenherz, aus österreichischem Burgverlies befreite, war auch dessen Geliebter und hat ihn deshalb gesucht und wieder gefunden. Der böse Bruder des Königs aber, John Lackland, versuchte während dessen Abwesenheit, den Thron für sich zu erobern und sich der Getreuen Richards zu entledigen.
Daraus kann man doch etwas lernen: In den meisten Fällen buhlen Männer gegeneinander um die Macht, kommen irgendwann nicht mehr miteinander aus und die ewige Tragödie nimmt ihren Lauf. Frauen machen das seltener, aber nicht weniger folgenreich. Was spricht also dagegen, Macht immer gleichzeitig in die Hände von beiderlei Geschlecht zu geben? Nichts! Alles spricht aber für die Doppelspitze. Wir sollten sie uns auch in der LINKEN nicht nehmen lassen. Das folgt einer Menschheitserfahrung.