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„Wir lagen vor Lampedusa …

29. Juni 2019
von Peter Porsch

… und hatten 40 Migranten an Bord.“ Brechts Lied, in dem das Schiff vor Madagaskar lag, kann man danach unverändert weitersingen (Text gibt es im Internet). Ob Migranten oder von der Pest bedrohte Matrosen, ihr Schicksal ist ähnlich bis fast gleich. Keiner kümmert sich um sie, bis sie verrecken.
Mich erinnert die Geschichte der Migranten auf der „Sea-Watch 3“ und die Courage der Kapitänin Rackete an eine Geschichte aus meiner Kindheit, die plötzlich neue Dimensionen bekommt, für mich bis vor Kurzem noch nicht vorstellbare. Die Fassade unseres Hauses, ein altes Mehrfamilienhaus aus dem 19. Jahrhundert, sollte restauriert werden. Dazu wurde ein Gerüst aufgestellt. Es war schon später Nachmittag, denn meine Mutter war schon von der Arbeit zu Hause, da arbeiteten die Gerüstbauer immer noch. Plötzlich klopfte es an eines unserer Wohnzimmerfenster im 2. Stock. Wir erschraken kurz, dann öffnete meine Mutter das Fenster. Draußen hing, mehr als er stand, ein Gerüster, einen halben Fuß auf dem Fenstersims und mit halber Hand am Fensterkreuz festgekrallt. „Könnten Sie mich reinlassen?“ Das war seine verzweifelte Frage. Irgendetwas war wohl schief gelaufen. Danach war aber nicht zu fragen. Meine Mutter hielt ihm ihre Hand hin, machte den Platz frei und der Mann sprang erleichtert in unsere Wohnung. Wäre es da angemessen gewesen, erst zu klären, ob das nicht vielleicht Hausfriedensbruch hätte sein können? Hätte man dafür nicht erst einen Anwalt holen sollen? War auch nicht zu befürchten, dass der etwas verstaubte Mann Schmutz und Unruhe in unsere ohnehin zu kleine Wohnung bringen könnte? Sind wir ehrlich, solche Überlegungen klingen nicht nur etwas verrückt, sie wären rechtlich auch nicht abgedeckt gewesen, noch dazu wegen der damit verbundenen möglichen Verzögerung, die schlimme Folgen hätte haben können. Unterlassene Hilfeleistung! Meine Mutter wäre straffällig geworden, hätte sie nich sofort geholfen. Hat sie ja auch.
Und nun zurück zur „Sea-Watch 3“ und zur Kapitänin: Sie und viele andere wussten, dass sich im Mittelmeer fürchterliche Tragödien abspielen. Menschen aus Afrika sind bereit, viel, ja alles zu riskieren, um ihrer materiellen Not, um der Bedrohung ihrer körperlichen Unversehrtheit, um einer oft massiven Einschränkung ihrer Rechte, um der brutalen Ausbeutung ihrer Arbeitskraft und dem Raub ihrer Lebensgrundlagen zu entgehen. Sie wagten eine in ihrem Verlauf nicht vorherzusehende Flucht – natürlich auch in der Hoffnung auf Hilfe und auf Begegnungen mit Mitmenschlichkeit. Eine solche war das Schiff mit Kapitänin Rackete, finanziert eben von Mit-Menschen. Die Alternative zu ihrer Hilfe wäre das Ertrinken im Mittelmeer gewesen oder das Verhungern, Verdursten und Verdorren auf dem Schiff, wenn es nicht anlanden darf. Die Gefahr war real. Es sind nicht alle Menschen Mit-Menschen. Herr Salvini, der italienische Innenminister zum Beispiel nicht. Ihn stört nicht, dass von 2014 bis 2018 auf der Flucht durch das Mittelmeer 1.600 Kinder den Tod fanden, andere Politiker*innen übrigens auch nicht. Sie setzen nur Bürokratie in Gang und wollen die Toten, um andere von der Flucht abzuschrecken. 1.900 Tote an der Grenze zwischen Mexiko und den USA in den letzten fünf Jahren sollen ja auch Herrn Trump nützen. Er hat einen Grund, deshalb „aus Erwägungen der Menschlichkeit“ eine Mauer zu bauen. Mauern sind unpraktisch, das wissen wir, aus der DDR kommend, sehr gut. Das Mittelmeer ist praktischer. Das Mittelmeer braucht keine Mauerschützen. Es tötet mit naturgesetzlicher Gewissheit. Außer Seeleute wie Frau Rackete und hinter ihnen stehende Menschen greifen in den „natürlichen Prozess“, dem man Flüchtlinge überlassen will, mit helfender Hand tatkräftig ein. Und deshalb passiert jetzt etwas Unglaubliches in der langen Rechtsgeschichte und Unerhörtes seit Beginn der „Christlichen Seefahrt“. Man klagt die Lebensretter an. Man klagt sie an, das Leben von Menschen höher eingeordnet zu haben als das Papier, auf dem die Gesetze stehen. Man verhaftet sie und liquidiert damit die Mitmenschlichkeit. Verrecken lassen ist rechtskonform, Rettung ein Verbrechen. Und worum geht es? Es geht um die Unversehrtheit eines europäischen Wohlstandes, den immer weniger genießen können; nicht wegen der Flüchtlinge, sondern wegen der Spaltung der Gesellschaft in wenige Reiche und immer mehr Bedürftige. Mögen das alle bedenken, die ihre Ferien noch im sonnigen Süden Europas verbringen.

(Geschrieben für Links, Juli/August 2019, 29.06.2019″

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