Skip to content

Von der fliegenden Britin und der schönen Europa

12. April 2019
von Peter Porsch

„Uns ist in alten mæren wunders vil geseit“. So beginnt das Nibelungenlied. Und wer es nicht versteht, Karl Simrock hat es übersetzt: „Viel Wunderdinge melden die Mären alter Zeit“. Ja, das ist so. Der Märchen- und Sagenschatz der Völker und Kulturen der Welt ist voller Berichte über Wundersames. Es ist vor langer, langer Zeit geschehen. Kein Augenzeuge lebt mehr. Keine Aufzeichnung, kein Bild gibt uns authentische Kunde von den Ereignissen. Begeben haben sie sich aber doch. Wir wissen es, weil sie weitererzählt und weitererzählt wurden. Freilich hat jeder Erzähler, jede Erzählerin der Anschaulichkeit und Lebendigkeit halber das Seine und Ihre und dem Publikum Gefällige hinzugefügt. Die Vorkommnisse wurden oft aus der Geschichte genauer bekannten Personen zugeordnet, von denen man indes auch nicht mehr alles wusste. Das Erzählte wurde dadurch aber glaubwürdiger. Und so kommen sie zustande, die „Wunderdinge“ der Alten. Mit dem heute Möglichen muss das nicht immer übereinstimmen.
Jetzt will ich aber eine wundersame Geschichte erzählen, die gerade beginnt und erst in der Zukunft ein merkwürdiges Ende nehmen wird: Es ist ein Schiff, ein riesengroßes Schiff, das seit langem vor der Küste des europäischen Festlandes liegt. Die Mannschaft ist gut ausgebildet, in der Seefahrt erfahren. Viele Kapitäne und Offizieren lösten sich schon ab – immer erfolgreich und zeitweilig die ganze Welt beherrschend, obwohl sie ihr Schiff nie bewegten, nur mit, wenn auch gewaltigen, Beibooten in See stachen. Das Hauptschiff lag jedoch so fest vertäut, dass es die Mannschaften, die Kommandanten und auch die backbord liegenden Europäer für eine Insel hielten. Die Stimmung auf der Insel nannte man „splendid isolation“ – „wunderbare Isolation“. Eines Tages nun entstand an Bord der Streit, ob denn das Schiff sich endgültig als unverrückbare Insel an der Seite Europas verstehen sollte und vor allem im Handel und in der Zusammenarbeit mit Europa sein Heil suchen könnte. Man wagte den Versuch. Nur, als man das geraume Zeit ausprobiert hatte, wurde ein Teil der Mannschaft und der Offiziere unzufrieden. Man wäre ja gar nicht mehr Herr des eigenen Schiffes. Die Entscheidungen fielen ja ganz woanders und die Kapitäne sowie ein Teil der Mannschaft und der Offiziere mache das munter und von der Bequemlichkeit der Nähe der vorgeblichen Partner angesteckt einfach mit. Es kam zur Meuterei und es kam zur Abstimmung darüber, ob man denn nicht neue Fahrt aufnehmen sollte und neuen Kurs einschlagen. Im Schiff als Ganzes gab es eine Mehrheit dafür: Losfahren und neuen Kurs aufnehmen. Damit war freilich das Problem noch nicht gelöst. Die Frage blieb offen, wie trennt man die schon so fest gewordenen Bindungen an das Festland und wohin sollte die Fahrt eigentlich gehen. Das Schiff hatte gerade eine Kapitänin. Sie wollte den Willen der Mehrheit erfüllen. Allerdings fand sie keine Mehrheiten mehr für auch nur irgendeinen Kurs der Reise. Entschlossen versuchte sie die aufgebrachte Besatzung zu entwaffnen. Sie wollte es Vasco da Gama gleichmachen, dem die Mannschaft beim Umsegeln des Kaps der Guten Hoffnung die Gefolgschaft verweigerte. Er machte sie hilflos und schleuderte ihnen entgegen, „jetzt ist Gott der Steuermann.“ Gesagt, getan und es kam, wie es bei dem holländischen Kapitän Bernad Fokke in ähnlicher Situation gekommen war. Die Kapitänin hatte sich entschieden. Die Mannschaft und auch die betrogenen Europäer verfluchten sie. Der Fluch aber verdammte sie, mit ihrem Schiff, so groß wie eine Insel, loszufahren über alle Meere und keinen Hafen mehr zu finden. Das Festland verlor sein Gegenüber. Es war zwar immer mal noch sichtbar, jedoch nicht mehr erreichbar. Sollte es keine Rettung mehr für Kapitänin und Mannschaft geben? Doch! Am 11. April 2019 prophezeite im Sender Bayern 3 der Weise Theo Weigel, der einst das britische Schiff fest an Europa gekettet hatte, dass mit den Jahren Schiff und Mannschaft und Kapitänin erlöst werden könnten – es würde auf dem Schiff wieder reine Liebe zu Europa aufkommen. Da ist was dran, würde sie denn erwidert. Europa ist ja in Wirklichkeit eine schöne Königstochter. Wen dabei die Kapitänin stört, der oder die denkt wie in alten mæren. Alles neu macht die May. Ähnlichkeiten mit der Geschichte vom Fliegenden Holländer sind hingegen rein zufällig.

(Geschrieben für Links. Mai 2019, am 12.04.2019)

4 Kommentare kommentieren →
  1. Fraenkle permalink
    13. April 2019

    was willst du uns damit sagen Peter

  2. 13. April 2019

    Genau das, was ich aufgeschrieben habe.

  3. Fraenkle permalink
    13. April 2019

    WER SOLL SIE DENN ERLOESEN Weigel oder Macron

  4. 13. April 2019

    Ihre eigene Liebe zu Europa wird sie erlösen, wenn diese von Europa erwidert wird. Weigel meinte, in den nächsten 10 Jahren würde dieseLiebe in Großbritannien bei den jungen Leuten wieder erwachen. Sie würden reuig nach Europa zurückkehre wollen und Europa würde ihnen dies erleichtert gestatten. Aber darauf müsste man eigentlich kommen, wenn man den Text liest und mit Phantasie weiter denkt. Es ist natürlich eine „Sage aus der Zukunft“ und kein Tatsachenbericht. Kann auch alles anders kommen.

Kommentar hinterlassen

Achtung: Ihre e-Mailadresse ist nicht durch Dritte einsehbar.

Abonnieren sie diese Kommentare via RSS