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Von der Genauigkeit in der Sprache

21. März 2019
von Peter Porsch

Männer (und natürlich auch viele Frauen) doktern immer wieder an der Sprache herum. Sie verkaufen und kaufen „Sande“, sie haben „Bedarfe“. Welch merkwürdige Pluralbildungen. Die Wörter sind eigentlich sogenannte „singularetantums“, also Wörter, die nur im Singular vorkommen, so wie auch „Durst“ oder „Jugend“. Wer es aber braucht, verändert sie. Am Anfang klingt es komisch. Man gewöhnt sich freilich daran. Mit Grammatik und Orthografie gehen Menschen oft ziemlich eigensinnig um. Warum auch nicht? Man ist cool und nicht so starr festgelegt. Konsequente Kleinschreibung ist doch so simpel. Was gehen mich Leser und Leserinnen an und die Kommasetzung und Groß- und Kleinschreibung als den Satz strukturierende Lesehilfe?
Kürzlich bekam ich eine Mitteilung zu Änderungen bei „Windows“ (natürlich nicht bei meinen Fenstern, sondern in meinem Computer, wo das Wort als metaphorischer Eigenname für ein Programm gilt). Ich versuchte alles – in der digitalen Welt schon etwas herumgekommen – zu verstehen. Es ging aber nur holprig voran. Folgende Wörter im Text behinderten mich: snipping tool, Disk Cleanup-Tool, Storage Sense, Screenshots, Features, Front smoothing, Clear Type, Schriftenglättung. Bis auf eines waren es Anglizismen. Das störte mich nicht, und viele andere wohl auch nicht. Für das Verstehen gibt es Lexika. Die Sache verhält sich im Grunde wie mit dem Wein. Wein und Weinbau brachten die Römer zu den Germanen und sie brachten, wie das schon immer und überall so üblich war, ihre Wörter mit. Die Germanen glichen diese ihren Sprachen an, gaben sie aber nicht vollends auf. Deshalb haben wir heute noch den Winzer (eben von „vinum“) oder die Torkel. Letztere ist die Weinpresse. Lateinisch hieß sie eben „torculum“, was auf das Drehen beim Pressen verweist und sich auch in „torkeln“ wiederfindet. Alles also normal! Es entstanden übrigens auch einheimische Wörter in germanischen Dialekten. Das brauchte freilich Zeit. Diese Zeit hat die Digitalisierung noch nicht, also bespricht man sie meist englisch, denn aus diesem Sprachraum kommt das meiste her. Es gilt für die Digitalisierung ganz aktuell, was Marx uns in seinem Werk, „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“ verallgemeinernd aufdeckt: nämlich, dass sich im Akt der Reproduktion so ziemlich alles ändert; die objektiven Bedingungen der Produktion, die Produzenten selbst, Vorstellungen und Verkehrsweisen, Bedürfnisse. Und es entsteht eine neue Sprache für all das Neue. Eine solche neue Sprache braucht es, um exakt und möglichst ohne Missverständnisse unter den neuen Bedingungen sich austauschen zu können. Es geht um Genauigkeit und es entsteht auch manchmal Ungewöhnliches:
Andere erfinden deshalb „Schraubendreher“ und „Gliedermaßstab“ (der Genauigkeit halber). Schließlich kennen sie sich aus und beherrschen diese komplizierten Werkzeuge. Es hat sich ihre Welt geändert, weshalb es zum Beispiel den „Anlagenbauer für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik“ gibt (der Genauigkeit halber für den unpräzisen „Klempner“; man ist doch wer). Nur wenn es um Frauen geht, die ihre angestrebte beziehungsweise auch schon erreichte Stellung in der Gesellschaft in der Sprache verankert sehen wollen, die wollen, dass sie auch explizit genannt werden, wenn sie gemeint oder mit-gemeint sind (der Genauigkeit halber), die das generische (angeblich geschlechtsneutrale) Maskulinum durch echte geschlechtsneutrale Wörter ersetzt wissen wollen (der Genauigkeit halber), da werden Männer (und auch manche Frau im Gefolge) hellhörig. Jetzt entdecken sie das Beständige in der Sprache als hohes Gut. Jetzt wissen sie, dass das alles nicht so geht, wie diese radikalen Frauen (und auch manche Männer) denken. Und dass der generische Gebrauch von Maskulina in der Vorstellung meist männliche Exemplare der besprochenen Personen hervorruft – wer sagt denn sowas? Zu viel Genauigkeit, Ungewohntes zerstören doch den Sprech- und Redefluss. Bindestriche, Klammern, Rufzeichen, Fragezeichen? Ja! Sternchen? Nein! Männer! Bewahrt Euch aus der Ritterzeit „staete“ („Beständigkeit“), „ere“ und „muot“. Nicht so wichtig ist die „maze“ („Bescheidenheit“). Ihr seid Männer und verdient alle ein schœnez wîp, stæt und dêmüete -unveränderlich und demütig.

(Geschrieben für Links, April 2019, 18.03.2019)

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