Skip to content

Und die Russen kriegen eine auf den Schädel

12. Februar 2019
von Peter Porsch

Wir haben schon wieder März. Aber ich denke, vielleicht wegen meiner Herkunft, nochmal an den Februar zurück.
Im Februar jährte sich zum 85. Mal der Beginn des Bürgerkriegs in Österreich, in dem sich vornehmlich Kommunisten und linke Sozialdemokraten auf der einen Seite und austrofaschistische Kräfte auf der anderen Seite gegenüberstanden. Links scheiterte schließlich und schnell an der schwarzen Gewalt, was für viele von ihnen tödliche Folgen hatte oder sie zur Flucht zwang.
Am 16. Februar jährte sich außerdem zum 80. Mal der Tod von Jura Soyfer, der ihn im KZ Buchenwald kurz vor seiner bereits besiegelten Entlassung im Alter von gerade 27 Jahren durch Typhus ereilte. Soyfer, das 1912 geborene Kind einer vor der Oktoberrevolution nach Wien geflohenen jüdischen Industriellenfamilie aus Russland, trat nach den Februarkämpfen in die KPÖ ein und begann seine Karriere als Schriftsteller und linker Kabarettist. Für sein Alter hat er uns ein beachtenswertes Gesamtwerk aller Genres hinterlassen, das stets von linker politischer, auch tagespolitischer Parteilichkeit geprägt war. Er nahm die austrianische und europäische Zwischenkriegszeit aufs Korn, immer auf Seiten der Armen, Ausgegrenzten, Ausgebeuteten – durchaus satirisch, mit bitterem Humor. Bereits 1934 begann er einen Roman, der nur in einem Fragment überliefert ist, mit dem Titel, „So starb eine Partei“. Es ist ein Nachruf auf die österreichische Sozialdemokratie und ihre Schuld an der Niederlage in den Februarkämpfen. Soyfer zeigt uns drastisch Eigenschaften dieser Partei, die bis in die Gegenwart als eine ihrer dominanten Merkmale festgestellt werden können – Wankelmut, Opportunismus und konsequente Inkonsequenz. In seinem Stück „Astoria“ bearbeitet Soyfer die damalige Skurrilität eines angezweifelten Österreich, das sich als zweiter deutscher Staat verstand, und die es umgebende Situation in einem Europa unversöhnlicher Nationalstaaten. Das Bedrückende daran sind plötzlich wieder auftretende Gemeinsamkeiten zur heutigen Lage in Europa. Sie ist von wachsenden rechten und faschistischen Kräften geprägt, die die Europäische Union zugunsten einer Stärkung der nationalstaatlichen Autonomie abschaffen wollen. Ich lasse hier aus Platzgründen notwendige linke Kritik an der EU weg. Da lässt sich vielleicht manches ändern. Man sollte es nicht unversucht lassen, denn die nationalistische Alternative ist furchteinflößend. Sie erweckt keine Perspektive friedlichen Zusammenlebens, sondern eröffnet eine wieder aufflammende Zukunft europäischer kriegerischer Auseinandersetzung. Erst erfindet man sich einen Hauptfeind, dann versucht man zu verteilen, was irgendwie zu verteilen geht und dann fällt man doch übereinander her. So war das zwischen 1918 und 1939 und so kann es wieder werden.
Lassen wir doch Jura Soyfer darüber sprechen: In seinem Stück „Astoria“ gründet ein Landstreicher namens Hupka gemeinsam mit einem heruntergekommen Grafen und dessen Gattin ein Land, das es eigentlich gar nicht gibt, nämlich „Astoria“. An einer Stelle gibt der Graf seine „geopolitischen“ Ansichten im Gespräch mit dem willig zustimmenden Hupka dem Publikum zur Kenntnis: „GRAF: Zuerst trete ich aus dem Völkerbund aus. Damit wird der Weg frei für eine klarblickende Realpolitik. Dann wird die Danziger Frage als die vordringlichste gelöst. … Polen erhält einen Zugang zum Mittelmeer, und zwar mittels eines Korridors quer durch Osteuropa. HUPKA: Na und was werden die Völker sagen? GRAF: Was in der Zeitung steht. Die italienische Regierung wird natürlich verschnupft sein … Sie erhält zur Entschädigung die Inseln Rhodos und Malta. HUPKA: Was werden die Bewohner sagen? GRAF: Was man ihnen erlauben wird.“ Peu a peu teilt der Graf dann Europa neu auf und Hupka versteht und vollendet diese Aufteilung bis hin zu einem Flugzeugstützpunkt für Luxemburg auf dem Potsdamer Platz. Die durchaus lächerliche, wenn auch nicht ganz ausgeschlossene Verteilung, in der jede wichtige Nation etwas abbekommt, schließt mit dem Satz: „… und die Russen kriegen eine auf den Schädel.“
Haben wir schon wieder Zwischenkriegszeit?

(Geschrieben für Links, März 2019, 11.02.2019)

Ein Kommentar kommentieren →
  1. Rainer Fr'nkle permalink
    12. Februar 2019

    spitze/ aktueller denn je

Kommentar hinterlassen

Achtung: Ihre e-Mailadresse ist nicht durch Dritte einsehbar.

Abonnieren sie diese Kommentare via RSS