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Spielchen, deal und kein Vertrag

5. Juni 2018
von Peter Porsch

Sprachgeschichtsforschung kann wohl sehr genau beschreiben, was sich in Sprachen im Laufe der Zeit so alles verändert. Fragt man sie aber nach den Ursachen, so wird sie deutlich schweigsamer Auf einer relativ sicheren Seite ist man, wenn man von Vorbildern spricht. Die Römer brachten den Germanen mit ihren primitiven, aus gewundenen Ästen und dann mit Lehm verschmierten Wänden die Mauer aus Ziegeln sowie die Wörter dafür (murus, tegula). Die Lautveränderungen, die aus den lateinischen Wörtern letztlich deutsche machten, kann man zwar benennen und beschreiben, ursächlich jedoch nicht erklären. Die Römer brachten die gesamte Terminologie des Weinbaus und manch anderes noch. Sächsisch verlor seine Vornehmheit und Vorbildlichkeit nach dem Sieg der Preußen im Siebenjährigen Krieg. Französisch wurde zur Sprache bevorzugter Kultur und viel davon findet sich sogar immer noch in den Dialekten – auch die „Fischilanz“ der Sachsen.
So ist das auch heute: Neuerdings hört man in der Sprache der Politiker und Politikerinnen, durch die Medien in unseren Alltag transportiert, häufig das Wort „Deal“. „Häufig“ zu sagen, reicht eigentlich nicht, es muss schon von inflationärem Gebrauch gesprochen werden. Ich lese vom „Friedensdeal“ in Kolumbien, der in Gefahr geraten könnte. Die Obamas haben angeblich einen „Mega-Deal“ unterschrieben, um bei Netflix Filmproduzenten zu werden.
Wie kommt das? Es muss wohl ein Vorbild mit hohem Prestige geben – und es gibt eines. Der Mann heißt Donald Trump. Er ist immerhin Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Trump ist ein „Dealmaker“ habe ich gerade gelesen. Hat man früher in der Politik und Diplomatie normalerweise von „Verträgen“ gesprochen, die Staaten untereinander geschlossen haben, so spricht plötzliche alle Welt mit Donald Trump von Deals beziehungsweise deals. Es gab einen „Atomwaffensperrvertrag“, der noch immer gilt. Die NATO ist „the North Atlantik Treaty Organisation.“ „Treaty“, so belehren mich alle Wörterbücher und Übersetzungshilfen ist auf Deutsch mit Vertrag zu übersetzen. Donald Trump kündigte jedoch einen deal mit dem Iran zur Abwehr seiner geplanten
Atombewaffnung. Es wäre der schlechteste deal aller Zeiten gewesen, glaubt man dem Präsidenten. Jetzt möchte er zeigen, was er kann. Er verspricht uns einen deal mit Nordkorea zur Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel. Dazu will er sich mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim-Jong-un, dem Obersten Führer Nordkoreas, treffen. Es geht also wieder um einen deal. Für englisch „deal“ wird mir stets als erste Übersetzung deutsch „Deal“ angeboten. Nun suche ich in einsprachigen Wörterbüchern nach der Bedeutung. Solche für Englisch sagen mir, dass das Wort ziemlich problemlos für „contract“, „agreement“, „treaty“(!), „pact“ verwendbar ist. Wenn der Trump also unbedingt will, so soll er halt bei seinem „deal“ bleiben. Es ist eher amerikanisches Englisch und es ist eher das Englisch der Geschäftsleute. Moment, da stutze ich doch. Ist Politik neuerdings ein Geschäft? Vielleicht auch eines, bei dem man sich möglichst gegenseitig übers Ohr haut? Wenn das so ist, verstehe ich fast Trumps Misstrauen gegenüber dem „deal“ mit dem Iran. Trumps Absicht bei „deals“, die er aushandelt, blitzte kurz auf, als er die Absage seiner Gesprächsabsage mit Kim-Jong-un als „Spielchen“, welche alle betreiben, bezeichnete. Nordkoreas Kim sollte nicht zu vertrauensselig sein. Spielchen haben auch die Produzenten von Diesel-Motoren mit uns betrieben. Für sie war es beim Verkauf dieser Motoren auch noch ein guter Deal.
Jetzt hatte ich keine Wahl. Ich musste „Deal“ groß schreiben. Im Deutschen kann man das Wort nicht unbeschädigt mit seiner Bedeutung 1:1 aus dem Englischen übernehmen, jedenfalls nicht, wenn man Wörterbüchern vertraut: Im von mir schon oft zitierten DUDEN, Deutsches Universalwörterbuch finde ich nämlich unter „Deal“ mehrere Hinweise darauf, dass es sich dabei um zweifelhafte Geschäfte handelt. Dafür kommen natürlich Spielchen gerade recht und Trumps deals sind so unverdächtig auch nicht mehr, entfernen sich offensichtlich von dem, was man anständigerweise unter Verträgen versteht.

(Geschrieben für Links, Juni 2018, 28.05.2018)

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