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„More steel tanks than think tanks“

20. Februar 2018
von Peter Porsch

Das war O-Ton des polnischen Ministerpräsidenten Mateusz Morawiecki auf der sogenannten „Münchener Sicherheitskonferenz“. Englisch „tank“ ist bekanntlich der Panzer, geschmiedet aus Stahl oder guten Ideen. „Oh, Herr, lass Hirn regnen“, habe ich auf einer Satirepostkarte gelesen. Nein, das ist nicht der Regen, den der Chef des katholischen Polen zu benötigen denkt. Ihm stehen offensichtlich die „Stahlgewitter“ der Kriege näher, die der einstige Wehrmachtsoffizier und am Ende seines Lebens zum Katholizismus konvertierte Ernst Jünger zu literarischen Ehren brachte. Herr Morawiecki schließt sich ihm an, anstatt sich einen Kopf zu machen, wie es anders gehen könnte.
Sicher kennen viele die Geschichte von dem jungen Mann, der während einer Zugfahrt das Fenster öffnen will. Er schafft es nicht; offensichtlich ein schmächtiger Intelligenzler. Weil die Geschichte alt ist, muss man noch um die Technik mit dem Riemen wissen, den man mit Kraft zugleich nach oben und nach vorne ziehen musste, um damit die Bewegung des Fensters nach unten freizugeben. War nicht jedermanns Sache. Ein muskulöser Bauer hilft, so geht die Erzählung weiter, dem Schwächling und es gelingt ihm natürlich, das Fenster zu öffnen. Siegestrunken belehrt er den Versager mit einem Deut auf seine Muskeln, „hier muss man es haben und nicht hier“, was er nun wieder mit seinem Finger an den Kopf zeigend unterstreicht. Der so Blamierte sinnt auf Vergeltung. Schließlich fragt er den Kraftprotz, ob der diesen Griff am roten Kasten an der Wand herunterziehen könnte. Er selbst wäre doch augenscheinlich zu schwach dafür. Stolz beweist der Muskelmann, dass er es kann. Der Zug bleibt mit Ruckeln und Quietschen stehen. Der Schaffner kommt und verdonnert den Missetäter zur Strafzahlung wegen missbräuchlicher Betätigung der Notbremse. „Da muss man es haben“, sagt nun der Intellektuelle mit einem Verweis auf seinen Kopf, „und nicht da“, während der Finger vom Haupt zum kaum ausgebildeten Bizeps wandert.
Der Schlaumeier hat den Kraftmeier in die Falle gelockt. Geist und Denken lassen Folgen von Handlungen abschätzen. Kraft gewinnt nur im Augenblick. Es wäre gut, wenn Herr Morawiecki und alle anderen, die so kopflos durch die Zeiten stolpern, sich darauf besinnen könnten. In der Geschichte tat jedenfalls der Gefoppte gut daran, die Strafe zu bezahlen. Da hat doch Verstand eingesetzt. Verweigerung der Bezahlung und weitere Gewalt gegen Menschen und Sachen hätten möglicherweise die Fahrt für unabsehbare Zeit verhindert, den Täter schließlich in noch größere Schwierigkeiten gebracht.
„Unrecht durch Unrecht bekämpft, wird noch mächtiger“, sagt uns der österreichische Schriftsteller Peter Rosegger. Gewalt gegen Gewalt war aber angesagt in München. Der eine zeigte deshalb die Trümmer einer vom Himmel geholten Drohne, verschwieg jedoch geflissentlich, dass das gewalttätige Instrument dafür – ein Kampfflugzeug – ebenfalls gewalttätig zerstört wurde. Genau das war aber wiederum Anlass zur Androhung neuer Gewalt: Die Spirale funktioniert – letztlich ohne Sinn und Verstand. Nein, doch nicht! Sinn und Verstand wurden hier freilich nur missbräuchlich verwendet, um die Instrumente für Gewalt zu erfinden, zu bauen und anzuwenden. Hirn verwandelte sich in Stahl. Der homo sapiens wird zu einem simplen iron-man. Er kann nicht mehr weit denken. Er glaubt erkannt zu haben, dass der Krieg der Vater aller Dinge sei. In Wirklichkeit hat sich aber alle menschliche „sapientia“ von Weisheit in sture Dummheit verwandelt; sture Dummheit, die nun auch noch meint, dass es nötig sei, den Krieg vorzubereiten, wolle man den Frieden erhalten. Hat das jemals mehr gebracht als Wettrüsten und dessen stetes Ende im Krieg – von der Steinzeit bis heute?
Panzerbesatzungen haben einst gesungen und singen heute noch: „Ob’s stürmt oder schneit, ob die Sonne uns lacht, ob heiter der Himmel, ob finster die Nacht, bestaubt sind die Gesichter und froh ist unser Sinn. Es braust unser Panzer im Sturmwind dahin.“ Steel-tanks rasen aufeinander los, ungebremst, gepanzert mit Gedankenlosigkeit hart wie Kruppstahl. Das Einzige, was sie aufhalten könnte, wären funktionierende think-tanks.

(geschrieben für Links, März 2018, 19.02.2018)

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