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Aufpassen beim Anpassen

26. November 2017
von Peter Porsch

„In der Sachversicherung ergeben sich ab dem 1. Januar Änderungen aufgrund von Anpassungsmaßnahmen.“ Das teilte mir meine Versicherung unlängst mit. Die „Anpassungsmaßnahmen“ waren nichts anderes als eine Erhöhung der Beiträge für die vertraglich vereinbarten Versicherungen. Warum kann man da eigentlich nicht schreiben, „erhöhen wir die Beiträge“? Die Beiträge haben sich ja nicht selbst erhöht oder vornehm gesagt „angepasst“. Ehrlich formuliert weiß man doch auch genau, wer über Zuwachs von Geld und wer über seinen Verlust quittieren kann. Solche Briefe bekommen gegen Jahresende viele, und fast immer ist von „Anpassung“ die Rede und nicht von „Erhöhung“, obwohl diese meistens der Fall ist. Ich suche in den Wörterbüchern und in einschlägigen Artikeln im Netz nach der Bedeutung von „anpassen“ und nach Synonymen. „Erhöhung“ kommt als Synonym nicht vor. Im DUDEN-Deutsches Universalwörterbuch finde ich als passende Bedeutungsvariante, „etwas einer Sache angleichen; etwas auf etwas abstimmen“. Bei DUDEN.de finde ich, „sich nach jemandem, etwas richten.“ Wonach richtet sich meine Versicherung? Sie richtet sich, so richtet sie mir aus, nach den „gestiegenen Zahlungen für Leistungsfälle“. Aber ist damit schon alles erklärt? In der Zeitung lese ich, dass das Studentenwerk Chemnitz-Zwickau 2018 „Preisanpassungen“ vornehmen muss. Der dunklen Rede heller Sinn: Die Mieten pro Wohnheimplatz werden 2018 um sieben Euro steigen. Woran werden die Mieten angepasst? Sie werden angepasst (so lerne ich aus der Zeitung), um die Unterkünfte „wirtschaftlich“ betreiben zu können. Merke: Die Möglichkeit, etwas wirtschaftlich betreiben zu können, ist der Auslöser der „Anpassung“. Da muss man also nach der Bedeutung von und Synonymen für „wirtschaftlich“ fragen. DUDEN bietet mir im Wörterbuch und im Internet als eine Bedeutungsvariante von „wirtschaftlich“ an, „sparsam mit etwas umgehend“. Sieh’ da! Um sparsam mit etwas umgehen zu können, zum Beispiel mit Wohnheimplätzen, muss man mehr Geld verlangen. An wessen Sparsamkeit werden dann die Mieten für solche Plätze angepasst, wenn sie de facto erhöht werden? An die der Studierenden sicher nicht! Die Synonyme bei DUDEN.de klären mich auf, „wirtschaftlich“ steht beispielsweise für „gewinnbringend“, „lohnend“, „profitabel“, „lukrativ“. Zu guter Letzt lässt DUDEN vollends die Katze aus dem Sack und bietet als sinnverwandtes Wort noch „fett“ an. Mag sich jede und jeder jetzt selbst ihre und seine Gedanken machen, welche Erkenntnis über die herrschende Ökonomie darin steckt und wen „fett“ zu machen in dieser Wirtschaftsweise „Anpassungen“ dienen.
Die gewählten Beispiele sind jedoch noch harmlos, denke ich aktuell, an dem Tag, an dem ich diesen Text schreibe, an Siemens. Siemens passt an. Das heißt, Siemens macht sich gewinnbringend, lohnend, profitabel, lukrativ. Deshalb wird Siemens siebentausend Mitglieder seiner Belegschaft abbauen. Siemens wird allein in Sachsen zwei Werke schließen und in Erfurt eines vielleicht verkaufen. Das ist „Anpassung“ an die veränderte Nachfrage nach Kraftwerksausrüstungen, die den Profit schmälern könnte. Der ist doch gerade um 11% auf über sechs Milliarden gestiegen. Da darf es keine Verminderung geben. So hieße ja „Anpassung“ plötzlich Einbuße beim Konzern. Wir haben aber doch gerade gelernt, dass „anpassen“ für Unternehmen „gewinnbringend“ meint, andere aber bezahlen. Im konkreten Fall (und in vielen anderen auch) sind es die von der Firma abhängigen Lohnempfängerinnen und -empfänger. Kaum war die Nachricht von den „Anpassungen“ bei Siemens raus, stieg der Aktienkurs. Er passte sich an die „wirtschaftliche“ Lösung der Probleme an. Und wenn das den Belegschaften nicht passt, so schlägt ihnen die Personalvorständin vor, vom Protestmodus auf den Kooperationsmodus umzustellen, sich also an die Situation anzupassen. Frühverrentung, eine Auffanggesellschaft, Qualifizierung für eine andere Arbeit sind die Zaubermittel der Anpassung. Die Aktionäre gewinnen. Die Belegschaft muss Entlassungen, drastische Einkommenseinbußen und Veränderungen bis hin zum Umzug an andere Arbeitsorte hinnehmen. Man muss wirklich aufpassen beim Anpassen.

(Geschrieben für Links, Dezember/Januar 2017/8, 23.11.2017)

2 Kommentare kommentieren →
  1. Fränkle , Rainer permalink
    26. November 2017

    ja da hilft nur die vergessellschaftung der banken und konnzerne mit demokratischer kontrolle der gewerkschaften. oder ?

  2. 27. November 2017

    Bildet Banden – -seid unangepasst !!

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