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Linke, Heimat, Vaterland

11. Oktober 2017
von Peter Porsch

Linke, Heimat, Vaterland
von  Prof. Dr. Peter Porsch
Stellen uns doch einmal einen Menschen vor, der – sagen wir mal – in Klinga wohnt. Dass er von dort her kommt, wird er in Leipzig, fragt man ihn nach seiner Herkunft, sicher sagen, vielleicht nennt er auch das Muldental oder spricht von der Nähe zu Grimma und Naunhof. Schon in Dresden zieht er es aber meist vor, auf die entsprechende Frage mit „ich komme aus Leipzig“ zu antworten. In Köln sagt er, er komme aus Sachsen oder dem Osten, in Paris stellt er sich als Deutscher vor und in Amerika oder Afrika ist er aus Europa. Die räumlich-kulturelle Zuordnung eines Menschen ist also sehr relativ und vom jeweiligen Aufenthaltsort und den entsprechenden Partnern abhängig.
Die Frage nach der Herkunft ist aber eine sehr gängige und eine der ersten, die man in fremder Umgebung bzw. gegenüber Fremden zu beantworten hat. Warum aber, um alles in der Welt?
Machen wir uns nichts vor, die Antwort auf die Frage der Herkunft eröffnet uns Wahrnehmungsmuster, nach denen wir das Gegenüber stereotyp einordnen können: sprachlich, kulturell, nach Sympathie, nach zu erwartendem Verhalten, nach der bevorzugten Speise, z.B. Kraut, dem typischen Getränk, wie „Bliemchenkaffee“, oder nach üblichen Namen, z.B. Fritz, usw. Alle weitere Kommunikation und Interaktion wird davon stark geprägt sein. Sage niemand, er oder sie sei nicht frei von solchen stereotypen Wahrnehmungsmustern. Es ist auch nichts Ehrenrühriges, denn alle Wahrnehmung setzt stereotyporientierte Selektion von Sinneseindrücken voraus. Insofern ist in konkreten Situationen auch niemand „Mensch an sich“, sondern immer jemand ganz Bestimmter.
So weit so gut! Nun denken wir unsere Situation weiter. Nach der Auskunft über die Herkunft beginnt das Gegenüber zu schimpfen – auf Europa, Deutschland, den Osten, Sachsen, das Muldental und Klinga. Seien wir ehrlich, bei Europa ließe es sich trefflich mitschimpfen, Deutschland wollen wir nicht verteidigen, vielleicht sogar im Gegenteil, zu Sachsen gibt es manch Kritisches zu sagen – die Sprache vor allem, aber natürlich auch die Regierung und die Nazis – beim Osten erwacht unser trotziger Stolz, bei Klinga und dem Muldtental würde ich (ich wohne in Klinga im Muldental) aber dem oder der Schimpfenden schon sehr deutlich Vorsicht signalisieren, so wie andere bei Chemnitz, Bautzen oder Tannenbergsthal.
Da haben wir aber unter der Hand etwas erkannt – auch wenn es so ideal, wie gerade vorgestellt, nicht für jeden und jede zutreffen mag – wir haben erkannt, dass wir uns mit räumlich-kultureller Zuordnung unterschiedlich intensiv und mit unterschiedlicher Wertungsrichtung identifizieren, ja Identität daraus schöpfen. Die Wissenschaft von den Mundarten, aber auch Volkskunde und Soziologie nennen das „Loyalität“ und stellen fest, dass es Abstufungen gibt, die insbesondere „nationale“ sowie „regionale Loyalität“ und vor allem „Ortsloyalität“ in starkem Maße jedoch alltagskulturelle Identität und Gruppenzuordnung begründen.
Es sei hier schon gesagt, das gilt für einzelne Menschen in sehr unterschiedlichem Maße. Es sind identifizierende Gruppenzuordnungen neben anderen (z.B. Geschlecht, Lebensalter, Beruf, politische Orientierung usw.). Sie sind aber statistisch gesehen von hoher Signifikanz und Relevanz, ob uns das gefällt oder nicht. Sie dienen der „Integration“ und „Ausgrenzung“, der – zunächst wertfreien – Unterscheidung vom „Eigenen“ und „Fremden“. Alles ist alltäglich, meine Begrifflichkeit ist eine soziologische, gefährlich wird es freilich, wenn sich Wertungen damit verbinden. Gefährlich wird es, wenn das Fremde nicht mehr bloß als das Andere, sondern als minderwertig, böse oder gefährlich für das Eigene eingeordnet wird. Noch gefährlicher, ja brandgefährlich wird es, wenn daraus Handlungsanweisungen gegenüber dem Fremden erwachsen. Solche wären „Ausländer raus“, „Grenzen dicht für Lohndrücker“ (NPD), „Deutsch, statt nix verstehen“ (FPÖ) usw.
Gerade aber weil das „Gefährliche“ real existiert, müssen wir die zugrunde liegenden Tatsachen anerkennen und uns mit ihnen kritisch auseinandersetzen. Vogel-Strauß-Verhalten erhöht die Gefahr und bringt uns in Schuld daran.
Die Ebene der „nationalen“ Identifikation ist mit Sicherheit eine besonders Problematische. Sie hat spätestens seit dem 19. Jahrhundert eine z.T. verheerende politische Wirkung entfaltet, die sich in Kriegen bisher ungeahnten Ausmaßes, ungeahnter Brutalität und ungeahnten ideologischen Missbrauchs von Gefühlen und Gefühltem entäußerte. Von daher ist es verständlich, wenn das „Nie wieder Krieg“ politisch-konzeptionell in ein „Nie wieder Nation“ umschlägt. An der Realität und damit am Grundsatz, dass Politik die Kunst des Möglichen sei, geht es dennoch vorbei. Die Sache kann also nicht abgetan sein. Wem es anders nicht einleuchtet, allein die 70,600.000 in 0,09 Sekunden aufgerufenen Belege für „Nation“ bei Google, heischen nach Beschäftigung mit der Sache.
Ökonomisch gesehen ist „Nation“ ein Konstrukt von Gemeinsamkeit, das der sich ausweitenden Produktion im 18. und 19. Jahrhundert die nötige, möglichst konfliktfreie Ausweitung der Beziehungen ausreichend Identischer für Produktion und Absatz sicherte. Das Funktionieren von Kommunikation war dabei ein ganz wesentlicher Optimierungsfaktor, weshalb jene besonders leicht zu Nationen werden konnten, die sich auf eine gemeinsame Sprache berufen konnten bzw. eine solche gemeinsame Sprache verhältnismäßig leicht auf der Basis von Ähnlichkeit und Gemeinsamkeit oder „verschütteter“ Gemeinsamkeit über der aktuellen Differenzierung schaffen konnten. Konstrukte sind nicht beliebiger Natur, sie setzen tragfähige Konstruktionselemente in der Wirklichkeit voraus. Neben Sprache waren dies für Nation natürlich auch andere wie bereits entstandene und gewachsene staatspolitische Einheiten oder natürliche geographische Bindungen und Trennlinien.
Komplizierter wird alles noch dadurch, dass sich die Probleme von Nation zu Nation durchaus unterschiedlich darstellen. Die Soziologie weiß, Fremdbild und Selbstbild sind nicht identisch. Geschichtswissenschaft und Sprachwissenschaft wissen, dass die für Identitätsbildung relevante, d.h. förderliche oder hinderliche Mikrogliederung unterhalb der Makroebene „Nation“ von Land zu Land sehr unterschiedlich sein kann und deshalb in ihrer Wirkung ebenfalls differenziert und sehr genau betrachtet werden muss.
Da gibt es Länder mit ausgeprägt zentralistischer Geschichte, z.B. Frankreich oder Polen, dieses übrigens sehr viel mehr wegen als trotz seiner Teilungen. Wir kennen Länder mit regional-kultureller Gliederung, die sehr stark und differenzierend identitätsstiftend ist, aber eine „Zentrale“ als Ausdruck der Gemeinsamkeit anerkennt und davon Abweichende bekämpft, z.B. Spanien und sein Problem mit den Basken. Wir haben Länder wie Deutschland, die kulturell stark regional gegliedert sind und sich dennoch auch relativ unproblematisiert als national einheitlich verstehen. Mehr Probleme hat damit Italien, dort sind regionale und nationale Identität ähnlich wie in Deutschland ergänzend bzw. überlagernd existent, aber auch Separatismus möglich, weil z.B.  kein Konzept von einer wirklich einheitlichen Sprache existiert. Es gibt nur die (veränderliche) Auffassung von mehr oder weniger Vorbildlichkeit regionaler Varianten eines „Italienisch“. Schließlich gibt es multiethnische Länder. wie z.B. Belgien oder Kanada. Die frühere Tschechoslowakei ist daran zerbrochen.
Die Franzosen haben es also mit der „Nation“ wohl etwas leichter als wir Deutschen. Sie haben einen jahrhundertealten Zentralstaat und sie haben eine Revolution aufzuweisen mit der Losung „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“. Und wenn sie auch bürgerlich war, so eine Revolution hinterlässt unauslöschliche Spuren, ja sogar einen einenden Stolz. Da kann jeder Kommunist auch ein Patriot sein und national denken und handeln.  Die Beteiligung der Kommunisten an der Resistance ist ein leuchtendes Beispiel dafür. Albert Camus, der bekannte französische Schriftsteller und Philosoph, kann ein positives Verhältnis zur Nation von Nationalismus trennen: „Ich liebe mein Vaterland zu sehr, um Nationalist zu sein.“ Könnten das deutsche Linke über die Lippen bringen?
In Deutschland bildete sich ein mit dem Streben nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit durchaus verbundener Nationalgedanke im Kampf gegen die Fremdherrschaft Napoleons Anfang des 19. Jhdts. heraus. Es war ein weitgehend emanzipatorischer Nationalgedanke, der sich nicht nur gegen Fremdherrschaft, sondern vor allem auch gegen die Fürstenhäuser und ihre Kleinstaaten richtete und ihnen demokratische Verfassungen entgegenhielt. „Deutschland, Deutschland über alles“ hat darin seine nachvollziehbaren Wurzeln. Wir kennen wichtige Namen aus dieser Zeit, meist ohne sie für uns als allzu wichtig zu erachten – Körner, Bluhm, Lützow, Stein usw… Wir wissen auch, dass damals die Burschenschaften entstanden – Stichwort „Wartburgfest“.
Vor nicht allzu langer Zeit war man in hiesiger Gegend noch zum „sozialistischen Patriotismus“ angehalten, hatte ein „sozialistisches Vaterland“, verteidigte die „sozialistische Heimat“ und gehörte schließlich sogar einer „sozialistischen deutschen Nation“ an – dank auch der Sowjetunion, die einen „Großen Vaterländischen Krieg“ geführt und Gott sei Dank auch gewonnen hat. Die Genossen mussten sich doch bei so viel Patriotismus etwas gedacht haben und ich machte mir so meine Gedanken. Also, was tun?  Schlag nach bei Lenin!
Lenin, aber z.B. auch Rosa Luxemburg haben sich sehr intensiv mit der nationalen Frage beschäftigt. Das „Patria o muerte“ der kubanischen Revolution habe ich dort zwar nicht gelesen. Sie sind jedoch auch nicht zu dem Schluss gekommen, die Nation sei ein für linke Politik bedeutungsloses Konstrukt, das nur Chauvinismus hervorbringt und imperialistischen Kriegen dient. Der Schuh wurde für Luxemburg und Lenin umgekehrt daraus, weil es Nationen und Nationalgefühl gab und wirklich gibt, können diese für imperialistische Kriege missbraucht werden. Weder Lenin, noch Rosa Luxemburg leugneten jedoch das Recht der Nationen auf Selbst- und Eigenständigkeit, vor allem verteidigten sie das Recht kleiner Nationen, sich eben als Nationen gegen Unterdrückung und Okkupation zu wehren.
Fidel Castro wird mir verständlich und der Umkehrschluss ist, keine Nation darf sich über andere erheben. Genau das aber praktizieren Nationalisten und Nazis.
„dass … anders redende nicht erobert werden sollen“ – das habe ich bei Jacob Grimm gelesen, in der Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben, bei Jacob Grimm, der gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm die Germanistik als nationale Legitimationswissenschaft begründete.
Sei es aber wie es sei: Faschisten missbrauchen solche Namen, historische  Ereignisse und soziale Tatsachen für ihre verlogene Geschichtsversion. Ihr Nationalismus baut jedoch in Wirklichkeit auf dem Revancherausch des Jahres 1871 und des Siegestaumels von Sedan auf und sieht sich bei Hitler vollendet. Ihr Nationalismus ist eine gefährliche Droge, die Millionen – bekifft davon – in die Stahlgewitter des ersten und zweiten Weltkrieges marschieren ließ, einzig um Weltherrschaft zu erringen .
„Deutschland, Deutschland über alles“ wird seither für immer mit der Assoziation der Toten der Weltkriege, des Holocaust und der zerstörten Städte verbunden sein. Es kann nicht mehr gesungen werden. Die deutsche Nation ist damit – ob es gefällt oder nicht – wohl nachhaltig stigmatisiert. Sie muss sich selbst Dinge verbieten, die sich andere – und ich sage da durchaus auch bedauerlicherweise – die sich also andere bedauerlicherweise noch leisten. Ich denke da z.B. an Militärmuseen in englischen oder französischen Garnisonen.
Und! Deutsche müssen anerkennen, dass sie als Nation aus der Gewalt des Nationalsozialismus, in die sie sich weitgehend selbst begeben hatten, erst befreit werden mussten, ehe ihnen wieder Wege in die weitere Geschichte eröffnet waren. Sie waren damit aus der nationalsozialistischen Sackgasse befreit, nicht aber von der Last der Einmaligkeit einer Schuld und einer sich daraus ergebenden Verantwortung, die sie wohl noch für unüberschaubar lange Zeit werden tragen müssen.
Dies festzustellen ist das Eine, was aber auf der sozialpsychologischen Ebene abläuft ist das Andere. Die Frage, wie Belastung oder gar Tabuisierung von Identitätsbildungen empfunden wird und sich vielleicht letztendlich politisch entäußert, ist durchaus legitim, ja notwendig. Ich kann die Frage nur stellen, aber nicht bzw. noch nicht beantworten. Eine Antwort darauf ist aber wohl auch die NPD. Sie ist allerdings mit Gewissheit die falsche Antwort – gerade auch und im Besonderen in Deutschland.
Nationale Identität bezieht sich – wie gesagt – sehr oft auf eine gemeinsame Sprache. Sie war – wie ebenfalls schon gesagt – in der Phase der Herausbildung von Nationen als Voraussetzung und Ergebnis der Ausweitung von Produktion und Austausch im 18. und 19. Jahrhundert besonders nützlich und sie war natürlich zugleich Instrument und Bezugsgröße geistig-kultureller Identität und Identitätsfindung, da Sprache so etwas wie ein Speicher kulturellen Wissens der Sprachgemeinschaft ist und unbestritten immer auch eine sprachgemeinschaftsspezifische Sicht auf die Welt und deren Kategorisierung und Systematisierung darstellt.
Die Sprache reichte aber nicht aus, Ideen und Symbole mussten her als Bezugsgrößen für die jeweils nationale Besonderheit – Fahnen, Lieder, Königshäuser, Ideen, Leistungen, vermeintliche historische Aufträge und Traditionen, Revierbegrenzungen und Lob der Topographie des Reviers beschwören die innere Zusammengehörigkeit der Mitglieder einer Nation.
Die Nationalhymnen besingen solches: Z.B. Österreich: „Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker, Land der Dome“ – das zeugt vom Stolz auf das Revier. „Land der Hämmer Zukunftsreich … heiß umfehdet wild umstritten liegst dem Erdteil du inmitten, einem starken Herzen gleich … hast seit früher Ahnen Tagen hoher Sendung Last getragen …“ zeugt von der Sendung und zwar zumindest von einer europäischen. Das deutsche „Einigkeit und Recht und Freiheit“ besingt – wie viele Hymnen – eine Sehnsucht und politische Aufgabenstellung (hier aus der Situation der „Freiheitskriege“) „God save the Queen …“ der Engländer verweist auf die in der Dynastie symbolisierte Einheit, Sieghaftigkeit und den Ruhm der Nation. Frankreichs: „jour de gloire est arrive“ nimmt Bezug auf die endlich angebrochene Selbstverwirklichung der Sendung und nimmt die „Landeskinder“ in die Pflicht: „enfants de la patrie“. Davon leben die Nationen! Die DDR war eine Ausnahme, das Ziel, die Sendung stimmten zwar – „auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt“ – das Revier war jedoch aus der Sicht späterer Staatsdoktrin falsch besungen – „Deutschland einig Vaterland“. Brechts Kinderhymne könnte das korrigieren – auch heute noch – denn wir müssen ja auch Teile von Hoffmann von Fallersleben verschweigen – das „von der Maas bis an die Memel …“ der ersten Strophe z.B. .
Menschen singen aber auch Anderes. Die Südtiroler z.B. „Wie ist die Welt so groß und weit und voller Sonnenschein, das allerschönste Stück davon ist doch die Heimat mein“ und dann „…dort wo aus schmaler Felsenkluft die Eisack rauscht heraus, von Siegmundskron der Etsch entlang bis zur Salurner Klaus.“
Jetzt wird es ganz konkret. Im sächsischen Weißenberg z.B. singt man das gleiche Lied, mit dem gleichen allgemeinen Anfang und dann natürlich anderen Konkreta. Die für Identität so wichtige gemeinsame Sprache behält hier übrigens ihre Funktion – zumindest im deutschen Sprachraum, aber auch anderswo – oft ersetzt den Standard aber jetzt die „Mundart“, der „Dialekt“ also die gemeinsame Sprache des Ortes oder der Region. Ein Beispiel aus Wien, das ich in der Grundschule zu singen gelernt habe: „Es war an einem Sonntag Morgen, da sprach’s Muatterl leis zu mir… heut’ will ich zum ersten Male auf den Kahlenberg dich führ’n. … Droben hat’s ma zeigt die Pracht, hat mi gstreichelt und hat glacht, hat ma zeigt den Stefansdom und den blauen Donaustrom und das Häusermeer do drin is’ dei Heimatstadt, dein Wien …“ Das ist konkret und kommt ohne Symbole aus.
Der bekannte Wiener Schriftsteller H.C. Artmann sagt: „Einen Heimatbegriff habe ich immer schon gehabt. Das ist für mich das Waldviertel. Ich bin dort zum größten Teil aufgewachsen, meine Urgroßeltern haben dort schon gelebt. Das ist nicht wegen der Menschen dort, aber es sind Begebenheiten wie gewisse Täler oder gewisse Hügel und Baumgruppen, die man schon lange kennt und da hab ich schon ein gewisses Gefühl dazu.“ (in: Die Tiefe der Tinte, hrsg. Von Harald Fried, Salzburg 1990, S. 75). Er fügt hinzu: „Das muß aber nicht unbedingt in Österreich sein, das könnte auch in der Bretagne sein, wo i lang war. Das Wiedererkennen von Sachen ist, glaub i, sehr wichtig.“ (a.a.O.)
Das Konkrete, das sinnlich Wahrnehmbare schafft ein anderes Konstrukt als „Vaterland“ und ich komme zum vorhin genannten zweiten Faktor, der räumlich kulturellen Mikrogliederung unterhalb der Ebene von Vaterland und  Nation und eröffne eine Auseinandersetzung um das Phänomen „Heimat“ und seine begrifflich-konzeptionelle Bewältigung in Deutschland.
Ich zitiere aus „Kleines Deutsches Wörterbuch“ von Florian Illies und Jörg Bong – Frankfurt am Main 2002: „Bevor ‚Freiheit’ zum meistmißbrauchten Terminus unserer Begriffswelt wurde, war dies zweifellos ‚Heimat’. ‚Heimat’ führt das Schattendasein eines geschundenen Begriffes, und zwar in Ost und West. Was Heimat ist und was unter Heimat kommuniziert wird, ist ein himmelweiter Unterschied. Darin erschöpfen sich schon die Ost-West-Gemeinsamkeiten – …“ (a.a.O., S. 64f.)
Im Osten war, so das Fazit im „Kleinen Deutschen Wörterbuch“, der Heimatbegriff in einen propagandistischen Zusammenhang gestellt: „Meine Heimat, die DDR“, „Unsere Heimat wird 30“, so auf Plakaten, gesungen wurde „Und wir lieben die Heimat, die schöne. Und wir schützen sie, weil sie dem Volke gehört, weil sie unserem Volke gehört.“  „Schützen“ meint dabei nicht Naturschutz, sondern „schützen mit der Waffe in der Hand“, das „Wir“ im Text setzt eine nicht weiter zu hinterfragende Gemeinsamkeit und Übereinstimmung voraus, bzw. stellt sie auch – falls doch problematisiert – unmissverständlich her. „Der Text läßt einem nicht die Wahl, die Heimat zu lieben oder nicht.“ (a.a.O., S. 66) Logischerweise, kommt das „Kleine Deutsche Wörterbuch“ zum Schluss, verfielen die DDR-Bürger nach 1990 der „Heimatlosigkeit“.
„Während die Benutzung des ‚Heimat’- Begriffes im Osten niemanden wehtut, weil es alles bedeuten kann, erkennen sich im Westen Freund und Feind daran, ob sie dieses Wort im Munde führen“ (a.a.O., S. 68) wird wiederum im „Kleinen Deutschen Wörterbuch“ festgestellt. Danach war das Wort für „Anständige“ lange Zeit tabu, weil von den Nazis missbraucht und zum „Bestandteil des Verbrechens gemacht“ (ebenda). Reserviert war es lange Zeit für die „Heimatvertriebenen“, die mit der Forderung des „Rechtes auf Heimat“ ob sie wollten oder nicht, die Nachkriegsordnung in Frage stellten. „Heimat“ – „ein gefühlsduseliges Wort der Ewiggestrigen“ stellt das Wörterbuch fest – und ich füge ihm ein Fragezeichen hinzu, obwohl oder gerade weil das „Kleine Deutsche Wörterbuch“ Linken unterstellt, sie nähmen den Begriff „Heimat“ „nur in den Mund, wenn sie auf das harte Los der Asylanten und Bürgerkriegsflüchtlinge hinweisen, die ihre Heimat verlassen mußten’.“ (a.a.O., S. 70)
In den angeblichen und wirklichen Ost-West-Unterschieden, wie sie im zitierten Büchlein angesprochen sind, zeigt sich ein Konzept von „Heimat“, das den gesamten staatlich-politischen Raum und die politische Kollektivität eines ganzen Volkes beschreibt und unter „Heimat“ für sich in Anspruch nimmt. Das ist das ostdeutsche Konzept. „Sozialistische Heimat“ und „sozialistisches Vaterland“ fallen zusammen.
Ich will schon hier hinzufügen, dass dies noch sehr viel mehr das nationalsozialistische Konzept ist und in der Ausschließlichkeit allein das nationalsozialistische, was heißt, dass das DDR-Konzept noch zu ergänzen und modifizieren wäre. „Führer“, „Volk“ und „Vaterland“ fallen im Nationalsozialismus im Grunde zusammen. Sie machen in Summe und in ihrer totalitären Identität die „Heimat“ aus. 
In der Bundesrepublik blieb „Heimat“ entweder ein „Kampfbegriff“ – durchaus auch in nationalsozialistischer Tradition –  oder auf die Idylle, das Gefühlsduselige beschränkt. Das ist natürlich auch Verbreitetes und Gängiges seit jeher.
Beides klingt zunächst negativ, referiert aber meines Erachtens auch auf Inhalte und Phänomene, die nicht nur soziale und kulturelle Tatsache sind, sondern auch positiv und produktiv aufgearbeitet werden müssen.
Interessanterweise folgt das Heimatkonzept der Heimatvertriebenen zumindest vordergründig keiner „totalitären“ Auffassung von „Heimat“ gleich „Vaterland“. Das von ihnen geforderte „Recht auf Heimat“ meint etwas „Kleineres“, etwas „Intimeres“, etwas unterhalb der Ebene „Deutschland“ Angesiedeltes. Strukturell gesehen meint es durchaus Regionen, kulturell gesehen Mikroräume. Politisch bleibt es dennoch gefährlich, wenn es mit der Forderung nach Rückkehr verbunden ist und die Rückkehr nur als Rückkehr in ein wieder erweitertes Deutschland gedacht werden kann. Etwas anderes lassen die Nachkriegsverhältnisse nicht zu.
Wenn die NPD heute davon spricht, „Deutschland ist nicht die Bundesrepublik“, macht sie revanchistische Forderungen auf, die wieder auf die Gleichsetzung von „Heimat“ und „Vaterland“ hinauslaufen – mit allem Gefährlichen was daraus folgt.
Das „Recht auf Heimat“ als Recht auf das alte Siedelgebiet ist jedoch mit der deutschen Kriegsschuld und den deutschen Kriegsverbrechen für einen Teil des deutschen Volkes – so tragisch dies für diesen Teil ist – verwirkt. Gerade deshalb stimmt es, wenn man von „Heimatvertriebenen“ spricht. Das „Recht auf Heimat“ als Recht auf eine eigene Kultur und Sprache, kann allerdings zumindest partiell auch anderswo, also in der Bundesrepublik oder in Österreich in Anspruch genommen werden und wurde es von den Betroffenen ja auch. Jetzt ist es richtig von „Umsiedlern“ zu sprechen. Dies alles rechtzeitig unterschieden und anerkannt, hätte vielleicht auch dem Begriff „Heimat“ in der Bundesrepublik einen positiven Klang geben können.
Faschisten haben wenig übrig für regionale bzw. lokale Sprachen, also die Mundarten, und regionale und lokale Kulturen. Ihr Begriff von „Vaterland“ – identisch mit „Heimat“ – ihr Konzept von Volk  und Raum, ihr Rassismus schließlich vertragen sich nicht damit. So hatten mehr so genannte „Heimatdichter“ Probleme mit den Nazis bis hin zu Schreibverbot und Freiheitsberaubung, als man vielleicht denkt. Ein prominentes Opfer ist z.B. die Leipzigerin Lene Voigt.
Dem – durchaus auch anbiederischen –  Eintreten für Dialekte und regionale Umgangssprachen wurde im Dritten Reich sehr deutlich der Vorwurf des Partikularismus gemacht, „der geeignet sein kann, die kulturelle Einheit des deutschen Volkes zu schädigen.“ (zitiert nach Jan Wirrer, in Ehlich, Sprache im Faschismus, Ffm. 1989, S. 98). Grundlage des Konfliktes war, wie Wirrer berichtet, eine unterschiedliche Interpretation des Heimatbegriffes (vgl. S. 99).
„… als Hitler anläßlich seines 50. Geburtstages … eine vom Berliner Rundfunk produzierte Schallplatte mit verschiedenen dialektalen Sprachproben aus dem deutschen Sprachraum überreicht wurde, war der ‚Führer’ – so wird kolportiert – über dieses Geschenk nicht besonders begeistert.“ (ebenda, S. 96)
Man sollte Nationalisten am wenigsten trauen, wenn es um „Heimat“ geht, die man begrifflich enger fasst als das „Vaterland“. Wer sich z.B. im Zweiten Weltkrieg am wenigsten um deutschsprachige Minderheiten kümmerte, sie auch schon mal brutal der Kriegsziele und Eroberungsgelüste wegen umsiedelte und durch Italiener ersetzte, das waren Hitler und Mussolini, Nazis also und Faschisten. Da gäbe es lange Geschichten zu erzählen, z.B. von den Gotscheern in Slovenien oder der deutschsprachigen Bevölkerung im Kanaltal oder in Südtirol – natürlich auch über Hitler und Stalin und die deutschsprachige Bevölkerung in Bessarabien. Diese waren eine der ersten Deutschen, die erfahren mussten, dass Nationalsozialismus nur Reich und Macht im Sinne hatte, Heimat aber nicht schätzte. Das „Heim ins Reich“, das verlockend zur Umsiedlung klingen sollte, bedeutete für die Deutschen in Bessarabien de facto Heimatverlust. Aus heimatverbundenen Menschen, die das Ihre schätzten und anderen nichts neideten, wurden, auf polnische Höfe gesetzt, plötzlich Räuber und Eroberer. Das Nationale entpuppte sich als kaltes, brutales, geschichtsloses Machtkalkül, jeglicher Heimatbindung feindlich. Faschisten, Nationalsozialisten begingen ihre Verbrechen gleichermaßen skrupellos an Angehörigen des eigenen Volkes wie an denen anderer Völker. Und das gilt auch für Stalin. Die „Mutter Heimat“ war ein Konstrukt, durchaus in hohem Maße mobilisierend angesichts des mörderischen Krieges, Vertreibung und Umsiedlung waren jedoch zugleich alltägliche Wirklichkeit.
Aber zurück zum eigentlichen Thema: „Heimat“ ist nicht nur „Konzept“, sondern auch „Gefühl“ bzw. „Gefühltes“. Denunziere mir dies niemand als unwissenschaftlich, unsachlich oder Ähnliches. Gefühl ist etwas zutiefst Menschliches. Es dient der wahrnehmenden Erschließung der Welt nicht weniger als die sinnliche Erfahrung, die Vorstellung und die denkende Verallgemeinerung. Gefühle begleiten diese Erkenntnisweisen, sind Bestandteile davon und stehen zugleich mit eigenem Recht neben ihnen. Allerdings sind Gefühle konzeptionell missbrauchbar.
Es gibt mit Gewissheit ein Gefühlsstereotyp „Heimat“, das in die Analyse des Phänomens unbedingt einbezogen werden muss. Es findet zunächst sehr deutlichen Ausdruck z.B. in Liedern, Gedichten, Erzählungen, aber auch in Witzen, in Spottversen, Anekdoten usw. Zum Sterotyp gehören das „Traute“, „die Liebe zur Heimat“, „der schönste Ort auf der Welt“, „daheim ist daheim“, also das Verstehen auf der Basis erlebter alltäglicher Gemeinsamkeit usw.
Mittelhochdeutsch „trut“ war der „Geliebte“. Die „Heimat“ oder das „Heimatland“ hat man z.B. gern, man ist ihr oder ihm gut. So beginnt Franz Stelzhamers Hymne der Oberösterreicher mit „Hoamatland, Hoamatland! I hand die so gern, wiar a Kinderl sei Muader, a Hünderl sein Herrn.“ Im Grunde kann dieses Lied, dialektal angepasst, jeder singen. Der Steirer Fritz Guggi schreibt: „So hast du, mei’ liab’s Steirerland das Schönste müass’n wer’n; und du, du bist mei’ Hoamatland – i han di’ so viel gern.“ Und Emil Eichhorn aus der Lausitz sagt: „De Walt kenn’ch a bissl, und’ch sahg schunn moanch Naast. Und nu froin se miech, wu’s wär an schinnstn gewaast. Do wees’ch eene Antwurt oack, die’s do gaan tutt: Du Lausitzer Heemte, wie bie’ch derr su gutt.“
Die „Heimat“ ist der schönste Ort der Welt. Das schon genannte Lied der Südtiroler endet in der siebenten Strophe mit dem Vergleich von Heimat und Paradies: „Und wenn dann einst, so leid mir’s tut, mein Lebenslicht verlischt, freu ich mich, dass der Himmel auch schön wie die Heimat ist!“
Daheim ist Daheim bzw. „drham is drham“ singt nicht nur Anton Günther über sein Erzgebirge. Mit „Dahoam is dahoam“ fängt auch die dritte Strophe der Oberösterreicherhymne an, Eveline Augustin weiß von der Oberlausitz „Oan schinnstn is daheeme“ und darin folgt ihr ebenfalls für die Oberlausitz z.B. Hermann Andert mit dem Gedicht „Derheem’ is derheem“. Das meint die Solidarität und das eigentlich wortlose Verstehen auf der Basis gemeinsamer Erfahrung.
Der Beispiele könnte ich zu Tausenden noch bringen. Falsch läge, wer nun meinte, dies alles wären Belege für einen Kampf um den schönsten Ort in der Welt, die traulichste Geliebte. In den Beispielen äußert sich vielmehr ein weitgehend allgemeines und sehr dialektisch aufgebautes Lebensgefühl. Die „Heimat“ ist der Ort, wo man sich selbst findet, wo man sein Selbst sein kann, mit sich selbst zufrieden und identisch. „Heimat“ wird so einmalig und nicht austauschbar, obwohl bzw. weil jeder und jede seine bzw. ihre „Heimat“ gleich erleben und lieben. „Heimat ist der Ort, wo sie einen hereinlassen müssen, wenn man wiederkommt“, sagt der US-amerikanische Lyriker Robert Lee Forst.
„Heimat“ und ich und du werden eins, wir leben die Identität, wie z.B. Peter Rosegger für seine stoansteirische Heimat feststellt:
„Lusti singa, Buabn,
Mir singa stoansteirisch, Oder Zithern schlogn,
So schlong ma stoansteirisch,
Oda tonz mar oans,
So tonz ma stoansteirisch, recht schön stoansteirisch umareibn.“
Und so geht das weiter „stoansteirisch“ auf der Kegelbahn, auf dem Eisschießplatz, beim Dirndl Lieben, beim Schuss auf die Scheibe und beim Wein Trinken. Und zu guter letzt „Will da Feind ins Lond, so zoagn ma s stoansteirisch, daß ma stoansteirisch wölln bleibn.“
Spätestens jetzt könnten Linke aufschreien und das Faschistoide am Heimatgefühl feststellen. Nun „stur“ ist es schon und für Veränderung offen ist es tatsächlich kaum. Wenn „Heimatdichtung“ z.B. das Potential zum Konflikt mit den Nazis innewohnt, so schließt sie das Gegenteil aber auch nicht aus – vor allem wegen der dem „Heimatgefühl“ natürlich anhaftenden Xenophobie. Bedroht erscheint die „Heimat“ nur durch (das) „Fremde“.
Was Rosegger meint, ist aber auch ein Stolz, der sich anderen nicht unterwirft. Warum sollte das nicht Gnade vor Linken finden. Es ist die trutzige Bestätigung von Jacob Grimms Warnung, „ … dass anders redende nicht erobert werden sollen …“  Es ist eine Art „Manifest“ des Rechts auf kulturelle Identität und Unverwechselbarkeit. Solche tut dem „Fremden“ nichts, tut dies ihm nichts.

(Dieser Artikel ist 10 Jahre alt. Rosegger sehe ich heute deutlich kritischer als damals. Ihm war der Literaturnobelpreis wegen antisemitischer Äußerungen verwehrt worden. Im 1. Weltkrieg gab er militaristisch-chauvinistische Äußerungen von sich. Auch angesichts der Umtriebe der Identitären muss man heute genauer argumentieren und formulieren.)

Dem Gefühl – so lernen wir aber auch daraus – liegt aber auch ein Konzept zugrunde bzw. setzt es dieses unmissverständlich voraus. „Heimat“ ist nun tatsächlich das „Eigene“ im engen Sinn, das Regionale, ja Lokale, das Intime, das Familiäre, das „Muttersprachliche“, in dem man sich nicht nur verständigt, sondern „versteht“, und auch das Idyllische als das sichere Identische, das man sich nicht wegnehmen lässt, weil man sich sonst selbst verlässt, selbst aufgibt. „Heimat ist da, wo ich verstehe und verstanden werde.“ (Karl Jaspers)
„Heimat“ wird in diesem Konzept zur ursprünglichen bzw. unmittelbarsten Erfahrungswelt und kehrt zu ihrem konzeptionellen Ursprung zurück, denn das Wort „Heimat“ meint in seiner ursprünglichen Bedeutung zunächst den Ort, wo man geboren, wo man zu Hause ist. Erst später und vor allem unter dem Einfluss deutscher Kleinstaaterei wurde die Bedeutung erweitert und man konnte damit auch das „Vaterland“ meinen.
„Heimat“ ist (meist erster) Sozialisationsraum, Erlebnisraum, Lebensraum, Erinnerungsraum. Heimat ist (meist erste) soziale, sprachliche und kulturelle Wirklichkeit, die der Symbole entbehren kann. Sie bedient das Gefühl, die Sehnsucht und sicheres Wissen. Das bleibt natürlich auch nicht widerspruchsfrei und nicht konstruktlos. Obwohl man spätestens hier feststellen kann, dass „Nation“ eine historische Kategorie ist. Sie ist im Verlaufe der Geschichte entstanden und hat mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch ein Verfallsdatum. „Heimat“ ist eine anthropologische Kategorie, wirksam, wenn auch sehr unterschiedlich, seit es Menschen gibt, ja zum Menschen gehörig. Dabei ist Heimat nicht nur und nicht zwangsläufig „Raum“, sondern auch eine soziale Gruppe.
Der „enge“ Heimatbegriff, der dem Gefühl „Heimat“ und „gefühlter Heimat“ zugrunde liegt, ist deshalb nicht unproblematisch. Ganz im Gegenteil und in der einschlägigen Literatur und Kunst ist dies auch immer wieder thematisiert. Mancher mag sogar meinen, zu oft, aber nicht zu unrecht gewiss. Genannt seien als Beispiele Ödön von Horvaths „Wienerwald“,  Peter Turrinis „Alpensaga“ oder Franz Xaver Kroetz’ „Oberösterreich“. Gängig in der einschlägigen wissenschaftlichen Literatur ist der Begriff der „Enge“, der im Gegensatz zu „Weite“ und „Welt“ steht.  Eckart Frahm fasst die Ambivalenz im Bild von der „Heimat“ als „Paradies und Gefängnis“ (vgl. Allmende, Nr. 54/55, 17(1997), S. 5ff.).
„Entfremdung“ in der Gesellschaft hat sein Pendant auch und unleugbar in der Distanz zum „Fremden“ im Heimatgefühl. Es ist aber nicht fremdenfeindlich (jedenfalls nicht zwangsläufig). „Fremd“ ist vor allem nämlich das „Andere“ und das genau hat im Gefühl keinen Platz – höchstens im Konzept. „Fremdes“ wird analysiert, bereist, reflektiert, als für andere „heimatlich“ akzeptiert, auch wenn man es nicht versteht, und so zum Argument für die Legitimität des eigenen Heimatgefühls. Im ebenfalls oft besungenen „Heimweh“ spiegeln sich die „Fremde“ und das „Andere“ nicht feindlich, sondern nur als außerhalb der „Heimat“ oder als das Heimatgefühl beförderndes Komplement: „Heimweh kann ich haben, aber sehr heimatsüchtig bin ich auch nicht. Ich könnt natürlich nicht immer am gleichen Platz sitzen, das verdirbt einem die Heimat.“ (H.C. Artmann, a.a.O.). „Heimat“ braucht also nachgerade das „Fremde“, unter Umständen auch die Distanz.
Freilich hat alles seinen Bezugspunkt in der Idylle der Heimat: „Do sitzt mer uff dr Ufmbank, vergißt’n ganzen Streit und Zank“, meint z.B. der Oberlausitzer Hermann Andert über die oberlausitzer Heimat.
Drückt sich darin aber nicht auch eine im einfachen Volk tief verwurzelte, wenn auch naive Sehnsucht nach Auflösung von Konflikten, nach der „heilen Welt“ aus? Warum sollte man die nicht ernst nehmen? Hat nicht Karl Marx mit seinem „Proletarier aller Völker vereinigt Euch“ genau dazu aufgerufen, sich auf den Weg zu machen in die antagonismusfreie klassenlose Gesellschaft, ein Weg der vom Heute in die Zukunft führt nach Marxens dialektischer Geschichtssystematik aber auch zurück zu den ebenfalls antagonismusfrei vorgestellten Urformen menschlichen Zusammenlebens in der Urgesellschaft. Ein Weg durchaus auch in die Idylle.
Es kann die „Heimat“ schließlich und endlich kein Rückzugsraum sein. Sie ist auch Kampffeld. Die Welt und ihre Katastrophen finden in der „Heimat“ statt. Die Wahrnehmung der Katastrophen aus der Perspektive der „Heimat“ schärft aber wohl auch den Blick. Abholzen von Regenwäldern und das Verdrängen der Dorfkneipe durch Mc.Donald haben etwas gemeinsam.
„Heimat“ in der ursprünglichen und idyllisch vermuteten bzw. gewünschten Art ist nicht wiederzugewinnen, sie bleibt Sehnsucht. Es gab und gibt sie auch nie außerhalb der Sehnsucht und Wunsch-Vorstellung. „Heimat ist der Ort, an dem noch niemand angekommen ist“, meint der Romantiker Novalis. Das hat sie mit dem angeblichen Ende von konfliktärer Geschichte im Kommunismus gemeinsam. Der Entfremdung in „moderner“ Gesellschaft kann man aber die Sehnsucht zu ihrer Überwindung entgegenhalten – als kräftiges Motiv für den, auch rückblickenden, Weg nach vorne.
Dem dient auch eine Literatur im Dialekt, die die Weite der Welt in der Enge der „Heimat“ bricht, wie die „Konkrete Poesie“ der Schweizer Eugen Gomringer, Kurt Marti, Ernst Eggimann und Ernst Burren, die „Berner Troubadour“ um Mani Matter und Franz Hohler und die Wiener „Mund – Art“ des H.C. Artmann. Sie verweisen auf  Gefährdetes, Verlorenes, das die Idylle aber außer Acht lässt. Die Aufdeckung der Gefährdung von „Heimat“ durch „Enge“ wird zugleich Aufforderung, dieser Gefährdung entgegenzutreten und „Heimat“ in den Kontext der Welt zu stellen, was die Idylle nicht zulässt:
„hahnefüeß und ankeballe,
früehlig trybt scho styf.
liechti regetropfe falle
………
Was reimt sich darauf?
/: ….. :/
„radioaktiv“.
Und wer versteht es? Jeder und Jede in Bern – eine sehr demokratische und emanzipatorische Literatur.
Natürlich funktioniert das Ganze nur auf dem Hintergrund und unter Absetzung von einer „naiven“ Mundartliteratur – die Schweizer nennen sie „blüemli-stil“. Es denunziert diese Literatur jedoch nicht, sondern schreibt sie fort – übrigens im Sinne eines linken Selbstverständnisses, das dem Volk seine eigene Sprache, seine eigene Wahrnehmung der Welt und Kultur zugesteht, die immer auch eine regionale und lokale ist. Es warnt aber auch vor den Gefahren des Verharrens in der Enge und deren Überhöhung. Der Wiener H.C. Artmann schreit es nachgerade heraus, wenn er für Mundartgedichte fordert: „Nua ka schmoez“ und das Herz muss herausgerissen sein, bevor man ein Gedicht auf Wienerisch schreiben kann! Das ist die Voraussetzung für das Verstehen der dialektischen Aufhebung des Allgemeinmenschlichen im regional und lokal Besonderen.
Brecht meinte, das Volk ist nicht „tümlich“ und nahm es damit ernst. Das Volk nimmt sich ernst, indem es sich herausnimmt auf jeweils seine Weise, nicht zuletzt auf „heimatliche“ Weise Mensch zu sein und zu leben.
Ödön von Horvath schreibt autobiographisch: „Geboren bin ich am 9. Dezember 1901, und zwar in Fiume an der Adria, nachmittags um dreiviertelfünf (nach einer anderen Überlieferung um halbfünf). Als ich zweiunddreißig Pfund wog, verließ ich Fiume, trieb mich teils in Venedig und teils auf dem Balkan herum und erlebte allerhand. Als ich 1,20 Meter hoch wurde, zog ich nach Budapest und lebte dort bis 1,21 Meter. War dortselbst ein eifriger Besucher zahlreicher Kinderspielplätze und fiel durch mein verträumtes und boshaftes Wesen unliebenswert auf. Also, wie gesagt: Ich habe keine Heimat und leide natürlich nicht darunter, sondern freue mich meiner Heimatlosigkeit, denn sie befreit mich von einer unnötigen Sentimentalität.“ (Vgl. Programmheft zu „Kasimir und Karoline“, Radebeul 2005.)
Das klingt im ersten Augenblick sehr distanziert zum „Heimatgefühl“ und ist für Horvath in gewisser Weise die Voraussetzung für das Künstlertum, besser für sein Künstlertum. Die Ironie des Textes beweist aber auch das Gefühl des Defizits. Irgendwie ist „Heimat“ vielleicht doch keine unnötige Sentimentalität?
Lassen Sie mich zusammenfassen: so wenig wie man stolz sein kann ein Deutscher zu sein, so wenig kann man stolz sein ein Oberlausitzer, Vogtländer, Berner oder Oberösterreicher zu sein. Wohl kann man aber stolz sein, in Verbundenheit mit der jeweiligen „Heimat“, verstanden als Konstante im geschichtlichen Kontinuum der Veränderung und der Lebensweise, zu wirken, zu wirken im Sinne eines „Weiterschreibens“ einer Geschichte unspektakulärer alltäglicher Lebensbewältigung. Das ist irgendwie auch „historischer Auftrag“. Die Wechselwirkung von „Enge“ und „Welt“ in Natur und Gesellschaft wird in der „Heimat“ individuelle und dennoch auch sozial gebundene Lebenswirklichkeit.  Chauvinismus und Heimattümelei haben darin keinen Platz.
Das „Vaterland“ verschwindet dahinter als unnötiges Konstrukt, auch wenn eingeräumt werden muss, dass es weitere Aktions- und Lebensräume gibt als die hier dargestellte „Heimat“. Aber erst aus der Perspektive der „Heimat“ wird für mich z.B. „Deutschland“ ganz unsentimentalisch zum „Heimatland“ (nicht zur „Heimat“) – zum „Heimatland“, weil in ihm die „Heimat“ enthalten ist, weil es das größere Gebilde darstellt, das die aus „Heimat“ geborenen Interessen und Ansprüche in größeren Zusammenhängen vertritt – in Europa, in der Welt. Da ist es auch selbstverständlich mitzutun und „Heimatland“ zu beeinflussen und zu gestalten, womit ich als Linker bei Brechts letzter Strophe der Kinderhymne wäre:
Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wirs
Und das liebste mags uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.
Der Weg geht aber von der „Heimat“ zum (Heimat-)„Land“ und von der Gestaltung zur Emotion. Sterben freilich muss und sollte man für das Eine nicht und nicht für das Andere. Es wäre nutzlos. Leben dafür und darin kann sich aber durchaus lohnen.

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